Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes

Charms-Die Wanne des Archimedes

LAPA

Das Schnarchen endet in der Stimme
die Röchler gleichen Kommata
dein Kissen der verwirrten Haare
bekreuzige mit dem heiligen Schlüssel.
Aus dem Kopf wächst eine Blume.
Ist das ein Traum ist das der Tod
durchblättert da ein Tier mein Heft
verschluckt ein Wurm die Nacht die Not
dort der Hähne Flaum
Esel aus Kanone zeltgleich batz
Traum stützt sich auf Reime
Westwind. – Eimer.
O Statue du aller Statuen
den Tagen nimm den Atem
dem Wald die Pfützen
wo im Moos die Pilze wild sind
sag dem Menschen: Lappalien Kind
ich muß in den Brunnen tauchen
Geistes Marmor abzukühlen
ich die Braut des Erdensohns
außerstand zu gehen auf der Erde.
In mir lebt des Säuglings Schwere
Blech des Himmels faule!
Ab jetzt bin ich das Blech.
Und Erz und Kobalt und Sprungfeder
ins Eisen vorgestoßen sind
und los von dort der Stahl schreit: Messer her!

Des Tigers Schwanz ist weich wie Moos!
Und schwanger irre ich umher.
O Herr! Das ist ein Riemen bin ich nicht!
O Herr! Ein Greinen aber nicht die Mutter!
Es werden dich mein liebes Kind
Es werden dich mein liebes Kind
Es werden dich mein liebes Kind
Die Kiefern dann umarmen.

So sagte sie und fiel.
Das Echo rief: Magott!
Und an brach die Johannisnacht
in der das Gras aufschaut zu Gott.
Zwei Nevskijs durchschnitten die Wälder
und warfen eine Schnur durch die Luft
die Lokomotive atmete Gischt
den Mathematiken des Himmels ins Gesicht.
Und Gott zur Antwort: auf dem flachen Stein
stand der Erdensohn. Er rauchte Pfeife.
Mit Wachs verklebt die Augen sein.
„Ich sehe schlecht“, so sagte er.
„Wohin ist meine Statue gestürzt
wohin die Leuchte aller meiner Leuchten.
Verwaist als Junggeselle auf der Welt
Schraub ich den Blick ins Himmelszelt.
Gezählt nach den Schlägen des Herzens
fließt hin die Zeit so freundlich frisch
nach Uhren und nach Tisch

nach Wurzeln und nach Stamm.
Und ich vermerke in dem Heft
die Stelldicheins der Statue mit dir
deinetwegen
versklave ich dich Leben.
Deinetwegen stehe ich früh auf
lege mich ins Wasser bis zur Schulter
lege hege dege wege
Götter wötter wenkel benkel.“

Aus Poltava weht der Geist
voller Fliegen voller Brot
wer ihn atmet trinkt den Duft
Mama kauf uns Luft.
Ich bin Berg, und du bist Sand
du Quadrat, und ich bin groß.
Ich die Uhr, du ein Geschoß
sie stelln auch noch die Sterne bloß.
Luft gibt Mama aber nicht
dünn der Atmosphäre Schicht
Sterne glitzern ganz wie Messer.
Mama zeige Gott uns besser!
Du der Kahn, und ich der Nachen
du der Dummkopf, ich der Rachen
du die Hose, ich der Saum
du die Schlucht, und ich das Tal
du die Erde, ich der Thron,
In Namen des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

 

 

