6. Juli

Ich habe nun heute die Lektüre von Péter Nádas’ ›Parallelgeschichten‹ nach rund achthundert Seiten aufgegeben, erspare mir den fast ebenso umfangreichen Rest des Buchs. Bis hierher habe ich einen belletristisch aufgemachten intimen Lebensbericht gelesen, eingerückt in skizzenhafte historische Kulissen, ergänzt durch ein halbes Dutzend Kunstfiguren, eigentlich eine Tiergeschichte, darauf angelegt, den Menschen auf seine bestialischen Ursprünge zurückzubuchstabieren und damit – auf sein eigentliches Wesen. Dieses Zurückbuchstabieren erweist sich als prekär, weil es in einer souverän diskursiven, stilistisch begradigten Sprache geschieht, der jedes Pathos abgeht, die für den Schrei, das Röcheln keinen andern Ausdruck kennt als das Wort »schreien«, das Wort »röcheln«. Gerade umgekehrt geht Pierre Bergounioux in seinen Heften vor; auch er bedient sich einer perfekt domestizierten Rhetorik, doch er tut es, um eine ebenso perfekt domestizierte Lebenswelt im Präsens festzuhalten, eine provinzielle kleinbürgerliche Welt, die imprägniert ist von hoher Menschlichkeit (Ehe, Familie, Verwandtschaft, Freunde, Beruf, soziales und politisches Engagement) und der jegliche Animalität fremd ist – ein Leben ohne Überlebenskampf, ohne sexuelle Getriebenheit, ohne aktuelles Körperbewusstsein, ja, ein Leben ohne erkennbaren Lebenswillen. Unklar bleibt, weshalb beide Autoren Tausende von Seiten brauchen für ein literarisches Vorhaben, das auf jeweils hundert, hundertfünfzig Seiten überzeugender hätte umgesetzt werden können. Vermutlich geht es aber weder Bergounioux noch Nádas in erster Linie um Literatur als vielmehr um die sprachliche Vergegenwärtigung ihres eigenen Lebens, das außerhalb der Literatur keinen fassbaren Sinn hätte. Der Literaturpsychologe hätte dafür vielleicht noch eine andere Erklärung: Nádas geht es in seiner Beschreibungswut nicht um die obszöne Vorführung animalischer Menschlichkeit, sondern umgekehrt darum, das Faszinosum des Animalischen, des übermächtigen Sexus im Akt des Schreibens – er soll achtzehn Jahre an den ›Parallelgeschichten‹ gearbeitet haben – zu bannen. Bergounioux wiederum scheint die desolate Normalität seines Alltags durch dessen fortgesetzte vordergründige Beschreibung aufrecht erhalten zu wollen, um sich abzuschotten gegen Verlockung und Verderbnis des Anormalen, Perversen. – Ganz anders lese ich die fragmentarischen Notizbücher von Andrej Platonow aus der Stalinzeit und den Jahren des Großen Vaterländischen Kriegs. Hier verhindert eine archaisch abgestumpfte Rhetorik jeglichen stilistischen Glanz, auch jegliche aphoristische Pointe, verhindert gar grammatikalische Korrektheit, ermöglicht anderseits ein Sprechen von geradezu sakraler Eindringlichkeit, ein Wahrsagen ohne alle Wahrsagerei; Sätze wie diese: »Wir haben alle Tiere überwältigt, aber alle Tiere sind in uns eingegangen. Doch in unsern Seelen leben Untiere fort.« – »Der Mensch ist unter die Leute gegangen, gestützt auf einen Hund.« – »Der Tod ist entsetzlich durch das Gefühl, dass das wichtigste Gut weg ist, und dass einer weggeht und nimmt damit ein Gutes aus der Welt, und es verwest in seiner Brust.« – »Das Leben ist eine zu verpassende und verpasste Möglichkeit.« – »Großmutter, und wann wird Mama aus der Erde wachsen; wachsen tun allein die Kreuze.« – »Der Bauer fährt ›zum Hof‹ – heißt also ins Jenseits, nach Hause. Das wirkliche Leben hienieden hielt er für eine ungemütliche Absteige. ›Nach Hause!‹« – »Weisheit ist nur in direktem Tun, und nicht in Erwägungen und auch nicht in der Logik.