8. August

Dies ist einmal wieder der Geburtstag meines Bruders H. S. I., der einzige, den ich mir merken kann … den ich mir gemerkt habe. Bruder und Freund: Ein genialisches Kind, zwei Jahre jünger als ich, viel begabter und viel unbeschwerter, viel großzügiger und sozial viel kompetenter, Klassenerster wie ich, aber ohne jede Anstrengung, eine Führernatur – er kam ohne Autorität aus, weil er (anders als ich) die natürliche Aura des Wegweisers und Wortführers hatte. Ich liebte diesen Bruder, meinen einzigen, ich liebte ihn ohne Neid, nützte wohl manchmal seine Freigiebigkeit aus, bewunderte ihn dafür, dass ihm alles, was mir wichtig war, wonach ich strebte, was ich zum Teil auch erreichte, leichthin zufiel, und mehr als das – es fiel ihm zu, obwohl es für ihn keine besondere Bedeutung hatte und er damit nicht allzu viel anzufangen wusste. Ja. Doch. Alles fiel ihm reichlich zu, die Überfülle seiner Begabungen und Sympathiewerte, die er nur einfach hatte, ohne sie gezielt für eigene Interessen einzusetzen, machte ihn für mich, den Gestressten und Umgetriebnen, zu einer kleinen, fast engelhaften Lichtgestalt. Der Bruder war ja erst zwölf Jahre alt, als er nach langem Leiden und mehreren Gehirnoperationen an einem bösartigen Tumor mit einem Lächeln starb. Ich war dabei, und jedes Mal, wenn ich, wie jetzt, daran zurückdenke, steh ich plötzlich wieder in jenem abgedunkelten Sterbezimmer, beuge mich am Fußende über das riesige Bettgestell, flüstere – oder schreie ich? – dem Bruder zu: »Warum nicht ich?« – Jean-Louis Trintignan, alt gewordener Schauspieler, berichtet in einem TV-Interview auf Arte von seiner Arbeit mit dem Regisseur Claude Chabrol – dieser war mit Trintignans Exfrau Stéphane Audran verheiratet, die er für einen seiner Filme zu heftigen Sexszenen mit Trintignan aufbot. Trintignan besteht darauf, es sei ihm äußerst peinlich, äußerst unangenehm gewesen, mit der Partnerin seines Regisseurs, die noch kurz zuvor seine Ehefrau gewesen sei, vor der Kamera Sex zu spielen. Spielen? Woher … weshalb dann aber die Peinlichkeit? Denn auch hier hatte der Darsteller in einer Rolle aufzutreten, die mit der »Rolle«, die er allenfalls in der Lebenswirklichkeit spielte, nicht identisch war. Ein professioneller Schauspieler sollte das, finde ich, erkennen und berücksichtigen können. Doch selbst wenn er’s erkennt – derweil er »spielt«, lebt er ja auch. Fragt sich bloß: Wo? – Wenn die Ameisen ein Bewusstsein hätten … wenn Ameisen eine Vorstellung von Raum und Zeit hätten, eine zeiträumliche Wahrnehmung, wie wir sie haben! Ich frage mich dies – hier im Text mit Ausrufezeichen – noch jedes Mal, wenn ich auf dem Weg zur Quelle des Nozon bei der breiten Ameisenstraße ankomme, die ich seit Jahren an der immer gleichen Stelle beobachte und die – ein Wimmelpfad quer über den Waldweg – so breit ist und so dicht frequentiert, dass ich es nicht vermeiden kann, wenigstens mit einem der beiden Schuhe hineinzutreten. Dabei stelle ich mir das mörderische Geschehen aus der Sicht und aus dem Erleben der Ameisen vor – eine gigantische Katastrophe, die sich für sie durch den Schatten meines erhobenen Fußes ankündigt und durch das Niedertreten von Hunderten von geschäftigen Tieren sich vollendet. In meiner Imagination stellt sich das wie eine apokalyptische Horrorszene aus einem Fantasyfilm dar. Doch auf die Ameisenwelt scheint dieser reale Horror kaum einzuwirken: Rasch sind die Kolonnen wieder geschlossen, das Krabbeln – die Arbeit – geht ohne merkliche Unterbrechung weiter, es ist, als wäre nichts geschehen, und schon bald sind die unzähligen zertretenen Ameisen durch beliebig viele Artgenossen ersetzt. Was soll das nun aber bedeuten? Was ist daraus zu lernen? Ich trage keine Lehre davon, nur ein schlechtes Gefühl im Gedanken daran, dass auch ich, als einer von Milliarden von Menschen unter Milliarden von Sternen, nicht mehr als eine »Ameise« bin … eine Ameise allerdings, die »ich!« sagt und sich damit vollends lächerlich und überflüssig macht: »Zu viel!