26. August

Das Unwetter ist ausgeblieben, die gestrige Buntheit geschwunden, das Fest hat sich selbst gefeiert und ist über Nacht verpufft. Überm Gras schwebt wie durchsichtige Watte reglos ein Bodennebel. Wieder alles grau. Die Luft zu schwer für Höhenflüge. Wo bleiben die Schmetterlinge, die Bienen? Auch die Vögel bleiben unsichtbar, lassen sich aber vernehmen mit Piepsen, Zwitschern, Trillern und sorgen damit für eine zumindest akustische Buntheit. Mich wundert’s … ich frage mich, was dieser letzte brüchige Gesang bedeuten könnte. Soll er denn überhaupt etwas bedeuten? So spät im Sommer! So kurz vor dem Ende der halb schon verfallenen Pracht! – Warum werden Roboter auch heute noch in aller Regel der menschlichen Körpergestalt nachgebildet? Ein Kopf mit zwei Augen und Mund, der Hals als Verbindungsstück zu Schultern und Armen, der Rumpf als Mittelteil und Halterung für die Beine – alles wie gehabt … alles in den gleichen Proportionen, alles angelegt auf den aufrechten Gang. Der Mensch baut seinesgleichen als Maschine nach … als mechanisches, hier nun elektronisch gesteuertes Double. Das ist ein altes Motiv – der Golem, Pygmalions kalte Statue, die mechanischen Puppen des 18. Jahrhunderts oder die heutigen Prototypen von Robotern als Kranken- oder Altenpfleger, als Butler oder Bodyguard sind Beispiele dafür. Warum aber … wozu die anthropomorphe Verdoppelung, und nicht die Schaffung einer Gegenfigur, die rein funktional strukturiert und der menschlichen Gestalt durchaus unähnlich wäre? Denn durch die Schaffung von Robotern in Menschengestalt erschafft der Mensch nicht nur sich selbst als Maschine, er trägt gleichzeitig zu seiner eigenen Abschaffung bei und … und bestätigt damit seine Ersetzbarkeit. Selbst Gott ist nach wie vor bloß in Menschengestalt zu denken. – Der Zufall ist mit keinem Würfelwurf zu kriegen; zu verpassen schon. – Wieder diverse Hebraica und Kabbalistica gelesen; bin frappiert darüber, wie weitgehend das jüdische Buchstaben-, Text- und Bedeutungsverständnis mit meiner Poetik übereinstimmt – oder sie mit diesem: Eigentlich ist da alles schon gesagt, was ich mir im Lauf so vieler Jahre zur Frage nach der Funktion des Autors und dem Eigentrieb der Sprache wie auch nach Bedeutung und Sinn dichterischer Texte zurechtgelegt habe. Vielleicht sollte ich dafür – statt wie bisher Essays oder Abhandlungen zu schreiben – eine adäquatere Passform finden! Zum Beispiel: Am Leitfaden eigener Texte (Lyrik wie Prosa) rapportieren, wie Wörter durch lautliche und rhythmische Attraktion Sätze … Verse hervorrufen, wie sich Verse, vorab sprachlichen Gegebenheiten folgend, zu Strophen, zu Gedichten fügen und wie im Verlauf dieses weitgehend autopoietischen Prozesses – bald gewollt, bald ungewollt – Bedeutungselemente involviert und so weit entfaltet werden, dass für den Leser der Freiraum zu eigener Sinnbildung gewahrt bleibt. Doch wer will das … wer sollte so etwas wissen wollen? – TV-Krimis erfordern ein Höchstmaß an dramaturgischer Logik und realistischer Darstellung, dennoch sind sie ein durch und durch fantastisches Genre; abgesehen davon, dass all diese Geschichten aus der Sicht der Ermittler (Verfolger, Rechthaber, Gutmenschen) vorgeführt werden, sind sie ausnahmslos völlig abgehoben von dem, was man als Wirklichkeit … als Wirklichkeitserfahrung kennt. Die Handlung entwickelt sich (wird vorangetrieben) in aller Regel durch kurze Schnitte, mithin durch völlig unrealistische Zeit- und Raumsegmente, der Notarzt, der helfende Kollege, der fliehende Täter – alle sind sie nach zwei, höchstens drei Sekunden genau dort, wo sie aus dramaturgischen Gründen sein müssen. Die stereotypen Rollenträger geben einander mal die Klinke, mal den Hörer in