27. Juni

Noch ein abrupter Wetterwechsel, und wieder – eben deshalb – überzieht und durchwirkt mich die Migräne vom Nacken bis zum Unterbauch. Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, und bei alldem (wie immer in solchen Extremsituationen) markante Gewichtszunahme – was jeder Logik und sogar dem einigermaßen gesunden Menschenverstand widerspricht. Also sind es womöglich die Medikamente, die stopfen. – Drei Greise der Roten Khmer – einstige Adepten von Jean-Paul Sartre – stehen neuerdings, noch immer uneinsichtig, vor Gericht unter der Anklage, die Liquidierung und Drangsalierung von einem Drittel der Bevölkerung Kampucheas verursacht zu haben. Die Opfer – Tote, Verstümmelte, auf jede Weise Traumatisierte – werden nach Millionen gezählt. Es muss also Zehntausende, Hunderttausende von Tätern gegeben haben. Diese Täter leben, jeder allein mit seiner Schuld, als namenloses Kollektiv weiter, inzwischen sind sie Großeltern geworden, sind alt und krank, denken womöglich an den Tod. Bleiben ungestraft und werden deshalb … und sind deshalb längst vergessen. An ihrer Stelle kauern nun drei zittrige Schwerverbrecher mit Sonnenbrille und Wollmütze im Gerichtssaal und warten ungläubig darauf, nach dreißig, vierzig Jahren zur Verantwortung gezogen zu werden, um die Vergangenheit vergessen zu lassen – wer denkt daran, dass es zur millionenfachen Einkerkerung, Folterung, Ermordung Zehntausende von Helfershelfern gebraucht hat? Was Zehntausende, Hunderttausende von Mordgesellen können, kann – und tut – die Natur ebenso effizient. Die Opferzahlen von Massenterror und Naturkatastrophen halten sich wohl ungefähr die Waage. Doch wer … doch was steht als Wille, als Interesse hinter den Vernichtungsorgien? Welcher Gott … welche Instanz steht für das alternative Prinzip von fressen oder gefressen werden? Das Prinzip bietet ja allerdings keine ethische, bloß eine technische Alternative – ob einer nun frisst oder ob er gefressen wird, beides gehört dem Regime des Bösen an. Womöglich ließe sich daraus, mit Rückgriff auf Fjodor Dostojewskij, ein negativer Gottesbeweis ableiten. Wenn es keinen Gott gibt, postuliert Dostojewskij, dann ist alles erlaubt. Da Gott nun weder das große Fressen noch das erbärmliche Gefressenwerden verhindert … da »der Mensch« wie auch »die Natur« solch millionenfaches Fressen und Gefressenwerden ungehindert bewerkstelligt, wäre daraus, frei nach Dostojewskij, tatsächlich der Schluss zu ziehen, dass kein Gott sei. – Mit Franz Kafka teile ich, falls mich überhaupt etwas mit ihm verbindet, »die Angst vor dem Telefon« – es mag auch bloß eine Scheu vor und in der Fernsprechsituation sein. Nimmt sich wohl, mit einem Zeitverzug von hundert Jahren, lächerlich aus in einer Alltagswelt, die dominiert ist von Telekommunikationsgeräten aller Art. Tatsächlich besitze ich noch immer kein Mobiltelefon … tatsächlich nutze ich auch das Festnetz nur in Ausnahmefällen … tatsächlich kostet es mich eine besondere Selbstüberwindung, einen Anruf entgegenzunehmen, auch jetzt noch, da ich den Anrufer vorab identifizieren kann. Woher diese Scheu? Woher das Unbehagen, wenn mir am Telefon hochgemut zugerufen wird: »Hallo, ich bin’s!