26. April

Lese nun täglich ein-, zweihundert Seiten in Fjodor Dostojewskijs ›Idiot‹, habe heute auf meinem Waldgang über den seltsamen, eigentlich abschreckenden Titel nachgedacht – welcher Verleger würde einen derartigen Titel akzeptieren? welche Leserin sich davon einnehmen lassen? – und mir plötzlich klargemacht, was Dostojewskij damit im Sinn hatte … im Sinn gehabt haben muss. Der Idiot, Protagonist des Romans, ist deutlich als Märtyrer- und Erlösergestalt konzipiert, sein Kommen ist im russischen Begriff selbst angelegt, denn idiot ist praktisch gleichlautend mit der Verbform idjot («kommt, geht zu Fuß«), die eben dieses Kommen bedeutet, das heißt den kommenden Gott, das kommende Ende und die Eröffnung des Gerichts. Der schlichte Werktitel ist mithin ein mehrdeutiges Kofferwort, das keineswegs bloß für den »verrückten« oder »blöden« Fürsten steht, sondern auch für den Fremden, den Sprachstutzigen, kurz – für den Andern, dessen Andersheit als Krankheit (der Fürst ist Epileptiker) und als Bedrohung abgewehrt wird. Da das Russische keinen grammatikalischen Artikel kennt, kann der Originaltitel des Romans – ›Idiot‹ – mit »ein Idiot«, »der Idiot« oder einfach »Idiot« übersetzt werden. »Der Idiot« ist die übliche deutschsprachige Titelfassung, ich würde aber dafür plädieren, auf jeglichen Zusatz zu verzichten und einfach »Idiot« zu titeln, so als handelte es sich bei dem ursprünglich griechischen Begriff um einen Eigennamen. – In Zürich-West wird in diesen Tagen ein neues Großkino mit vier Sälen und besonders breiten Projektionsflächen eröffnet. Man soll hier vom Bild gleichsam in ein Panorama einbezogen werden, so dass man sich am Ort der Handlung aufzuhalten glaubt. Wozu … wie denn? Erstens will ich ja nicht Teil der Handlung sein, sondern der bleiben, der ich nun mal bin – ein Kinobesucher; zweitens kann ich Großleinwände in keiner Weise attraktiv finden, mir missfällt die optische Verfremdung, die dadurch entsteht, dass ein Kopf in Nahaufnahme fünfmal größer erscheint, als ich’s in ganzer Länge bin, so dass ich meinerseits den Kopf wenden muss, um das Gesicht des Darstellers von einem Ohr zum andern in den Blick fassen zu können. Ich ziehe es vor, Filme auf dem PC abzuspielen, die Bilder also nah (wie ein Buch!) vor mir zu haben und gleichzeitig das Dargestellte weit weggerückt zu sehen. So kann intime Anteilnahme entstehen und auch dann aufrecht erhalten werden, wenn auf dem Monitor weitläufige Landschaften zu sehen sind. Dabei können kindliche Atavismen aufkommen – die Filmszenen bieten sich mir wie Sandkastenspiele dar, in die ich jederzeit eingreifen kann … in die ich eingreifen könnte, aus denen ich ein Figur entfernen, in die ich eine andere einfügen könnte usf. – Vor einem halben Jahrhundert hat der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan mit seinem Erfolgstitel ›Die Gutenberg-Galaxis‹ das Ende des Buchzeitalters festgestellt und damit nachhaltige Betroffenheit ausgelöst. Manche seiner damaligen Beobachtungen und die meisten seiner Prognosen haben sich als zutreffend erwiesen. Wenn ich mir McLuhans vierhundertseitigen Traktat heute (nachdem ich den Staub aus dem Kopfschnitt weggeblasen habe) noch einmal vornehme, stellt sich mir … stelle ich mir die Frage, wie ein solches Machwerk zum Weltbestseller avancieren konnte. Dessen doppelte Hauptthese, wonach das Gutenbergsche Zeitalter vom Zeitalter Marconis – also von den elektronischen Medien – abgelöst werden und gleichzeitig zu einem »vorgutenbergischen« Status regredieren würde, ist nach wie vor aktuell und hat sich teilweise schon