Editorische Notiz

Der Petersburger Musiker, Kritiker, Philosoph und Mitglied des Kreises der „halbanalphabetischen Philosophen“ um Leonid Lipavskij, Jakov Druskin – dem wir die Rettung des literarischen Nachlasses von Daniil Charms nach dessen Verhaftung 1941, und damit auch diesen Band, verdanken – hat einmal bemerkt, Charms habe mit seinem Werk eine „Art neuer literarischer Gattung“ geschaffen, „von der nur schwer zu sagen ist, ob es sich um eine Tagebuchnotiz handle, um eine philosophische Erwägung, eine Erzählung oder um ein Gedicht“.
Diesem Gesichtspunkt, mit dem spätere Charms-Herausgeber in Rußland höchst unterschiedlich umgegangen sind, trägt die hier vorgelegte repräsentative Auswahl aus Charms’ poetischem Werk Rechnung, indem sie abgeschlossene, durch das berühmte „AUS“ gekennzeichnete Gedichte mischt mit Texten, die von russischen Editoren (durchaus unterschiedlich) als Fragmente eingestuft werden. Vorliegende Ausgabe orientiert sich nicht an den von Valerij Sažin edierten Vollständigen Werken (die keineswegs vollständig sind), nachdem der Editor auch Gedichtpassagen ungekennzeichnet mitteilt, die Charms in seinem Original gestrichen hatte, sondern an der ersten, philosophisch sauberen und professionell gemachten Ausgabe der Gedichte von Charms durch Michail Mejlach, Bremen, K-Presse, Bd. I, 1978, bis Bd. IV, 1988, die Lesarten und Varianten korrekt in den Anmerkungen unterbringt; hinzugezogen wurde die ebenfalls von Michail Mejlach edierte Anthologie der Lyrik des Oberiu in der Dichterbibliothek Bibliothka poeta, S.-Petersburg 1994, vor allem deren vorzüglicher Kommentar.
Die bewußt knapp gehaltenen Anmerkungen vorliegender Ausgabe erklären 1. vor allem Entstehungsdaten, Rhythmus und Reimkunst der mitgeteilten Gedichte, 2. Personen, die Charms nahestanden, 3. historische Ereignisse, die der deutsche Leser, auf deutsch publizierte Nachschlagewerke angewiesen, nicht ohne weiteres entschlüsseln könnte. Datierungen (und Anmerkungen) im Textteil stammen ausschließlich vom Autor, vermutete Entstehungszeiten finden sich zu Beginn der Anmerkung. Einige der in diesem Band enthaltenen deutschen Gedicht-Versuche sind bereits erschienen in den zwei vergriffenen Charms-Editionen Fälle, Zürich, Haffmans Verlag, 1984, und Die Kunst ist ein Schrank, Berlin, Friedenauer Presse, 1992; Teile des Ganzen erschienen im Charms-Geburtstags-Dossier des Schreibhefts Nr. 65, Essen 2005 – ein Großteil des Gesamtcorpus wurde für diesen Band neu übertragen.
Zur Übersetzung. Bekanntlich hat kein geringerer als Vladimir Nabokov, der dem englischsprachigen Publikum Aleksandr Puškins Hauptwerk, den (gereimten) Versroman Evgenij Onegin, in jambischer (nicht gereimter) ,Prosa‘-Fassung präsentiert hat, nachgewiesen, daß es, schon aus rein ,mathematischen‘ Gründen, unmöglich sei, einen russischen Vierzeiler mit den identischen Reimwörtern überhaupt in eine Fremdsprache herüberzuretten; dieser Auffassung waren schon Prosper Mérimée, der Puškin und andere russische Autoren als Prosa ins Französische übertrug, ebenso Ivan Turgenev (und Louis Viardot), die Puškins Kleine Tragödien in rhythmisierter Prosa ins Französische übersetzt hatten.
Der – in den Charms-Gedichten oft springende – Rhythmus ist weniger das Problem als der Reim. In der Reimtechnik schließen die russischen Oberiuten, nach Überwindung ihrer ,futuristischen Phase‘ (1925–1931), eher an die Reimtechnik der Klassiker an, Charms besonders an die des Kozma Prutkov – jener legendären Dichtergestalt, erfunden vom Grafen Aleksej Konstantinovič Tolstoj und den Brüdern Žemčužnikov, die mit ihren Fabeln, Aphorismen (Früchte des Nachdenkens) und „Gistorischen Materialien“ dem Russischen manches Stichwort gestiftet hat und die beispielsweise in dem Dialoggedicht Katerina parodistische Reime benützt wie kartína (Bild), mužčína (Mann). pričína (Ursache, Grund), edína (einzig), wird jeder die Unmöglichkeit, ja den Unsinn begreifen, diesen leichtfüßig parodistischen Ton ,übersetzen‘ zu wollen. – Anderseits bietet Charms zahlreiche ,puškinsche‘ Reime mit Fremdwörtern selber an, z.B. Draisine auf Apfelsine, die einen Übersetzer locken und letztlich die Bedenken in den Wind schlagen.
Das Ergebnis dieses Leichtsinns hat der Leser zu beurteilen.

Peter Urban, Nachwort, Juni 2006

 

„Auf Charms zu bestehen“,

schreibt Peter Urban, „ist nicht nur Herzenssache, sondern Notwendigkeit, denn es ist beileibe noch nicht entschieden, ob Charms nur als Klassiker des russischen absurden Humors anzusehen sei, oder ob er nicht auch und zugleich einer der eigentlichen und wahrsten Realisten seiner Zeit war“.
Die Wanne des Archimedes bietet erstmals eine umfassende Auswahl der Charms’schen Gedichte und spannt einen Bogen von der frühen Laut- und Nonsens-Poesie zu den großen dramatischen Erzählgedichten, von den verspielt philosophierenden bis hin zu den späteren, intimen Gedichten. Wenn Sprachlust, Komik und Schrecken grotesk in eins fallen, geben diese Gedichte den Blick auf die Realität frei, werden die Ängste, Nöte und Träume des Autors und seiner Zeit sichtbar. Der zum Teil zweisprachige Gedichtband ist sorgfältig kommentiert und mit einem Nachwort versehen.

