3. Oktober

Von allem zu viel … zu viel Hochwasser, Geld, Wörter, Feinstaub, Menschen, Kampfhunde, Ozon, Trinkwasserknappheit, Saharasand, Suizide, Einwanderungsanträge, Halbwissen, Halbwahrheiten, CO2-Ausstoß, Doping- und Korruptionsfälle, Mädchenbeschneidungen, Elefantenhochzeiten, Verkehrstote, Kunstfehler, Trickdiebstähle, Verlagsgründungen, Verlagsschließungen, Falschdiagnosen, Ehrenmorde, Scheinargumente und … und auch zu viele Zikaden, jedenfalls überzieht zur Zeit – auf Youtube gibt’s die Bilder dazu – eine Zikadenplage Teile des Nordostens der USA. Zu Milliarden wimmeln und schnarren die zwei bis drei Zentimeter langen Insekten als lebendige Teppiche am Boden oder als schwarze schwirrende Wolken in der Luft. Alle siebzehn Jahre, so lese ich heute in einem Agenturbericht der dpa, »erwachen« die Zikaden (Magicicada septendecim, im Volksmund auch Darth Vader genannt) und formieren sich zu gewaltigen Schwärmen, die als ein einziges Zirpen und Sirren über Land und durch die Städte ziehn. Die Schwärme lösen Irritation und Ängste aus, doch die Zikaden sind, auch in Millionenstärke, völlig harmlos, fressen keine Ernten weg, stechen nicht, verdunkeln nur den Himmel und die Stimmung; sie treten auf, tun sich zusammen, heben ab, schweben nieder, besetzen Wälder und Gärten, lagern in Hecken, setzen sich in Kleidern und Frisuren fest – schmale Flug- und Resonanzkörper, bestückt mit rot leuchtenden Augen und durchsichtigen, kupfrig schimmernden Flügeln, die auch als Fiedelbögen dienen. Die Unzahl wie auch der überbordende Geräuschpegel der Zikadenschwärme stehen in seltsamem Kontrast zu ihrer Harmlosigkeit und Anspruchslosigkeit – einmal in siebzehn Jahren kommen sie, mal da mal dort, massenhaft in die Welt, nur um nach exakt vierwöchigem Schnarren und Schwirren spurlos zu verschwinden und irgendwo ohne den geringsten Todeslaut zu verenden. Was für eine Mission! Was für ein Gratisakt! – Dieser Erde da – als wäre sie der erste beste
aaaaaPatient – die linke Hand auflegen und mit der rechten
aaaaaden Befreiungsschlag erwägen. Hin und
aaaaaher das Ding zu wenden. Auf der Brust den Sieg
aaaaaund all die andern Gaben tragen.
aaaaaSchwindelfrei dagegenhalten. Rasch die Nacktheit
aaaaaschürzen. Mal die Fersen mal die Knie
aaaaaim Sand vergraben wie beim Liebemachen. Ach und
aaaaaKrach nur für die hoffnungsvollern Fälle.
