Dagmara Kraus: wehbuch (undichte prosage)

Kraus-wehbuch (undichte prosage)

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dies ist ein gemorstes e-buch
von dagmara kraus
wenn man bis auf die punkte
alles streicht

ein wehbuch

 

 

 

Die Welt ist ein Jammertal –

und daraus zieht Dagmara Kraus in ihrem wehbuch das grösste Vergnügen. In ihren Gedichten wird nach Kräften gejammert und gewehklagt, dass es eine Lust ist. Es wird geëeklagt und geoimoit. Es wird geotototoit und geïoit. Und bis nach Sais und Saft el-Hanna gepopaxt. Wir hören „heulematronen zetern; es trauert „kenet-nasch (zehneinhalb), seit sechzig monden jungstudentin der freien klagekunst bei benetnasch“ mit den „marabumimen“ um Pharaonen. Wir sind also im alten Ägypten, wo die Kunst des Klagens das ganze Leben durchweht. Dabei entwickelt sich die Handlung auf zwei Ebenen: „Oben“ läuft der „récit“, „unten“ die abgeleiteten Digressionen, die zeitweise völlig vom Geschehen abstehen und uns in die Welt der Moden führen, nach China, ins pullomantische Rom, durch ein Möbelkaufhaus oder die Bibel, bis das Ganze, angeblasen von zwei Orgelbälge(r)n, in einem einzigen Wehlaut explodiert.

roughbooks, Ankündigung

 

Maulemanual

– Hinreißend erneuert Dagmara Kraus in ihrem wehbuch das vernachlässigte Genre des Klagegesangs und führt uns in ein imaginäres Ägypten – ein Reich des „klagecaterings“ und der „sarkophagdiscounter“. –

Heutzutage wird viel gejammert, aber selten geklagt. Der kunstvolle Klagegesang ist anderen Zeiten, anderen Kulturen vorbehalten. Sieht man einmal von Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“ ab, führt das Genre im deutschsprachigen Raum eine Randexistenz. Wobei „Sprache“ als syntaktisches Gefüge für den Klagegesang ohnehin erst einmal zweitrangig ist; es geht vor allem um die Lautlichkeit, um tönende Vokalreihen. Hugo Ball machte das einst in seiner „Totenklage“ anschaulich:

tru-ü
tro-u-ü o-a-o-ü
mo-auwa

Hundert Jahre nach Hugo Ball legt nun die 1981 in Breslau geborene Dagmara Kraus ihr wehbuch vor, das einerseits ein ganzes „maulelaunenmanual“ beinhaltet, ein umfängliches Verzeichnis von Klagelauten („omoi“, „papai mu au“, „alälä! alälä! alälä!“) und sich andererseits in eine imaginäre Hochzeit der Totenklage zurückversetzt:

wäre ich im alten ägypten in die arbeiterklasse geboren
und früh verwaist, hätten mich die heimvormundinnen
von sais und saft el-hanna gleich ins berufsleben geschickt
fünfjährig hätte ich die dürren ärmchen um ein paar
schonend entdarmte staatsleichen gerungen, ein klagebalg
unter klagebälgern.

Nicht Gedichte, sondern „undichte prosage“ nennt Kraus ihr wehbuch. Tatsächlich verändern semantische Zusammenhänge sich hier ständig, ihre scheinbar feste sprachliche Gestalt löst sich unversehens auf und nimmt neue Formen an. Hat man eben noch Bekanntschaft mit kenet-nasch gemacht, der Anführerin der Klageweiber, des „trauertrupps“, verwandelt sie sich plötzlich in einen benetnasch. Der „mumienmullläppchen“ verkaufende Chinese „gong fu shung“ wird erst zu einem „shong fu shung“, um dann gänzlich „vergongfumullt“ zu werden. Als „fo christo“ taucht er schließlich mit der Idee wieder auf, die „pepipyramide zu vermullen“.
Bei diesem ganzen Gegonge ist freilich auch der Gingganz nicht weit. Zumindest stellt Kraus einem Abschnitt ihres Buches ein Wort aus Christian Morgensterns Zyklus voran: „. . . Bildungshung . . . “. Diesen Bildungs-hung könnte man für einen weiteren Chinesen halten, so sehr ist das Gehör nach einer Weile – „ach china schnief“ – sensibilisiert für die kleinste Bewegung in den unterirdischen Klangkanälen, in denen sich Wörter und Buchstaben zu immer neuen Konstellationen vereinen.
Wenn von „klagecatering“ und „sarkophagdiscounter“ die Rede ist, stellt sich die Frage, was hier beklagt, ob überhaupt ein „Weh“ in diesem Buch verhandelt wird oder nicht vielmehr der Buchstabe „w“, wobei auch das „a“ eine dominante Rolle spielt. Am Ende öffnet sich das „a“ zu jenem „ba“ genannten Teil der Seele, der sich dem Verständnis der Ägypter zufolge nach dem Tod in ein Tier verwandelt, einen Schakal etwa, einen Falken oder, wie hier, in einen „krabäus“. In diesem steckt nicht zuletzt auch die „kräusin“. Ein wahrlich schillerndes Tier in der deutschen Dichterlandschaft.

Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 7.7.2016

Heulknirpse und Tränerinnen

– Den Wehlaut auf den Punkt gebracht: Neue Gedichte von Dagmara Kraus. –

Sollten die Coen-Brüder irgendwann Lust haben, statt eines Drehbuchs einen Gedichtband zu verfassen, würden ihre Texte wohl durch entlegene Kulissen streifen, seltsame Sprachscherze wagen und in historischen Anspielungen und verrückten Einfällen luxurieren. Also genau das, was Dagmara Kraus mit ihrem wehbuch (undichte prosage) schon einmal vormacht.
Der Titel verspricht Schmerzliches und kündigt die verwendete Form an: Prosagedichte, einer Sagenwelt entsprungen. „Undicht“ sind sie, weil aus der in Kapitel gegliederten Textfolge hin und wieder ein Nebentext an den unteren Seitenrand tropft. Als Szenerie dient der Totenkult im alten Ägypten: nicht gerade das, was uns auf den Nägeln brennt. Allerdings wird darüber in einer höchst ungewöhnlichen und sehr zeitgemäßen Weise gesprochen. Und die Frage dahinter lautet: Wie gehen Kulturen mit dem Tod und den Toten um, wer bestimmt die Riten, was fordern die Religionen? Und wer zahlt?
Am Beginn steht ein Seufzer:

mein klagevorrat ist in diesen tagen wie geplündert
ich habe das otototoi der tragödien mindestens
zwei oktaven zu heiter intoniert

Ja, schwierig ist es, sich „auf ein adäquates maß mitleid runterzuleiden“, wenn die Horrornachrichten nicht enden wollen. Kinderarbeit etwa überlebt als Skandal seit Jahrtausenden, und die Waisen am Nil hatten es noch vergleichsweise gut, wenn sie in eine Klageschule aufgenommen wurden:

fünfjährig hätte ich nackt die dürren ärmchen um ein paar
schonend entdarmte staatsleichen gerungen

Solche Verse zeigen klipp und klar, was die Autorin antreibt: keine rückwärtsgewandte Betroffenheit, sondern ein Sprechen, das vielfach vermittelt der Gegenwart auf den Leib rückt. Klischees oder Sentimentalitäten bleiben außen vor, Teilnahme vollzieht sich gewitzt, auch im Grotesken und Widersprüchlichen, aber ohne Zynismus. Das dekorative Ägypten dient als Folie, die das Unsrige erkennen lässt. Der ba, der shât und die achkraft leben ja munter fort, was sie bedeuteten und heute bedeuten, lässt sich erahnen. Ebenso wenig muss man das „Ägyptische Totenbuch“ der Esoteriker kennen. Im wehbuch herrscht Nüchternheit:

es war auf die kulanz der witwen angewiesen
wer vom klagecatering lebte

die selteneren witwer zahlten besser

„Ägypten“ ist aber vor allem ein Wortfeld, das wunderbare Pusteblumen hervortreibt:

tuste nulpe
tuste pumpelrose

fühlste dich nicht in der culpa
fühlste dich wohl in der pose

vom Übermut hinab zur Trauer und wieder nach oben ins Bizarre saust die Lektürefahrt durch die Stimmungslagen. Das Wortfeld ist offen: keine Grenzen, keine Zäune. „Culpa“ weist voraus ins Christentum, dem sich besonders die beiden „zwischenstücke“ widmen.
Im ersten befragt ein nervös Zweifelnder den Johannes der „Offenbarung“:

warum hast du den honig im munde begehrt
wohl wissend ums bitter im bauch

warum hast wermutsmeere dem menschen beschert
und die größere pein auch der frau

Jeder Doppelvers kritisiert die Schöpfung und rüttelt am göttlichen Konstrukt, bis sich der Klagende am Ende nach der Bibelausgabe erkundigt, um die Theodizee in Textkritik zu überführen – ein typisch europäischer Weg, die Unruhe zu bewältigen, die niemand stillen kann.
Tiefenbohrungen sind das, zwischen denen Leichtes und Leichtfertiges oszilliert. Das zweite Zwischenstück etwa gibt sich als engelhafte Ikea-Etüde („vertaburettet mich denn niemand vorm verbillyen“), andere Texte reisen nach China, und was dem Wort „mull“ entspringt, reicht von den Mumien bis zu Christo. Furchtlosigkeit und Sprachlust halten die Balance zwischen Artistik und Kalauer und präsentieren verzwickte Rätsel.
Die Schlusspointe bildet die Versicherung der 1981 in Polen geborenen Autorin, dass es sich hier um „ein gemorstes e-buch“ handelt – nein, kein E-Book, sondern ein quadratisches, sorgfältig und schön gesetztes Büchlein, das sich dem Wehlaut „e“ widmet, der in der Morseschrift durch einen Punkt wiedergegeben wird. „Wenn man bis auf die punkte / alles streicht“, bleibt eben als Lebensessenz das Weh, der Schmerz. Damit ist klar, was die letzten beiden Seiten füllt und womit auch diese Rezension endet, obwohl, was die poetische Schöpfung von Dagmara Kraus betrifft, zu Klagen wahrlich kein Anlass besteht.

Gisela Trahms, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.8.2016

Weiterer Beitrag zum Buch:

Jan Kuhlbrodt: Spiel mir das Lied vom Tod
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