6. März

Bin mit Krys bei Theo Reck im Solothurnischen zum Brunch. Merkwürdig doch, wie der Mann sich eingerichtet hat! Ich schätze seinen strengen Stil … schätze seinen sicheren Geschmack, seine leichte minimalistische Küche. Heute überrascht und enttäuscht er mit einem gewaltigen Büfett … mit einem halben Dutzend Vitrinen voller Süßigkeiten, einem halben Dutzend Kleinkindern, die auf den abgetretenen Perser- und Berberteppichen ihre Spielzeuge herumschieben. Die Luft hier drin ist wie gezuckert, kaum zu atmen, das Gebrabbel und Geseire enervierend. Und wer soll das alles essen? All diese Russenzöpfe, Croissants, Birnwecken, Teigschnecken, Mandelgebäcke! Und worüber sollen wir uns dabei unterhalten? Theo hat sichtlich an Gewicht zugenommen, sein graues Hemd lässt er über den Gürtel bis zu den Knien fallen. Um ihm jede Peinlichkeit zu ersparen, schlage ich einen gemeinsamen Ausflug nach … nach Sonceboz im Aargauerland vor. Sonceboz heiße doch jetzt – Krys unterbricht mich mit einer ärgerlichen, fast schon verächtlichen Handbewegung – heiße jetzt doch ganz anders … heiße so ähnlich wie … heiße bekanntlich Arras oder Sarraz und liege unmittelbar hinter der Kantonsgrenze – übrigens nicht weit von Baden – und werde als Pilgerort touristisch ganz toll vermarktet … wirklich ganz toll. Da wir uns wenigstens darin einig sind, brechen wir sofort auf, packen Kinder und Dreiräder und Schlafsäcke auf den Pickup und fahren ohne Navigationsgerät los. Ich fahre, beteuert Reck in Übereinstimmung mit Theo, ich halte einfach auf den Namen zu. Ich selbst lese aus dem Flyer vor … muss unangenehm laut werden, damit man mich bei dem aggressiven Motorenlärm und Kindergeschrei überhaupt hören kann. Die Empfehlung des Pilgerorts beschränkt sich allerdings auf eine lange Liste von berühmten Leuten, die dort seit dem Mittelalter und bis in die Kriegszeit Halt gemacht haben. Philosophen, Sänger, Artisten, Rezitatoren, Fürsten, Jockeys, Skribenten, Hebammen, Geometer, Poeten, Models, Verwaltungsräte, Fünfkämpferinnen – lauter Rekordhalter. An einem Vorposten in Grenznähe werden wir aufgehalten, wir sollen einen Probelauf absolvieren, der gleich hier in der Tiefgarage beginnt. Jeder von uns bekommt einen Einkaufswagen … bekommt ein Rollband oder eine Rolltreppe zugewiesen und wird so, bei grellem Kunstlicht, durch die Unterwelt bugsiert. Viel ist hier allerdings nicht zu sehen, zu lernen schon gar nichts. Nach dem Verlassen der Waschanlage – jetzt – sehen wir am Horizont die Pilgerstadt, gleich sind wir da, müssen uns aber gedulden … müssen uns in die Warteschlange stellen und werden über Lautsprecher über alles Weitere informiert. Um zu den Quellen zu kommen, sollen wir den Supermarkt abschreiten, unsre Einkäufe tätigen, an der Kasse die Kleider abgeben und den Duschraum passieren. Draußen ist es winterlich kalt, die Touristen – unter ihnen auch wir – stehen einzeln oder in Gruppen frierend in der Landschaft, barfuß, unerhört, bekleidet nur mit weißer Unterwäsche, und jeder hofft nur darauf, endlich eine Planke, einen Einbaum, einen Rettungsring für die Überfahrt zu erhaschen. Das weitverzweigte schwarze Gewässer, auf dem wir zur Hölle fahren sollen, ist eiskalt, es liegt reglos vor uns und ist mit Sicherheit abgründig tief. Unbekümmert spielen die Kleinen am öden Strand, eine fünfköpfige Familie wartet im Caravan – die Scheiben sind von innen mit letzter Atemluft beschlagen – aufs Einschiffen, Krys