– Habe das Pariskapitel zu Potocki abgeschlossen – durchgeschrieben auf der Folie einer alten Familienlegende, wonach ein ferner Vorfahr des Grafen Jan Nepomucen Potocki bei einem Studienaufenthalt in Paris den jüdischen Glauben angenommen und dafür später in Polen den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen erlitten habe; so weit lasse ich es in meiner Nacherzählung nicht kommen – ich führe John Potocki lediglich mit einem exilpolnischen Schankwirt in Saint-Germain-des-Prés zusammen, der ihn für das Judentum, vor allem für die Kabbala zu interessieren vermag, ihn aber keineswegs zur Konversion bewegen will. Auf Paris werden die deutschen Etappen (Hamburg, Stendal, Wolfenbüttel usf.) folgen, dann kommt Wien als Wendepunkt (Weichenstellung nach Russland), anschließend ist über Potockis Karriere in Petersburg zu berichten, seine unehrenhafte Verabschiedung, seine Studien- und Abenteuerreise der Wolga entlang und westwärts durch die große Steppe, schließlich die Heimkehr über den Kaukasus und die Krim ins besetzte Polen. Bleibt also noch eine weitläufige Schreibbewegung – dass ich sie zu Ende führe, ist die unabdingbare Voraussetzung für John Potockis Überleben und Sterben in der Biografie, die er von mir verpasst bekommt. – Wer ist Monsieur Teste? Und was ist mit ihm … was ist bei ihm los? In der Sekundärliteratur und auch beim interessierten Lesepublikum gilt Paul Valérys Kunstfigur weithin als ein Robotbild seiner selbst … als ein intellektuelles Selbstbildnis, das ihn schon durch seinen Titel (oder Namen) – »Teste« – tête – als einen Kunstkopf ohne Rumpf und Unterleib ausweist. Ich neige eher dazu, den Teste als Gegenfigur zum Autor zu begreifen … als Konkretisierung dessen, was Valéry gerade nicht hat sein, nicht hat leben wollen – ein Genius im sozial aseptischen Raum, ohne Verantwortung und ohne nutzbringende Produktivität. Monsieur Teste führt in seinem Namen nicht nur den »Kopf« als Bedeutung mit sich, sondern auch den »Test« (Versuch, Prüfung) und, nicht zuletzt, das »Zeugnis« (Testimonium) und die »Testikel« (Zeugungsorgane). Man darf sicherlich davon ausgehen, dass Valéry all diese Bedeutungen bei der Namensgebung für seine Kunstfigur berücksichtigt und für gleichermaßen gültig gehalten hat, gleichsam als Diktat der Sprache selbst. Liest man seine ›Hefte‹ und seine Korrespondenzen (vor allem jene mit Catherine Pozzi), wird offenbar, wie stark Valéry von seiner Körperlichkeit bestimmt und abhängig war, so stark nämlich wie jedermann … wie du und ich. In der Alltagswelt hat das Soma unabweisbaren Vorrang über das Sema, in der abgehobenen Welt des Monsieur Teste ist es umgekehrt. Wenn ich nun Valérys Schriften zu seinem Teste-Programm wiederlese, bestätigt sich mein früherer Eindruck, wonach der kühl berechnende, stets stilvolle Herr keineswegs als ein Selbstentwurf und Wunschprofil des Autors intendiert ist, sondern eigentlich als ein Schreckbild, zumindest aber als eine Karikatur des weltfremden und körperfeindlichen Intelligenzlers. Der Geist – »O mon Esprit!« – heißt es in Valérys ›Auszügen aus dem Log-Book‹, sei zwar »mein«, doch er sei nicht »Ich«, und ebenso wenig taugt, meines Erachtens, Monsieur Teste als Identifikationsfigur für den, der ihn erfunden hat. »Verachte deine Gedanken, sie kommen wie von selbst. – Und sie kommen wieder!