Edition Korrespondenzen, Ankündigung

Gegen die Langeweile

Manche Geburtstagsgeschenke brauchen etwas länger, sind aber dafür umso schöner und umso ergiebiger. Wie etwa diese vom bewährten Übersetzer Peter Urban gut ins Deutsche übertragene umfangreiche Auswahl der Poeme Daniil Charms’. Am 17. Dezember 1905 in St. Petersburg geboren, war Charms, der eigentlich Juwatschew hieß, unter dreißig Pseudonymen veröffentlichte und die Kombination aus „Charme“ und „harm“, englisch für Qual, als Nachname annahm, der verspielteste Avantgardeautor der frühen Sowjetunion. Sein Ziel war „die Provokation, der Kampf gegen den gesunden Menschenverstand und gegen die Welt des Mittelmaßes, der Langeweile und der aufgeblasenen Solidität“ (Charms). Seine Lyrik zeigt in dieser sorgfältig gestalteten Ausgabe die Entwicklung von den absurd-dadaistischen frühen Arbeiten, in denen die Welt kopfsteht, über einen eigenwilligen Futurismus bis zu den späten intim-philosophischen Langgedichten. Sozialistisch war nichts bei ihm und stetes Hintergrundrauschen der Terror des Stalinismus, der auch Charms verschlang. Er verhungerte 1942 in der Leningrader Gefängnispsychiatrie.

aky, Rheinischer Merkur, 30.11.2006

Schreiben als Überlebensgeste

Der russische Dichter Daniil Charms (eigentlich Juwatschow, 1906–1942), der zu Lebzeiten – aus literaturpolitischen Gründen – nur für ein paar Kinderbücher Druckerlaubnis erhielt, ist erst Jahrzehnte nach seinem Hungertod in einem Leningrader Gefängnis einer breiteren Leserschaft bekannt geworden. Durch diverse Werkeditionen und zahlreiche Übersetzungen ist er heute als ein Klassiker der europäischen Moderne ausgewiesen, und mehr als dies – er gehört inzwischen zu den populärsten Autoren der frühsowjetischen Avantgarde überhaupt. Hierzuland ist Charms seit 1970 vorab durch seine anekdotische Kurzprosa (Vorfälle, 1936–1939) sowie durch ein viel gespieltes Bühnenstück (Jelisaweta Bam, 1927) bestens eingeführt, und seine attraktive Verortung zwischen Futurismus, Surrealismus und absurdem Theater hat ihm rasch zu internationaler Wertschätzung verholfen.
Wie berechtigt diese Wertschätzung tatsächlich ist, lässt sich nun überprüfen anhand einer umfangreichen Gedichtauswahl, die erstmals in deutscher Sprache die Charmssche Wortkunst in all ihren Registern – vom saloppen Liebes- oder Säuferlied bis zum elegischen Abgesang auf Gott und die Welt – vor Augen führt. Was einem da in der Übersetzung von Peter Urban vor Augen kommt, ist freilich in erster Linie fürs Ohr bestimmt und bietet sich kraft seiner ausgeprägten rhythmischen und klanglichen Gestalt eher zum Vorlesen denn zum Nachlesen an.
Die meisten dieser Gedichte unterscheiden sich nur der äussern Form nach, nicht aber thematisch und stimmungsmässig von Charms’ Kurzprosa. Fast durchweg sind sie narrativ oder dialogisch angelegt, das Personal besteht aus grob typisierten sowjetischen Normalverbrauchern, die jenseits aller Psychologie in ihrer dumpfen Niedertracht unter Allerweltsnamen wie „Iwan“, „Maria“, „Petrow“, oft aber auch als dichterisches „Ich“ vorgeführt werden. Faulheit, Geilheit, Dummheit sind die hauptsächlichen Qualitäten dieser schimpfend und klagend und klauend und um sich schlagend durchs Leben stolpernden Antihelden, mit denen es irgendwann, meist völlig untragisch, einfach „aus“ ist – „aus“, das heisst „Schluss“, „Alles“, „Nichts“, „Null“. Die Banalität des Sterbens beglaubigt hier die Sinnlosigkeit des Lebens, die Vergeblichkeit jeglichen Strebens. Man lebt dahin, man futtert und geniesst, bis die „tödliche Schwere“ über einen kommt, die Taschenuhr das Ticken aufgibt, die Haare plötzlich sich lichten, die Ohren abfallen „wie im Herbst das gelbe Laub von der Pappel“ – und dann ist man einfach tot:

So, Schluss, fertig, aus!

