7. August

Schlaflose Nächte in Folge; zu müde zum Lesen, also sehe ich fern … sah gestern ein langes postumes Interview mit Peter Zadek, der nach eigenem Bekunden stets darauf bestanden hat, seine Wünsche, Fantasien, Utopien unverfälscht auf die Bühne zu bringen, egal was Kritik und Publikum davon halten und wie man darauf reagiert – es gehe immer nur um ihn, sein Leben sei zu fünfundneunzig Prozent dem Theater zugedacht, er mache Theater, um sich auszuleben und weil er Spaß daran habe. Auf der Bühne könne er all das realisieren, was ihm im Leben versagt ist … was Gesetze und Konventionen verbieten – Vergewaltigung, Raub, Mord usf. Dass sich Zadek dabei nicht nur ausgelebt, sondern auch sich selbst zuwider gelebt hat, ist durch seinen Shylock belegt, den er, der Jude, einst in antisemitischer Optik auf die Bühne brachte. Insgesamt eine skurrile Begegnung, bei der sich Zadek als schwacher Theoretiker erweist – er benennt, erklärt, verwirft, anerkennt alles immer nur »sozusagen«, überblendet die Wirklichkeit mit theatralischen Visionen und Ansprüchen, und das Theater überfordert und unterfordert er gleichermaßen, indem er es mit dem wirklichen Leben zusammenzwingt. So verwirft und verpasst er jede Normalität, kann sich einzig für die Perversion interessieren, für Voyeurismus und Verrat – Tragik und Komik bleiben ihm unerreichbar, er schwelgt im Tragikomischen. Tragikomisch ist auch seine Art, die Schauspieler zu vereinnahmen und sie »sozusagen« als Versuchstiere ans Gängelband zu nehmen – viele scheinen in dieser Vereinnahmung unter seiner Ägide an sich selbst gescheitert zu sein. Komisch und tragisch zugleich kommt’s mir vor, wenn ich heute Zadeks einst bevorzugte Schauspieler – Sander, Fitz, die Hoger, die Matthes u. a. m. – in TV-Serien und Krimistaffeln wiedersehe … wenn ich ihnen in unbedarften Rollen wiederbegegne und miterlebe, wie sie »sozusagen« alles, was dem verstorbenen Zadek heilig war, in seichte Unterhaltung verkehren. – Und nun, von Krys empfohlen, die Gespräche Peppiats mit Francis Bacon! Und jäh die Erhellung durch eine singuläre, hier und jetzt alles überstrahlende Geistigkeit – Bacon, der alles weiß, weil er nie etwas gelernt hat, weil er alles aus seinem Tun als Künstler, als Alkoholiker, als Schwuler, als Leser (von Yeats, Eliot, Sophokles) entwickelt und so zu einer Klarheit findet, die kaum ihresgleichen hat. Wer sonst vermag in so wenigen, so ungeschliffenen, so begriffsstutzigen Sätzen so präzise und so tiefe Einsichten zu eröffnen? Gerhard Richter? Anselm Kiefer? Die Wortkargsten unter den Künstlern! – Interessant finde ich das Verfahren von Hans Blumenberg, der die Philosophie durch Belletrisierung akut zu machen sucht … der die Fabel, die Anekdote, das Prosagedicht, die Mikroerzählung einsetzt, um aus der diskursiven Einöde der großen Abhandlung herauszufinden und dezentrierte Intensitäten zu setzen. Nur dass er (im Unterschied etwa zu Conolly oder Perros, die ein Gleiches versuchen) in gepflegter Konversationsrhetorik befangen bleibt – stets angenehm zu lesen, lehrreich und unterhaltsam zugleich, doch letztlich ohne Appell. – Der frühe Morgen zeigt sich in pelzigem feuchtem Grau, nur in der fernen Tiefe senkrecht über der Kuhle von Romainmôtier scheint sich die Decke zu lichten, dahinter weht windiges Himmelblau. Mattigkeit und Erregung konditionieren gleichermaßen mein Befinden … meinen ständigen, dabei kurzfristigen Stimmungswandel. So kann ich nicht in die Konzentration kommen, entschließe mich deshalb zu einem langen Waldgang – Schreiten statt Scheitern; Steigen statt Schri-rei-schreiben. Dabei kommt vom Westen her Wind auf, er zaust die schwankenden Wipfel, sprengt das schwere Grau auseinander, lässt es in Fetzen zerflattern. Das Überhandnehmen äußerer Unruhe lässt bei mir endlich eine gewisse Ruhe einkehren. Der Rückweg nach Hause (diesmal über Premier) führt mich wieder in die Konzentration … zurück zu meinem neuen Romanprojekt, in dem ich meine Erfahrungen mit Second Life im Internet und die Manipulation von Avataren auf einen historischen Stoff (eine polnische Bioie zwischen Ost und West, ein nomadisches Leben zwischen Amsterdam und Ulan Bator) anzuwenden versuche – dies unter Verzicht auf psychologische und chronologische und logische Motivierungen, nur mit Blick auf das, was geschieht, und darauf, wie es geschieht, egal ob in einer als real geltenden oder einer bloß möglichen Welt. Den Grundriss zu dem Episodenroman liefert die Vita des Jean Comte de Potocki, den ich mit dem Bewusstsein des 21. Jahrhunderts ausstatte, aber in der Zeit um 1800 agieren lasse. Requisiten, Örtlichkeiten, Personen werden streng realistisch, also eigentlich historiografisch vorgeführt, doch all diese Realien bewegen sich, getragen von einem viel moderneren Bewusstsein, in einer andern, letztlich utopischen Welt, deren Realitätsstatus die Möglichkeitsform ist. Damit will ich nicht zuletzt deutlich machen, dass auch unsre − die heutige und hiesige − Welt beziehungsweise das, was gemeinhin für wirklich gehalten wird, lediglich als Möglichkeit auch wirklich »wirklich« ist. Stichwörter dazu: Simulation, Verführung, Verbrechen, Rekord, Theatralität, Stress, Drogen usf. Von daher dürfte auch einsichtig werden, dass eine Email- oder SMS-Nachricht heute bei den meisten Nutzern einen höheren Realitäts- oder Authentizitätsgrad erreicht, als ich es, wenn ich hin und wieder einen Freundesbrief schreibe und ihn als Papierpost frankiere, zu tun glaube. Die Realität … das Reale selbst schwindet, wird abgelöst durch mögliche Welten (possible worlds, wie die Informatiker ja schon lange wissen), die sich aus disparaten Elementen zu einem multidimensionalen Gebilde aufbauen, das am ehesten im Traum … in der vom Traum realisierten möglichen Welt eine Entsprechung findet. Mal sehen!

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