29. September

Was für ein (welches) Selbstbewusstsein hätte ich entwickelt, wenn ich Balz Friedli oder Noldi Tschümperlin oder Hugo Häsli oder Heini Vögeli oder Sepp Höpli oder Ueli Zigerlig oder schlicht Hans Schweizer hätte heißen müssen? Der Name mag Rauch und Schall sein, aber viele tragen schwer an ihm, sind durch ihn sozial behindert oder politisch suspekt. Der Eigenname, der stets ein Fremddiktat ist, kann auch Schande und Schimpf sein, wenn nicht gar Schicksal. – Die Abschlusstagung soll mit einem Plenum aller Teilnehmer in La Chaux-de-fonds stattfinden; die meisten Kollegen fahren in Gruppen mit Shuttles, ich ziehe das Auto vor, fahre allein, bin erstaunt, wie nah die Uhrenmetropole bei Bern oder Zürich liegt, als wär’s ein Vorort. Alles ist hier dicht verbaut, völlig unübersichtlich, nichts als Sackgassen, Baustellen, Einbahnstraßen, alles von hässlicher, ja abstoßender Stillosigkeit. Ich habe keine Adresse, das Navigationsgerät kann ich nicht bedienen, weiß nur, dass der Tagungsort so ähnlich heißt wie Le Couloir oder La Couverture; ich parke den Wagen, lange geh ich zu Fuß durchs labyrinthische Stadtgelände, stoße überall an, finde immer nur Hindernisse, geschlossene Passagen, Tore, Notausgänge. Endlich gelange ich zum steilen, sehr hohen Ufer überm Fluss. Ein junger Mann mit greisenhaft schütterem Haar, den ich nach dem Weg frage, fragt mich seinerseits nach meinem Ziel. »Keine Ahnung.« Er, verweist mich aber an die Kneipe dort unten, direkt am Wasser. Ich steige hinab, finde eine unwirtliche Wirtschaft vor, eben wird das Essen ausgegeben. Als Wirt spielt sich Howeg oder Steinweg auf, an der Wand hinterm Tresen hängt das Veranstaltungsprogramm, auf dem ich – zu meinem Entsetzen – als Hauptredner genannt bin. Also muss ich unbedingt weiter, überlege allerdings, ob ich überhaupt noch hingehen soll, bin ja längst zu spät. Frage unterwegs noch einen Passanten, der zunächst abwinkt, sich dann aber plötzlich erinnert, seinen Arm ausstreckt und sagt: »Gleich dort drüben, ist ja ganz nah von hier, paar Minuten zu Fuß.« Ich schreite die paar Minuten ab und stelle mich am Schluss der Warteschlange vor dem Eingang zum Kulturpalast an. Folter – Höchstleistung menschlicher Niedertracht – kann als Strafe oder als grausames Spiel praktiziert eingesetzt werden, dient aber mehrheitlich der Erpressung von Information, erzwingt unfreiwilliges Reden, mithin eine Wahrheit, die auch Lüge sein kann und oft Verrat ist. Niemand kann demgegenüber unter Folter zum Schweigen gezwungen werden, der Gefolterte wird unweigerlich schreien vor Schmerz, er wird fluchen, betteln, beten; erst mit dem Tod fällt er von der Sprache ab, verstummt. – Ich und der Andere, Wort und Bedeutung – beides drängt zur Verschmelzung und ist doch nur in der Differenz ein Ganzes. Hier das Wort, dort die Bedeutung … hier der Andere, dort ich und … aber zusammengenommen ergibt sich daraus ein Dreckeffekt, den man Sinn nennen könnte; oder auch Liebe. Doch Liebe ist – so vermutet Caruso – Selbstliebe, und keineswegs Liebe des oder eines Andern. Immer sei es die Wahrheit, die hinter … die über den Liebenden steht, die die Liebe verhindert. So bleiben denn auch die beiden notwendigerweise … bleiben gezwungenermaßen zwei. Jede Trennung … jeder Liebesverzicht, Liebesverrat, Liebesbruch ist wahrheitsbedingt. Man hasst die Wahrheit, weil sie das Begehren dämpft und am Genießen hindert. »Also will man von der Liebe, die zu genießen beansprucht, nichts mehr wissen, wenn die Wahrheit offenbar wird.« – Und auch dies noch. Dass man (jedenfalls ich als Mann) das Begehren – Liebe – doch nie wirklich beherrscht; dass es, statt endlich zur Ruhe oder wenigstens zur Besinnung zu kommen, mit der Zeit eher zunimmt und dass gleichzeitig (ich wiederhole mich) die Physis, die es dazu braucht, schwindet … dass sie der Schwerkraft nach zur Müdigkeit tendiert. Alles sehr merkwürdig. Oder sollte der Sinn des Alterns … der Sinn des allmählichen Ablebens darin bestehen, all diese Merkwürdigkeiten überhaupt erst zu erkennen, um sich endlich sagen zu können: Ja, ich hab getan, was ich konnte, nein, ich hab zu vieles nicht begriffen; habe nicht mal begriffen, dass es nichts zu begreifen gibt. Auch dass man lebt, ist nicht zu begreifen; dass man das Ungemach des Geborenseins