31. Oktober

Nach einem knappen Mittagslunch (siebeneinhalb Minuten, auf dem Balkon stehend, mit weitem Blick ins Mittelland) lege ich mich hin, schlafe sofort ein; erst gegen fünfzehn Uhr wache ich aus dem Traum wieder auf: Ich bin mit Bruno Steiger oder Hans Ulrich Reck oder Bernhard Schobinger im ruckelnden Zug unterwegs nach Rom oder Sofia. Wir haben gemeinsam eine Wochenendreise gebucht, wollen uns kurieren und entschlacken lassen, Übergewicht loswerden, die Grabungsarbeiten begutachten. Untergebracht sind wir in einer Jugendherberge, gebaut und möbliert, wie ich vermute, in den 1960er Jahren, und es gibt hier aber keine Gästezimmer, nur Garderoben- und Duschräume, keinerlei Personal. Ich weiß mir gegen meine Blöße nicht anders zu helfen, als dass ich aus der gestrigen Zeitung so etwas wie einen Lendenschurz zusammenstücke, zwei grüne Sichtmappen verwende ich als Schuhwerk, befestige sie mit dicken Gummibändern an den nackten Füßen. Wir gehn gemeinsam ein paar Schritte, trennen uns aber bald, mein offizieller Begleiter und Übersetzer entfernt sich, den flatternden Zeitungsschurz an sich drückend, zur flachen Küste hin, wo eine schüttere hochstämmige Palme schwankend dem Sturm trotzt. Ich selbst geh hinüber zum Stadtgarten, setze mich am flachen Hang ins Gras, bin umgeben von Neugierigen, die wie ich die Ankunft der Twiggy erwarten. Podium, Kameras, Mikrofone stehen für ihren Auftritt bereit, sie kommt per Bahn mit einiger Verspätung an, das Volk erhebt sich, drängt zum Bahnsteig, applaudiert der Angebeteten. Twiggy, eine Matrone, orientalisch gewandet, mit dichtem Grauhaar und Zopf im Nacken, lässt sich von ihren Bodyguards zum höher gelegnen Podium führen, von wo aus sie zu uns sprechen soll. Mit gespreizten Beinen und aufgestützten Ellenbogen setzt sie sich an den bereitstehenden Wirtshaustisch, von hier aus kann ich sie nur durch den riesigen Wasserkrug hindurch sehn, der schräg vor ihr steht. So, in der Brechung, sieht sie aus wie ein buntes Monster, ihr kleiner Mund sitzt im linken Aug, ein Ohr steckt im Scheitel, die Nase steht quer. Ich versuche zu telefonieren, hab dieses Handy aber noch nie benutzt, es ist ein auffallend schweres, sichtlich abgegriffnes Gerät ohne Display und mit unzähligen nicht beschrifteten Tasten. Ich kann den Kontakt nicht herstellen. Derweil beginnt die Séance mit der alten Wahrsagerin – die Gläubigen sitzen zu Hunderten auf ihrem Hosenboden und reichen die Fragen auf zerknüllten Zetteln nach vorn zum Podium – und ich habe nur ein Problem: Wie komme ich weg von hier? Wann fährt der nächste Zug nach Norden? Wo sind meine Kleider versteckt? Wer ist am andern Ende der Leitung? Aber nein, es gibt keine Leitung! Oder? Aber die Leitung ist tot! – Habe mal wieder verschlafen, bin erst zehn vor Sieben aufgestanden, draußen ist’s stockfinster und neblig, ich nehme für den Gang zur Dorfbäckerei die Taschenlampe mit. Die kleine Lampe hat einen eingebauten Dynamo – damit sie leuchtet, muss der Doppelgriff mit stetig wiederholtem Druck und Gegendruck betätigt werden – Training für die Schreibhand! – Neunzig Prozent meiner Lektüren sind Pflichtlektüren, die ich absolviere, um über das Gelesene zu schreiben, Lektüren mithin, die immer schon auf ein bestehendes Interesse oder einen Auftrag hin angelegt und dadurch eingeengt, also defizitär sind. Adäquat kann Lektüre doch nur dann sein, wenn der Text freiheitlich gelesen wird, ohne Projekt, ohne Auftrag, ohne Termin, ohne ein spezielles Interesse. Aber geht das überhaupt – sich ganz dem Lesen hinzugeben, ohne sich des Gelesenen zu versichern? – Nach unruhiger Nacht mit entsprechend wilden Träumen klingelt mich der Postbote kurz nach acht aus dem Schlaf, sofort ist das Traumgeschehen verflogen, nur ein einziges Wort hält sich noch, das Wort »später«, dazu zwei, drei gesichtslose Köpfe im Gegenlicht, weiter nichts. Immer wieder gehen mir Träume verloren, von denen ich nicht nur weiß, dass ich sie hatte, sondern auch, in was für Räumen sie stattfanden und wie die Stimmungslage war, aber es gibt das Personal nicht mehr, das jene Räume bevölkert hat, also keine Handlung, die nachzuerzählen wäre. Das Memorieren wie das Vergessen von Traumereignissen hat seine