4. April

Als Edmond Jabès Anfang 1991 im Alter von neunundsiebzig Jahren starb, galt er weit über seine französische Wahlheimat hinaus – vor allem in Italien und den USA – als wegweisender Protagonist eines »poetischen Denkens«, das seine Energie und seine Aussagekraft nicht aus der Begrifflichkeit, vielmehr aus der Materialität der Sprache gewinnt, aus ihrem Klangcharakter einerseits, aus ihrer Schriftbildlichkeit anderseits. Noch in seinen letzten Lebensjahren hat Jabès ein halbes Dutzend Bücher vorgelegt, bei internationalen Kolloquien wurde sein Werk auf höchstem Niveau gewürdigt, er selbst fand mit Lesungen und Vorträgen (auch in Deutschland) ein enthusiasmiertes Publikum, und nicht zuletzt die damals in rascher Folge veröffentlichten fremdsprachigen Buchausgaben trugen zu seinem späten Ruhm bei. Doch hielt dieser Ruhm nicht lange an. Wenn Jabès heute – einundzwanzig Jahre nach seinem Tod und ein Jahrhundert nach seiner Geburt – längst wieder der Geheimtipp ist, der er bis in die mittleren 1960er Jahre gewesen war, so entspricht dies zwar seinem dichterischen Selbstverständnis, das Anonymität und Subversion weit höher veranschlagte als Erfolg und Einfluss. Als »subversives Werk« hat Jabès in einem kleinen Essay das Schaffen des Komponisten Luigi Nono charakterisiert – und damit, implizit, auch sein eigenes: »Subversiv, indem es bloß versucht, das auszudrücken, was im Herzen dessen verborgen bleibt, was sich entblößt. Bisweilen weckt etwas mit leiser Stimme Geäußertes mehr Echos als jedes Geschrei; aber das sind innere Echos …« – Edmond Jabès’ Rückkunft »ins Geheime« hat verschiedene Gründe. Mit dem schwindenden Einfluss der »dekonstruktiven« Textauslegung und mit dem gleichermaßen schwindenden Interesse an einer autopoietischen, aus der Sprache selbst generierten Wortkunst ist auch sein Werk »unzeitgemäß« geworden. Im Vergleich zur derzeit weithin dominanten Befindlichkeitslyrik, für die Seelenzustände und Alltagswelten mehr Relevanz haben als das »Sprechen der Sprache« oder formalistische Wortspiele, wirkt seine philosophisch, wenn nicht gar mystisch imprägnierte Dichtung elitär – abgehoben von aktuellen Problemzusammenhängen, zu sperrig für eiliges Verstehen, nicht zitierbar zu praktischer Lebenshilfe oder als politisches Diktum. Doch das Unzeitgemäße behauptet sich bei ihm als das Überzeitliche, als das, was resistent bleibt im Verschleiß der Trends und der Hits, die den aktuellen Literaturbetrieb auf Touren hält. »Das Wort gewinnt seine Heraufkunft von dem, der es wahrgenommen hat. Entblößt läuft es Gefahr zu gefallen oder zu missfallen; beurteilt zu werden«, heißt es in einer postum in der ›Quinzaine littéraire‹ publizierten Stellungsnahme des Autors: »Was sollte es im Übrigen anderes sein als ein Denken, das dem Tag entlockt wird? Ich denke, und mein Denken erfüllt mich mit Worten. Ich höre, und mein Denken erfüllt mich mit Stille; denn Wort und Stille sind Denken, gerade dort, wo sie sich treffen, um ineinander aufzugehn. In intimstem Sein.« – Unentbehrliche Sonntagspresse! Nichts als Tratsch und bunt vermischte Meldungen über Unfälle, Verbrechen, Katastrophen, Skandale, Wahlen, über Trends in allen Lebensbereichen (Lifestyle), über Scheidungen, Rücktritte, Rekordgewinne, Rekordverluste, Todesfälle, Bestleistungen, Auszeichnungen, Burnouts, Comingouts, Ups und Downs. Was ich aus der Sonntagspresse und den beigelegten Werbeprospekten erfahre, ist wesentlich mehr, als was mir die Belletristik, das Feuilleton, die Philosophie weismachen können. Nur das Internet weiß noch mehr, doch dort muss ich mir die Fakten selbst zusammensuchen. Die Sonntagspresse bringt alles unter einen Hut … bringt alles auf einen Nenner. Der Nenner ist der sogenannte Normalverbraucher. Der Normalverbraucher steht für »die Menschen« und für »den Menschen« schlechthin, ist also einer, dem auch ich einigermaßen ähnlich sehe. Witzfigur, Horrorgestalt, Durchschnittstyp – alles unter einem Profil. Hauptsächliche (am häufigsten rapportierte) Eigenschaften: korrupt, eifersüchtig, wohltätig, erfinderisch, ausbeuterisch, rächerisch, ruhmsüchtig, drogensüchtig, fresssüchtig, sexsüchtig, arbeitssüchtig, arbeitsscheu, reisefreudig, geldgierig, neidisch, trendbewusst, rücksichtslos, gläubig, militant, extremistisch usf. Aus dem heutigen ›Matin Dimanche‹ erfahre ich im Verlauf des Frühstücks, dass weltweit im Eishockey »die Gewalt explodiert«; dass in Lausanne ab kommender Woche die Notfallsanitäter mit kugelsicheren Westen und Schlagstöcken ausgerüstet werden, um gegen randalierende Patienten gewappnet zu sein; dass der Schauspieler Alain Delon, 73, seine Frauen regelmäßig misshandelt und seinen Sohn kürzlich spitalreif geschlagen hat; dass verheiratete Männer mehr Schokolade konsumieren als geschiedene; dass auf der