3. Juli

Aufgewacht kurz nach fünf. Geweckt nicht vom Dämmerlicht, auch nicht von der Turmglocke, sondern von einem regelmäßigen Plumpsen … von regelmäßig plumpsendem Wasser, das offenbar aus den Dachrinnen schwappt und in schlierigen Spritzern auf das Fenster des Schlafzimmers trifft. Der Landregen bildet dazu bloß nach das Hintergrundgeräusch, ebenso der hochgehende Nozon, der hundert Meter unterhalb des Hauses auf das alte girrende Mühlrad trifft. Aufstehen mag ich noch nicht. Höre gern noch eine Weile auf das flapsige Rauschen, das nun mehr und mehr untermischt wird mit den frühen Vogelstimmen. Hören … hinhören auf das, was nie spricht und dennoch so etwas wie eine Sprache ist. Ein Sprudeln, Platschen, Klatschen, Platzen, das identisch ist mit dem, was es anzeigt – schwappendes, fallendes, aufprallendes Wasser. Beim Zuhören kommt mir ein kleines Gedicht von Marina Zwetajewa in den Sinn, das ich vor Jahren für eine Zeitschrift übersetzt und nun plötzlich auf der Zunge habe: Der Regen bringt den Schmerz zur Ruh.
aaaaaDie Flut stürzt auf das Dach, die Fensterläden –
aaaaaIch wache schon. Der Asphalt dröhnt zwar immerzu
aaaaaVom Hufgeklapper – so, als klatschte jemand in die Hände.
aaaaaWillkommen und – als Gruß ein Guss!
aaaaaIn dieser goldverbrämten fremden Ferne,
aaaaaWo ich die Tage nächtens fristen muss
aaaaaIm faden Schein der schrägen Gaslaterne! – Menschliches Begehren will nie nicht alles; es gibt keine Einzelwünsche. Für das Begehren gilt die unökonomische Devise – je mehr desto mehr. Sex, Geld, Macht sind die gängigen Beispiele dafür; Kunst gehört nicht dazu, es sei denn, man subsumiere sie als materiellen Wert unterm Leitwort Geld. Und noch ein triviales Beispiel – wer endlich seinen Urlaub antreten möchte, macht in aller Regel nicht bloß eine Reise, um irgendwo in einem Hotel anzukommen; er wünscht sich, darüber hinaus, Entspannung und Ruhe und Lesezeit, vielleicht Abwechslung, Abenteuer, Extremerfahrung usf., wünscht sich also einen alternativen Gegenzug zur schlechten Alltäglichkeit. Ebenso trivial: Wer in die Liebe kommen will, sucht – die einschlägigen Anzeigen im Internet machen es ebenso klar wie die eigene Erfahrung – gerade nicht nach dem beliebigen, vielmehr nach dem geliebten Partner und wünscht sich aber gleichzeitig und darüber hinaus einen Menschen, der alles und noch viel mehr zu sein vermöchte, Geschäftspartner, Nutte, Kumpel, Mutter, Wandervogel, Kollege, Pferdediebin, Freund, Tochter, Reisebegleiter und, nicht zuletzt, die Liebe selbst. Egal, was einer liebt, er liebt vor allem die Liebe und sich selbst, liebt, um ein Maximum zu haben. Dem entziehen sich einzig Gott und Ich. Das unabweisbare Bewusstsein, selbst Ich zu sein, verhindert, dass Ich, über alle Selbstliebe hinaus, sich haben kann. Von daher das Begehren nach dem immer wieder Andern; von daher die existentielle Realität des Doppelgängers; von daher die Notwendigkeit, auch im Gegner sich selbst als den Andern lieben, also beherrschen, also besitzen zu wollen; von daher, bis zuletzt, die Befangenheit im Begehren nach jenem Andern, der – oder das – man selbst nicht auch noch sein kann. Weniger triviale Beispiele dafür sind Eva und Adam, Abel und Kain, du und ich. Nur wunschlos kann Glück sein und nur jenseits des Begehrens – Liebe. – Zur Zeit gibt es hier im Klosterbezirk noch sieben, acht Leute, Zurückgebliebene, Überlebende, die sich nicht nach Mallorca oder Thailand in den Urlaub abgesetzt haben. Ich selbst gehöre zu ihnen, bin in meinem großen Haus und Garten allein zugange, die Ruhe ist ebenso grandios wie der Nachthimmel, das Wasser ebenso rein wie die Luft; also bleibe ich. Und grüße alle Welt aus der wundersamen Menschenleere. – Wieder Sonntag, im Wochenverlauf all diese heftigen Wetterwechsel, Temperaturschwankungen innerhalb von Stunden um fünfzehn Grad, entsprechend unruhig, krampfanfällig bin ich selbst. Trage die Migräne wie ein Haarnetz überm Kopf, noch ohne den walkenden Schmerz, nur so als Drohung. Arbeite weiter am Bohemicakatalog, an der Zusammenstellung der Bilder und Legenden; viel Korrespondenz, viel gelesen – weiter mit Alain, wieder mit Gracq, nehme mit Interesse auch Peter K . Wehrlis ›Katalog von allem‹ durch; bin jetzt bei Max Ernst (›Une semaine de bonté‹, 1934), zurückgezogen in meinem Gartenpavillon, bedächtig blätternd in der schönen Edition von Spies, und plötzlich die Einsicht, dass diese Collagenfolge ähnlich komponiert ist wie eine Folge von Gedichten, nur dass hier statt poetischen Elementen und phonetischen Attraktoren bestimmte ikonische Elemente durch variable Wiederkehr, wechselnde Ausformung, unterschiedliche Bedeutungshaftigkeit aufeinander bezogen und auch, umgekehrt, auseinander entwickelt werden. – Lang mit Krys am Telefon, sie ist arg irritiert, unzufrieden und unausgelastet in ihrer Arbeitssituation, verunsichert durch die Nichtübereinstimmung zwischen ihrer Selbsteinschätzung und der Fremdwahrnehmung, die sie als verfehlte Projektion, wenn nicht als Beleidigung empfindet. Ich kenne das auch, leide aber nicht darunter, amüsiere mich eher über die Uneinsichtigkeit und die irrigen Ansichten anderer. Von sich absehen zu können und gleichzeitig einfach sich sehen zu lassen, ist ein Souveränitätsbeweis, den zu erbringen allerdings schwerfällt.

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