3. Juni

Die Bäckersfrau, Immigrantin aus Ostpolen, hat mir heute früh eine Schulausgabe des Dichters Bolesław Leśmian zum Lesen mitgegeben – es sei, betont sie, eins der wenigen Bücher, die sie hierher mitgebracht habe, und sie bittet mich, es nach der Lektüre zurückzugeben. Mein neuer Nachbar von gegenüber, Organist und Musikologe mit armenischem Familienhintergrund, lädt mich mit Krys zu einem Hauskonzert ein; er wünscht sich – für seine andern Gäste –, dass ich »zwei, drei Sachen« aus meinem französischen Lyrikband ›De nature‹ vorlese. Gestern haben wir unsere langjährigen Freunde aus der alten Schmiede verabschiedet, eine Tänzerin und einen Eisenplastiker – sie ziehen drei, vier Dörfer weiter nach La Sarraz auf einen Landsitz, den um 1900 eine russische Adlige für ihren Geliebten hat errichten lassen, von dem sie dann aber vor Abschluss der Bauarbeiten verlassen wurde. Die Dame habe den Rohbau des Hauses nie betreten, habe auch keine Rechnungen mehr bezahlt und sich nach Norditalien abgesetzt; später habe die Ortsgemeinde den Landsitz übernommen und ihn in unfertigem Zustand als Altenheim genutzt. Usf. – Heute, auf dem Fußweg nach Bretonnières, kam’s unversehens zu einem wilden, dabei ungemein zarten Spektakel, als ein mittelgroßer Schmetterling, mattschwarz mit breitem weißem Flügelsaum, auf Kniehöhe um mich zu kreisen begann, allmählich sich hochschraubend bis auf Hüfthöhe, während ich mit verlangsamtem Schritt weiterging; fünf-, sechsmal umschwebte mich der Schmetterling in ansteigender Spirale, völlig lautlos und so unerwartet, dass ich zuerst eine optische Täuschung vermutete, dann aber plötzlich den Eindruck hatte, ja, das hat etwas mit mir zu tun, ja, ich bin gemeint, nein, das kann nicht sein, ich dufte nicht, ich blühe nicht, ich locke nicht mit Farben. Doch auch ein Zufall macht kein Wunder. – Ein besonders interessanter Fall von rückläufiger Doppelung ist das Palindrom, zu lesen von links nach rechts wie auch von rechts nach links, ein Wort oder ein Satz, bei dem entweder beide Lesarten denselben Wortlaut und dieselbe Bedeutung erbringen (tot :: tot) oder bei dem je nach Leserichtung zwei unterschiedliche Wörter und damit auch zwei unterschiedliche Bedeutungen entstehen (Not :: Ton). Die Paarigkeit – ob gleichartig wie im ersten Fall oder ungleichartig wie im zweiten – entsteht hier also durch die rekursive Einschmelzung eines Worts im andern, was einer Umkehrung der »im wahren Leben« üblichen Paarbildung entspricht, bei der ja zwei durch Verschmelzung eins werden … Eins zu werden glauben, während umgekehrt beim Palindrom aus einem zwei werden – seien es nun zwei Einzelne, die sich als ähnlich, vielleicht gar als identisch erweisen (o nur Bruno :: o nur Bruno) oder die durchaus gegensätzlich sind (Regen :: Neger). – Eine vielleicht neunzehn-, zwanzigjährige Frau, sichtlich schwanger, schneidet mir diesmal das Nackenhaar; sie arbeitet sehr geschickt und versiert, berichtet nebenher, wie es jedes Mal zu einem Ansturm weiblicher Kundschaft kommt, wenn Victoria Beckham mal wieder ihre Frisur ändert. »So wie die Becky, genau so will ich’s haben …« Also muss die Friseuse, um die Kundinnen beraten und bedienen zu können, jederzeit darüber informiert sein, wie die Prominenz, die immer die aktuellen Vorbilder abgibt, das Haar trägt, in welcher Farbe, mit welchem Schnitt und … aber ich stelle mir nun versuchshalber einmal vor, Victoria B. hat plötzlich genug von ihrem Glamourleben, sie haut unerkannt ab, lässt sich irgendwo in Irland oder Alaska nieder, übernimmt einen bescheidenen Job als Friseuse und verpasst nun den ortsansässigen jungen Frauen, die zu ihr in den Salon kommen, jenen Haarschnitt, den sie selbst noch vor kurzem getragen, inzwischen aber durch eine ganz andere Frisur ersetzt hat. Doch niemals wieder wird diese neue Frisur zum Vorbild für Millionen von Abiturientinnen und Hausfrauen werden, da nur eine Very Important Person mit entsprechender Nachahmung rechnen kann. Als unerkannte Nonperson wird Victoria B. – dieselbe Victoria B., die heute ein