Auch die Gegenstandswelt von Charms’ Gedichten bleibt im Vergleich mit der Prosa weitgehend unverändert. Die dominierenden Elemente sind Luft und Wasser, es wird auffallend viel geschwommen und geflogen, Ertrinken und Abstürzen sind ganz normale Todesarten. Die Welt ist ärmlich und gleichförmig möbliert: Berg, Ufer, Feld; Haus, Zimmer, Tisch; es gibt die Kuh und die Wanze, den Adler, die Fliege, den Fisch; zur Hand sind Axt, Säbel, Messer – alles scheint in Stücke zerlegt oder aus Stückwerk gefügt zu sein, monströs und lachhaft zugleich. „Die Welt ist Vielfalt“, so heisst das Projekt des Forschers und Bastlers Fakirow: „Und diese schwierige Maschine“, sagt er dazu, „hab ich gebaut aus Schrot und Gerste“.
Schreiben als Widerstands- und Überlebensgeste, als unverzichtbares tägliches Exerzitium, simpel und hochgemut zugleich: „Schlage jeden Tag dieses Heft auf“, notiert Daniil Charms im Schreckensherbst 1937, „und schreibe mindestens eine halbe Seite. Wenn nichts zu schreiben ist, so schreibe wenigstens, dass heute nichts zu schreiben ist. Schreibe immer mit Interesse und betrachte das Schreiben als ein Fest“.
Mit minimalistisch eingesetzten dichterischen Mitteln konterkariert Charms das stalinistische Sowjetsystem. Die kleine, meist offene und pointenlose Form seiner prosaischen Lyrik bietet er auf gegen Monumentalität und Pathos, mit abgründigem Nonsens bringt er die offiziell dekretierten Wahrheiten ins Wanken, Einfall und Zufall zieht er Plänen und Konzepten vor. Der zunehmenden Tribunalisierung des Alltags begegnet er mit absurdem, präzis entlarvendem Humor, und den hölzernen Parteijargon unterläuft er mit seiner deftigen, oft stotternden, bisweilen jäh abbrechenden oder ins Unverständliche ausufernden Dichtersprache.
Daniil Charms gelingt es, den Determinismus der kommunistischen Staatsideologie durch die „cisfinite Logik“ seiner Phantasie zu relativieren und das dialektische Entweder-oder im Sowohl-als-auch poetischer Möglichkeitsformen aufzulösen:

Jetzt ist hier, und jetzt dort, und jetzt hier, und jetzt hier und dort.
Dieses werde jenes.
Hier werde dort.
Dieses, jenes, hier, dort, werde, Ich, Wir, Gott.
– von der „Macht“ zur Rede gestellt, antwortet der „Erdensohn“ kurz und bündig:

Awla dindurí pre pre kru kru.

Und das will etwas heissen in einer totalitären Welt, die einem auf Eindeutigkeit getrimmten Herrschaftsdiskurs unterworfen ist.

Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2006

Daniil Charms mag gerne Quatsch

Humor wächst am besten in der Verzweiflung. Daniil Charms, russischer Kultdichter des absurden Humors, schrieb zu Zeiten des kulturellen Nuklearwinters. Seine sowjetdadaistische Dichtergruppe Oberiu, auf der Heckwoge der Avantgarde 1927 gegründet, wurde nach wenigen Wochen praktisch verboten. Charms, der der staatlichen Vereinnahmung sein Credo entgegenstellte, ihn interessiere nur Quatsch, das, was keinerlei praktischen Sinn habe, findet als Kinderbuchautor zeitweilig Zuflucht und Auskommen. Nach einer Verhaftung wegen „illegaler literarischer Umtriebe“ wagt er in den dreißiger Jahren seine Erwachsenenliteratur selbst Freunden kaum mehr zu zeigen. Der Staatsterror lichtet die Schriftstellerreihen, Charms leidet an chronischer Unterernährung. Während die Deutschen Leningrad blockieren, verhungert der Dichter, der die Hungererfahrung in komisch karge Verse goss, in der Gefängnispsychiatrie.
Peter Urban, dem das deutsche Publikum schon die Bekanntschaft mit Charms’ Prosa und Theaterstücken verdankt, beschert uns nun in einem schönen Band der Edition Korrespondenzen auch eine deutsche Übertragung der Gedichte, von denen zu Lebzeiten des Autors nur zwei gedruckt wurden. Den Nonsens-Balladen, Lautturnereien, mathematischen Mystifikationen, Gebeten an den ungeglaubten Gott fehlt vielleicht die absurde Stringenz von Charms’ Prosaminiaturen. Dafür facettieren sie durch minimalistische Verswiederholungen und alogische Fehlschlüsse das Bild einer Existenz, die die totalitäre Maschine zermalmt und der die Avantgarde die letzten Sinnmoleküle zersprengt hat.
Charms’ lyrische Helden sind betont identitätslose Systemstatisten: Iwan Iwanytsch, Mamascha oder Petrow. Ihr dürftig gestricheltes Dasein erfüllt sich in kreatürlichem Hunger, dumpfer Wollust, reflexhafter Aggression. Der Dichter scheint aus den Ritzen des aus Heroismus, Pathos, Moral, Hygiene aufgetürmten Gesellschaftsmolochs die Staubkörner des menschlichen Rests herauszukratzen. Auch die Erkenntnissuche von Charms’ Alter-Ego-Philosophen fördert höchst unnütze, also humane Wahrheiten zutage. Der in ein Mädchen verliebte Physikstudent halluziniert sich Körper, die einander anziehen, der Tüftler will Elektrizität im Mikroskop erspähen. Erlösung findet der Grübelzwang in Charms’ geliebter Null-Figur, vor allem in Gestalt sich ausbreitender und verschwindender Kreise auf dem Wasser, die tiefe Gedanken hervorrufen und nichts hinterlassen.
Wie ein Barockdichter belagert Charms den abwesenden Gott mit ungelenken Anrufungen. Als Künstler bittet er um die Entbremsung seiner Vorstellungskraft, als Naturmensch im Wald um Beistand für seine Liebeslust. Gebete porträtieren vor allem den Absender. Deswegen kann der Hilferuf Ogott plötzlich lebendig werden und herabsteigen. Doch was das Leben ewig macht, so prophezeit eines der schönsten Gedichte, sind die Rohstoffe Fröhlichkeit und Dreck. Der Gott, der den Staub endlich wegsäubert, bleibt, sich selbst der einzige Freund, in dunkler Kälte allein.

Kerstin Holm, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.3.2007

Not und Spiele

– Die wunderbare Welt des Dichters Daniil Charms – wiederbelebt von Peter Urban. –

