26. Januar

Frostiger Tagesanbruch, die Wolken gleichen (ihrer Form und Farbe nach) den überfrorenen Pfützen. Alles ist grau grundiert. – Aus Romainmôtier ruft mich Marianne Rézonne an (was sie sonst nie tut); aber sie hat eine akute Neuigkeit mitzuteilen: Paula Vogel (»Woschel«), die aus Rostock stammende Hilfscoiffeuse im hiesigen Salon Marie-France, sei schwanger vom Bürgermeister, der Bürgermeister wolle sich scheiden lassen, beide hätten die Absicht, nach Mexiko oder Argentinien auszuwandern, um sich dort im Bereich Erlebnis- und Extremtourismus zu engagieren. Mit der Woschel bin ich seit gut einem Jahr in freundlichem Gespräch, wenn ich sie alle paar Wochen zum Haarewaschen und -schneiden treffe; dann berichtet sie mir jeweils, was in den bunten Magazinen steht, wir reden über das Wetter, die Wetteraussichten, die immer wieder falschen Prognosen, die neue Frisur von Carla Bruni, die neuste Shampoolinie bei Marie-France und jedes Mal auch über das Meer … über die Ostsee, die so weit weg ist von hier. Die unscheinbare junge Frau, erzählt nun die Rézonne, habe für ihre heimlichen Treffen mit dem Bürgermeister einen Wohnwagen auf dem Campingplatz in Envy liebevoll eingerichtet, niemand im Städtchen habe davon etwas bemerkt, der Mann sei regelmäßig jeden Morgen mit seinen zwei Kindern zur Schule nach Orbe gefahren und von dort zu seinem Arbeitsplatz bei Nespresso. Nun stelle er sein Amt per sofort zur Verfügung, wolle seine Familie verlassen und mit der molligen Woschel völlig neu anfangen: »Völlig neu! Hörst du? Neue Frau, noch ein Kind, so ein Schwein! Und wie geht’s dir, mein Lieber, wann sieht man sich wieder?« – (In der Straßenbahn, unterwegs zum Zahnarzt) Lese von Joseph Conrad erstmals ›Typhoon‹ – reine Beschreibungsprosa, Mensch und Gegenstand gleichermaßen gültig, Natur und Kultur im Clinch, ein Buch über fast nichts und doch von ungeheurer Spannung, kleine, ganz große Prosa, lässt mich vergleichend an ›Billy Budd‹ denken oder an ›Der Fremde‹ von Albert Camus.

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