26. November

»Aber was ist der Freundschaft … was ist dem Freund denn überhaupt zumutbar? Das Leben des gemeinsamen Feinds? Oder gar die Wahrheit?« – »Wer sich darauf einstellt, seinen Freund in jedem Fall zu schonen, kann an dessen Erfolg … kann an dessen Überleben nicht interessiert sein.« – »Deine Freundschaft hat mich oft verletzt«, gesteht William Blake gegenüber seinem ärgsten Feind: »Bleib mein Feind um der Liebe zur Freundschaft willen!« – Freundschaft ist für mich Liebe auf Distanz, ist Sehnsucht und Respekt in einem, bleibt frei von Begehren, von Haben- und von Wissenwollen. Echt freundschaftlich fühle ich mich mit Lukrez, Boetius, Augustinus, Lullus, Cardano, Bruno, Montaigne, Spinoza verbunden; unter den Jüngern … den Russen – Aleksandr Radistschew und Innokentij Annenskij. Es gibt manche Denker und Dichter, die ich als solche ebenso hoch, wenn nicht höher einschätze, mit denen mich aber keinerlei freundschaftliche Gefühle verbinden, bisweilen sogar ein Gefühl persönlicher (nicht intellektueller oder künstlerischer) Gegnerschaft: Hegel, Dostojewskij, Flaubert, Verlaine, Nietzsche, Freud, Heidegger, Lacan, Sartre. Selbst meine Lieblingsautoren – Rimbaud, Rilke, Mandelstam, Artaud, Nabokov, Valéry, Marina Zwetajewa oder Joseph Roth – mag ich nicht … möchte ich nicht persönlich gekannt haben. Ob aus Scham, aus Scheu, aus Abneigung, aus übergroßem Respekt oder aus Furcht vor Enttäuschung, wie auch immer – ich nehme den Autor unabhängig von seinem Status als Zivilperson wahr, und jener steht mir in jedem Fall näher als diese. Doch die Unterscheidung von Person und Autor ist heute nicht mehr gefragt, gilt als reaktionär und unproduktiv. Heute steht die Person des Autors nicht mehr hinter, sondern vor dem Werk. Die Ikonografie der Autorschaft – Titelbilder, Prospekte, Plakate, TV-Auftritte, Homestories, Bilderstrecken – wird professionell ausgestaltet. Die gängige Metonymie, wonach man vorab Autoren und erst dann allenfalls auch deren Bücher zu lesen habe, wird auf solche Weise realisiert: »Man liest Nádas.« – »Hast du den neuen Sloterdijk gelesen?« – »Ich möchte auch mal wieder Auden lesen!« Biografie und Ikonografie des Autors, der Autorin werden mit dem Werk so effizient enggeführt, dass man einen Roman, eine Prosa- oder Lyriksammlung heute mit unkritischer Selbstverständlichkeit als direkten literarischen Niederschlag persönlichen Erlebens wahrnimmt.

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