Daniil Charms, der 1905 in St. Petersburg geborene und 1942 im belagerten Leningrad in einem Gefängnisspital verhungerte Dichter, gehört zu den verblüffendsten Figuren der russischen Literatur. Heute ist sein Name allen, die sich für Poesie interessieren, ein Begriff. Und das ist ein wahres Wunder: Denn zu Lebzeiten durfte er hauptsächlich Kindergedichte publizieren und war als Lyriker, Dramatiker und Prosaautor nur im engen Kreis der Leningrader Boheme bekannt. Erst seit den sechziger und siebziger Jahren verbreiteten sich allmählich seine Texte, zunächst als illegale Schreibmaschinenkopien, was Charms zu einem Kultautor für Eingeweihte machte.
So entstanden Legenden, etwa die seines Verschwindens: Charms sei eines Tages aus dem Haus gegangen, um Zigaretten zu holen, und für immer verschwunden, genau so, wie es in einem seiner berühmten Kinderreime beschrieben ist. Dann, zur Zeit der Perestrojka, erschienen endlich Bücher von und über ihn. Das Glück, Charms’ Texte zu kennen, verdanken wir einem mutigen Menschen: Der zu seinem Freundeskreis gehörende Philosoph Jakow Druskin kam im von Deutschen belagerten, hungernden, frierenden Leningrad in die Wohnung des schon verhafteten Charms, verlud dessen Archiv auf einen Kinderschlitten und zog es durch die ganze Stadt zu sich nach Hause. Ohne diese Heldentat wären von Charms nur geniale Kindergedichte geblieben und niemand könnte heute über den komplexen und tragischen Dichter sprechen.
Daniil Charms und seine Dichter- und Philosophenfreunde bildeten einen kleinen Kreis, in dem die originellsten sprachlichen und intellektuellen Experimente gewagt wurden. Kinderliteratur war lediglich ein rettender Brotberuf, und auch der wurde der Obrigkeit schnell verdächtig. Bereits 1931, sechs Jahre vor dem großen Terror, wurden Charms, sein Freund, der große Lyriker Alexander Wwedenskij, und noch einige andere Kinderbuchautoren verhaftet und verbannt. Ihre Literatur war zu verspielt, nicht sozialistisch, nicht pädagogisch genug. 1932 wurden sie dann „umerzogen“ in einen unheimliche Alltag entlassen, konnten ihre Kinderbuchautorenkarrieren fortsetzen, doch waren sie bereits gebrannte Kinder. Sie waren Fremdkörper in einer Gesellschaft, die munter sein wollte, einfach und romantisch, die bauen wollte und tatsächlich baute – Häuser, Fabriken, Arbeitslager. Diese Menschen, Charms und seine Freunde, die in ihrer Jugend selbst „links“ gestanden hatten, zumindest kulturell, fühlten sich als Überbleibsel einer alten Kultur, als komische und kranke Nachzügler. Sie kultivierten den exzentrischen Lebensstil einer aussterbenden Spezies, den speziell Daniil Charms bis zu äußerster Seltsamkeit zuspitzte. Seine Kleidung stilisierte er zum komischen Kostüm, wohl auch, um ihre Ärmlichkeit zu kaschieren. Seine Art zu sprechen war auffallend ungewöhnlich, so dass nicht immer zu unterscheiden war, was er ernst meinte und was nicht. Als er 1941 zum zweiten Mal verhaftet wurde, schockierte er seine Aufseher mit der Behauptung, er wickle eine Binde um seinen Kopf, um seine Gedanken zu verbergen. Wollte er sich krank stellen? War er krank? Das bleibt wohl für immer ein Geheimnis.
Für Daniil Charms in Deutschland hat Peter Urban sehr viel getan. Seine Artikel in der Zeitschrift Schreibheft (Nr. 39–40, 1992 und Nr. 65, 2005) und seine Essaysammlung Genauigkeit und Kürze. Aussichten zur russischen Literatur (Diogenes, 2006) seien dem interessierten Leser, der mehr über Daniil Charms und seine Umgebung erfahren möchte, wärmstens empfohlen.
Die Wanne des Archimedes besteht aus zum größten Teil neuen Übersetzungen und gibt eine gute Vorstellung von der eigenartigen Dichtung Daniil Charms’. Peter Urban verzichtet in seinen Übersetzungen meistens auf den Reim. Dieses Verfahren erlaubt ihm, vieles ins Deutsche zu retten, was dem Reimzwang ansonsten zum Opfer fiele. Im poetischen Denken wird das Bild oder der Gedanke blitzschnell geboren, zusammen mit den vom Dichter benutzten formalen Mitteln, und wenn der Reim zu diesen Mitteln gehört, dann nimmt auch er an diesem Prozess teil. Der Reim ist jedoch nicht Zweck der Übung, sondern ein Instrument. Peter Urban wendet seine Aufmerksamkeit jenen anderen Kleinigkeiten zu, aus denen die Poesie besteht: der Lust am Wortspiel, einer übermütigen Mischung aus Ernst und Witz, einer Ästhetik des Absurden, die Charms und seine Freunde für sich entdeckten und spätere Kunstströmungen vorwegnahmen – all das kann man in diesem Buch finden und genießen.

Olga Martynova, Der Tagesspiegel, Jänner 2007

Gegen die Langeweile

Manche Geburtstagsgeschenke brauchen etwas länger, sind aber dafür umso schöner und umso ergiebiger. Wie etwa diese vom bewährten Übersetzer Peter Urban gut ins Deutsche übertragene umfangreiche Auswahl der Poeme Daniil Charms’. Am 17. Dezember 1905 in St. Petersburg geboren, war Charms, der eigentlich Juwatschew hieß, unter dreißig Pseudonymen veröffentlichte und die Kombination aus „Charme“ und „harm“, englisch für Qual, als Nachname annahm, der verspielteste Avantgardeautor der frühen Sowjetunion. Sein Ziel war „die Provokation, der Kampf gegen den gesunden Menschenverstand und gegen die Welt des Mittelmaßes, der Langeweile und der aufgeblasenen Solidität“ (Charms). Seine Lyrik zeigt in dieser sorgfältig gestalteten Ausgabe die Entwicklung von den absurd-dadaistischen frühen Arbeiten, in denen die Welt kopfsteht, über einen eigenwilligen Futurismus bis zu den späten intim-philosophischen Langgedichten. Sozialistisch war nichts bei ihm und stetes Hintergrundrauschen der Terror des Stalinismus, der auch Charms verschlang. Er verhungerte 1942 in der Leningrader Gefängnispsychiatrie.

