7. Oktober

Neben mir auf dem Fensterplatz sitzt eine junge Frau, Anfang zwanzig, sehr beleibt, mit hohem Busen, filzigem Lockenhaar, mit kleinen runden Händchen, violett lackierten, nach oben gebogenen Fingernägeln. Sie futtert einen Schokoriegel nach dem andern. Eine Weile sitzen wir schweigend, ich lese, notiere … plötzlich fragt sie mich in schwer verständlichem amerikanischem Englisch, was mich als Touristen nach Rumänien geführt habe, ob mir das Land gefallen habe, ob ich noch einmal hinreisen würde usf. Sie schaut mich dabei fröhlich und fordernd an. Ich sage, ich sei ein schlechter und desinteressierter Tourist, der an vielen, fast allen Sehenswürdigkeiten achtlos vorübergehe usf. Doch sie insistiert, fragt nach andern Reisen, die ich gemacht hätte usf. Mir ist diese ungewollte Nähe unangenehm, setzt mich unter Stress. Ich verlasse meinen Sitz, sobald wir die Steigphase hinter uns haben. Kaum bin ich zurück, redet sie sofort weiter, berichtet von einem Aufenthalt in Sibirien, zweieinhalb Jahre als Geoingenieurin im Gebiet von Tjumen, neun Monate Winter, drei Wochen Sommer mit mörderischer Hitze und Insektenplage, »moskitos but moskitos«. Gewohnt habe sie in einer Mannschaftsbaracke bei Temperaturen bis minus zweiundfünzig Grad, zwei Zehen habe sie durch Abfrieren verloren usf. Jetzt zeigt mir die Frau ihren Reisepass, Joyce Collins, sie ist vom Jahrgang 1980, US-Bürgerin, diverse Stempel russischer Behörden bestätigen ihren Aufenthalt in Russland. Ich wechsle versuchsweise die Sprache, spreche einfach russisch weiter, ziehe es vor, das Gespräch in einem mir vertrauteren Idiom fortzusetzen. Bin nun aber einigermaßen erstaunt, als ich feststelle – die Weitgereiste versteht mich nicht … sie versteht kein Wort Russisch nach so langem Aufenthalt, und plötzlich bricht sie in Tränen aus, bedauert in komisch akzentuiertem Englisch, keinen Kontakt mehr zu haben zu jenen »good guys«, mit denen sie in Sibirien die »real liberty« kennen gelernt und ausgelebt habe. »Freedom in a rather unfree country.« Aber sie … jene russischen Kollegen, »those guys«, seien die freisten Menschen, die sie … »I’ve ever met«. Jetzt reist diese schwere Frau von einem Geschäftstermin in Rumänien nach London, wo sie eine Zusatzausbildung absolvieren wird. Im Winter ist Genf an der Reihe, von Genf aus will sie im benachbarten Frankreich einen Skikurs besuchen, dann heiraten und ein Haus und Kinder haben. Zum Abschied bietet sie mir ihren letzten Schokoriegel an. – Alexander Honold signiert mir beim Abschied nach dem Workshop im Arc seine Ausgabe von Walter Benjamins Schriften zur Erzählkunst, für mich die Gelegenheit, diese weit verstreuten Texte erstmals im Zusammenhang zu lesen; in den Zusammenhang gehören auch Benjamins eigene Prosasachen … darunter seine Anekdoten und das kleine (von Puschkin inspirierte) Meisterstück über die gefälschte Unterschrift des Fürsten Potjomkin. Erstaunlich viele dieser Texte, theoretische wie publizistische, gehen auf fremde Quellen zurück, sind Entfaltungen externer Impulse (Simmel usf.), eigenwillige produktive Synthetisierungen mit einem Zug zur Grafomanie. Nicht selten unterlaufen schiefe Metaphern und Vergleiche, schwach gebaute Sätze, doch ebenso zahlreich sind Benjamins zündende Geistesblitze, die sich bald aus ingeniösen Assoziationen, bald aus dem Rhythmus der Schreibbewegung zu ergeben scheinen. Erstmals entnehme ich dieser Ausgabe auch, dass Benjamin viele seiner Texte mehrfach eingesetzt und in wechselnden Zusammenhängen verwertet, sie dabei immer wieder auch modifiziert hat. Ist es … inwieweit ist es von Belang, dass bei Benjamin Substanz und Qualität vorwiegend aus Fremdgeld zusammengespart und schließlich zu einem fulminanten Kapital summiert werden? Von Belang, dass er mit beliebig vielen Pauschalisierungen, Verkürzungen, Vermutungen, Herleitungen und Konjekturen arbeitet, durch die er sich als Theoretiker doch eigentlich selbst desavouiert? Tatsache bleibt, dass diverse Texte von ihm – der Kunstwerktext, der Trauerspieltext, der Erzählertext, der Übersetzungstext, der Surrealismustext usf. – zu Gründungstexten einer Panästhetik der europäischen Moderne werden konnten, obwohl es sich dabei doch eher um Schlussfolgerungen handelt … um zusammenfassende Abstracts aus einer Vielzahl von spekulativen Lektüren. – Beim Abstieg durch den tief eingeschnittenen Hohlweg zum Försterhaus unmittelbar am Waldrand höre ich plötzlich ein nicht bestimmbares, zunächst herkunftsloses Geräusch. Es klingt wie ein unterirdisches Stampfen, ist schön rhythmisiert, nähert sich, entfernt sich, kommt aber merkwürdigerweise von schräg oben, merkwürdig, weil ich das Stampfen auch unter meinen Schritten spüre – erst ein scharfes Schnauben lässt mich hochblicken: Dort hat grade eben ein auffallend großes und schmales Pferd in seinem Lauf innegehalten, es steht mit gestreckten Vorderbeinen am Drahtzaun, reißt den Kopf zu mir herum, schaut auf mich herunter, wendet sich desinteressiert sofort wieder ab, fällt erneut in Trab und … und ich fühle die Erde um mich herum und unter mir – pochen. – Eine Anmerkung noch zu Boris Vildé. Dass der Mann in dem Jahr zu Tode gebracht wurde, in das meine Geburt fällt, und dass sein Schreiben durch den Druck einer schwindenden Lebensfrist konditioniert war – das hat mich bei der Arbeit an seinem Tagebuch nicht unberührt gelassen und rührt mich weiterhin wie ein persönlicher … ein persönlich gemeinter human touch an. Vildé hat in einer menschlichen Extremsituation … hat in der sichern Erwartung des eigenen gewaltsamen Tods die adäquate Schriftform gefunden: Selbstbefragung, Selbstbekenntnis, Selbstkritik, auch Selbstgespräche in Dialogform. Alles selbst. Dazu die Nutzung fast beliebiger Lektüren als Überlebenstext. Erstaunlich doch, dass auch schwache Autoren in solcher Situation zu hilfreichen Partnern des eigenen Denkens werden können – nicht auf das, was gelesen wird, vielmehr darauf, dass gelesen wird, kommt es an. Im Alter von vierunddreißig Jahren hat Vildé sein kurzes Restleben durch einen großen konsequenten Verzicht zusätzlich produktiv gemacht – durch den Verzicht auf jede Hoffnung, auf jede Ambition, auf jegliches Haben und Wollen über das eigene Leben hinaus.

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