« – Bin kurz nach Büroschluss unterwegs zum Bahnhof, umgeben und behindert von entsprechend vielen eiligen Passanten. Unerwartet stoße ich mit Gottschalk zusammen, entschuldige mich, er lüftet seine graue strähnige Perücke, verwehrt mir aber den Vortritt am Kiosk, wo er sich nun einen kurzstieligen Blumenstrauß reichen lässt, »ein Geschenk für Isolde«, flüstert er mir über seine rechte Schulter zu. Ich bitte ihn beiläufig, Isolde von mir zu grüßen, und jetzt, da er bedient ist, lasse ich mir von der Verkäuferin die Autokarten vorlegen – ich brauche Deutschland, Portugal und … und überhaupt brauch ich ganz Europa. Die Kioskfrau kommt zurück, sie trägt mehrere Rollen Klopapier auf den Armen, ganz unterschiedliche Qualitäten, darunter ein besonders teures durchscheinendes Papier, sehr dünn, aber angeblich reißfest »wie ein Netzstrumpf«. Trotzdem verfahre ich mich gleich schon zu Beginn der Reise, lande auf einem leeren Parkplatz, der eigentlich abgesperrt ist, aber irgendwie manövriere ich mich zwischen den Pollern durch, komme an einer Betonschwelle zum Stehen, und mir ist schon klar, dass ich das Auto gründlich checken lassen muss vor dieser großen Tour, aber nein, ich werde nicht zu Isoldes Geburtstagsparty fahren, Gottschalk wird ihr meinen kleinen Gruß längst ausgerichtet haben. – Mary Stockhausen über Liebes- und Kunstquerelen: Überzeugend berichtet sie in einem Fernsehinterview, wie es ihr gelungen ist und gelingt, Rache, Neid, Widerrede, aber auch Recht haben und antworten wollen zu unterdrücken, und wie dann jeder Verzicht, im Gegenzug zum Anspruch, zu einem Gewinn wird … zu einem Gewinn werden kann. Im mehrfachen »Haushalt zu dritt« mit Stockhausen und dessen Nebenfrauen habe sie dennoch ihr Glück gefunden: »Man muss gelten lassen! Dann kommt alles von alleine.« – Dreimal Foucault: »Die Würdelosigkeit, für andere zu reden.« Und: »Die Würde, nicht im Namen anderer zu reden.« Aber: »Die Unwürde, verstanden zu werden.« Einmal Deleuze: »Kein Bock auf das Eine, auf das Ganze, auf die Vernunft, auf das Subjekt, auf Gott und die Welt.« Kein Bock auf die Eins? Umso mehr Bock auf die Null! Doch was ist gewonnen … was ist zu gewinnen, wenn man die digitalen Progressionen von lauter Nullen und Einsen in einer großen Nullität leerlaufen lässt? – (Traum, nachmittags:) Ich wohne mit meiner alten Mutter in einem alten Haus, das entfernt an mein Elternhaus erinnert, aber in einem steilen Hang mit zahlreichen andern Häusern steht, umgeben von einem Garten, umzäunt mit »lebendigem Hag«, in dem die Meisen und die Amseln jubeln. Unangemeldet kommt, auf ihren Stock gestützt, aber guten Muts, die sechsundneunzigjährige Elsa Mahler, meine ehemalige Schullehrerin, die ich mit ehrlichem Respekt begrüße und gerne durch unser Haus führe. Ich zeige ihr unsre Regale voller russischer Bücher, doch sie mag den weißen Kopf nicht heben, weist aber gleich bei der nächsten Schwelle mit dem Stock auf den Boden. Da liegt ein knorriger, teilweise geschälter, sehr unregelmäßig gewachsener Ast, und die alte Dame heißt mich, auf diesem Totholz – wie auf einem Steg – von einem Zimmer ins nächste zu gehen. Der Ast knirscht unter meinen Füßen, ich sehe hinab und schaue auf meine weichen biegsamen Pantoffeln, die wie riesige Katzentatzen auf dem Steg entlang gehen. »Schön!«, ruft aus dem Hinterhalt Frau Mutter: »So muss es sein!«, derweil ich bei jedem Schrittchen beinah das Gleichgewicht und damit beinah mein Leben verliere. – Habe verschlafen … versuche, mich an die Träume von heute Nacht zu erinnern; viel bleibt nicht davon übrig. Anderseits beginnt ja nun wieder der ganz normale Tagtraum – nicht weniger fantastisch als die ebenso normalen Träume im Schlaf. – Bei mir (in der Poesie) kehren Gott, Ich, die Welt, die Zeit, das Leben usf. verhältnismäßig häufig wieder, aber nicht um begriffen oder begreiflich gemacht zu werden, sondern um die poetische Tauglichkeit dieser Allgemeinbegriffe zu testen, indem ich sie wörtlich nehme … indem ich sie als Wörter einer ungewohnten Umgebung aussetze, sie dadurch verfremde und damit auf besondere Weise wahrnehmbar werden lasse: Kein Ich ist für das Wort »ich«
aaaaagroß genug. Wie kein Gesicht fürs Licht.
