26. Oktober

Bereite mich auf die Ausreise nach »Amerika« vor, wo ich weiterstudieren und vor allem mein Englisch aufbessern soll. Krys wird mitfliegen. Im Unterschied zu ihr, die natürlich privat wohnen wird, bin ich irgendwo zur Untermiete angemeldet, für mich eine ziemlich ungewisse, auch unangenehme Aussicht. Sollte ich, dort einmal angekommen, hin und wieder mit Krys zusammentreffen, ich würde darauf bestehen, dass wir Englisch reden, um die Sprache möglichst rasch einzuüben. Wir sind am Bahnhof verabredet. Durch das kleine weißgekalkte Gebäude … durch den Bahnhofszoll gelangt man direkt in den Flughafenbereich. Einzelne Personen stehen da zwischen den Korpussen und Laufbändern herum, der hohe helle Raum erinnert mit seiner Ausstattung an ein altmodisches Warenhaus. Beamte gibt es nicht, statt dessen mehrere sehr junge Frauen, alle mit rötlichblondem Lockenhaar und porzellanweißer Haut. Man braucht hier nicht lang zu warten, die Kontrollen sind lax, vor mir stehen die Pretzells an, Agnes öffnet vor einem der uniformierten Mädchen ein matratzenförmiges … ein matratzengroßes Etui aus poliertem Kunststoff, das sie offenbar als Reisegepäck benutzt. Was für ein Zufall, dass wir einander nach so vielen Jahren hier treffen und auf denselben Flug warten! Ein wenig kommen wir ins Plaudern, die Pretzells sind unterwegs zur Penn State, wo Rainer über Thomas Mann und Iossif Stalin vortragen wird. Doch niemand fragt nach unserm Gepäck, nach meinen Papieren, eine Sicherheitskontrolle gibt es nicht, so dass uns viel Zeit bleibt … viel zu viel Zeit bis zum Abflug. Ich wende mich um, will kurz nochmals zum Bahnhof zurück, vergesse aber in diesem Moment, warum und wozu ich das eben noch gewollt habe, sehe nur, wie im Gedränge eine junge Frau hilflos … hilfesuchend an mir vorbei treibt und immer wieder, mit über dem Kopf flatternden Händen, auf sich aufmerksam macht. Ich verstehe, dass sie es auf mich abgesehen hat, dass sie meine Aufmerksamkeit sucht, und schon lastet eine ungeheure Verantwortung auf mir, der ich natürlich nicht gerecht werden kann. Ich überlasse die Verzweifelte der Eigengesetzlichkeit des Menschengeschlechts und dessen Halbwertszeit, arbeite mich zum Haupteingang zurück, betrete die offene Stadt, um noch ein wenig zu spazieren. Trage den weißen Leinenanzug, den mir einst Krys aus dem Nachlass von Heiner Hesse besorgt hat, dazu einen breitkrempigen, ebenfalls weißen Hut. Schlendere durch die Einkaufsmeile, setze mich irgendwo auf ein Betonmäuerchen, stütze meine Ellenbogen auf die Knie, mein Blick fällt durch die Sonnenbrille auf zwei nie gesehene kastanienbraune Schuhspitzen, die in keiner Weise zum Anzug passen und übrigens auch nicht zu mir. Was kommt da wohl auf mich zu? Als ich den Kopf hebe und mir an den Hut greife, steht eins der hellen Mädchen dicht vor mir und fixiert mich mit fragendem Blick. Sie scheint in meinen Augen jemanden zu suchen. Mag sein, dass ich gemeint bin und … aber für den Flug ist es zu spät. – Ich komme auf Edgar Wind zurück – großartig sein Essay über den Verbrechergott von 1938; die Sündenbock- und Stellvertreterphilosophie von René Girard ist hier zu drei Vierteln bereits ausgeführt. Hart, aber fair die Auseinandersetzung Winds mit Ernst Gombrich, überspitzt die Polemik gegen Jean-Paul Sartre, aber einigermaßen trostreich, was zu Heidegger und Husserl gesagt wird: Ein Gleiches noch einmal im Nebel! Buchstabiert man Husserl, Heidegger und ihresgleichen in die Normalsprache zurück, bleibt außer Banalitäten nicht eben viel, doch über Banalitäten lässt sich in hohem philosophischem Jargon am leichtesten reden. Sein? Scheinen? Zu sein scheinen! – Schweres … schwer erträgliches Spätherbstwetter jetzt, eisiger Nieselregen, der durch dicke Nebelschwaden herabsinkt und jede Buntheit weiter unten auslöscht. Nur noch Grau, dazu ein paar rostige Brauntöne und schlieriges Schwarz. Schwacher Schlaf in jüngster Zeit, dafür lange Nachtmärsche in der Wohnung auf der in sich verschlungenen Route der liegenden Acht. Dazwischen leerlaufende Lektüreversuche, heute mit Derridas Tierbuch und den von Ernst Jünger gesammelten ›Letzten Worten‹; bisweilen Minutenschlaf mit erstaunlich großen Träumen. Vielleicht bin ich nur einfach nicht müde genug, auch