eigene Gesetzmäßigkeit. Manchmal … selten gelingt’s, vom präsent gebliebenen Traumende her, gleichsam archäologisch, die Geschichte und sogar den Anfang zu erschließen. Der Prozess des Vergessens verläuft bei mir nicht allmählich (etwa als ein Prozess des Verblassens), eher ist es so, dass der Traum … dass das Traumgeschehen gleichsam zerstiebt, in Fetzen geht und unaufhaltsam entschwebt. Nie ist mit diesem Schwinden lebender Bilder kein Bedauern verbunden. – Krys spricht mich auf meine jüngsten lyrikkritischen Versuche an (Besprechungen zu Utler, Bleutge, Krüger, Senser, Egger, Rinck usf.) und stellt unverblümt die Frage: »Was soll’s? Was bringt’s? Wieso tust du dir das an?« Wieso? Korrekter wäre die Frage, wozu ich sowas mache. Im Vordergrund steht das Interesse der Sache … das Interesse an der Sache der Poesie. Lyrik wird kaum noch besprochen, und wenn es gleichwohl geschieht, dann ist in aller Regel von Stimmungen, Gefühlen, Bildern, allenfalls Themen die Rede, und nicht vom Gedicht als solchem … nicht von seiner Sprachform, seinem Kunstcharakter. Um diese Qualitäten bewusst zu machen, sie zu benennen und zu bewerten, stelle ich mir die Aufgabe, die mir vorliegenden Texte auf sprachlicher Ebene und in kompositorischer Hinsicht zu überprüfen. Wie sind die »Bilder« formal gefügt? Mit welchen sprachlichen Mitteln werden Gefühle oder Stimmungen vergegenwärtigt? Wie werden Vergleiche und Metaphern sprachlich realisiert? Ich sehe mich dabei eher als empathischen Leser denn als kritischen Gutachter. Bei meiner Lektüre gehe ich in jedem Fall von dem aus, was ich als Intention des Autors anhand des jeweiligen Gedichts erkenne – ob es ironisch, politisch, weltanschaulich, impressionistisch, bekenntnishaft, formalistisch, experimentell angelegt ist. Nicht meinen Erwartungen oder meinem Geschmack, sondern dem impliziten Kunstwollen des Autors muss das Gedicht mit rein sprachlichen Mitteln gerecht werden. Ich weiß ein starkes Gedicht auch dann zu schätzen, wenn es meinen Vorlieben oder Interessen in Machart und Aussage widerspricht. Unerlässlich ist aber, dass Machart und Aussage des Gedichts mit der künstlerischen Absicht des Autors übereinstimmen, sie beglaubigen, sie bekräftigen. Der Autor muss immer zuerst sich selbst und den eigenen Ansprüchen gerecht werden, doch nur ausnahmsweise – so auch bei meinen eigenen Gedichten – stimmen diese Ansprüche mit jenen der »Kritik« und noch seltener mit jenen des »Publikums« überein. Auch formal schwache Lyrik kann künstlerisch stark sein, wesentlich bleibt, dass der Autor nicht über seine Möglichkeiten hinaus schreibt; dass er bei dem bleibt, was er kann, und sei’s auch nur ein sehr beschränktes Können. Die Formel müsste wohl lauten: Man muss mit allen Mitteln wollen, was man kann. Ich denke an die ungeschlachte Vollkommenheit (oder an das vollendet Ungeschlachte) so mancher Gedichte von Marina Zwetajewa, René Char, Christine Lavant, auch von Hölderlin oder Rimbaud – höchste Sprachkunst, so hoch, dass sie alles Künstlerische selbst dann überbietet, wenn sie hinkend und strauchelnd daherkommt. – Unerwarteter Umschlag vom Dauerregen durch Niesel und Nebel zu frühlingshafter Luzidität – das ist heute einer der stets wiederkehrenden, aber seltenen Märzobertage, herbstlich durchweht von leichter Oktoberbrise, überwölbt von einem völlig durchsichtigen Himmel, mit krausen dunkelgrauen Wölkchen dekoriert, die schräg von unten aus einer nicht erkennbaren Lichtquelle mit vager Röte angeleuchtet sind, der Farbton liegt zwischen Pink und Orange – insgesamt eine Stimmung, die weder fotografisch noch malerisch adäquat festzuhalten wäre; sie muss, um irgendwie fortzudauern, zur Sprache gebracht werden. – Ende Oktober und … aber was eigentlich ist zu Ende, wenn der Oktober vorbei ist? Der Spätherbst? Der Winterbeginn? Ein Monat wie jeder? Viereinhalb Wochen? Zeit oder Zeiten? – Vorgestern starb hochbetagt K. v. A., langjährige Nachbarin in Romainmôtier und weit über die Region hinaus bekannte Kuratorin mit kulturellen Ambitionen. Als selbstbewusste Besitzerin des hiesigen Priorshauses, eines schlossähnlichen Gevierts mit Turmbau und Innenhof, hat sie immer wieder zu Konzerten, Lesungen, Ausstellungen