globales Mode- und Designunternehmen leitet – ohne jeden Einfluss bleiben. Die schlichte Versuchsanordnung lässt erkennen, wie relativ der Qualitätsfaktor ist im Vergleich mit ökonomischen Voraussetzungen und zeittypischen Begleiterscheinungen. Dass eben dies auch für Kunst und Literatur gilt, ist offenkundig. Nicht die »Not«, sondern der »Ton« macht die Musik. – Nach zwei verhältnismäßig ruhigen Wochen meldet sich im Kopf vom Nacken her zunächst schleichend, dann walkend der Schmerz zurück. Draußen wälzt sich die Sommerhitze in sich selbst, presst bisweilen einen dürftigen Regenguss aus der schweren Luft. Die allseitige diffuse Helligkeit hat etwas Bedrohliches, scheint eine Katastrophe anzukündigen, einen Bergsturz, einen Föhnsturm. Derweil mache ich mir das Leben mit John Potocki schwer. Ich sollte die Einladung von Ernest Wichner nach Sibiu zu einer Gedenkveranstaltung für Oskar Pastior bestätigen. Muss die von Sabine Mainberger eingefädelte Gastprofessur am Berliner Szondi-Institut ausschlagen, da ich den vorgegebenen Zeitplan nicht mit meinen Projekten in Übereinstimmung bringen kann. Auch laufen nun in der Kantonsbibliothek St. Gallen die Vorbereitungen zu meiner Bohemica-Ausstellung an (Prager Frühling); für die Korrekturen der Werkausgabe von Anatol von Steiger reserviere ich die zweite Juniwoche. – Ein einziges Mal habe ich als Schuljunge meinen Vater überlebensgroß im öffentlichen Raum wahrgenommen. Der öffentliche Raum beschränkte sich allerdings auf den kleinen Vorgarten bei unserm Haus, wo Vater an einem eigens gezimmerten Holzgestell das Wahlplakat seiner Partei ausgehängt hatte – vom Gestell herab lächelte der Kandidat aus einem riesigen Gesicht den Passanten zu. Ich war ein wenig stolz auf ihn; und auch auf mich. – Das Licht im schwach besetzten Kinosaal ist bereits auf Halbdunkel gedimmt, für jeweils drei Zuschauerreihen steht ein großer Flachbildschirm zur Verfügung. Der in meiner Reihe (weit hinten, nah dem Exit) an der Seitenwand angebrachte Monitor ist noch schwarz, als eine junge Frau sich an mir vorbeidrängt und wortlos das Gerät von der Wand nimmt. Ich protestiere; sie sagt schnippisch: Wird ja nicht gebraucht! Also geh ich in das Lokal nebenan, hoffend, es gebe auch dort noch einen freien Zuschauersitz. Um hineinzukommen, muss ich mich durch eine Vielzahl schwerer Vorhänge arbeiten, gerate in ein ordinäres Etablissement, in dem offenbar die Schwulen das Sagen und das Vergnügen haben. Wieder protestiere ich – ich hab doch für den Film bezahlt, und nun soll ich hier irgendwelche Energydrinks konsumieren. Doch protestieren bei wem? In der hintersten Ecke des Lokals seh ich durch die Rauchschwaden hindurch drei mit uniformierten Damen besetzte Schalter. Während ich mich zwischen den Tischen dorthin bewege, überlege ich angestrengt, an welchem der drei Schalter ich mich beklagen soll … bei welcher der Damen ich meine Forderung am ehesten würde durchsetzen können. Entscheide mich für den Schalter rechts. Verlange mein Geld zurück. Die Dame, eine vergrämte Mittfünfzigerin, weist mich unwirsch ab: Bezahlt ist bezahlt! Ich beharre, nenne sie (viel zu laut:) »Dumme Gans!«, wende mich an die Dame links, wiederhole meine Forderung, die diesmal sogleich akzeptiert wird. Es folgt ein langer Rechenprozess am Zählrahmen, ich kriege statt sieben achtzig nur gerade vier zurück, der Rest wird »als Schreibgebühr« einbehalten. Verärgert wende ich mich ab, verlasse den Raum, geh auf die Suche nach dem Auto, ich will weg, werde nach Haus fahren. Ich finde das alte VW Cabrio in einer steil ansteigenden Sackgasse, die grade von einem schräg stehenden Wäschetransporter versperrt ist. Nach langem Warten lasse ich mich im Leerlauf in den abendlichen Büroverkehr rollen. Auf der hintern Sitzbank ist mein Proviant gestapelt, darunter sehr viel Trockenfleisch, Konservendosen, Knäckebrot, auch Ersatzkleider und Kletterschuhe. Eigentlich bin ich ja gut gerüstet für die Wüstenfahrt, doch ich komme wieder nur zu Haus an.

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