Dagmara Kraus: kleine grammaturgie

Kraus-kleine grammaturgie

DIETERROTIERT

der berindete sterz – guckloch −
schmerzt der auch?
− und ob.
ob… ob – fauch −
auch lasenohren lanzinieren?
− und ob.
ob… ob die filzkönigskerzen
pikiert sind, wenn man im notfall
mal unschlitt gebraucht? oder biene?
− und ob.
ob… ob globose gewölle weltanfangs
wirklich vom himmel fielen?
− ja.
wie ja? – ja?! ja, ja einfach so?
und… warns… warns kotzenrobe?
− hautbois oder oboe?

 

Hier liest Dagmara Krause ihr Gedicht „dieterrotiert“

 

In ihrem neuen Gedichtband

steigt Dagmara Kraus in eine Quelle, die selten für Gedichte genutzt wird: die munter sprudelnden Plansprachen, wie sie immer wieder erfunden werden, dem polyglotten Chaos in einer Zunge zu antworten. Vier dieser Plansprachen begegnen uns namentlich: „Myrana“ von Josef Stempfl, „Volapük“ von Johann Martin Schleyer, etwas unausgegorenes „Tcatcalaqwilizi“  und vor allem „Langue bleue“, nach ihrem Erfinder Léon Bollack auch „Bolak“ genannt. Dessen Wunsch war, dass Bücher in Langue bleue in blauer Farbe gedruckt werden – den Wunsch haben wir ihm zumindest für Gedichte in Langue bleue erfüllt. Nicht erfüllt hat Dagmara Kraus hingegen Bollacks Erwartung, dass seine Sprache nur für den Handel genutzt werde, nicht aber für Literatur: „La devise de la langue bleue : dovem pro tle, ‚deuxième pour tous’ indique clairement que sa seule ambition doit être de traduire les besoins les plus usuels, ceux-là même qu’implique le mot ,commerce‘ dans sa plus large acceptation… Cette délimitation exclut toute prétention littéraire. La littérature… ne peut trouver place dans un idiome artificiellement crée par un individu. Cette ligne de démarcation est de la plus grande utilité…“ Die Entwicklung der Poesie ging klarerweise in Richtung Sprache, wie sie in einem einzelnen träumt und wacht.

roughbooks, Ankündigung

 

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„aus der schinkenwange jage ich eine polka“