italienischen Seite des Monte Rosa siebenundzwanzig Wildschweine erlegt wurden, die mit Cäsium 137 verstrahlt sind; dass bei Orange Schweiz neunundzwanzig Angestellte entlassen und gleichzeitig aufgefordert werden, ihre Nachfolger in einer rumänischen Tieflohnfabrik auf ihren Job vorzubereiten; dass die Geissens keine Millionäre und trotzdem pleite sind; dass Daniel Vasella, der bei Novartis Gehälter und Boni in dreistelliger Millionenhöhe bezogen und unter öffentlichem Druck eine Abgangsentschädigung von zweiundsiebzig Millionen zurückerstattet hat, demnächst »in den USA eine neue Herausforderung annehmen« wird; dass mehrere tausend Personen am Begräbnis des »meistgehassten Tessiner Kantonalpolitikers« Giuliano Bignasca teilgenommen haben; dass die Schweizer Regierung den Schweizer Winzern zehn Millionen Franken für die Verbilligung ihrer Weißweine AOC zugesprochen hat und … aber niemand weiß, wie die Summe zu verteilen ist, und die Winzer drohen nun, den Qualitätswein »in die Gosse zu schütten«; dass die öffentlichen WCs in Genf trotz viermaliger Reinigung pro Tag wegen Verschmutzung und Vandalismus größtenteils nicht mehr benutzbar sind; dass die schweizerische Landwirtschaft jährlich Schäden und Mehraufwand in Höhe von zweihundert Millionen Franken finanzieren muss, die durch das Wegwerfen oder Deponieren von Müll aller Art – Plastiktüten, Altmetall, Autoreifen, Haushaltsgeräte – verursacht werden (200 Mio!); dass der eben in Rente gegangene jurassische Nationalrat und Gewerkschaftsführer Jean-Claude Rennwald seit vergangener Woche den »ersten Roman seines Lebens« zu lesen versucht – »eine Liebesgeschichte zwischen einer sehr schönen Frau, einer Migrantin aus Chile, die in der Uhrenindustrie arbeitet, und einem Gewerkschafter«; dass man der schlechten Alltäglichkeit für 788 Euro mit einem Flug der Emirates nach Dubai leicht und billig entkommen kann; dass ein Drittel der Schweizer täglich Schokolade zu sich nimmt, und zwar mit Vorliebe »abends auf dem Sofa«; dass Dieter Meier nebst seinen vielfältigen künstlerischen Aktivitäten Aktionär bei Ulysse Nardin ist; dass die Auftragsbücher der schweizerischen Bauindustrie, trotz massiver Proteste von Natur- und Landschaftsschutzorganisationen gegen vielerlei Großprojekte, für die kommenden elf Monate »zum Krachen voll« sind und die »Baukräne wie Pilze aus dem Boden schießen«; dass das milliardenschwere Konto der usbekischen Oligarchin Gunara Karimowa, genannt »la Princesse«, wegen Korruptions- und Geldwäscheverdachts bei der Genfer Bank Lombard Odier gesperrt worden ist; dass der aus Albanien gebürtige Friedhofsgärtner Enver H. seinen besten Freund mit Messerstichen in den Nacken getötet hat … hat töten müssen, um, wie er nun vor Gericht »unter Tränen« angibt, »die Familienehre zu retten«; dass … ich könnte statt dessen auch mal wieder das eine oder andre Stück von Shakespeare lesen, egal, ob Tragödie oder Komödie, der Mensch stinkt vom Kopf her, und die heutige Sonntagspresse bestätigt es auf dem provinziellen Niveau, das auch meins ist, zu dem ich jedenfalls, jede Woche wieder, als Gaffer gehöre. So entsteht bei mir bisweilen der Eindruck, dass sich meine Alltagswelt, nicht anders als die höhere Welt von Politik und Wirtschaft und Wissenschaft und Kunst, aus lauter Aprilscherzen zu einer einzigen menschlichen Tragödie fügt. – Gleichstellung … Gleichschaltung in allen Belangen soll endlich Gerechtigkeit schaffen. Wo Gerechtigkeit geschaffen werden muss, entsteht notwendigerweise andernorts neue Ungerechtigkeit. Weder Gleichstellung noch Gerechtigkeit lässt sich durchsetzen – beides ergibt sich oder … oder ergibt sich nicht. – Ich notiere hier nun hin und wieder eine Idee zu meinem neuen Romanprojekt, dessen episodenhafte Handlung gleichzeitig im 18. und 21. Jahrhundert spielt beziehungsweise gespielt wird, und zwar – am Beispiel entsprechend ausgewählter und eingesetzter Protagonisten – als Wieder- und Widerspiel zwischen Rationalität einerseits, Spekulation, Imagination, Witz und Wahnwitz anderseits. Was Jean Starobinski in seinem Buch über Aktion und Reaktion als Primärgeste westlichen Denkens dokumentiert hat, wird ja gerade im 18. Jahrhundert immer wieder von Spinnern konterkariert, von geistigen Abenteurern, die zweimal zwei mit Vorliebe fünf oder dreizehn sein lassen – selbst Newton (mit seiner »neuen« Chronologie) oder Leibniz (in seinen Chinastudien) sind in solche Interferenzbereiche vorgestoßen, abgesehen von Schaustellern aller Art, die damals gegen die Evidenz der klassischen Physik und damit des logischen Denkens mit spielerischem Ernst angetreten sind. Leben und Werk als Schaustellerei – das ist die Grundidee, dafür suche ich das passende Personal und die passenden Kulissen.

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