hält kopfschüttelnd ihre Strumpfhose in der Hand, sie blutet, sie hustet, während Theo mit gerecktem Zeigefinger seine Unterschrift in die Wasseroberfläche ritzt. Ich passe. – Fahrt nach Basel zu meiner Mutter, mit der ich eine schöne Tratsch- und Kuchenstunde im Wintergarten verbringe. Danach Besuch der Action Painting Ausstellung bei Beyeler – eine gut komponierte Schau, die viele unerwartete Funde und Zusammenhänge erschließt; Werke von Hartung, Appel, Jorn, Soulage, Klein, Krasner, de Kooning, Twombly – lauter Künstler, deren Aufstieg zum Ruhm ich in meiner Studienzeit mitverfolgt hatte (Basel, Köln, Paris, St. Gallen), von denen mich aber einzig Twombly und Klein nachhaltig beeindruckten und auch jetzt noch ansprechen. Vor diesen informellen Arbeiten kann ich nun wieder einmal die Probe aufs Exempel machen und unmittelbar erfahren, dass – und in welch hohem Ausmaß – das Bildsehen immer auch ein Sehenwollen ist; dass also dort, wo das Bild kein Abbild ist, mithin nicht eine externe Vorgabe repräsentiert, sondern sich selbst als Bildding präsent macht, der Blick automatisch das sucht … das zu ergründen, wenn nicht gar zu erfinden sucht, was als Realität hinter dem Bild stehen könnte. Am Rand der aktionistischen Ausstellung sind auch die neu gehängten Bildwerke von Bacon, Picasso und Miró zu sehen, alles von erster Qualität und in exzellenter Präsentation. Nie kann Lektüre so festlich sein wie eine Bildbetrachtung. – Gustave Flauberts hochfahrender Hinweis, wonach im Roman »der einfachste Satz für den ganzen Rest unendliche Auswirkung hat«, mag zumindest andeuten, welch bestimmende Funktion sprachlichen Formalien in Bezug auf das Textganze zukommt. Wenn später Paul Valéry das Gedicht als ein kombinatorisches Produkt aus einem vorgegebenen … aus einem vorgefundenen Vers und vielen kalkulierten Versen ausweist, ist damit etwas Ähnliches gesagt. Solche Formalien sind nicht Karosserie, sie sind Motor des literarischen Gebildes … Motor sowohl für dessen Entstehung wie auch für dessen Rezeption. Allerdings ist dieser Motor – ich bleibe kurz noch bei dem technischen Vergleich – kein Automat und auch nicht etwas immer schon Vorgefertigtes; gegeben sind seine sprachlichen Bauelemente, doch deren Zusammensetzung erfordert ein strukturierendes Bewusstsein, einen kompositorischen Zugriff, ein subtiles Arrangement, das sich seinerseits leiten lässt von der Eigenart und den Eigenschaften der vorhandenen Versatzstücke. Dieses formale Verfahren ist in der Poesie vor allem auf der Mikroebene wirksam (Wortlaut, Wortfolge nach klanglichen, rhythmischen Kriterien), während es in der Erzählliteratur eher für die Grobstruktur (Handlungsaufbau, Kapitelfolge, Personenkonstellation) bestimmend wird. – Nach den Gammelfleischskandalen kommt nun gleich der Eierskandal – gefälschte Bioklassierung – mit Millionen von betrogenen Kunden … mit Millionengewinnen für die Verursacher. Auf vergleichbar skandalöse Weise werden Medikamente, Kosmetika, Diäten, Urlaubsreisen, Bankkredite, Gebrauchtwagen, Kaffeefahrten, Erfolgsbücher oder Psychotherapien vermarktet. Als Kunde muss ich vor allem mit Betrug rechnen (Desinformation, Produktfälschung, Preisüberhöhung usf.), Qualität und Bedienung kann ich ohnehin erst hinterher beurteilen. Wann war’s nur, als der Kunde sich als »König« fühlen durfte? Als er noch nicht der programmierte Sklave war!

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