5. Juli

Obwohl ich fast täglich für eine gute Morgenstunde im hiesigen Wald unterwegs bin, fällt es mir schwer, in der Natur zu sein (in der Natur zu sein) oder gar in sie ein-, in ihr aufzugehn. Nein. Ich geh doch meist mit gesenktem Kopf durchs Gelände, geh eher meinen Gedanken als diesen Wegen nach, sehe zu, wie zwischen meinen Schuhen die Erde als Abgrund sich auftut, wie aus Rad- oder Hufspuren, aus Tierkot und Totholz urtümliche Landschaften entstehn, in denen sich Armeen von kleinstem Getier – Würmern, Insekten – rastlos regen und Unkräuter aller Art sich zu insulären Dschungeln zusammenschließen. Da geh ich drüber hin, verfolge diese oder jene Idee, hänge diesem oder jenem Problem nach, versuche aus meinen Schritten den Rhythmus für diesen oder jenen Satz zu gewinnen; aber die Natur bleibt ein kulissenhafter Raum, demgegenüber ich, obwohl ich doch regelmäßig in ihn eindringe, immer »draußen« bin und den ich durch meine Gegenwart gleichsam überfremde. Welchen Grund mag diese bleibende Entfremdung haben? Sie konkretisiert sich für mich, unter anderm, darin, dass ich kaum etwas in der Natur – ob Tier oder Pflanze, Wolke oder Stein – namentlich präzis bezeichnen kann. Zwar kenne und verwende ich zahlreiche diesbezügliche Begriffe, weiß aber in den meisten Fällen nicht, wofür sie stehen. Dass die Esche ein Baum, die Äsche ein Fisch ist; dass es, auch in meiner Wohngegend, Alpenveilchen und Bergnarzissen gibt, ist mir bekannt, doch weder eine Äsche noch ein Alpenveilchen würde ich der Anschauung nach erkennen, könnte dazu nur »Fisch« oder »Blume« sagen und habe auch keinerlei Vorstellung von deren Lebensart, deren Laich- oder Blütezeit usf. Da ich von der Natur einzig ein paar hundert Namen kenne, nicht jedoch deren reale Entsprechungen, kann wohl ich sie ansprechen, nicht aber sie mich. Ist es das, was mich trennt von ihr? – Ein Schmetterling mittlerer Größe, mit samtschwarzen, hochweiß gepunkteten Flügeln hat mir heute früh, unentwegt auf Kniehöhe mich umgaukelnd, über zwei-, dreihundert Meter das Geleit gegeben. Ich sah an mir hinunter, bewunderte die Artistik der Flugbewegung, staunte über deren Unangestrengtheit und Lautlosigkeit, beobachtete, wie der Schmetterling immer dann, wenn ich im Gehen innehielt, sich in den wogenden Baumschatten eine kleine Lichtinsel suchte, um seinerseits innezuhalten, die Flügel zur Sonne hin auszubreiten, sie ganz langsam auf und nieder zu schwenken und dabei mit den auffallend langen Fühlern, an deren Spitze wie ein winziger Honigtropfen ein gelbes Kügelchen bebte, in der Luft herumzutasten. Da mir für den Schmetterling kein Name zur Verfügung stand, der ihn einer bestimmten Art und Gattung zugeordnet hätte, blieb er für mich einfach »der Schmetterling«, wurde gewissermaßen zum Schmetterling an sich, zugleich aber auch zu einem … zu meinem persönlichen »Schmetterding«, und eben dadurch löste er sich aus seiner Naturhaftigkeit, wurde für kurze Zeit zu einem Teil meines Lebens oder auch bloß meines Lebenstraums. – Hindutempel, muslimische Minarette, postmoderne Pyramiden, dazu Menschen – hiesige, heutige –, die in Anlehnung an exotische Vorbilder ihr Leben einrichten, sich wie Indianer oder Kenianer kostümieren, im Alltag wallende Gewänder tragen, im Winter barfuß gehn, tibetische Gebetsfahnen ins Fenster hängen, die Scharia oder alte chinesische Körperstrafen einführen wollen, kaschmirische und inuitische Musik machen, koreanisch oder karelisch kochen, indische Duftkerzen abbrennen, taiwanische Tattoos stechen, heidnische Religionen praktizieren und so fort. All dies und noch viel mehr hat sich als Multikulturalität durchgesetzt, ist zur Mode, ist salonfähig geworden, untersteht politischer Korrektheit. Doch »Multikulti« ist ein Missverständnis. Man rettet die Kulturen und ihre Eigenheiten nicht, indem man sie ineinander aufgehen lässt, sie »versöhnt« oder »aneignet«. Im Gegenteil. Die Fremdheit zwischen den Kulturen ist Garant ihrer Eigenständigkeit. Eine fremde Kultur zu akzeptieren, kann