27. September

Zentral ist für den bekennenden Plagiator der Begriff des »Wirklichkeitshungers«, den er am verbreiteten Faszinosum für Reality Shows, dokumentarische Bild- und Textsorten sowie Selbstinszenierung und Selbstexhibition via soziale Netzwerke festmacht. Die vergleichende Analyse derartiger Unterhaltungs- und Lektüreangebote lässt auch ihn zum paradoxalen, dabei durchaus einsichtigen Schluss kommen, dass alle Medien, die den Anspruch der Authentizität, der Originalität oder gar der Wahrheit erheben, nichts anderes als Fiktionen zu liefern vermögen, die sich lediglich als »echt« oder »wahr« behaupten, dabei aber nichts anderes sind als »wahre« oder »echte« Fiktionen. Tatsächlich aber habe jeder Erfahrungsbericht – trotz der »bewussten Unkünstlichkeit (sic!) des Rohmaterials« – als ebenso fiktiv zu gelten wie jeder Roman, und keine noch so objektive Geschichtsschreibung könne verlässlicher beziehungsweise realistischer sein als eine künstlerische Erzählung. Was somit stattfindet, ist »ein Verwischen (bis zur Unkenntlichkeit) jeglicher Unterscheidung zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion: die Verlockung und das Verschwimmen des Realen.« Oder ein Gleiches in den »fremden« Worten des Schriftstellers Dave Eggers: »Ich habe mir immer schwer getan damit, fiktionale Literatur zu schreiben. Es fühlt sich an, als würde man in einem Clownskostüm Auto fahren. Du fährst irgendwohin, bist aber verkleidet und hältst niemanden so richtig zum Narren. Du bist der Typ im Kostüm, und jeder sollte das vergessen und dir folgen.« Darüber hinaus entwickelt David Shields – immer am Leitfaden der von ihm zitierten Fremdtexte – die zunächst befremdliche, dann aber doch überzeugende Auffassung, wonach allein verpönte Literaturformen wie das Imitat, das Plagiat, das Kompilat als echt und originell gelten könnten. Denn nur bereits vorliegende Texte, nicht jedoch textexterne Wirklichkeitsausschnitte ließen sich ohne Verlust literarisch wiedergeben, und insofern sei die Kopie dem auktorialen Originalwerk überlegen. Es handle sich in diesem Fall – Stichwort: Sampling – um »wirklichkeitsbasierte Kunst fast ohne Kunst«. Das heißt: »Künstler müssen die Dinge nicht durchbuchstabieren; es geht viel schneller, wenn man gleich auf bestehendes Material zurückgreift – Bildmaterial, Bibliotheksrecherche, druckfrische Zeitungen, Vinylplatten usf. Aufgabe des Künstlers ist es, die Fragmente zu mischen (zu bearbeiten) und wenn nötig Originalfragmente zu erzeugen, um die Lücken zu füllen.« Anhand zahlloser Beispiele, die oftmals bloß als Namedropping Revue passieren, zeigt Shields auf, wie »die mimetische Funktion großteils in den Hintergrund gedrängt [wird] durch die Bearbeitung des Originals (des ›real thing‹): Diebstahl ohne Entschuldigung – bewusste, selbstbewusste, offen zur Schau getragene Aneignung«. In einer weiteren argumentativen Wendung kann er sodann sinngemäß postulieren, jedes künstlerische Original sei (gerade dann, wenn es auf seine Wirklichkeitstreue abhebe) eine Fälschung. So klingt es denn ebenso simpel wie süffisant, wenn dazu an anderer Stelle des Manifests recht unentschieden moniert wird: »Verschwende keine Zeit; halte dich ans Wirkliche. Sicher, was ist überhaupt ›wirklich‹? Versuch es trotzdem zu fassen zu kriegen.« Dieser letzte Ratschlag des Autors – er nimmt sich aus wie eine pastorale Weisung zur richtigen Lebensführung – klingt im amerikanischen Original nicht besser als in der hier angeführten deutschen Übersetzung. – Sicher ist eigentlich nur, dass das Wirkliche für Shields als das Wesentliche zu gelten hat. Den Kunstschaffenden empfiehlt er zur Aneignung und Darbietung des Wirklichen die angeblich »postmoderne« Technik des Montierens, wie er sie exemplarisch in der Collage, im filmischen Zusammenschnitt und im musikalischen Sampling realisiert sieht, ohne (sich) daran zu erinnern, dass eben diese Technik schon vor einem Jahrhundert die Künste der klassischen Moderne entscheidend geprägt hat. Da »Gott« damals bereits totgesagt war, musste auch der nach seinem Vorbild agierende Autor seine »schöpferische« Autorität schrittweise abtreten, musste den produktiven Impuls, der zuvor aus der außerkünstlerischen Realität erfolgte, an das »Rohmaterial« abtreten – an die Sprache, die Farben, die Formen als solche, und generell an Vorgaben, die als literarische, bildnerische, musikalische Versatzstücke schon vorhanden waren und nun gewissermaßen dazu einluden, »vereinnahmt« zu werden. Ein Verfahren (genauer: ein Verhalten), das unter manch andern Autoren der europäischen Moderne Paul Valéry oder Hugo von Hofmannsthal besonders prägnant auf den Punkt gebracht haben. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang das Vermächtnis Friedrich Nietzsches, das als letzter Wunsch in einem seiner letzten Briefe festgehalten ist: »… dass im Grund jeder Name in der Geschichte ich bin.« Genauer vielleicht: Ich ist.

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