26. September

Noch ein verspäteter Auftritt des Sommers. Vor der knallblauen Platte des Himmels schimmern die herbstlichen Farben – von Quittengelb bis Ocker – wie Bernstein. Die Luft steht reglos. Der Mittag verströmt kühle Süße. Ich verlege meinen Arbeitsplatz in den Garten, lese die ›Orte‹ von Marie Luise Kaschnitz; lesend höre ich, was sie sieht und empfindet: »… nichts als Wiesen und Haselbüsche und Bachgemurmel, ich bin traurig, ich bin erleichtert, noch einmal davongekommen zu sein.« Ich notiere: »… und das Schöne stirbt uns unter der schreibenden Hand.« Aber ich muss nun dringend mein Skript über »Antlitz und Torso« zu Ende bringen, habe das Thema für den Workshop im Arc angemeldet, das Referat ist für Freitagnachmittag angesagt, und ich hab noch nicht einmal die Bilder für die Powerpoint-Präsentation vollständig beisammen. Gegen Abend reist Krys an; sie will als Hörerin und Diskutantin an der Veranstaltung teilnehmen. – Erinnerung an den Schulfilm – im Unterricht bekommen wir Schwarzweißfilme über den »Alltag unserer Bergbauern« vorgeführt, über »Henri Dunant und das Rote Kreuz«, über den »Schweizerischen Nationalpark«; außerhalb der Klassen – jeweils am freien Mittwochnachmittag – vergnüge ich mich im Jugendfilmklub mit »Dick & Doof«, »Charlot« oder »Heidi«. Am meisten hat mich immer das Geflimmer auf der Leinwand fasziniert … die flimmernden Bilder, die wie hinter einem schwarzen Schneegestöber über die Wand liefen. Faszinierend fand ich auch die Momente des Verdunkelns vor der Projektion und der plötzlichen Helle danach, faszinierend das Rattern des Filmprojektors, dazu die natürliche Künstlichkeit der hektischen Gesten der Darsteller – Ablenkung und Konzentration hielten sich die Waage … Ablenkung vom Filmstoff durch die Technik, aber doch auch immer wieder die Konzentration auf den Stoff, die die technischen Unzulänglichkeiten zeitweilig vergessen ließ. – Der Mensch, den ich am meisten liebe (mein Bruder? mein Sohn?), ist schwer krank, wird in den Tod gepflegt, lehnt in einem monströsen Behandlungsstuhl. Der Patient hat einen übergroßen, mit dichtem schwarzem Kurzhaar besetzten Schädel, in dem zwei Porzellanaugen (?) blinken, alles an ihm scheint künstlich und mechanisch zu sein – der Hals eine Chromstange, der Brustkorb eine Art Käfig, die Beine ein kompliziertes Gestänge, das am untern Ende mit dicken hufförmigen Filzpantoffeln bestückt ist. Es kommen und gehen Schwestern, Gaffer, Ärzte, Bastler, Journalisten, Raumpfleger, Sicherheitsbeamte. Neugierige Besucherinnen schrauben an dem Phantom herum, reden tröstend oder unterweisend auf den Jungen ein. Ich bin, wie mir scheint, der einzige, der noch eine menschliche Beziehung zu dem Patienten hat, immer wieder nehme ich ihn in die Arme, bette ihn um, decke ihn zu, spreche mit ihm. Im Nebenraum treffe ich Alex Silber, er zeigt mir eins seiner längst vergriffenen Bücher und widmet es mir, sehr viel Interesse kann ich dafür nicht aufbringen, möchte Silber nun aber unbedingt meinen Bruder Alias vorstellen. Wir betreten das Krankenzimmer, der Sterbende steht, auf zwei lange Krücken (Hirtenstäbe) gestützt, mitten im Raum, ich packe ihn an den Hüften, trage ihn zum Therapiesessel hinüber, bin erstaunt und angetan von seiner Körperwärme, die durch die Beugen meiner Ellenbogen wohlig zu mir herüberströmt, mich schläfrig macht … mich im Gehen einschlafen lässt. Gleichzeitig wache ich auf. – Im Gespräch mit Krys die Frage, ob der »Sinn des Lebens« das ist, was man selbst als sinnvoll vorgibt oder sich als Sinnerfüllung vornimmt (Lebensplan, Lebensziele, Karriere usf.) und was dann auch der Bedeutung des (eigenen) Lebens entspräche. Der eigentliche, also eigene Sinn des Lebens erschließt sich, anders als die Bedeutung, erst hinterher – was ich aus meinem Leben gemacht habe, was in meinem Leben, rückblickend und aufs