« – »Eine Erzählung [wäre zu schreiben] über die reine Natur ohne Menschen.« – Bin heute ohnehin indisponiert – Sommergrippe, alles überwärmt in der Runde, Kopf- und Knieschmerz, Schreibhand geschwollen bis zum Ellenbogen; also nur kurz diese Notiz in den Laptop getippt: Unser Buch bleibt unser Bruch, vor großer Runde muss das nicht bestehen, auch ist’s nicht zu vernichten. – Neue Bescheidenheit, wenn nicht Demut beim Lesen Andrej Platonows – ›Die Baugrube‹, ›Tschewengur‹, ›Fro‹ usf.; machtvolle Antirhetorik ohne jede belletristische Glättung, stark und profund gedacht, unerschöpflich und unvergleichlich im Episodischen, Symbolischen, Sprachlichen, vergleichbar nur mit Kafka, mit Beckett, allenfalls mit einem gestrafften Joseph Roth, einem gestrafften Faulkner – für mich etwas vom Größten in der neueren narrativen Literatur überhaupt. – Andrej Platonow gewinnt jetzt (beim Wieder- und Weiterlesen) eine ähnliche Wirkung auf mich wie Schestow – Dominanz des Desolaten, die Sackgasse als Ort grandioser Sinnleere, Triumph der Gleichgültigkeit angesichts der unfassbaren Absurdität und Vergeblichkeit jeder Bemühung, aber auch Triumph der Kunst (des Könnens), die auch das Unbedarfte, Kaputte, Vergeblichste mit Herrlichkeit umgibt. Sätze aus der ›Baugrube‹: »Tschiklin rauchte und sprach tröstend auf die Toten ein.« – »Doch der Funktionär – sei’s dass er sich verstellte, sei’s dass er tot war – reagierte nicht.« – »Wofür hat er gelebt?« – »Er hat den Tod gefürchtet.« – »Er hat mit den Menschen gelebt, und so ist er auch grau vor Kummer geworden.« – »Im Leben müssen alle sterben, es bleiben nur die Knochen.« – »Ich will ihre Knochen!« – »Jetzt wies er die Obrigkeit und das künftige Geschlecht auf jene rastlosen Arbeiter hin – um durch die Organisation eines ewigen Lebenssinns Vergeltung zu erlangen für jene, die still im Schoss der Erde ruhen.« – »Wir empfinden nichts mehr, wir sind nur noch sterbliche Hüllen.« – »Ihr seid nun wie ich – ich bin auch nur nichts.« Usf. – Ich arbeite weiter an meinem Essay (Vorwort) zu Lew Schestow; es gibt viel zu lesen, zu überlegen, auch ist manches zu berichtigen an der vorliegenden Sekundärliteratur, die entweder pro oder contra ausgerichtet ist, aber unberücksichtigt lässt, dass dieser Autor nicht nach der von ihm behaupteten »Wahrheit« zu fassen und zu beurteilen ist, sondern im Widerspruch, in der permanenten Widerrede gegen die domestizierte Vernunft begriffen werden muss. Auch kranke ich noch immer am Roman, den ich einfach nicht – nicht einfach! – in den Griff bekomme; es gab zu viele Unterbrechungen, auch zu viele Zweifel, zweimal habe ich dreihundertfünfzig Seiten ausgeschrieben, und nun möchte der Verleger doch zuerst den Schestowband haben. Gut so, kann ich machen. Doch dann bleibt Potocki wieder für Monate liegen, und wer weiß, ob und wie ich den Zugang zu diesem »zweiten Leben« noch einmal herstelle. In meinem Alter schreibt man kein Buch dreimal. Und doch liegt mir … mir läge viel an dem Roman, der nach Plot und Stil eine Form finden könnte, wie man sie bisher nicht gesehen hat; doch so weit bin ich noch lange nicht. Was kommt: Moratorium für Potocki, Klausur mit Schestow. Zwischendurch (Ende August) will ich im Arc am Workshop über copy & paste mit einem eigenen Referat teilnehmen, dazu (fürs Damenprogramm!) eine Lesung anbieten – die Vorbereitungen dazu sind im Lauf dieses Monats zu erledigen. Genug zu tun.

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