9. Oktober

… und wieder ein großer Traum: Da ist diese weite Landschaft mit provinzieller Kulisse – Stadel, Ställe, Telefonzellen, Weekendhäuschen, Ziehbrunnen, Sessellifte, Kondomautomaten, Tankstellen. Ich bin, zusammen mit andern, mir unbekannten Autoren, im Kurhotel einquartiert, lehne im hohen lichtdurchfluteten Treppenhaus, das sich als spiralartige Galerie über dem Swimmingpool erhebt, am gusseisernen Geländer. Auf der nächst höheren Plattform hockt verstockt ein greisenhaftes Kind, mit ihm soll experimentiert werden, man will es von der obersten Galerie hinunter ins Wasser werfen und danach diverse Tests an ihm durchführen. Die Tests gehören zum Begleitprogramm des Festivals und … und das Kind ist eine Frau, vielleicht achtzig Zentimeter hoch, mit winzigen Füßen in Lackschühchen, mit pink geschminktem Mund, schwarzem Brillengestell, Sommersprossen und schütterem rötlichem Haar, das unter einem großen breitkrempigen Hut hervorquillt. Ja, da haben wir ein zartes, mühsam lächelndes Alterchen, das sich nun unversehens und überraschend behänd an der Brüstung hochschwingt und eine Weile wie ein riesiger Säugling dran baumelt, sich nun aber plötzlich verkrampft, sich einen Ruck gibt und von der Galerie in die Tiefe fällt, um unten am Rand des Swimmingpools aufzuschlagen und lautlos zu zerspritzen. Mit mir … neben mir beugt sich mein schattenhafter Begleiter über das Geländer, er ist wie ich ein unbedarfter Gaffer, ganz in Schwarz gekleidet, mittelgroß und untersetzt, und jetzt huscht er über die Wendeltreppe davon, verschwindet in einem abgehenden Korridor, kriecht über einen Stahlträger von rechts oben wieder ins Bild, springt mir von dort genau vor die Füße, schaut mir aus nächster Nähe fragend ins Gesicht, lacht laut auf, verschwindet wieder. Mit großer Verspätung erreiche ich den Vortragssaal, der Saal ist überfüllt, die Veranstaltung hat bereits begonnen. Am Pult steht der Schwarze, gerade trägt er mein ›Tierleben‹ vor. Nun hält er kurz inne, sieht zu mir hoch, es ist Adrien Pasquali. »Sie wissen doch!«, ruft er mir mit heiserer Stimme zu: »Heute vor genau zehn Jahren!« Was denn? »Seit genau zehn Jahren bin ich, Sie wissen doch, tot.« – Gegen Abend kommt unangemeldet Krys vorbei, sie ruft mich via Handy von der Haustür an, wir reden eine Weile mit Sichtkontakt, dann kommt sie hoch, wir bleiben für gut drei Stunden am Tisch im Gespräch, reden angeregt über alles und noch viel mehr; bei all ihrer Präsenz und Intensität – so viel wissen, so schnell sprechen – bleibt bei Krys eine gewisse Scheu, meinem Blick weicht sie meistens aus, redet ins Fenster, vor dem es zunehmend dunkelt und in dem sie sich immer deutlicher gespiegelt sehen kann. Später – weiter – in die Kantorei zum Essen, wir treffen Yvette Sánchez und Alexander Honold, begrüßen einander, setzen uns dann aber separat. Ein älterer Herr streift mit dem Jackett unsern Tisch, bleibt plötzlich stehn, beugt sich zu mir herab, sagt »wir kennen uns nicht« und bedankt sich flüsternd für meine »hochspirituellen Beiträge« – Beiträge wozu? Für wen? Von mir? Ist der Unbekannte einer von meinen sieben Lesern? Krys kichert sich ins Fäustchen, bald kommt das Essen, der Wein, der Kopfschmerz und die Frage: »Wohin jetzt? Zur dir? Zu mir!« – Buchpremiere mit Anatol von Steiger in der Nationalbibliothek in Bern. Auftritt mit Egon Ammann und Niklaus von Steiger, dem Neffen des Autors, unter der Leitung von Ingeborg Wirtz. Angenehme Gesprächsrunde, zweisprachige Lesung, Abschlussdiskussion und Publikumsfragen. Guter Verlauf vor besetztem Saal, danach Apero und Büchertisch. Ausschließlich Frauen, die sich den Band signieren lassen; einzige Ausnahme ist ein vielleicht dreißigjähriger Mann mit Pferdeschwanz, der mir nicht nur ›Dieses Leben‹, sondern auch ein russisches Wörterbuch vorlegt mit der Bitte, ihm »etwas hineinzuschreiben für den Lebensweg«. Spätes Nachtessen bei angeregten Gesprächen im Haus von Steiger an der Florastraße; Rückfahrt mit Cornel Dora um Mitternacht nach Zürich. – Der Wald ist leicht eingeschneit, die Sonne strahlend und kühl, der reine Himmel blau; hin und wieder kommt ein Windschauer auf, der die dicken Tropfen von den Ästen schlägt, so dass ich dann fast wie im Hagel gehe. Keine Schmerzen, keine aktuelle