„Kein Poem ohne Gesetz?“ Mit dieser – im Original lateinischen – Suggestivfrage beginnt die zweite Publikation von Dagmara Kraus überhaupt. Das schmale Broschurbändchen ist 2013 bei Urs Engeler als roughbook Nr. 26 erschienen, unter all den anderen Zustandsberichten der aktuellen Lyrik. Und mit einem weiteren Zitat aus einer toten, einer Plansprache nämlich, werden die Gesetze der Sprache, der poetische Erfahrungsraum der „kleinen grammaturgie“ vor den Augen des Lesers ausgebreitet: „no mipun lon unfu“ – man erfährt die Auflösung („ich strafe ihn nicht einfach“) dieser und der folgenden Stellen aus den Fußnoten; 243 werden es am Ende sein. Neben Josef Stempfls Myrana, einer der vielen Reaktionen auf Volapük und Esperanto, dichtet Kraus vor allem in der langue bleue. Diese „blaue Sprache“ hatte der Pariser Kaufmann Léon Bollack in den 1890er Jahren als Handelssprache entworfen, die jeglichen „literarischen Anspruch“ ausschließt. Lässt sich damit Poesie schreiben?
Schon dass der Verlag diese Passagen blau druckt, gibt eine erste Antwort. Bei Kraus sind es „wechselreden“; lehrbuchhaft, im Plauderstil, auch durchaus in gehobener Konversation gehalten. „spräche ich alle sprachen der erde“, heißt es in der „antilabe“, „würde ich den ursprung / der namen vergessen“, „alle worte, die keine bedeutung haben / und einfach singen“. Wer die Autorin schon einmal das titelgebende Langgedicht ihres 2012 erschienenen Debütbandes, Kummerang, hat lesen hören, wird diese Worte als Poetik auffassen. „ate vortu re nu tenka an sinf / it esmipo en чanto“ – ein bisschen fühlt man sich beim Blausprech an das „Kzommet micz omhz noh dascz gendarmaskaja“ der syldavischen Bauern aus Tim und Struppi erinnert. Die ,grammaturgische‘ Entschlüsselung möge aber ein jeder für sich vornehmen.
Sprachkunst und Sprachwitz liegen oft nah beieinander. Die vielerlei rhetorischen Figuren und altmodischen Gedichtformen, die Dagmara Kraus aus den Kellergewölben der Poesie heraufholt, deuten auf lustvollen Umgang mit den Lehren des Leipziger Literaturinstituts, dessen Absolventin sie ist. Ein „Epithalamion“ für Konstantin Ames erzählt, im Plansprachenmodus, von „sie-ameischen“ und „er-rind“ („du wollen heiraten ich?“), Der Titel eines renaissancegewandeten „Blasons“ lautet „kein worb über uns“ (Wort? Korb? Wo?), und der Text kommentiert sich quasi selbst, etwa die Zeile „um morgen früh am nuthellen grabe“ mit „liebe nutella“, in Klammern dahinter. In „heisssporn vor dem spiegel“ erhalten wir eine kleine Einführung in die permutativen Sprachspiele der Dagmara Kraus: „mein blick kann heiss sein und unverwöhnlich“, heißt es da, „mit ckickerokeit wird mick kein kistoriker / unserer kroßen evolution besckreiben“ – auf korrekte Aussprache bedachte Althistoriker aufgepasst! Feststehende Formulierungen, die allzu Erwartbares auf die Schippe nehmen, haben es der Autorin angetan: „hübschau zu stehen“ schreibt sie, oder, auf den „Heißsporn“ Incitatus, Caligulas Senator-Rennpferd, gemünzt, „banausonutzlos wie der da“. Es geht ums Aufbrechen von Denkgewohnheiten, ums Anderssagen.
Aber ist das noch Lyrik? Da findet sich zum Beispiel Kraus’ Version postmoderner natures in „waibfingers kirchhof“, in Anlehnung oder Abgrenzung zu Mara Genschel oder Ann Cotten. Und wie etwa lesen sich die zwei linken Hände in „ŁAPOSTROPHE #1“, die aus lauter Y_Y_Y – Verkettungen bestehen? Wie der aus U und I gebildete Totenschädel in „erst anfeuern / dann kremieren“? Eine Blumenvase steht zwischen zwei Kerzen auf einem Grab: „ i U i “, Konkrete Poesie war gestern.
Die vielen Y und manch klangvoll-verschrobene Passage, zum Beispiel „herzke verkëss i szerckaruzelkę sing z agonami. bin zung’kar“, deuten aber auch in eine andere Richtung: aufs Polnische. Denn Dagmara Kraus, 1981 in Breslau geboren, dort und in Westfalen aufgewachsen und mittlerweile in Frankreich lebend, ist auch als Übersetzerin tätig. In dem im Leipziger Verlag Reinecke & Voß erschienenen Bändchen Wir Seesterne sind Gedichte des hierzulande wenig bekannten Miron Białoszewski zu bewundern, die ähnlich sprachsezierend vorgehen wie die Autorin selbst. Ein Beispiel für Białoszewskis Präsenz in den Gedichten von Dagmara Kraus findet sich etwa in den „tüdesken“, in den letzten Zeilen von „hohnix“

der himmel macht wohl den phönix
er macht phönix
ich mach ja phönix
önix nützliches
sowieshönix
blühnix
löhnix
ö ’nis
o ö ’nis
ö himmel mach mir den phönix

Darunter steht, kleiner gedruckt wie unbeteiligt, „yeniom“. Eine Instrumentalform, in der das – kaum übersetzbare – yeń aus „Mironczarnia“ steckt?
Zwischen all den Pseudo-Traditionalismen von Virelai, Triskele und Cento klingt auch das Thema Herkunft an: „aus der schinkenwange jage ich eine polka“, lautet die letzte Zeile in einem der Incitatus-Gedichte. Während in „von verne von vorn“ den Ruf „heda, heder, mach eis“ derjenige besonders goutieren kann, der von einem Örtchen im Paderborner Land namens Verne weiß, wo das Flüsschen Heder fließt. So werden die „tüdesken“ zum „alla tedesca“.
Nullum poema sine lege? Wo die Plansprachengedichte noch Sicherheit und Kohärenz suggerieren, lösen sie sich im „poststempfl“, einer Parodie auf Goethes absurdes „Concerto Dramatico“, gänzlich auf in schieres „didadididim daludim“ bzw. dessen Reduktion auf Vokale: „i a i i i a u i“. Es liest sich wie ein Postludium, das Myrana und langue bleue zu Grabe trägt.
Schreibt Dagmara Kraus nun Poesie? Unbedingt, ja! Wer Sprache nicht nur als Maschinerie zur Produktion von Sinn missversteht, wird mit diesen brüchigen, zwischen den Sprachen und Formen oszillierenden Gedichten viel Spaß haben. Um einen auf Oskar Pastior gemünzten Ausspruch von Michael Lentz abzuwandeln: Sie verstehen Dagmara Kraus nicht? Lesen Sie Dagmara Kraus!

Patrick Wilden, Ostragehege, Heft 77, 2015

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Mónika Koncz: Blauzungenkrankheit
fixpoetry.de, 5.5.2013

 

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