nicht für den kleinsten Tod. Die Menschheit sei (wo hab ich’s gelesen?) die Hämorrhoidalgeschwulst der Erde. – Lange Autofahrt in einem Stationswagen mit getönten Fensterscheiben. Auf dem hintern Sitz meine Patentante (das feine gebogene Näschen, die leise krächzende Stimme). Wir durchqueren Waldgebiet, wollen in die Stadt umziehen. Wer am Steuer sitzt, weiß ich nicht, überlasse mich aber einigermaßen vertrauensvoll dem Fahrer. In einem etwas heruntergekommenen Stadtviertel machen wir unmittelbar vor einer Straßenkreuzung Halt, der Reifen des rechten Vorderrads reibt sich schmatzend am hohen Randstein. Wir stehen unter einer Tafel mit Stationierungsverbot, gleich an der Ecke ist ein kleines Restaurant mit schwingendem und klingelndem Perlenvorhang in der Eingangstür. Hier sollen wir absteigen, uns einrichten? Auf der Schwelle unterm Vorhang spielt ein kleiner Junge, ich kann ihn nur von hinten sehen, er hat wundervoll frisiertes fülliges graublondes Haar: Ach, rufe ich, das ist ja der kleine Jessenin! Wir setzen uns zu Tisch – an meiner Seite, wortlos, mein Vater, gegenüber die Mutter, eine jugendliche Frau, vielleicht achtunddreißig, mit auffallend gepflegtem, völlig faltenfreiem, leicht gelb getöntem Teint – es ist meine Mutter und offenbar die Mutter der übrigen Kinder hier im Raum. Los, lass uns gehn! sagt mein Vater. Wir fahren aufs Land hinaus, Vater zeigt mir in einem ausgedehnten Flachwassergebiet mit vielen schwimmenden Pflanzen seinen bevorzugten Angelplatz. Schweigend hält er die Angel in den tiefhängenden, von Asche durchtriebenen Himmel. – Auf Joseph Roth komme ich gern zurück! Wie oft habe ich seine Sachen – Briefe, Reportagen, Kurzgeschichten, Romane – gelesen! Aber Roth gehört zu den raren Autoren, die ich lese, um sie immer noch einmal wiederzulesen: Je mehr, desto mehr. Und Kafka? Verglichen mit Kafka ist Roth wohl weniger grundsätzlich und weniger tiefgründig, als Künstler ist er ihm ebenbürtig und manchmal überlegen. ›Der blinde Spiegel‹, die Geschichte der kleinen Fini, die wie Kafkas Mäusin Josephine ein piepsendes »Nichts an Stimme« ist, gerät Roth zu einem erzählerisches Meisterstück der klassischen Moderne, welches seine künstlerische Kraft daraus gewinnt, dass er die Vergeblichkeit des schönen, guten, wahren Strebens seiner Protagonistin ebenso wie die Verlogenheit, Feigheit und Niedertracht ihrer Verderber mit höchstem dramaturgischem und stilistischem Können auf einen Punkt bringt, von dem aus man das ganze Elend eines gerechten Menschenlebens mitvollziehen, gerade noch ertragen und fast schon verstehen zu können glaubt. Erst in den katholischen 1930er Jahren verliert Roth an Prägnanz und wird ein bisschen gewöhnlich – die vielgelobte ›Legende vom hl. Trinker‹ gerät ihm zu einem sentimentalen Märchen an der Limite zum Kitsch, doch an keiner Stelle lässt die Tendenz zur Kitschigkeit sein künstlerisches Wollen vergessen. – An den Wirtschafts- und Sozialphilosophen Edgar Salin erinnere ich mich aus meiner frühen Basler Studienzeit – er gehört mit Karl Barth, Adolf Portmann, Werner Kägi, Karl Jaspers zu den Professoren, deren Abschiedsvorlesungen ich mitgehört habe und deren Rhetorik (Tonfall, Gesten) mir bis heute unvergesslich ist. Salin – wie er jeweils mit einem großen schwarzen Taxi beim Kollegiengebäude am Petersplatz vorfuhr, mit seiner dicken Mappe und dem breitkrempigem Hut schwungvoll ausstieg und die Tür elegant ins klickende Schloss warf … Jetzt finde ich im Keller in einer Bananenschachtel mit längst ausgesonderten Beständen aus meiner Arbeitsbibliothek Salins Buch über Friedrich Nietzsche und Carl Burckhardt, das ich vor Jahrzehnten für einen Schweizerfranken antiquarisch gekauft, dann aber nie gelesen habe. Was ich nun nachhole – heftig enttäuscht von der Banalität des Gedankengangs und der Ungeschliffenheit des sprachlichen Ausdrucks, dessen sich der ehemalige Georgeaner befleißigt. Intellektuell reicht das Büchlein kaum über einen heutigen philosophiehistorischen Wikipediabeitrag hinaus. Hatte ich mich damals, als Studienanfänger, über Salins Rang und Gewicht getäuscht, oder täusche ich mich jetzt, ein halbes Jahrhundert danach, als einer seiner womöglich letzten Leser?

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