eingeladen, hat junge Künstler gefördert und eigens ein Atelier mit alten Druckmaschinen für Schrift- und Buchgestalter eingerichtet. Nun ist sie, die hier vor Ort während Jahrzehnten allgegenwärtig war, tot. Ich erfahre es aus der heutigen Zeitung – da steht eine großflächige Todesanzeige mit diversen Motti und Maximen, und auf der Liste der trauernden Hinterbliebenen figuriert ganz oben K. v. A’s »Kater Futzli«, gefolgt von ihrer einzigen Tochter und ihren sechs Hausangestellten. – In den »Vermischten Nachrichten« der NZZ findet sich heute eine Notiz aus dem Basler Rauschmitteldezernat. Demnach soll der achtundachtzigjährige Kunsthändler Carl Laszló wegen Drogenbesitzes und Drogenkonsums vorübergehend in Untersuchungshaft genommen worden sein. Was mich an der Pressemeldung vor allem frappiert, ist dass Laszló überhaupt noch lebt … dass er so lang überlebt hat, nachdem er in Buchenwald und Auschwitz inhaftiert gewesen ist und danach gesundheitlich stets angeschlagen war. Ich war als Student in den mittleren 1960er Jahren mit ihm bekannt geworden, verdanke ihm die ersten Einsichten in die Avantgardekunst Osteuropas, las mit Interesse seine großformatige Zeitschrift ›Panderma‹, habe ihn in Erinnerung als witzigen, oft auch zynischen Gesprächspartner, als Kettenraucher, als Gewohnheitstrinker, bewunderte seine Schlagfertigkeit und Radikalität, konnte mich aber in seinem sektiererischen Zirkel (zu dem unter andern der taubstumme anarchistische Buchhändler Koechlin gehörte) nicht halten, da ich politisch zu wenig kompetent und zu schwach engagiert war. Während Jahrzehnten war von Laszló, der in Basel bis heute eine herrschaftliche Villa (zugleich seine Galerie) bewohnt, nichts mehr zu hören, nichts zu lesen, und nun ist er plötzlich wieder präsent wegen dieser Drogengeschichte. KZ-Überlebender, Kunstsammler, Linksextremist, Verleger, Querdenker, Genussmensch – wie kommt und bleibt das alles in einem Leben zusammen, das fast schon ein ganzes Jahrhundert umgreift? – Und heute plötzlich wieder ein untadelig strahlender Morgen. Der Himmel um acht Uhr früh noch etwas blass, aber doch schon deutlich mit Luftblau eingefärbt. Der laue Landregen der vergangenen Tage und Nächte ist spurlos verdampft, der Weg weist kaum noch feuchte Stellen auf. Das abgewrackte Laub liegt starr am Boden, sieht aus wie steife bunte zerknüllte Papierschnipsel und … aber wenn ich mich nun auf die Bank am Waldrand setze und mit vorgebeugtem Kopf zwischen meine Schuhe schaue, erkenne ich plötzlich wie aus ferner Höhe eine karge flache Landschaft, die zerschlissenen zusammengewehten Blätter stellen Baumgruppen dar, Buschwerk, Hecken oder auch, wenn sie glatt liegen, öde abgemähte Felder. Durch diese Landschaft … durch diese abgefallenen und verformten und verfärbten Blätter kriechen mit auffallender Langsamkeit dickleibige, metallisch schimmernde Fliegen – kriechen aufeinander zu, aneinander vorbei, übereinander hinweg, streifen oder stoßen sich mit den bläulichen Panzern und Antennen; doch keine der Fliegen fliegt auf, wie Kriechtiere halten sie sich an die vorhandene Unterlage, hier also an die unregelmäßig verstreuten, teils schon halbverfaulten Blätter. Was ich vor mir … was ich unter mir sehe, präsentiert sich nun in einem Effekt jäher Verfremdung als Kampfzone, ich erkenne Schützengräben, Barrikaden, Gebäude, Gehöfte, Waldungen, Lichtungen und … und zahllose Panzerfahrzeuge, alle vom gleichen Typ, die sich zur Schlacht aufstellen. Auch in dieser alltäglichen Umgebung, auch in meiner gewöhnlichen Optik, auch dort, wo es um nichts geht – um keinen Gewinn, keine Überlegenheit, keine Unterdrückung – auch da herrscht sichtlich Krieg. – Krys hat ihre eigenen Wege und verfolgt sie mit eindrücklicher Konsequenz; ich habe meine eigenen Orte und versuche sie zu halten. Wenn man zusammen ist und doch kaum noch zusammenkommt – wozu also zusammenbleiben? Wozu (und wie denn nur!) in »Beziehungen« leben? Jede gelebte Beziehung verlangt so viele Abzüge an Wünschen, Erwartungen, Hoffnungen, sogar an Erinnerungen, dass man … dass einer wie ich zuletzt doch wieder nur bei sich selbst aufläuft. Ptschchu und … und ade.

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