eigentlich doch nichts anderes heißen als – man lasse ihre Fremdheit bestehen, man lasse ihre Andersheit gelten. Gelten muss aber auch meine Andersheit, wenn und wo ich in der Ferne schweife. – In einer TV-Sendung auf 3sat wird über Musikfolter in Guantanamo berichtet. Dort werden Gefangene zwecks Erpressung von Geständnissen in Einzelzellen in die Hocke gezwungen, in dieser Haltung angekettet und der Beschallung mit Musik in höchster Lautstärke ausgesetzt – sechs bis acht Stunden ohne Pause, ohne Essen, ohne Klogang. Man verwendet für diese Art von »körperlich nicht nachweisbarer Folter« vorzugsweise amerikanische Volks- und Popmusik, die von dem mehrheitlich muslimischen Häftlingen als die Musik der Sieger wahrgenommen werden soll. Der Komponist eines der so eingesetzten Songs hat vergeblich gegen die Verwendung – den staatlichen Missbrauch – seiner Melodie protestiert, nachdem er sich selbst hat beschallen lassen und nach anderthalb Minuten dem Stress bereits nicht mehr gewachsen war. In meinen Roman ›Alias oder Das wahre Leben‹ habe ich eine Geschichte eingerückt, die von einem KZ-Häftling berichtet, den man in der Zelle mit Maurice Ravels ›Bolero‹ beschallt, bis er beim Knirschen und Kratzen der defekten Schellackplatte den Verstand verliert und sich mit seinem Slip an der Türklinke erhängt. Wie kommen die Nazis dazu, ein Stück als Foltermusik einzuspielen, das eigentlich als »entartet« gelten müsste? Warum nicht ein deutsches Volkslied, warum keinen Marsch? Aber womöglich war es ja gerade das mechanisch wiederkehrende und allmählich sich steigernde Stampfen und Schlagen, das den Stress erzeugen sollte? Also eben das, was die NS-Kritik als Maschinenkunst verunglimpfte! – Wetter und Emotionalität im Gleichklang, Tendenz nach unten; heftige Kopf- und Bauchprobleme, schütterer Schlaf, mühsame Arbeit; in der Runde – weltweit – scheint ebenfalls alles zu verdämmern, niemand ist zu erreichen, niemand, der nur einfach auf keine Frage antworten würde. – Geburtstägliches, Familiäres – Krys zu Besuch bei mir in R., sie ist erschöpft, hat sich noch nicht in ihren neuen Job als Konzertagentin eingearbeitet … hat sich noch nicht in diese Welt hineingefunden, in der »jeder jeden über den Tisch zieht« und kaum einer an die Sache und an das Interesse denkt, womit hier das Geschäft gemacht wird. Gemeinsames Kochen, dann aber wenig Appetit. ›Neither‹ von Morton Feldman. Krys schläft beim Mithören auf dem Sofa ein, ich selbst bin zum Schlafen zu müde, gehe in den Garten hinüber, um ein paar Runden abzuschreiten; die Magerwiese steht knie- bis hüfthoch in der hellen Nacht, durchsummt von letzten Insekten, da und dort angesägt von einem kräftigen Heimchen. Ich lege mich auf die Bank vor dem Pavillon, die Sterne hängen blühend und duftlos herab, der Vollmond blinkt wie ein verdrecktes Zwickerglas. Ich schlafe rücklings ein. – Es folgen beschwerliche Tage mit hitzebedingter Mattigkeit; Krys ist in depressiver Verstimmung abgereist, sie betreut neuerdings, neben ihrer hektischen Agententätigkeit, drei Privatschüler, muss heute um elf präsent sein. Ich tu mir mit dem Schreiben schwer, ein Alarmzeichen, wenn es sogar bei Gedichten stockt. Ich lese statt dessen … amüsiere mich unversehens mit Jean Pauls Zettelkastentexten: »Wahrheit ist nichts als das Wissen, dass etwas ist; warum soll ichs denn wissen?« – »Natur heißt weiter nichts als die alltägliche Wiederkehr desselben Wunders; erst die unterbrochne nennen die Leute Wunder.« – »Nur im Lenz, nicht Herbst Unkraut aus Beeten.« – »Wenn meine Repetieruhr steht, repetiert sie eben die Zeit.« – »Bis jetzt sind alle Anschauungen der Welt an die des ersten gebunden, der die erste Sprache erfand.« – »Wenn ich aus den Wolken jede beliebige Gestalt zu bilden und einige Zeit zu behaupten weiß: so thun ja wir alle nichts anders mit den Gewölken unseres Lebens und bilden daraus beliebige Gestalten so lang und länger als die Wolke fest bleibt.«

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