5. Dezember

Ich habe mich viel zu früh zur Abreise eingefunden und muss nun zu meinem Missvergnügen noch einen Tag des Wartens in der Messestadt verbringen. Doch wie? Womit? Ich befinde mich nämlich in einer riesigen Halle, die mit grün übersprühten Strohteppichen ausgelegt und behelfsmäßig unterteilt ist durch Stellwände gleicher Farbe und gleichen Materials. Alles Stroh und Grün. In weitem Abstand ist das Mobiliar verteilt – Liegestühle, dazwischen niedrige, viel zu große Tische, auch Beitische, Servierboys usf. Vermutlich ist das hier die Vorhalle einer noch viel größeren Anstalt, aber alle, Gäste wie Personal, bewegen sich in gewöhnlicher Straßenkleidung über die glitschigen Fliesen. Ich bin allein hier, bin ohne Grund und ohne Lust hergekommen, sehe mich um, kann niemand Bekannten ausfindig machen. Ich stapfe über die Strohmatten zum Empfang zurück … zum Ausgang. Am Reception Desk checke ich auf einem Laptop aus, der bei jedem Tastendruck auratisch erstrahlt. Witzig doch! Ich tippe meinen Termin oder eine tolle Idee ein, und bei jeder Ziffer leuchtet der Monitor in einer andern Aura auf – Pink, Violett, Pissgelb, Erdbeergrün, Honigblau … Schön! Ich brauche für die Reise bloß noch einen Teller … ich brauche den schwarzen Plastikteller, der mir wie ein schwirrender Diskus in hohem Bogen aus dem 3D-Drucker zufliegt und sich dann doch als eine große flache Servierplatte mit breitem Silberrand erweist, die ich nur mit Mühe in meiner Tragtasche unterbringen kann. Folgt ein weitläufiger Spaziergang durch die unbekannte, dennoch seltsam vertraute Stadt. Viele … viel zu viele Menschen, zumeist wohl Touristen, sind hier unterwegs, alle wollen … alle drängen zu den Wühltischen, man kauft günstig unbrauchbare Dinge ein, am liebsten Dinge, die man schon hat. Ich befinde mich, an die Nordwestwand gelehnt, im Warteraum, der genau so ausgestattet ist wie die Badehalle, mit synthetischem Stroh und künstlichem Grünspan, doch am großen, am nierenförmigen, am kaum kniehohen Tisch mir gegenüber sitzt eine vielleicht dreißigjährige Frau in fleischfarbenem Plisseekleidchen. Die leidlich hübsche Zeitgenossin hat, wie man sehen kann und … und was auch mir nicht verborgen bleibt, auffallend kantige Knöchel, blasse Beine und winzige dünnhäutige Hände, die sie, Innenflächen nach oben, offen auf ihren Knien liegen lässt. Die Zeitgenossin spricht mich ungeniert an, nein, sie interviewt mich bereits, stellt gleich zu Beginn die intime Grundsatzfrage. Offenbar verwechselt sie mich mit dem Hauptverantwortlichen und hat aber mit meiner Reisegruppe nichts zu tun. Obwohl wir ein wenig ins Plaudern geraten sind, bleibt mir durchaus bewusst, dass ich in der Früh rechtzeitig mit meinem ganzen Gepäck an der Bushaltestelle sein muss. Wo soll ich denn aber für die Zeit meiner Abwesenheit die Schreibgeräte und Fotoalben deponieren? Ich kurve auf glühenden Kufen durch die Stadt, es ist keine Heimatstadt, es ist eine Geisterstadt mit sehr breiten Fahrbahnen und relativ schwachem Verkehr. Parkflächen gibt es zur Genüge, sie sind kostenfrei; ich lege die Kufen unweit der Bushaltestelle ab. Bin in ständiger Spannung … bin mir noch immer unsicher, ob ich rechtzeitig zur Abfahrt bereit sein