« – Auf der Suche nach einer Handvoll alter Fotos aus der Familie meiner verstorbenen Mutter fand ich heute in einem Schuhkarton eine Broschüre aus der Fischer Bücherei, von mir handschriftlich datiert mit 1963. Es handelt sich um eine Auswahl von Erzählungen des bosnischen Autors Ivo Andrić, der 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war. Ich selbst war damals neunzehn Jahre alt. Die Unterstreichungen und Randnotizen in dem vergilbten Taschenbuch dokumentieren mein Interesse an Andrićs historischen und zeitgeschichtlichen Stoffen. An die Lektüre selbst kann ich mich allerdings heute nicht mehr erinnern, ebenso wenig daran, deutschsprachige Autoren wie Manfred Hausmann, Albrecht Goes, Luise Rinser, Ruth Rehmann, Elisabeth Langgässer, Herbert Heckmann, Gerd Gaiser, Edzard Schaper, Stefan Andres, Klaus Nonnenmann gelesen zu haben – alle diese und manch andere Namen finde ich nun wieder im Anhang zu Andrićs Erzählungen, wo sie unter den Erfolgsautoren der Fischer Bücherei oder anderer Verlage aufgeführt sind – Autoren, von denen kaum noch die Rede ist und die auch in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte keine nachhaltigen Spuren hinterlassen, geschweige denn Akzente gesetzt haben. Gebrauchs-, Verbrauchsliteratur für den Tag? Doch worin bestand ihre Tagesaktualität? Warum, wofür hat man sie vor einem halben Jahrhundert so hoch eingeschätzt? Und warum hat man in der Folge so leicht auf sie verzichten, von ihnen absehen, sie vergessen können? Ich selbst war in den frühen 1960er Jahren ein engagierter Leser von Hans Erich Nossack, Marie Luise Kaschnitz, Albert Vigoleis Thelen, Max Frisch, Uwe Johnson, Günter Grass, Otto F. Walter und weiterer Zeitgenossen – lauter Autoren, deren Veröffentlichungen ich einst lückenlos verfolgte und mit Begeisterung in meinen Tagebüchern kommentierte, für die ich aber heute (Kaschnitz und Nossack ausgenommen) kein nachhaltiges Interesse mehr aufbringen kann. Doch was ist damit gesagt? Was ist damit über Wert und Geltung von künstlerischer Literatur gesagt? Womöglich ist damit überhaupt nichts gesagt. Womöglich stellt sich nur einfach die Frage, welche der genannten Autoren – Goes oder Nossack? Andres oder Thelen? – sich für heutigen oder künftigen Gebrauch noch einmal aufrüsten ließen; und nach welchen Kriterien? Vor allem jedoch – gibt es denn überhaupt noch ein Publikum für Erzählwerke wie ›Der Stumme‹ oder ›Interview mit dem Tode‹? – Die feuchte Hitze ist heute besonders bedrückend. Schon nach dem Morgenmarsch bin ich völlig erschöpft. Schreiben geht nicht. Lesen geht nicht. Also räume ich die Wohnung auf, besprühe und putze das von Ungeziefer verdreckte Küchenfenster, breche aber bald wieder ab, die Ersatzhandlung ist mir zu anstrengend, das Fenster vom Sprühen und Reiben noch mehr verschmiert . – Auf der Sitzbank in der Fensternische stapelt sich die Ferienpost. Es gibt unter meinen Bekannten (auch solchen jüngeren Semesters) noch immer welche, die aus der Ferne schreiben, die sich an irgendeinem Strandkiosk, in einem Provinzmuseum, auf einer Passhöhe eine Ansichtskarte besorgen, um mich – den Daheimgebliebnen, der noch nicht mal ein Smartphone besitzt – handschriftlich zu grüßen; etwa so: »Lieber Felix, von Zürich aus lässt sich aufm Postweg rascher grüßen als aus Südfrankreich, von wo wir eben aus einem wunderschönen Badeurlaub hierher zurückgekehrt sind. Herzlich Vera mit Alex.« – »Lieber, vom Ausstieg aus Boujeons dieser Gruß. Erhart.« – »Tag Felix, damits Dir im Juraloch nicht langweilig wird hier eine Ansicht aus Rio. Hrzl. Th.« – (Ohne Anrede:) »Leider kein Gedicht. Oder doch eins. Ich schicke Ihnen aus Autun den würdigen Engel, den die drei Magier zum Einschlafen brauchen. Auch damit die crêpe-suzette-artige Decke nicht wegrutscht. Ihre U.« – »Das hier, Felix, ist das Paradies auf Erden, mit Gottessen und so. Herzl. Ich.« – »Lieber Ingold, das Wahre Leben liegt zuoberst auf dem Lesestapel, nur fehlt im Urlaub (siehe umseitige Ansicht) die Zeit für anderes. Gruß Hlg.« – »Felix! documenta statt Ferientrip – das hier ist Projektwoche od. Volkshochschule, nichts von Kunst. Gruß Connie mit HE.)« – »Lieber Philipp zwei Augen, ein Horizont Bärenkrallenfährten auf Cap Ferret und das Ohr lauscht in die Grottenwände hinein später dann Wellen- u. Zehenzeilen im Sand! Was für ein Säumen herzlich Wiwir.« – »Lieber F., hab deine letzten Gedichte in die Spiaggia Kamarina mitgen. – sind schöner als die vorletzten aber in Tat wie Wahrheit sind mir die vorletzten wie die letzten am liebsten. Dank. Gruß. Heinz.