bewahrheitet. Doch um sie herauszustellen, hätte das kommentierende Inhaltsverzeichnis der umfangreichen Abhandlung genügt, und den Lesern – wer eigentlich waren in den frühen 1960er Jahren McLuhans Leser? – wäre ein fahriger Monstertext erspart geblieben, dem jegliche argumentative Stringenz abgeht und in dem es von schiefen Vergleichen, uneinsichtigen Verknüpfungen und abstrusen Formulierungen wimmelt. Entsprechende – sprechende! – Textbeispiele ließen sich zu Hunderten anführen: Man könnte sie geradezu für parodistisch halten. Mein Interesse am Phänomen McLuhan beschränkt sich auf die irritierende Frage, wie ein derart weitsichtiger Denker mit einem derart inkohärenten Text so einflussreich werden konnte und wie es möglich war, dass sich ein halbes Dutzend scharfsinniger Thesen so nachhaltig behauptet haben, obwohl sie von Anfang an durch eine Unzahl zweifelhafter Hypothesen und leerer rhetorischer Figuren verdunkelt waren? Offenbar stimmt es eben doch, dass Bücher ihre ganz eigenen »Schicksale« haben, und dies nicht selten entgegen den Absichten und Fähigkeiten ihrer Verfasser. – Poetische Rede ist gewaltfreie Rede diesseits des Begehrens, Befehligens, Beherrschens. – Das Evidente ist das eigentlich Rätselhafte. Das Rätsel nicht aufzulösen oder zu erhellen, es als Geheimnis in seiner Dunkelheit zu belassen, ist das Gebotene. Nicht mit einem Fragezeichen, sondern umgekehrt mit dem Ausrufezeichen sollte das Geheimnis versehen werden. – Das Zitat … das Zitieren als wesentliches Element poetischen Denkens; das Zitieren als die natürliche Art, poetisch zu schreiben. – Das Zitat ist ein Katarakt im Redefluss, es unterbricht deren lineare Progressivität, gehört einer andern Zeit- und Reflexionsebene an als das, was hier und jetzt gesagt wird. Eine vergleichbare Funktion hat das Anagrammieren, mit einbezogen die Sonderfälle der Homophonie (Gleichklang von ungleichen Begriffen) und des Palindroms (Umkehrung der Buchstabenfolge). Denn auch diese lettristischen Techniken verhindern – oder bremsen wenigstens – das lineare Überlesen, zwingen zum Rückkommen, zur Wiederaufnahme, oft auch zur Neuausrichtung der Lesebewegung. – Nicht das eine oder das andere wählen; das eine im andern wählen. – Poetisches Denken ist unpersönlich insofern, als das Gedachte immer allgemein ist, immer aber individuell zum Ausdruck kommt. – Zu bedenken, dass nicht das Schweigen die Rede unterbricht, sondern die Rede, auch die niedergeschriebene poetische Rede, das Schweigen. – Alltagsrede will stets etwas hinzufügen, was eigentlich auch der Evidenz zu entnehmen wäre, Gebrauchssprache ist immer redundant, ist ein Mehr, ist ein Zuviel, bleibt deshalb (wenn auch noch so wortreich gehandhabt) missverständlich. – Demgegenüber versuche ich poetisch in einer Weise zu reden, die nicht wiederholt noch variiert oder konterkariert, was in der Wirklichkeit schon gegeben und von ihr abzuziehen ist. Mit poetischer Rede dort anzusetzen, wo es nichts hinzuzufügen gibt – nur so kann Reden, kann Schreiben eine ganze Sache sein und … aber solches Reden und Schreiben ist auch eine Art zu schweigen; nicht weil ich nichts zu sagen hätte (etwas haben alle zu sagen), sondern weil es nichts zu besagen gibt, wofür es die poetische Rede bräuchte. Das Wort vom Sagen der Sprache hat hier seine Richtigkeit. – Reden, Schreiben führt nicht, weist auch nicht, es findet statt nach eigenen (sprachlichen) Gesetzen; nicht Wege, die zu begehen sind auf ein Ziel hin, eher Wege, auf denen es geht, auf denen »es sich aufgeht«. – Je gleichgültiger ich mich einzustellen vermag, desto mehr Möglichkeiten habe ich. – Sprache (Wörtermeer) als diffuser, dissonanter Quellgrund, aus dem ich ungeachtet der Wortbedeutungen schöpfen kann. Ich relativiere oder vervielfache die konventionellen Wortbedeutungen durch das primär klanglich und rhythmisch bestimmte Arrangement des Sprachmaterials; denn Bedeutung ist weitgehend kontextbedingt, nur vom Kontext her kann ich – zum Beispiel – zwei gleichklingende Wörter oder Wortfügungen wie »Gedichte« und »geh, dichte!