werde. In einer großräumigen, kaum frequentierten Bar schlage ich die Zeit tot, lese die gestrige Gratispresse, lerne die Getränkekarte auswendig. Bis Saul Bellow dazukommt und mich mit einem herzlichen »bis morgen« begrüßt. Im Hotelzimmer packe ich zum x-ten Mal meine paar Sachen zusammen, dazu gehört auch der übergroße schwarze Plastikteller, stelle die Tragtasche vor die Tür, um sie gestern auf keinen Fall vergessen zu haben. Viel zu früh stehe ich auf, es bleibt reichlich Zeit für einen Morgenspaziergang durch die weite arkadische Landschaft, bergwärts durch graugrüne Magerwiesen, dann hinunter zum flachen Ufer, vorbei an alten knorrigen Bäumen, die naturgemäß nicht an meine Trauerweiden herankommen, und plötzlich ist die Zeit wieder knapp, ich habe mich verlaufen, kann mich nicht mehr orientieren, nicht mal zum Norden hin. Ich suche den Rückweg über die Hügelkuppe, steige zur Stadt hinab, erreiche gerade noch rechtzeitig vor der Abfahrt den Bus. Offenkundig bin ich der einzige Fahrgast, und so verwundert es mich nicht, dass auch kein Fahrer da ist. Ich setze mich hinters Lenkrad, starte den Motor, und sofort beginnt der Bus zu ruckeln und zu schaukeln. Gemächlich ziehn die Vogesen am linken Seitenfenster vorüber, das Wohnboot tuckert auf dem Elsässer Kanal mit angelegtem Steuer in Richtung Nancy. Ich versuche Stanislas anzurufen, um ihm meine Ankunftszeit bekannt zu geben. Aber nein. Aber doch – da sind wir ja schon. – Was für ein Montag! Mausgrauer pelziger Nebel hängt tief über der Stadt, Üetliberg und Zürichberg sind nicht einmal dem Profil nach zu erkennen, der Straßenlärm ist ebenso gedämpft, wie die Sicht getrübt ist. Alles scheint um den Nullwert herum zu stagnieren – Temperatur, Windgeschwindigkeit, Libido, Luftblau, Appetit, Arbeitsmoral, Überlebensfreude. – Auch die Tagesnachrichten bringen kaum Neues: Der Arbeitsmarkt soll flexibler werden. Wowereit übersteht Misstrauensantrag. US-Regierung lehnt Platinmünze ab. Coaching ist eine boomende Branche. Chinesische Investoren drängen auf den schweizerischen Tourismusmarkt. Berlin exorziert jede Verantwortung. Wieder Selbstverbrennung eines Tibeters. Brand in tunesischem Mausoleum. Brandanschlag in der Moskauer U-Bahn. Immenser Imageschaden für die Politik. Erfolglose Operation zur Geiselbefreiung. Erneute Gruppenvergewaltigung in Indien. Paukenschlag auf der Prager Burg. Gewalt in der aserbeidschanischen Armee. Druck von der Straße. Die Golden Globes. Kirchlicher Memostick für Ungehorsame. Schnellere Vernetzung der Waffenregister. Mubaraks Gelder bleiben eingefroren. Noch immer kein wirksamer Kulturlandschaftsschutz. Raubzug auf das Privateigentum. Regenwasser als fatales Lebenselixier. Quecksilberabkommen endlich in Sicht. Russische Seele triumphiert in der Tonhalle. Gasgeben mit Handbremse. Meyer mit Krüger. Coaching im Cyberclassroom. Entlassung gerechtfertigt. Keine Wetteränderung im Wochenverlauf. – Ich werde die Glasplatte auf meinem Schreibtisch durch ein schlichtes unlackiertes Brett ersetzen lassen – der Durchblick zwischen den Papieren und der PC-Tastatur auf meine Knie und den wippenden Fuß lenkt mich ab. Doch wovon eigentlich?

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