« Wer oder was ist’s denn eigentlich, das hier spricht … das mich so anspricht und zugleich »ich« sagt, ohne einen Namen, einen Eigennamen zu nennen? Ebenso groß ist meine Scheu, mich selbst beim Telefonieren anzumelden, meinen Namen zu nennen, mit einem Unbekannten zu reden, den ich allenfalls persönlich um etwas bitten, nach etwas fragen muss. Ich? Am Telefon bin ich für den andern ein »Nichts an Stimme«, und doch muss ich mich allein über die Stimme … und doch sollte ich allein als Stimme in der ersten Person Einzahl präsent sein – ohne Blick, ohne Händedruck, ohne gestalthaft in Erscheinung zu treten. Da bleibt doch ein erhebliches Defizit; da bin ich als Person doch ziemlich unvollständig; da ist meine Präsenz reduziert auf die von der Technik übermittelten akustischen Schwingungen, die beim Empfänger als Bitten, als Fragen, als Forderung, als Zusage, als Absage, als Dank, als Lob, als Versprechen ankommen und begriffen werden sollen. Noch jedes Mal zweifle ich daran, ob das gelingen kann, und denke mir dabei, dass – wenn schon auf Distanz kommuniziert werden muss – der Schrifttext jedenfalls verlässlicher sei, authentischer als die beim Telefonieren freigesetzte Stimme; dass ich mich beim Schreiben wie auch im Geschriebenen (Brief, Mail, Fax usf.) als erste Person glaubwürdiger und vollständiger artikulieren kann, als wenn ich mich allein über die Stimme, über »es«, gleichsam über das Neutrum einer dritten Person vernehmen lasse. Tatsache ist, dass mich die auf die Stimme beschränkte Verständigung am Telefon weit mehr Konzentration und Energie kostet als ein persönliches Gespräch, das ich durch Gesten und Körperhaltung zusätzlich ausgestalten kann. – »Manchmal umtanze ich«, gesteht der Icherzähler in Kafkas ›Nachbar‹-Geschichte, »die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat und kann es doch nicht verhüten, dass Geheimnisse preisgegeben werden.« Kafka fürchtet das Telefon, er hasst aber auch, anders als ich, das Briefeschreiben; er fühlt sich durch schriftliche Nachrichten »immer« betrogen, und er beargwöhnt die Schrift genau so, wie ich die Stimme im Ferngespräch beargwöhne: »Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst …« – Seit langem verabredet, immer wieder aufgeschoben der Besuch von P. M., den ich als stets besserwissenden, niemals besserwisserischen Kollegen schätze. M. ist vergnügt, »fast schon unterwegs nach Limassol«, wünscht sich einen Holundersirup, schenkt sich davon ein Glas zu zwei Dritteln voll, gießt ein wenig Wasser dazu, nimmt bedächtige Schlucke, während er von seinen Auftritten berichtet, von Lesungen, Vorträgen, diversen Verlags-, Verbands- und Vereinsanlässen. Als aktiver Player im hiesigen Literaturbetrieb kann er über manche Dinge und Autoren detailliert berichten, ich selbst habe die meisten Events verpasst, kenne mich diesbezüglich schlecht aus, erfahre also viel Neues. Erfahre nicht zuletzt, dass M. unten in der Straße seinen neuen Daimler geparkt hat, einen Oldtimer, acht Zylinder, mit herrlich sonorem Motorgeräusch, das er mir (»dann beim Losfahren«) unbedingt zu Gehör bringen will. Vorab greift er sich noch beiläufig meinen Roman ›Alias oder Das wahre Leben‹ aus dem Regal und lässt sich den Gedichtband ›Steinlese‹ signieren. So aufgeräumt wie diesmal hab ich ihn selten gesehen. Ob ich ihm denn, fragt er unvermittelt, für sein eben abgeschlossenes neues Buch – »wieder Gedichte!« – einen Verlag empfehlen könne? Soll das ein Witz sein? M. auf Verlagssuche! M. unterwegs mit Gedichten! Aber nun ist er plötzlich in Eile. Den Bariton seines Achtzylinders kann er mir nicht mehr vorführen. Ich sehe nur, wie der elegante Wagen aus der Blauzone ausschert und in einer zarten blassgrauen Abgaswolke entschwebt.

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