6. Juni

Claus Theo Gaertner will ihn unbedingt sprechen … will den Rekordspringer interviewen, fragt mich, wie und wo er ihn erreichen kann, offenbar geht es um einen Autokauf. Ich drücke mich weiter in der Festung herum, schaue immer wieder hinunter in den Graben, überlege, wie ich abspringen soll, damit ich direkt ins Wasser komme, ohne mir zuvor an den Blechdächern die Hüften und Schultern zu brechen. Die Stimmung um mich herum wird lockerer, man hört Gelächter, die Gäste bewegen sich nun vermehrt auch im Freien. Werner Wunderlich und seine Frau winken herüber, beide scheinen mit einer gewissen Schadenfreude auf meinen Sprung zu warten. In der Garderobe treffe ich den abgestürzten Springer, er stellt sich beiläufig als Adrien Pasquali vor und hat auch tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm – seine Montur hat er ausgezogen, trägt nur noch die vielen Bandagen, offenbar hat er sich beim mehrfachen Aufprall nicht sonderlich verletzt. Auf dem asphaltierten Festgelände treffe ich erneut auf Gaertner, er wartet, ausgestreckt auf einer Liege, noch immer auf den welschen Kollegen, doch ich kann ihm nur sagen, dass ich ihn eben gesehen habe und dass er sicherlich bald nachkommen wird. Steige dann weiter ins Städtchen hinab, vermutlich Tiefencastel, folge einer eng geschlauften Durchgangsstraße, halte auf eine Kirche mit hochragendem spitzem Hut zu und treffe wieder auf die helle Frau mit dem fernen Gesicht, sehe die geparkten Autos, die Gaertner zum Kauf anbietet, darunter ist ein schwarzes Jeepmodell, das ich bisher nie gesehen habe, es muss eine Spezialanfertigung sein. Von unten grüßt mich ein Mann mit Sonnenbrille, mittleres Alter, schütteres Haar, kenne ich nicht, er behauptet, ein früherer Kollege von mir zu sein und einiges von mir gelesen, aber nicht verstanden zu haben. Mitten auf der Straße ist ein riesiger Handrasierer als kinetische Freiplastik aufgestellt, das überlebensgroße Gerät bewegt sich, schraubt sich selbst zusammen, offenbar ein Werbegag. Als ich in die Burg zurückkomme, sind nur noch wenige Leute da, das Fest hat sich weitgehend aufgelöst, und ich frage mich, weshalb und ob ich denn überhaupt noch springen soll. Soviel Risiko bei so wenig Publikum, doch ohnehin weiß ich, ich werde noch vor dem Sprung erwachen. – Überall und für alle wird zur Zeit die Fußball-WM als Welttheater abgehalten, anderes verschwindet in den Kulissen; auch die gigantische Ölpest im Golf von Mexiko oder meine häufigen Migräneattacken oder der blutige Frühling in Libyen oder auch Mutters Klage über ihr zu langes Leben – alles wird nichtig, wird nichtssagend, wenn nicht nichtswürdig angesichts von Torverhältnissen und Penaltyschießen. Was ist das denn für ein Sport … worin sollte das Faszinosum einer Sportart bestehen, die bei den Spielern den Gebrauch der Hände unter Strafe stellt? Invalidensport! Da müsste man doch gleichermaßen von einem Orchester fasziniert sein, dessen Musiker die Hände aus dem Spiel lassen und statt dessen ihre Instrumente mit Kopf und Füßen traktieren. Ausgenommen wäre einzig der Dirigent, wie beim Fußball der Keeper. – Nach Attentaten, Verkehrsunfällen, Naturkatastrophen usf. werden in der Regel nur die Toten gezählt, die Verletzten, die Schwerverletzten hakt man pauschal als »viele«, »mehrere«, »einige« ab, und doch können ja eigentlich nur sie als Opfer gelten – oft überleben sie mit bleibenden Schäden, Schmerzen, Traumata und Behinderungen als tatsächlich gebrochene Menschen, werden sozial ausgegrenzt oder wagen sich nicht in die Gesellschaft zurück. Doch die »Opferzahlen« bleiben den Toten vorbehalten, denen die Erde um soviel leichter ist als den »glücklich Überlebenden«. – Das Konzert findet im Auditorium maximum statt, der amphitheaterähnliche Raum ist voll besetzt, verspätete Besucher zirkulieren in den Rängen, man unterhält sich, es wird gelacht und geschrien. Dennoch breitet nun der Dirigent wie ein Kleiber die Arme aus und setzt mit großen Gesten zum Musizieren an, ein Mann mittleren Alters, ziemlich bullig gebaut, mit rötlicher Gesichtshaut und schütterem Haar. Immer wieder springt er aus dem Stand senkrecht in die Höhe, als würde er an unsichtbaren Fäden hochgezogen. Das riesige Orchester folgt seinen schlenkernden Armbewegungen mit Getöse, kann aber den Lärm in der Runde nicht übertönen. Ich sitze auf mittlerer Höhe. Neben und hinter mir tuscheln und kichern mehrere junge Frauen, deren Stimmen mir bekannt vorkommen, ohne dass ich mir die Gesichter dazu vorstellen könnte. Ein Kollege (keine Ahnung, wer er ist, obwohl ich ihn gut kenne) drängt sich durch die Sitzreihe zum Ausgang, sagt, er müsse sich zu Hause noch auf die Reise vorbereiten, wir sollten uns später am Bahnhof treffen. Ich bleibe im Auditorium zurück, höre mir noch für ein Stündchen den immer gleichen, nicht enden wollenden Schlussakkord an, bis das Pfeifsignal ertönt und der Zug nach Amsterdam sich prustend in Bewegung setzt. Erst jetzt lässt der Dirigent die Arme sinken, er bleibt auf dem Bahnsteig zurück und verringert sich ruckweise zu einem roten Punkt, der schließlich in der Watte versickert.

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