4. Oktober

Im Zusammenhang mit meiner Nomination zum Buchpreis werde ich nun als Literat in eine marktschreierische Ochsentour eingespannt, mit Lese-, Interview-, TV-, Radio- oder auch bloß Präsenzterminen zwischen Bern und Berlin. Im November soll ich dann in Basel als Kandidat (so ähnlich wie bei einer Schönheitskonkurrenz) antreten und am Rand der Bühne auf das Verdikt der Jury warten. Komisch. Ich bin unter den Nominierten (mit denen mich künstlerisch überhaupt nichts verbindet) der älteste, ein Zombie fast, der einzige, der auf der Würde (dignité) besteht, für niemanden zu sprechen außer für sich, ergo für mich, und dies im Namen der Literatur als Kunst. Verlorener Posten! In dieser Hinsicht bin ich hier der Exot, sicherlich der Alibiautor ohne reale Gewinnchance. Gewinn! Chance? Oder begreife ich das alles falsch? Jetzt, wo endlich ein Erfolg, vielleicht ein kleiner Sieg sich abzeichnet, soll wieder alles nichts gewesen sein! Ich fühle mich jedenfalls eher ausgebeutet denn belohnt und möchte … möchte aber doch bloß einer Handvoll starker Leser mein Geschriebenes anvertrauen – zu eigenem Gutdünken und Weiterdenken. – Kurzbesuch bei Mutter in B.; sie hat mir gestern Abend »in großer Not« am Telefon von ihrem Zusammenbruch am Mittagstisch berichtet und sich beschwert über »die bösen Leute«, die sich heute nicht mehr um sie kümmerten – auf dem Tisch habe sie in der Früh einen tiefgefrorenen Apfel, Zwieback und eiskalte Magermilch ohne Kommentar vorgefunden usf. Bin nun also hergefahren, finde sie zusammen mit Schwester Räägi, sehr geschwächt, aber gut betreut und außer Gefahr. Ich hatte ihren Hilferuf tatsächlich für dringlich gehalten, ihre Stimme schien mir schon aus einer andern Welt zu kommen. Es wird für sie schwer sein zu sterben; jemand, der noch mit fast fünfundneunzig Jahren Sauberkeit, Ordnung, Normalität für die höchsten Werte überhaupt hält, wird jede Schwäche für ein persönliches Versagen halten und den Tod für die ultimative Niederlage. Oder irre ich mich? Ist womöglich das Gegenteil richtig? Naturgemäß ist mir Mutter in diesen letzten Dingen um ein ganzes Leben voraus. – Ich lese (»für Felix, mit guten Wünschen«) von Christian Haller den Roman ›Im Park‹, eine vordergründig autobiografische Liebes- und Krankheitsgeschichte, sorgfältig erzählt, zu sorgfältig wohl und zu gediegen, als dass Stil und Thema adäquat übereinkämen. Die Krankheit der Geliebten ist Vorwand und Begründung für einen gepflegten Diskurs über Eros, Treue, Eifersucht, Verrat. Durch die Literarisierung des Stoffs gewinnt die private Geschichte ihre allgemeinmenschliche Dimension. Die Verallgemeinerung wird hier also vom Autor selbst am Leitfaden persönlicher Erfahrungen bewerkstelligt. Man könnte sich … ich könnte mir das auch anders, auch umgekehrt vorstellen. Nämlich so, dass ohne jedes belletristische Beiwerk eine Fallgeschichte dokumentiert wird, die kraft ihrer zwingenden Faktizität und Konsequenz im Akt des Lesens wie von selbst ihre Allgemeingeltung offenbart. Braucht’s denn also den Roman? Den Romanautor, der krude Lebenserfahrungen literarisch nutzbar macht, indem er sich, eben dadurch, aus ihnen befreit und sie gleichzeitig exemplarisch als Fiktion inszeniert? – Erst als wir auf gleicher Höhe sind und ich den Blick zum Gruß hebe, erkenne ich in dem Kapuzenmann, der auf dem Waldweg trabend auf mich zu kommt, den Dorfbäcker. Wir machen Halt, traben an Ort und Stelle weiter, wechseln in der luftigen Kälte anderthalb Sätze, traben – jeder in seiner Richtung – weiter in den »guten Tag«, den wir einander gewünscht haben. – Unterwegs fällt mir Ernst Neiswestnyj ein, der russische Plastiker und Illustrator, den ich in den mittleren 1970er zu Haus bei François Bondy kennenlernte, als er grade erst die UdSSR verlassen hatte. Später traf ich ihn in Venedig wieder, in Paris. Nach seiner Übersiedlung in die USA – er war inzwischen weltweit berühmt und gefragt – korrespondierten wir noch eine Weile, seither hab ich nie wieder von ihm gehört, auch nichts mehr über ihn gelesen. Er soll in den 1990er Jahren nach Russland zurückgekehrt sein. Was ist aus ihm und seinem Ruhm geworden? Warum denke ich grade in diesem Augenblick an ihn, der mir seit Jahrzehnten nicht mehr präsent ist … warum in diesem Wald, bei diesem Schritt, kurz vor der Entscheidung, ob ich den Weg über Croy oder Premier