Ganze gesehen, Sinn gemacht hat. Ein Futur II gibt es dazu nicht … ich könnte nämlich niemals sagen, was der Sinn meines Lebens gewesen sein wird. – Der rezenten Frage, was »echt«, »authentisch«, »real« ist und wie Echtheit, Authentizität beziehungsweise Realität in alten wie in neuen Medien beglaubigt werden können, geht der Schriftsteller und Literaturdozent David Shields in einem rasch zum Bestseller gewordenen Buch nach, mit dem er die »kleinen Unterschiede« zwischen dokumentarischen und fiktionalen Werken aller Art zu erhellen versucht. Warum Shields seinen gut zweihundert Seiten starken Essay als »Manifest« bezeichnet, bleibt unklar, da es darin weder Thesen noch Provokationen gibt, statt dessen aber eine Vielzahl von Beobachtungen und weither geholten Beispielen, die allesamt dartun sollen, dass Ideen- und Zitatenklau in der sogenannten schönen Literatur seit jeher praktiziert worden sind, und mehr als dies – dass die Wirklichkeit der Literatur nicht außerhalb der Literatur, sondern in der Literatur selbst zu suchen ist. Als »neu« oder »originell« kann diese Einsicht zwar nicht gelten; neu und originell ist jedoch das Verfahren, mit dem Shields sein Anliegen plausibel macht – statt die »essayistische« Gleichwertigkeit von Authentizität und Fiktionalität, von Schreiben und Lesen, von Leben und Imaginieren bloß diskursiv aufzuzeigen, stellt er sie gleich selbst unter Beweis, indem er in seinem Buch Hunderte von Textzitaten anderer Autoren aufreiht, zwischen denen er da und dort einen Kurzkommentar einrückt oder ein »eigenes« Bonmot, ein »eigenes« Bekenntnis von der Art: »Mein Impuls geht stets dahin, das Buch in Richtung Abstraktion, in Richtung Traurigkeit, in Richtung Düsternis, in Richtung Doppelzüngigkeit, in Richtung siebzehn Formen von Mehrdeutigkeit zu lesen.« Anderseits: »Das Leben ist schwierig, mitunter vielleicht sogar ein Klotz am Bein (sic!); Sprache ist ein (schwacher) Trost.« usf. Man sieht bald, auf welchem – nämlich auf diesem – Niveau der »Autor« als solcher sich artikuliert, doch dies sollte einen nicht von der Lektüre seines »Manifests« abhalten, das ja zum weit überwiegenden Teil aus Texten anderer (»realer«) Autoren kompiliert ist, in deren Namen Shields umstandslos sich selbst ausspricht – ohne Anführungsstriche vereinnahmt er unzählige Fremdzitate und damit ebenso viele fremde »Ich«-Stellungen: »In den meisten Büchern ist das Ich, die erste Person, eliminiert; in diesem Buch wird es beibehalten; das ist, was den Egoismus anbelangt, der Hauptunterschied. Gewöhnlich denken wir nicht daran, dass es genau genommen immer die erste Person ist, die spricht.« Dieses freistehende Zitat – es stammt von Henry David Thoreau – ist nur in dem umfangreichen Quellenverzeichnis ausgewiesen, das Shields (aus urheberrechtlichen Gründen) »seinem« Buch als Anhang beigefügt hat, zu lesen ist es jedoch, »als ob« es von ihm selbst verfasst worden wäre. Der Sinn – oder sollte man sagen: der Witz? – dieser Darbietungsweise besteht darin, dass der »Autor« eigene und fremde Texte in einem Hypertext zusammenfließen lässt, der zugleich anonym und kollektiv sein soll, am Ende dann aber doch unter dem Namen des einen »realen« Autors – David Shields – zur Publikation kommt. Wäre er seinem synkretistischen Literaturverständnis konsequent gefolgt, hätte er sich nicht kenntlich machen dürfen, hätte dann aber auch sicherlich keinen Bestseller lancieren können, da Bestseller stets an einen individuellen Autor beziehungsweise an dessen Image gebunden sind. Der nun auch auf Deutsch vorliegende »neue Shields« ist also insgesamt ein offenkundiges Plagiat, zusammengeschnitten aus absichtsvoll ausgewählten Fremdtexten, ein Plagiat allerdings, das sich als solches zu erkennen gibt und von daher seinen spielerischen Charakter gewinnt.

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