3. Dezember

Ich warte am Rotbuchplatz auf den Nachtbus; es nieselt – wie in durchscheinenden rotgelben Blasen wabert der Regen um die über der Straße hängenden Neonröhren. Ich stelle mich im überdachten Eingang eines nahen Geschäftshauses unter; neben mir … schräg vor mir steht eine junge Frau mit langem offenem Haar und offener Jacke, ihr Gesicht – so kommt’s mir vor – ist von unten leicht beleuchtet vom bläulichen Display eines Smartphones und … aber nein, ja, doch, sie hält ein dickes Taschenbuch auf den erhobenen Händen – der indirekte Schein auf ihrer Stirn und den Wangen kommt vom Neonlicht, das im Hauseingang hängt und von den Buchseiten matt reflektiert wird. Das Mädchen steigt mit mir in den Bus ein, auf dem Buch, das sie jetzt in der Armbeuge trägt, lese ich ›War and Peace‹. – Weiterschreiben an Potockis »Kehraus«, der Held wächst langsam über mich hinaus, entwindet sich; muss ihn enger an die Strippe nehmen – er ist für den Wahn zuständig, ich für den Sinn. – Ich lese z. Z. in fliegendem Wechsel Baltasar Gracián (mit Schopenhauer), Julio Cortázar, Giordano Bruno, Valère Novarina, den Kohelet; von Stephen Greenblatt – ›The Swerve‹ – erfahre ich, dass (und welchem Umfang!) Lukrez mit seiner versifizierten Kosmogonie für die Renaissance zum Vordenker und Anreger geworden ist; die damalige epochale Wende habe ich, sozusagen, als Privatissimum mitgemacht … nacherlebt – kaum eine andere Lektüre war für mich intellektuell wie auch dichterisch so bestimmend wie die ›Natur der Dinge‹. Auch wenn meine eigene »Wende« reichlich spät kam, hat sie doch tatsächlich so etwas wie eine Wiedergeburt ausgelöst. – Wie neu gemacht präsentiert sich heute früh die Welt im engen Rahmen meines Küchenfensters. Über Nacht hat sich die Außentemperatur um Null Grad eingependelt, eine dünne körnige Schicht von Neuschnee liegt wie ein weißer Schlagschatten auf allen Dingen. In der lauteren Luft hängen, richtungslos schwebend, ein paar letzte, kaum sichtbare Flocken. Man kann den Eindruck gewinnen, als hätte der Schnee die Dinge gehöht … als würden die Dinge – Zäune, Bäume, Pflastersteine, Müllsäcke, Fenstersimse, Dachrinnen, TV-Schüsseln – durch den Schnee überhaupt erst sichtbar gemacht. Die schüttere Weiße scheint schon vor den Dingen dagewesen zu sein; die Dinge scheinen dem Schnee anzuhaften, nicht der Schnee den Dingen. – Der Himmel im hiesigen Schnee gespiegelt als weitläufiger Schrei. Einsilbig zwar
aaaaadoch mit lautlos rollenden Konsonanten. Ja –
aaaaadie Verheißung!
– Bin immer wieder erstaunt, dass so viele afrikanische Präsidenten, Minister, Gouverneure und andere Repräsentanten der Macht bei Pressekonferenzen in Maßanzügen, mit Brillen, Uhren, Krawatten europäischer Luxusmarken auftreten, und ich frage mich, wie es aussähe … welchen Effekt es haben würde, wenn analog dazu unsere Politiker in traditionellem afrikanischem (oder asiatischem) Outfit an die hiesige Öffentlichkeit gingen? Es ist ja ein Leichtes, sich die multikulturelle Perspektive umgekehrt zu denken, nur tut das halt keiner – unvorstellbar, dass an einem Bankett im Elysée die französische Präsidentengattin in muslimischer Verschleierung oder bei einem Fernsehinterview der deutsche Außenminister ganz selbstverständlich mit exotischem Kopfschmuck aufträte. Was wäre damit bedeutet? Sympathie mit einer fremden Kultur? Kritik an eigenen Gepflogenheiten? Multikulturelle Toleranz? Und was hat es, noch einmal umgekehrt, zu bedeuten, dass die Regierungs- und Parteikader der Volksrepublik China uniform und konform auftreten, als wären ihre Anzüge en bloc in einem Berliner Warenhaus eingekauft worden. Ist das bloß ein triviales Globalisierungsphänomen? Falls ja – weshalb denn aber mit solcher Selbstverständlichkeit nach westlichem Muster? – Nicht die Krone, nicht das Szepter, der Reichsadler, der Apfel, der Hammer, die Sichel sind das adäquate Signum der Macht, sondern – die Leere; die blanke Oberfläche des Schreibtischs des Präsidenten, des Despoten, des Usurpators, worin die ferne Wirklichkeit sich spiegelt; der Palast, die Hofburg, das Kapitol mit den vielen leeren Repräsentations- und Konferenzräumen … mit den überfüllten Deposita und Garderoben und Requisitenkammern.

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