die Hand und treiben so das Geschehen voran. Dass die Ermittler außer dem gerade aktuellen Fall in ihrer wirklichen Arbeitswelt auch noch andere Fälle aufzuarbeiten haben, bleibt ebenso ausgeblendet wie ihr (immer nur angedeutetes, meist spießiges) Privatleben. Der TV-Krimi könnte … sollte, finde ich, sein Millionenpublikum zum Denksport abholen, bietet aber zumeist nur seichte Unterhaltung mit eindimensional typisierten Darstellern in klischeehaften Rollen und Episoden – eine Art Flohfang im luftleeren Raum; statt auf Realitätsnähe setzt er auf höchste Künstlichkeit, die dann aber doch, im Gegenlauf dazu, realistisch inszeniert und vorgeführt werden muss. Anderseits wird vielfach die Pflege des Details vernachlässigt, der korrekte Einsatz von Requisiten, die konsequente Verfolgung von Spuren, obwohl sich das eine wie das andere logisch in die Kette der Indizien einfügen müsste. Solche Nachlässigkeit ist allerdings auch schon bei Edgar Allan Poe zu beobachten, dem Pionier der Kriminalgeschichte, der die dramaturgische Funktion von scheinbar nebensächlichen Details – Gegenständen, Gesten, Eigennamen usf. – klar erkannt und oftmals meisterlich genutzt hat … oftmals hat er seine eigenen Vorgaben allerdings auch mit unbegreiflicher Nonchalance außer Acht gelassen. Als Beispiel dafür fällt mir seine aufwendig ausgestaltete Story eines extrem kurzsichtigen Schwerenöters ein (›The Spectacles‹, 1844), der es aus Eitelkeit vorzieht, fast blind durch die Welt zu gehen, statt sein gefälliges Aussehen durch eine Brille oder ein Lorgnon zu beeinträchtigen – keine Kriminalgeschichte zwar, aber doch ein Erzählstoff, bei dem es um die Aufklärung eines rätselhaften Geschehens geht, folglich auch um die Beachtung und die Interpretation räumlicher wie gegenständlicher Gegebenheiten. Einerseits ist Poes Protagonist so gut wie blind, anderseits besucht er ohne Brille das Theater, um sich ein Bühnenstück anzusehen und sich außerdem in eine schöne junge Frau zu vergucken, obwohl er diese wie jenes wegen seiner Kurzsichtigkeit gar nicht wahrnehmen kann. Doch Poe lässt ihn das Objekt seiner Begierde gleichwohl mit größter Detailschärfe beobachten – von der weit abseits in einer Loge sitzenden Dame kann der Mann das feine Profil, die zarten Hände, die Augen (und sogar den Blick der Augen) genau erkennen, so wie er später, in der Wohnung der Angebeteten, mancherlei Gegenstände mit kennerschaftlicher Bewunderung wahrzunehmen vermag. Von solcher Wahrnehmung bleibt freilich diesmal die Dame ausgeschlossen, auch wenn er sie nun aus nächster Nähe betrachten kann. Dass Poe solch grob fahrlässige Ungereimtheiten zulässt, ist schon erstaunlich, und wenn er seinen Helden in der Folge mit einer wüsten Greisin verheiratet, die dieser für eine blühende Schönheit hält, verkommt seine Story zur unbedarften Kabarettnummer. Noch erstaunlicher ist, dass die vielen Erzählfehler offenbar weder das Lesevergnügen stören noch Widerspruch bei der Kritik hervorrufen – so kann die bewusste Dame ihren Verehrer mit dem Opernglas »von Kopf bis Fuß« (from head to foot) mustern, obwohl er hinter einer Brüstung sitzt, und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen. Ich folgere daraus, dass kanonisierte »Meisterwerke« gemeinhin ebenso flüchtig gelesen werden, wie man sich heute den täglichen TV-Krimi unkritisch zu Gemüt führt.

1 Antwort : 26. August”

  1. Herbert Neufeld sagt:

    Phantastisch! Danke herzlichst, für eine ebenso wohlgepflegt-lehrreiche, wie auch leichtfüssig-amüsante – Tages-(Zeitlos-)Unterhaltung.

    Es leben Adgar Allan Poe und Hans Christian Andersen!

    Grüsse von einem Lit-Anfänger…

    Herbert Neufeld

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.