« – »Lieber ich bin bei den Schmetterlingen wunderschön doorways to the Kingdom of Heaven. Nur aber leider muss bald zurück. Du weißt ja: neuer Job! See you. Cate.« – (Ohne Anrede, ohne Signatur:) »Viele liebe Grüße aus dem gelobten Land von uns beiden. « – Habe die jüngsten Tage mit Übersetzen verbracht, Gedichte für meine russische Anthologie; zwei, drei schöne Resultate, das könnte insgesamt ein starkes Buch werden, hab’s bei Matthes & Seitz angeboten, wo es aber leider nicht ins Programm passt. Wunderhorn? Insel? Jung & Jung? – Ich lese jetzt vermehrt bei den Chinesen, Buddhisten, Hindus, bin frappiert von der Ähnlichkeit fernöstlichen Philosophierens mit der Stoa, überrascht aber auch von der gänzlich andern Art der Darlegung. Insgesamt sind die Asiaten weniger analytisch, weniger an Einzelproblemen interessiert, ziehen die Metapher dem Exempel vor. Parallel dazu bin ich erneut mit Boethius beschäftigt … fasziniert von der Wechselrede (›Trost der Philosophie‹) in Prosa und Poesie, auch davon, dass so gut wie alles an diesem sehr persönlich angelegten Text aus andern Texten zusammengeschnitten und dennoch – stilistisch wie argumentativ – vollkommen kohärent ist. – Die Luciliusbriefe des Seneca – wie weit bleibe ich hinter solcher Seelenruhe, hinter dieser intellektuellen Souveränität zurück! Zerknirschung, Zweifel, Resignation sind mir besser vertraut, sind verlässlicher und nachhaltiger als das Glück, das ich – auch nur ein Wort! – in meinem Namen trage. – Dass ich den Basler Lyrikpreis bekommen soll, ist vermutlich ein Missverständnis; wenn ja, werde ich ihn an Stanley Chapman weiterreichen. Ein Geldpreis für Poesie! Lohn oder Auszeichnung? Doch wer wird da entlohnt, was wird ausgezeichnet? Und wofür? Leistung? Gelingen? Ist nicht, was sich als Kunst auszeichnen lässt … was mit Geld und Lob abgegolten werden kann, eben dadurch gleich schon entwertet? Mehr als viertausend Literaturpreise werden im deutschen Sprachgebiet jährlich vergeben, woraus sich schließen ließe, dass so gut wie alles, was mit literarischer Ambition geschrieben wird, mit Lob und Geld aufzuwiegen ist. Aufgewogen – aufgehoben! René Char gehört zu den Wenigen, die sich … die ihre literarische Arbeit solcher Abgeltung konsequent entzogen haben, um sie freizuhalten von ökonomischer und rhetorischer Vereinnahmung. – Wie weit kann mein Sommer noch steigen? Gesundheitlich bin ich z. Z. guter Dinge, fühle mich ausgeglichen, Kopf und Bauch sind in wohligem Clinch versöhnt, bei dem stabilen Hochdruck der vergangenen zwei, drei Wochen haben sich meine nervösen Innereien merklich beruhigt. Jeder Tag eine Lichtung. Doch der nächste Krampf wird nicht ausbleiben. – Heute hat mir Krys aus ihrer jüngsten Umarmung mit Schwendter geschrieben – ein anderer hält sie, dennoch fühlt sie sich ausgesetzt und … aber warum lässt sie’s mich wissen? Und was sollte ich dazu sagen, wenn nicht ja! – Nun plötzlich wieder ein enormer atmosphärischer Umbruch zum Gewittrigen hin, als fielen Hundstage und Schafskälte in eins, doch der Kopf hält sich diszipliniert, lässt den Migräneschmerz nur andeutungsweise hochkommen. Was ich kann, lässt er von weit oben hören, ist von gleicher Schwäche und Kraft wie, weiter unten, der Leib in seinem Überlebenskrampf. Der Leib gibt sich von dem Moment an zu spüren, da ich nichts mehr kann … da ich nicht mehr wollen kann. »Ich brauche nichts«, heißt es in der Sprechblase wörtlich, »und selbst dieses Wort, brauchen, hat keinen Sinn für mich. Also warte und vergesse ich. Das ist meine Art, produktiv zu sein.« Anderseits weiß ich um meine physische … ich weiß um meine lamentable Beschränktheit, spüre dabei aber keinerlei Ungenügen oder Groll, ich hadere nicht, tröste mich nicht, wünsche mir bloß, dass sich der emotionalen Nivellierung auch der Herr Kopf als solcher unterwirft … dass sich das Gehirn mit zunehmendem Alter entkrampft und der Schmerz etwas abflacht, ohne dass gleichzeitig das Erinnerungsvermögen, die Geistesgegenwart, die Libido, die sinnliche Wahrnehmungskraft beeinträchtigt werden. Seelenruhe! Daseinsfreude! Ich stelle mir die Stoa als einen offenen Hof unter ewiger Mittagssonne vor, beschattet von uralten Baumriesen, belebt von unfassbaren Lichthasen, geschützt vor Glaube, Liebe, Hoffnung.

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