nehmen soll, um heimzukehren? Ist Ernst vielleicht schon tot? Er, der zeitlebens diesen merkwürdigen Namen – kein Pseudonym! – zu tragen hatte: Neiswestnyj, »der Unbekannte«. – Lese erstmals Franz Kafkas ›Process‹ in der kritisch revidierten Neuausgabe. Stilistisch und kompositorisch ist der Roman, genau gelesen, kein Meisterwerk. Was aber macht den Text so stark? Die Tatsache, dass hier alles seine Richtigkeit hat, auch die Stil- und Denkfehler. Jeder Satz ein Treffer, kein Satz – auch nicht der unbedarfteste – wäre besser zu machen. Was andere Autoren als fehlerhaft eliminieren, lässt Kafka im Interesse des großen Ganzen stehn; so meistert er seine Schwächen und gewinnt seine unvergleichliche Kraft. – Heute früh bei Loomans zur Physiotherapie, die erste von insgesamt sechs Behandlungen steht an. Ich befinde mich in einem großen fensterlosen Raum, der durch Vorhänge in mehrere Kojen unterteilt ist, ziehe mich aus, lege mich in Erwartung des Therapeuten auf die frisch mit Krepppapier bespannte Liege. In der Runde, hinter den Vorhängen, wird laut geplaudert, ich höre ausschließlich Frauen – Patientinnen, Pflegerinnen, Masseusen –, die während der Behandlung unentwegt tratschen, wobei sie von ihrer jüngsten Schamrasur bis zum jüngsten Beziehungskrach alles im gleichen Brustton der Überzeugung zur Sprache bringen. Dabei fällt mir – ich liege weiterhin wartend auf dem Rücken – die völlige Andersartigkeit nicht bloß der Thematik, sondern auch der Intonation und des Rhythmus weiblicher Alltagsrede im Vergleich mit männlichen Redeweisen auf. Gänzlich anders ist auch das weibliche Lachen ausgeprägt, das unabhängig vom Gesprächsinhalt regelmäßig nach zwei, drei Sätzen wiederkehrt – es hat durchweg einen Zug nach innen, etwas Verschlingendes, Würgendes, das das eben Gesagte gleich wieder zu tilgen scheint. Doch das sind ja bloß Phänomene, die das Gehör betreffen und dem Lauscher auffallen, Sprechgewohnheiten, die im visuellen Bereich durch die weibliche Körpersprache begleitet und bestätigt werden – kinetisch scheint der Frauenleib entschieden anders programmiert zu sein als der Leib des Manns: Man steht anders, geht anders, bückt sich anders, dreht sich anders, setzt und legt sich anders hin, hält und bewegt den Kopf ganz anders, blickt anders, weint anders. Die Differenzen mögen physiologisch und energetisch bedingt sein, beruhen aber sicherlich auch auf erlernten (anerzogenen oder imitierten) Verhaltensweisen. Sieht man sich diese genauer an – ich werde nach meiner Behandlung, wenn ich wieder draußen auf der Straße bin, Gelegenheit dazu haben –, muss man erkennen, dass weibliche und männliche Körpersprachen Fremdsprachen sind, zwar leicht verständlich, aber durchweg unverwechselbar und unvereinbar, zu übersetzen bestenfalls in parodistischer Absicht. Dass diese körpersprachlichen Unterschiede so wenig auffallen, hat vor allem mit der Kleidung beziehungsweise Kostümierung zu tun, die den Körper verfremdet, indem sie ihn gleichzeitig (in wechselndem Maß und Verhältnis) verhüllt wie auch darstellt. Meine nächste Therapiestunde ist auf Freitag, elf Uhr, angesetzt. – Heute soll ich im hiesigen Literaturhaus mit ›Alias oder Das wahre Leben‹ zu einer Lesung antreten. Zum ersten Mal seit Bestehen des Hauses und seit meiner Präsenz in Zürich, also seit dreißig, vierzig Jahren, habe ich hier nun einen Auftritt. Vorfreude und Erwartung halten sich bei mir in Grenzen. Es ist erst sechs Uhr früh, und mir ist schon klar, dass dies nicht mein Tag ist. Am Abend stellt mich Ulrich Schmid dem reichlich gemischten Publikum vor; jede Kurzlesung aus dem Buch leitet er knapp und kompetent ein, danach reden wir auf dem Podium über die entsprechenden Textauszüge. Öffentliches Reden über eigene Texte – deren Erklärung oder Deutung – ist meine Sache nicht, ist mir eigentlich zuwider, weil dadurch die Leser (in diesem Fall die Hörer) an Verstehensfreiheit verlieren und von subjektiver Sinnbildung abgebracht werden. Ich merke, wie meine Konzentration und auch mein Interesse im Lauf der Veranstaltung abnehmen, behalte zwar die Lesung im Griff, nicht aber meine Präsenz bei der Diskussion – statt Eliot sage ich »Auden«, statt Ravel – »Bartók«, statt Engels – »Pokrowsk«. Bloße Versprecher, doch als solche sprechen sie für sich und gegen mich.

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