« oder »Wasserspiegel « und »was, er spie Gel?« unterscheiden – Anders als das Erzählen kann das Sagen nie zu einem Ende kommen, weil es immer nichts Bestimmtes zu bedeuten hat. – Sich an den Phänomenen, nicht an Bedeutungen orientieren. Phänomene kennen keine Richtigkeit, keinen Vorrang, keine Verbindlichkeit, sie treten ein, sie sind’s; Evidenz des Immanenten? – Durch Affirmation verneinen; durch Verneinung bestätigen. – Gleichzeitig dies und nicht dies aussagen und damit die Bedeutung zum Einsturz bringen: Sinn freisetzen. – Poetische Rede sinnvoll machen zu wollen, setzt voraus, dass sie diffus bleibt, dass ich sie in der Unbestimmtheit, vielleicht in der Unverständlichkeit belasse. In Bezug auf Bedeutung ist poetische Rede undifferenziert und wenig durchlässig – ohne auf etwas zu verweisen, verweist sie auf etwas; auf etwas verweisend, verweist sie auf nichts (Bestimmtes); pyrrhonische Rede. Solche Rede ist dunkel, wirkt opak und ist (eben deshalb) so besonders offen. – Bedeutung muss gesucht, gefunden werden; Sinn kommt, wenn er kommt, wie gerufen. – Die ungewöhnliche Verknüpfung des Gängigen, Unbedeutenden, Abgeschmackten ergibt oft mehr Sinn (und ist »origineller«) als die Hervorhebung des Wichtigsten. – Die klammen Tage sind vorbei, die merkwürdige Stagnation (Unwirtlichkeit) um Ostern herum hat sich aufgelöst wie die Staus auf der Autobahn … hat sich aufgelöst in ein laues Nieselwetter, das alles zum Quellen und Schwellen bringt – eine Art Treibhauseffekt. Müdigkeit. Desinteresse. Lästige Gewichtszunahme. Ausstehende Honorare. Eingehende Mahnungen. Überall nun die pummeligen Knospen, aber nicht eine einzige zündende Idee. – Mit Krys bei der Uraufführung von David Philip Heftis ›Parade lunaire‹ für Bratsche und Klavier an der Kunsthochschule für Musik; Werke außerdem von Dmitrij Schostakowitsch und Gérard Grisey, interessante schwierige Musik vor einem Hundert aufmerksamer Zuhörer – bin immer wieder erstaunt, dass es für solche Angebote noch ein adäquates Publikum gibt, wenn ich mir vergegenwärtige, dass allein in Zürich täglich ein halbes Dutzend derartiger Veranstaltungen stattfindet. Warum eigentlich tut sich das Gedicht um soviel schwerer mit seinen Hörer- und Leserschaften? Vermutlich darum, weil das Gedicht als sprachliches Gebilde mit demselben Material operiert wie die Alltagssprache, sich aber von ihr absetzen muss, um seinen Kunstcharakter zu beweisen. Die unauflösbare Verquickung des poetischen mit dem alltäglichen Sprachgebrauch bringt das Gedicht vor dem Publikum in eine ambivalente Position – einerseits wird von ihm, wie von der Alltagsrede, Mitteilsamkeit, Verständlichkeit, Aussagekraft erwartet, anderseits eine abgehobene Sprechweise, die es als Kunstform ausweisen soll, die aber das Verständnis unweigerlich erschwert. Das »Verständnis« von Musik vollzieht sich demgegenüber von vornherein auf einer andern, rein klanglichen Ebene, die im Unterschied zur Sprache keine Verständigungsnormen kennt. – Dass ich täglich soviel dazulerne, beweist, wie wenig ich weiß, aber auch – wie viel man wissen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.