25. Oktober

Auch wenn Elias Canetti seine unversöhnliche Todesverachtung durch zahllose »Dokumente« – meist Mythen, Märchen, alte Epen oder sakrale Texte – rechtfertigt hat, bleibt doch immer klar, dass es blanker Hass ist, der ihm den Antrieb … den Atem dazu gibt. Hass auf den Tod und auf das Wort »Tod«, Hass auf das Nichts und auf das Wort »Nichts«. Da Canetti gleichermaßen gegen den Tod (im allgemeinen) und gegen seinen Tod (im besondern) sich auflehnt, bleibt ihm die allenfalls tröstliche Einsicht verschlossen, wonach zwar sein Leben, wie im übrigen jede individuelle Lebenszeit, ein Ende haben wird, das Leben aber, so oder anders, weitergeht. Verschlossen bleibt ihm auch, dass das Leben dann nur einen Sinn bekommt, wenn ihm durch den Tod eine Grenze gesetzt wird, und er ist denkbar weit entfernt von Ossip Mandelstams schlichter Einsicht, dass der Tod nicht als das Ende, vielmehr als der Beginn menschlichen Schöpfertums anzunehmen ist. – Im Radio auf Ö1 läuft gerade ein Interview mit dem Publizisten Martin Pollack, der nach eigenem Bekunden seit Jahren den Internethandel mit Originalfotos aus dem Zweiten Weltkrieg beobachtet. Pollacks besonderes Augenmerk gilt privaten Aufnahmen aus den osteuropäischen Kriegsgebieten. Solche Fotos – geschossen von Soldaten, Sanitätern, Polizisten, Priestern oder zivilen Personen – zeigen nebst trivialen Alltagsszenen auch ungewöhnliche, zum Teil dramatische Episoden in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ostgebieten. Kriegsgefangene auf Gewaltmärschen, Judentransporte, Hinrichtungen auf freiem Feld, Vergewaltigungen, Lynch- und Folterszenen, Szenen in Offiziersmessen, Schützengräben, Konzentrationslagern usf. Die meisten dieser Bilder sind weder zeitlich noch räumlich genau zu verorten, die Protagonisten – Täter, Opfer, Gaffer – sind in aller Regel anonym. Die Bilder werden einzeln oder in Serien nach Motiven angeboten. Pollack stellt fest, dass die Preise der Fotos, entsprechend der Nachfrage, in einem bestimmten Verhältnis zu den jeweiligen Motiven stehen. Je grausamer die Darstellung, desto höher der Preis. Ein Jude, der sein eigenes Grab aushebt, gilt auf diesem Markt mehr als ein vor bukolischem Hintergrund posierender Wehrmachtsoffizier. Eine kahlgeschorene Jüdin, die durch ein Dorf getrieben und von Schaulustigen geschmäht wird, bringt mehr als eine aufgetakelte Animierdame in einem Provinzbordell. Für einen unbekannten Juden mit Armbinde oder Stern wird deutlich mehr bezahlt als für einen unbekannten Juden, der als solcher nicht erkennbar, nicht gebrandmarkt ist. Die unsichtbare Hand der freien Marktwirtschaft setzt die Werte, trifft die Wahl; sie kann sich auf die Niedertracht des Normalverbrauchers verlassen. – Krys sagt für heute Mittag das Lunchkino ab, sie muss sich, weil die Spitex ausfällt, um ihren an Alzheimer erkrankten Vater kümmern, muss ihn wickeln, ihn füttern, vielleicht ihm noch etwas vorlesen. Als Kind war sie von ihm, einem angesehenen Stadtpolitiker, über längere Zeit unter wortloser Duldung ihrer früh verstorbenen Mutter unauffällig missbraucht worden. Doch nun ist Krys in ihrem besten Alter – sie muss sich Vaterliebe nicht mehr gefallen lassen, sie kann sie sich endlich leisten. Den Film von Ozon sehen wir uns morgen an. – Eine in Staatsbesitz befindliche Münchner Großbank hat sich beim Bilanzieren um fünfundfünzig Millionen Euro verrechnet. Zu wessen Gunsten? Zu wessen Ungunsten! Der Skandal besteht vor allem darin, dass heute irgendjemand – ob Hilfsbuchhalter oder Chefökonom – sich um eine solche Summe verrechnen kann. Gleichzeitig wird bekannt, dass ein Devisenhändler auf mittlerer Etage bei UBS in London zwei Milliarden Dollar verzockt hat, was bedeutet – ich entnehme die Information einer Agenturmeldung von Reuters in der FAZ –, dass der Mann »systemabhängig über ca. 20 Mia. US$ unkontrolliert hat verfügen können«! So viele Nullen! – Als Arschloch bin ich in der Wüste ein schwarzes Quadrat, schreit die Oase. Wer denn sonst? – Ohne Reibung in die Winterzeit! – Das