Belastung, auch gibt’s zur Zeit keine trüben Aussichten und Erinnerungen. Woher denn also die Trauer und die Wut? – Ab Romainmôtier-Croy via Olten und Basel zurück nach Zürich. Unterwegs ein paar Stunden Zwischenhalt bei Mille Fellmann im Basler Eulerarchiv; Bekanntschaft mit Gleb Konstantinowitsch Michajlow, einem Mathematikhistoriker aus Petersburg – eindrückliche Gestalt, breitschultrig, breitbärtig, stilvoll, der gute Russe in Person, spricht nur in seiner Muttersprache, die er machtvoll intoniert, als unterhielten wir uns auf der Bühne in einem Stück von Tschechow. Ich frage ihn nach Jan Graf Potocki und dessen Mitgliedschaft in der Petersburger Akademie, doch ihm, Michajlow, ist nur Potockis Bruder Seweryn bekannt, der offenbar ebenfalls Akademiemitglied war – was wiederum ich nicht wusste. Danach mit Mille Fellmann ausgiebig gejaust und geplaudert, Rückfahrt mit dem letzten Zug; im Licht der erhellten Waggonfenster prescht der frisch beschneite Bahndamm wie ein reißender Bach vorüber. – Weiter mit Franz Kafkas ›Process‹ – ein missratener Roman als Meisterwerk! Viele Episoden bei einem Minimum an Handlung; lauter mediokre Antihelden; unklare räumliche und zeitliche Verhältnisse: Keine Erinnerungsdimension, wenig Zukunft, dominant ist die schwer lastende Gegenwart. Formal fallen zahlreiche kanzleisprachliche Sperrigkeiten auf, stilistische und syntaktische Stauchungen und sonstige Ungefälligkeiten. Doch hat hier alles seine Richtigkeit, und fern jeglicher Trivialität ist und bleibt die Lektüre durchweg spannend. Eben dies macht Kafkas große Prosa, meine ich, unvergleichlich und unverwechselbar – dass der Text, statt fein und dicht und regulär gearbeitet zu sein, als ziemlich grobe Klöppelei angelegt ist, bei der es gleicherweise auf die Löcher und die Knoten ankommt, auf Durchblick und Intensität. Ich kenne keinen andern Autor, bei dem sich so viele Unvollkommenheiten zu solcher Vollkommenheit verbinden. Der vielzitierte Schlusssatz des Romans ist einer der dunkelsten im Text. Dass der Sterbende, mit dem zweimal umgedrehten Messer im offenen Herzen, noch sagen kann: »Wie ein Hund«, und dass er’s, dem Erzähler gemäß, so tut, »als sollte die Scham ihn überleben«, ist eine seltsame Unwahrscheinlichkeit. Scham wofür? Die Scham dafür, »wie ein Hund« zu sterben? Doch auf solche Weise sterben Hunde eher selten. Und weshalb … wozu sollte ihn die Scham »überleben«, also fortdauern über seinen Tod hinaus? – Schwerer Regen heute, nach abruptem Wetterwechsel über Nacht. Triumph der Migräne, der sich bis zum Unterbauch auswirkt und jedes Wollen blockiert. – Weitläufige Träume, Glück mit Kafkas ›Schloss‹ – das Nachlesen der desolaten Geschichte in der textkritischen Neufassung kommt einer Neuentdeckung gleich. Gegenüber dem ›Process‹ ist ›Das Schloss‹ nochmals ein Gewinn an erzählerischer Souveränität und Imagination; großartiges Gelingen am Leitfaden eines düstern, unattraktiven, eigentlich langweiligen Stoffs. Der ultimative Trost: Dass auch letztes Elend künstlerisch bewältigt, bisweilen sogar überwunden werden kann. – Gestern auf 3sat ein langer elegischer Dokumentarfilm mit und über Diter Rot. Gut herausgearbeitet das Portrait eines intellektuell und persönlich dominanten Künstlers, der stets umgeben ist von Kollegen, Schülern, Frauen, Kindern, die ihm, alle, unterlegen sind, ihm zuarbeiten und die er auch einsetzt für seine eigenen Interessen. Ungewöhnliche Energie und Mobilität, Leben als Arbeits- und Ausdruckswut, Kunst als Natur- oder Körperereignis, frontale Offenheit nach außen, herrisches Wesen und fundamentale Einsamkeit. Rot – ein Mann, der alles zu einem großen Ganzen (Haufen) zusammenzwingt, der ungewöhnliche Quantitäten braucht, um hin und wieder ein qualitätsvolles Blatt zu schaffen. Nichts wird weggeschmissen, alles ist Archiv, eher Lebens- denn Werkarchiv. Extreme Unordentlichkeit bei gleichzeitig souveräner Übersicht, enorme Spannweite des Könnens, Wollens, Lassens. Alles authentisch wirkend, nicht mal das Pissen (vor der Kamera) in die eben leergetrunkene Flasche wird zur Peinlichkeit, und der alte gebückte Mann, der sich selbst in seiner wüsten Körperlichkeit nackt filmt, wird zum eindrücklichen Denkmal.

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