Und Gott bleibt im Englischen lautlich wie schriftlich an den Hund gebunden, wenn auch in umgekehrter Aufzäumung: god_dog. – Der ganze sture Sommer ging diesmal sozusagen flöten bei meinem ständigen unabwendbaren Nachdenken über Tod und Freiheit und Freitod, eingeschlossen die endlosen Lektüren zum Thema, von der Stoa über Boethius bis hin zu Améry und Cioran. Inzwischen ist mir, unabhängig von aller Nachdenklichkeit, unabhängig auch vom Nachlesen bei meinen Gewährsleuten, wenigstens klar geworden, dass der Freitod nur dort eine adäquate Option ist, wo es, aller Verzweiflung und jedem Schmerz zum Trotz, die Kraft und Souveränität dazu gibt. Der Tod kann nicht frei sein, wenn er unter äußerm oder innerm Druck bewerkstelligt wird. Anderseits braucht man auch nicht glücklich zu sein, um den Freitod zu wählen, doch vielleicht müsste man irgendwann im Leben glücklich gewesen sein, um den Schritt darüber hinaus tun zu können? Das ist, zugegebenermaßen, eine logisch nicht gerade überzeugende Schlussfolgerung, deren Umkehrung auf die ebenso triviale Devise hinausliefe, wonach man – etwa als Sportler, als Künstler, als Investor – spätestens dann aufhören sollte, wenn man auf dem Höhepunkt seiner Möglichkeiten und seines Erfolgs angekommen ist. Ob Ossip Mandelstam dies im Sinn hat, wenn er den Tod als die höchste Leistung im Werk jedes Künstlers zu erkennen glaubt? »Skrjabins Tod möchte ich«, schreibt er 1915 in einem erhellenden Nachruf, »als höchsten Akt seines Schöpfertums bezeichnen. Ich meine, der Tod eines Künstlers darf nicht aus der Kette seiner Schöpfungen ausgeklammert werden, man sollte ihn als letztes, abschließendes Glied betrachten … er dient auch als eine Art Quelle dieses Schöpfertums, als sein teleologischer Ursprung. Zieht man den Schleier der Zeit von diesem schöpferischen Leben, so fließt es frei aus seinem Urquell – dem Tod, und breitet sich um ihn aus wie um seine Sonne und nimmt deren Licht auf.« Diese Vergegenwärtigung des Tods als Beginn, als Quell, als schöpferischer Impuls und gleichzeitig als Vollendung künstlerischen Tuns mag etwas überbelichtet und allzu erhaben sein, ließe sich vielleicht jedoch zusammendenken mit dem Freitod als Jubel … als Triumph des Lebens. – Nun wieder im Jura. Hier ums Haus und in der Region steht der schönste Herbst aller Zeiten, überspannt von leicht dunstigem Blau, durchweht von lauer Luft, unterlegt mit warmen Farben, mildem Duft, kaum noch hörbarem Summen. Die täglichen Waldgänge auf völlig menschenleeren Pfaden empfinde ich wie eine schwebende Flugbewegung, leichter (sozusagen:) als Sein, ungemein befreiend und inspirierend zugleich – da schießen zwischen den Schläfen immer wieder (und noch jedes Mal) Wörter zu Sätzen zusammen, bevor es dafür … bevor es dazu eine Idee, ein Projekt gibt. So entstehen bei mir (nehmen ihren unwillkürlichen Anfang:) nicht nur Gedichte oder Geschichten, sondern auch Formulierungen, die diesen oder jenen Gedanken überhaupt erst zur Sprache bringen und damit »aufheben«.

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