alte Lied, immer mal wieder neu intoniert und dennoch wirkungslos geblieben, lautet wie folgt: »Gegen die gewissenlose Tintenklexerei unserer Zeit und gegen die demnach immer höher steigende Sündfluth unnützer und schlechter Bücher sollten die Litteraturzeitungen der Damm sein, indem solche, unbestechbar, gerecht und strenge urtheilend, jedes Machwerk eines Unberufenen, jede Schreiberei, mittelst welcher der leere Kopf dem leeren Beutel zu Hülfe kommen will, folglich wohl neun Zehntel aller Bücher, schonungslos geißelten und dadurch pflichtgemäß dem Schreibekitzel und der Prellerei entgegenarbeiteten, statt solche dadurch zu befördern, dass ihre niederträchtige Toleranz im Bunde steht mit Autor und Verleger, um dem Publiko Zeit und Geld zu rauben.« Einzig die »alterthümliche« Orthografie lässt ahnen, dass es sich bei dem zitierten Text – er entstammt den Notaten ›Über Schriftstellerei und Stil‹ von Arthur Schopenhauer – um ein historisches Dokument handelt. Denn die »Sündfluth« einer obsoleten Buchproduktion und die Unfähigkeit (auch der Unwille) der Literaturkritik, dieser Produktion »gerecht« zu werden, sind heute wie damals zu beklagen, nicht anders als das Gemauschel zwischen Rezensenten und Verlegern oder die unheilige Allianz zwischen Kritik und Publikum, die den allgemeinen Geschmack, mithin den Trend, das Rating zum Qualitätsmaßstab macht. – Kritik und Publikum sind nach wie vor »so einfältig, lieber das Neue, als das Gute zu lesen«; noch immer gilt Schopenhauers prosaische Diagnose, wonach »das Neue selten das Gute« sei, »weil das Gute nur kurze Zeit das Neue« ist, und noch immer hat auch seine Forderung an die »Litteraturzeitungen« als aktuell zu gelten, derzufolge »das Schlechte herabzusetzen Pflicht gegen das Gute« sein müsse, eine Pflicht im übrigen, die ausschließlich »von Leuten« übernommen werden sollte, »in welchen unbestechbare Redlichkeit mit seltenen Kenntnissen und noch seltenerer Urtheilskraft vereint wäre«. Doch wie viele Kritiker solchen Rangs sind hierzuland am Werk? Schopenhauer hat sich mit seiner launigen Bestandsaufnahme und seiner scharfen ätzenden Kritik, die implizit als eine Kampfansage an alles »Platte und Seichte« zu verstehen ist, nicht sonderlich beliebt gemacht: »Die denkenden Köpfe, die Menschen von richtigem Urteil und die Leute, denen es Ernst mit der Sache ist, sind alle nur Ausnahmen; die Regel ist überall in der Welt das Geschmeiß …« Etwas weniger angriffig, dafür um so elegischer hält ein Jahrhundert nach Schopenhauer der Schriftsteller Jürgen von der Wense den nach wie vor gleichen Sachverhalt fest: »Was ist das für eine Welt! Man verliert jede Tapferkeit, überhaupt noch etwas zu schaffen. Das Buch ist nur noch Ware für ein schnelles Geschäft, ›der Nächste bitte‹, nach einem Vierteljahr ist alles schon Makulatur, Neues her! Und auch dies ist alsbald vergessen wie die Zeitung von gestern …« Der Kult des Neuen und die Klage darüber sind also nichts Neues. Wenn ich sage, dass Befunde wie die von Schopenhauer oder Wense auch heute Geltung haben, ist dies lediglich eine Meinungsäußerung – eine minoritäre Meinung, eine Äußerung, die von der Realität des aktuellen Literaturbetriebs weitgehend widerlegt beziehungsweise ins Gegenteil verkehrt wird; denn längst hat sich positiv durchgesetzt, was einst von kritischen Zeitgenossen negativ wahrgenommen wurde. Heute gilt auch unter professionellen Literaten und Literaturvermittlern nur Neues, gilt nur das Neueste als gut, und auch die beste Backlist verliert jeweils schon bald nach Ablauf der literarischen Saison jedes Interesse. Dies öffentlich zu bedauern oder gar zu bemängeln, wird derweil als obsoleter Kulturpessimismus abgetan. Allerdings können Kulturpessimisten nicht mehr allzu großen Schaden anrichten – sie sind zu einer aussterbenden Minderheit geworden. Der Optimismus hat’s leichter, er marschiert unter Applaus durch, zu verlieren hat er nichts, da es ihm um nichts als das Durchmarschieren geht.

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