Alexander Kluny, Rheinischer Merkur, November 2006

Schreib-Exerzitium

„Schlage jeden Tag dieses Heft auf und schreibe mindestens eine halbe Seite.” Das tägliche Exerzitium hielt Daniil Charms am Leben – bis er 1942 schließlich im Gefängnis verhungerte. Jener Eintrag im „Blauen Heft“ findet sich in einer wunderbaren Gedichtauswahl wieder, die Peter Urban unter dem Titel Die Wanne des Archimedes zusammengestellt und übersetzt hat. Charms überschreitet fortwährend die Grenzen der herkömmlichen Logik – und dennoch scheint alles einer geheimen Folgerichtigkeit zu unterliegen. Charms liebt das Spiel mit vertrauten lyrischen Formen, deren Muster er sogleich wieder aufbricht oder ins Leere drehen lässt. Seine Metaphernketten führen in ein Nichts, wo sich dieser Dichter mal belustigt, mal besorgt seinen eigenen Ort eingerichtet zu haben scheint:

Es gibt nur noch mich.

Charms Gedichte geben laufend Anlass zur Konfusion ebenso wie zu Gelächter. Mit Fortdauer der Lektüre aber offenbaren sie immer spürbarer auch anrührende Töne. Von einer Zeile zur anderen können sie umschlagen von transzendentem Spott zu tiefer existenzieller Verzweiflung:

Aber in mir ist alles leer, eintönig und trist.

Die vorliegende Auswahl enthält alle Facetten dieses rätselhaften Dichters. Peter Urban hat das Mögliche getan, sie ins Deutsche zu übertragen, obwohl ein solches Unterfangen im Grunde unmöglich ist. Die Qualität seiner Übersetzung bestätigt sich darin, dass sich die charmsche Poetik bei lauter Lektüre unwillkürlich offenbart. Sie sollte so gelesen werden, wie Charms sie verfasst hat: als Exerzitium, täglich eine Seite oder zwei.

(bml), Der Bund, Mai 2007

Die Wanne des Archimedes

„Neues“ vom großen Dichter Daniil Charms (1905–1942), zumindest für den deutschen Leser: ein praller Band mit Gedichten. Der Übersetzer Peter Urban zitiert in seinem Nachwort Jakov Druskin, der den dichterischen Nachlass von Charms für die Nachwelt rettete: Charms schuf mit seinem Werk eine „Art neuer literarischer Gattung, von der nur schwer zu sagen ist, ob es sich um eine Tagebuchnotiz handle, um eine philosophische Erwägung, eine Erzählung oder ein Gedicht.“ Diesem „erweiterten Gedichtbegriff“ folgt Peter Urban in seiner Auswahl mit wunderbaren Übersetzungen in einem berückend schönen, ohne Fisimatenten hergestellten schlichten Band.

Journal Frankfurt, Februar 2007

Ein großer Dichter

„Schlage jeden Tag dieses Heft auf und schreibe mindestens eine halbe Seite.“ Genau so, wie Daniil Charms sein tägliches Exerzitium einhielt, bis er 1942 im Gefängnis verhungerte – genauso empfiehlt es sich, seine Gedichte zu lesen. Aber was heißt hier schon Gedichte. Daniil Charms überschreitet alle Grenzen der Form und der Logik. Seine Metaphernketten führen ins Nichts und geben so laufend Anlass zur Konfusion ebenso wie zu Gelächter. Mit Fortdauer der chronologischen Lektüre werden dabei immer stärker anrührende Töne vernehmbar, die unvermittelt von transzendentem Spott zu existenzieller Verzweiflung umschlagen. „Aber in mir ist alles leer, eintönig und trist.“

bm, das Kulturmagazin, März 2007

 

