27. November

In Indien … in einer ländlichen Provinz Indiens ist ein zehnjähriges Mädchen von mehreren Männern vergewaltigt, dann mit Kerosin überschüttet und verbrannt worden. Man erfährt aus der Presse und über Internet, dass die Vergewaltigung, Misshandlung, Erniedrigung, Ausbeutung und Tötung von Frauen in diesem Land Tradition hat und kaum beachtet, kaum bestraft wird. Täglich kommt es zu Tausenden brutaler Übergriffe, die ungeahndet bleiben. Vergewaltiger werden in den meisten Fällen geschont, ihre Taten mit »Ehre« und »Rache« und »Strafe« in Verbindung gebracht, während die betroffenen Frauen nicht selten nebst ihren Verletzungen auch noch die »Schuld« zu tragen haben. Mich überrascht dieser patriarchale Terror in einem Land, dessen Religionen keine Überlegenheits- und Missionsansprüche kennen und das Kühe für heilig hält; in dem viele Frauen zur politischen und wissenschaftlichen Elite gehören; das als große Demokratie und als ein aufsteigender Industriestaat gilt. Hat die massenhafte Brutalität gegenüber Frauen womöglich etwas mit der Bevölkerungsdichte zu tun, damit also, dass der Mensch hier primär als Massenwesen gesehen wird und sich so auch selbst wahrnimmt – als irrelevanter und leicht ersetzbarer Mitläufer von beliebig vielen andern Massenwesen? Ein Massenwesen ist allerdings auch der Mann. Dass er als solches zum Massentäter wird … dass er in der Masse der Menschen über die Masse der Frauen seine Gewaltherrschaft ausübt, könnte dann wohl noch verschiedene andere – soziale, traditions- und kulturbedingte, auch bioarchaische Gründe haben. Der Mann als der Stärkere setzt seinen Willen, sein Haben- und Verfügenwollen gegenüber der Frau als der Schwächeren durch; und schon wieder erfahren wir: »In Indien … in einer ländlichen Provinz Indiens ist ein zehnjähriges Mädchen von mehreren Männern vergewaltigt, dann mit Kerosin überschüttet und verbrannt worden …« Draußen vor der Tür steht das einundzwanzigste Jahrhundert. – Spät aufgewacht, ich sinne beim Frühstück einem großen … einem großartigen Traum nach, von dem ich aber kein Bild, keinen Namen mehr erhaschen kann; ein echter Verlust, ich bin zerknirscht und weiß doch nicht einmal, was ich verloren habe. Nach verbummeltem Vormittag lege ich um ein Uhr bei schwerem Nebel einen ausgedehnten Waldgang ein, die Wege sind morastig aufgeweicht, die goldbraunen Farben des Spätherbsts reduzieren sich auf die Grauskala, die aber da und dort von einem knallroten oder pechschwarzen Einzelblatt akzentuiert wird. Kann mir plötzlich nicht mehr vorstellen, diesen Weg jemals wieder Schulter an Schulter mit einem andern Sterblichen abzuschreiten, bin mir sicher, dass vier Augen nur halb soviel sehen können wie zwei, und wie schnell kommt einem die Welt – auch diese – abhanden, wenn man sie bespricht. – Es müsste ein sehr schöner weiträumiger Augenblick sein, der den Freitod ermöglicht, ein Augenblick vollständiger unvoreingenommener Wahrnehmung, letzter Leichtigkeit, Genügsamkeit und Selbstbescheidung sein, ohne Schmerz, ohne Krampf, ohne Stress, ohne Reue, ohne Erinnerung, ohne Wunsch; einfach wegzugehen, um weg zu sein. – Das muss ein herrlicher Traum gewesen sein, habe zwar das meiste vergessen, und doch ist mir so manches noch immer erreichbar. Ich erkenne zunächst Krys, dann Bojana in dieser großgewachsenen Frau, die mir reglos den Rücken zukehrt. Man hat sie im besten Alter auf dem zerwalkten Bett abgelegt in ihrem langen karminroten Schlitzrocken, der die Schultern bis hinunter zum Kreuz sichtbar lässt. Zwischen den Schulterblättern trägt die Blondine ein großes blaues Mal – Narbe? Wunde? Ausschlag? – , bevor sie sich auf der einen Hüfte abrupt zu mir herdreht, mit raubtierhafter Eleganz aufspringt und mit ausgebreiteten Armen auf mich zukommt. »Luxusnutte« (oder so was Ähnliches) zischt mir jemand von hinten ins Ohr, und ich realisiere nun, wir befinden uns in einem herrschaftlichen Haus mit hohen Räumen, schweren Vorhängen, dunklen Möbeln, breiten Marmortreppen. Bojanas Sohn – es könnte auch der von Krys sein – hält sich diskret – zu unserm Schutz? unsrer Überwachung? – in der Nähe auf, dort, der kleingewachsene gedrungene Junge mit dem großen greisenhaften Haupt, dem grauen Kraushaar: Wie kann einer dem Terence Stamp nur so ähneln! Also planen wir eine Ausfahrt, bepacken unser Cabriolet, diesmal reist eine junge Schwarze mit, tough und patent, ich kenne sie seit übermorgen. Wir fahren los, durchqueren weitläufiges Stadtgebiet, biegen nun in einen aus Brettern gefertigten Tunnel ein, der pissgelb ausgeleuchtet und mit chlorophyllgrünem Kunstrasen ausgelegt ist. Bis wir in der rasch sich verengenden Röhre einen Notausstieg erreichen. Ende der Reise, denke ich, ach komm schon, sagt die Frau: Übrigens, ich heiße Nina. – Bin nun zum dritten Mal mit dem ›Anton Reiser‹ fertig geworden, habe zahllose Stellen angestrichen, meine Lesenotizen umfassen rund ein Dutzend Seiten. Merkwürdigkeit des Eigennamens! Ich hatte »Reiser« stets mit »das Reis«, versuchsweise auch mit »der Reis« in Verbindung gebracht und erkenne erst jetzt die vordergründige Bedeutung des Namens, dem natürlich »die Reise« zugrunde liegt: »der Reiser« ist der Reisende. – Über Mittag steht die Sonne bei vielleicht zwölf Grad hell und schräg im Himmel. Ich öffne für eine Weile die Balkontür. In flachen Bahnen schießen die Strahlen herein und zeichnen auf dem Parkett jede Winzigkeit mit einem scharfen Schatten aus. Krumen, Haare, Staubkringel, eine Reißzwecke, eine tote Fliege, vertrocknete Teeblättchen, eine halbe Pistazienschale – alles zeigt sich in geradezu grotesker Schärfe und Plastizität; die Partikel scheinen in dieser ungewöhnlichen Ausleuchtung riesengroß aus ihren strichfeinen Schatten zu ragen und liegen doch – alle – im Millimeterbereich.

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