9. November

Ich bin endlich im Suizidhospiz angekommen. Das Personal ist maskiert und unerwartet freundlich, diskret, professionell. Ich werde mit einem weiteren Kandidaten sofort in den Erlebnisraum geführt. Zwei riesige flache Bottiche stehn da, handwerklich gefügt aus schmalen Fassdauben, wären die Bottiche höher, ich würde sie für Keltern halten. Wir ziehn uns aus, sollen nun erst einmal abgespritzt werden. Aus riesigen Rohren schießt uns der Wasserstrahl entgegen, sieht bedrohlich aus, doch die Wassermassen reißen mich nicht zu Boden, es ist, als sollten sie mich mit schöner Wärme umarmen. Ich steige in mein Becken, es ist fast bis zum Rand mit golden schimmerndem Sand gefüllt, und ich versinke darin sofort bis zu den Knien. Man reicht mir einen riesigen Löffel, von dem eine honigartige Flüssigkeit tropft. Diese soll ich schlucken. Aber wie? Der Löffel ist viel zu groß. Doch mir wird geholfen, man trichtert mir die Flüssigkeit sorgfältig ein, ich schlucke problemlos. Ich weiß, dass der Tod nun unvermeidlich ist, dass das Sterben schon begonnen hat. Ich bin zuversichtlich, heiter gestimmt. Keine Bitterkeit, keine Süße, nur diese ruhige Gewissheit. Doch es dauert. Es dauert, und ich spüre noch immer nichts, weiß ja auch nicht, was ich zu erwarten habe … was mich erwartet. Es dauert und es ist nichts. Nichts geschieht. Der andere Kandidat liegt bereits im Sand, regt sich nur noch schwach. Die maskierten Helfer, auf ihre Rechen und Harken gestützt, nicken mir zu. Ich begreife, dass ich tot bin, ohne gestorben zu sein. – Vorm Fenster hängt, noch immer so gut wie voll, der dreckweiße Mond, grau übermalt von fransenden Wolkenschlieren.

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