niemals verwinden kann; dass im Leben Zufall und Notwendigkeit nicht wirklich auseinander zu halten sind. Für die Eltern war mein Name – der Felix sei glücklich! – eine Notwendigkeit in tristen Kriegszeiten, für mich bleibt er etwas Zugefallenes … etwas Auferlegtes, und er beansprucht (mit einem Wort) Programm zu sein. Ich konnte und mochte diesem Programm nie entsprechen, hätte es aber natürlich auch dann nicht gekonnt, wenn ich Nepomuk Hinterwälder oder Adolf Bäuerlein hätte heißen müssen. – Welchem Zufall folgt (oder unterliegt) übrigens der Fall des sprichwörtlichen Dachziegels, der sich hundert Jahre lang zwischen andern Ziegeln hält, um sich dann – in einem bestimmten, wenn nicht vorbestimmten Augenblick – unversehens nach den Gesetzen der klassischen Physik und gleichzeitig nach dem unausweichlichen Prinzip des Zufalls aus dem Dachgebälk zu lösen und mir (ausgerechnet mir) unten auf dem Gehsteig die Stirn einzuschlagen? – Erst jetzt, beim Wiederlesen der Prosabände ›Orte‹ und ›Tage, Tage, Jahre‹, erkenne ich, dass (und in welch großem Ausmaß) Marie Luise Kaschnitz sich beim Erzählen dem Aufzählen verschreibt – viele ihrer dichten Texte erweisen sich als rhetorisch verkappte Listen, in denen Erinnerungsfragmente, Traumepisoden, ein Panoramablick, eine Problemperspektive festgehalten sind. In ›Tage, Tage, Jahre‹ vergegenwärtigt die Autorin unterm Datum vom 10. August einen strotzenden Spätsommergarten, indem sie einfach ihre »Blicke wandern« lässt, um zu »registrieren«, was sich ihr darbietet … um zu erfahren, »was da ist und wie man selbst da ist«. Das Aufzählen wird hier zur feierlichen Zelebration. Dreimal setzt Marie Luise Kaschnitz zu einer Wahrnehmungsrunde an … dreimal notiert sie, was ihr dabei vor Augen kommt. Der erste Rundblick fängt in impressionistischer Manier vor allem die Farbeindrücke ein, wird aber auch schon ergänzt durch Geruchsempfindungen: »… die rosa, weißen und blauen Sommerblumen sind noch immer da, während die gelben und roten Herbstblätter bereits erscheinen. Rosa und weißer Phlox, weißer und tiefblauer Rittersporn, blaue Lupinen, rosa und blaurote Rosen und daneben schon die kräftig riechenden, um nicht zu sagen stinkenden Tagetes, gelbrot, Zinnien in allen Farben, gelbe und rote Dahlien und die ersten Sonnenblumen noch erhobenen Hauptes am aufgereckten Stengel.« Die zweite Wahrnehmungsschlaufe ist weiter gefasst, bezieht die Stimmungslage ein: »… was so beglückend ist an all dieser wilden Blüte, den Lichtfluten über geschorenen Rasenflächen, den feinen Schatten, die am Nachmittag die Rabattenrosen auf den Sandweg werfen.« Erst jetzt kommen auch die größeren Objekte in den Blick – Sträucher, Bäume: »… der alte unter seinem Efeubelag langsam sterbende Birnbaum, die junge, schwarzblättrige Trauerulme, die alten schon ein wenig schütteren Hainbuchen, die junge Eiche, die junge Katalpa, der alte Apfelbaum, der mit zahllosen winzigen Äpfelchen im nahezu blattlosen Gezweig seinen letzten Sommer erlebt.« In der Aufzählung wechseln alt und jung miteinander ab, Werden und Vergehen vollziehen sich gleichzeitig und doch gegenläufig – die auf Kontrastbildung angelegte Liste lässt an die natürlichen Zyklen denken (Jahreszeiten, Lebensalter) und rückt auch die Endlichkeit des Lebens ins Bewusstsein. Im anschließenden dritten Durchgang hält die Autorin zusätzlich zu den Wahrnehmungsdaten auch die Assoziationen und Vergleiche fest, die sich bei ihr nun einstellen: »Den Perückenstrauch mit seinen grauseidenen Haarbüscheln, den Gingko mit dem zweigeteilten, dem Goetheschen Liebesblatt, die Trauerweide, die ebenfalls noch jung ist, aber gewaltig, auch gar nicht traurig, sondern komisch strukturlos wie gewisse Hunde, die Kopf, Rücken, Beine, Schwanz unter einer lang herabhängenden Felldecke verstecken.« Handlungslose, aber wortstarke Prosa, die eher dem Dichten als dem Erzählen verpflichtet ist und … die aber mehr zu berichten weiß und mehr zu bedenken gibt als noch so spannende Geschichten – spannende Geschichten lassen sich meist in ein paar wenigen Sätzen resümieren, die minimalistische Beschreibungsprosa von Marie Luise Kaschnitz erfordert die Volltextlektüre und erbringt (seltene Ausnahme!) ebenso viel Erkenntnis- wie Lustgewinn.

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