Erinnerungen an Charms

Vorbemerkung
Der russische Lyriker, Dramatiker und Prosaautor Daniil Charms (1905–1942) ist kein Geheimtip mehr. Ein Geheimklassiker vielleicht? Auch seine Dichter- und Philosophenfreunde – Alexander Wwedenskij, Nikolaj Olejnikow, Nikolaj Zabolotskij, Jakow Druskin und Leonid Lipawskij – sind inzwischen im deutschsprachigen Raum mit Übersetzungen vertreten. Gemeinsam bilden sie die letzte Welle der russischen literarischen Moderne, die sich in den zwanziger Jahren formierte und der ein tragisches Schicksal zuteil wurde: Sie konnten ihre literarischen Arbeiten nicht mehr veröffentlichen, mußten Brotberufe ausüben (die meisten schrieben Kinderbücher), wurden verhaftet, verbannt, viele am Ende hingerichtet. Daniil Iwanowitsch Charms verhungerte im Krankenhaus des Leningrader Kresty-Gefängnisses, im ersten, dem grausamsten Hungerwinter der Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen. Doch die Texte, die er und seine Freunde hinterließen, gehören zu den Kleinoden der Philosophie und Dichtung des 20. Jahrhunderts, nicht nur in Rußland.
Wsewolod Petrow (1912–1978) stammte aus einer Petersburger Adelsfamilie und arbeitete ab 1932 am Russischen Museum der Stadt. Als dessen Leiter Nikolaj Punin 1949 aus politischen Gründen aus dem Amt gedrängt wurde, mußte auch Petrow gehen. Haft und Lager blieben ihm jedoch erspart. Er wurde zu einem weithin anerkannten Kunstwissenschaftler und schrieb viele Standardwerke über russische Künstler, seine Wohnung wurde zum Treffpunkt „inoffizieller“ junger Schriftsteller, die im verborgenen an der „Weitergabe der Kultur“, einer samisdatartigen Fortsetzung der russischen Moderne, mitwirkten. Petrow verfaßte auch die bezaubernde Novelle „Die Manon Lescaut von Turdej“, die 1946 nach seiner Rückkehr aus der Armee entstand, die er aber nie zu publizieren versuchte. Über die Gründe kann nur spekuliert werden: Vielleicht hielt er es für sinnlos, vielleicht grauste ihm vor möglichen Entstellungen durch die Zensur. Mit der offiziellen Sowjetliteratur der Zeit hat die Novelle jedenfalls so gut wie nichts zu tun. Erst 2006, achtundzwanzig Jahre nach seinem Tod, erschien sie in der Zeitschrift Nowyj mir und 2012 auch auf deutsch.
Zu Recht bezeichnet sich Petrow in seinen Erinnerungen an Daniil Charms als dessen letzter Freund. Als er sich mit dem sieben Jahre Älteren anfreundete, war dessen engster Freundeskreis bereits zerschlagen. Nikolaj Olejnikow war 1937 verhaftet und hingerichtet worden, Nikolaj Zabolotskij seit 1938 in Haft, sein Jugendfreund Alexander Wwedenskij war nach Charkow übersiedelt, hatte geheiratet und sich ganz ins Familienleben zurückgezogen. Die übriggebliebenen Freunde waren vorsichtig geworden: Die Zeit war nicht günstig für gesellige Zusammenkünfte und geistreiche Gespräche, man konnte leicht in den Ruch einer „antisowjetischen Organisation“ kommen. Eben darum aber war Wsewolod Petrow, der aufmerksam zuhörte und viel verstand, so wichtig für Charms. Mit ihm konnte er über die wesentlichen Dinge sprechen – die Literatur, die Stellung des Dichters in der Welt –, in einer Proletenkneipe bei Wodka, Bier, Würstchen und gekochten Erbsen. Charms und seine Freunde hatten eine Schwäche für solche Etablissements, konnten sich aber auch meist nichts anderes leisten. Der Krieg stand schon vor der Tür, Petrows Weg führte an die Front – der von Charms in den Tod.
Oleg Jurjew

Im Vorfrühling des Jahres 1933 fuhr ich auf der offenen Plattform einer Nachtstraßenbahn; ich kehrte von Freunden zurück und begleitete eine Dame, die ich kannte. In meiner Jugend zogen bis zum Morgen einsame Straßenbahnen durch die Stadt. An der Ecke der Bassejnaja und des Litejnyj, wo die Schienen einen Bogen machen, verlangsamte die Bahn ihre Fahrt, und auf die Plattform sprang ein hochgewachsener junger Mann von ungewöhnlichem Aussehen. Er trug eine Melone, wie sie damals wirklich niemand trug, und schien mir nach ausländischer Manier elegant zu sein, trotz des ziemlich abgetragenen und lädierten Mantels.
Meine Begleiterin lächelte ihm freundlich zu. Er zog den Hut und küßte mit etwas affektierter Höflichkeit ihre Hand. Die Zeit war recht flegelhaft und kaum jemand küßte damals Damen die Hand, in der Straßenbahn schon gar nicht. Der junge Mann und ich tauschten zurückhaltende Halbverbeugungen aus, und er ging weiter in den Waggon.
„Wer ist das?“ fragte ich meine Begleiterin.
„Der Dichter Daniil Charms.“
Lange hatte ich die Begegnung fast vergessen. Nur die ungewohnte Melone war mir schwach in Erinnerung geblieben, ebenso der ausländische Nachname, der zum europäisierten, vielleicht englischen, vielleicht skandinavischen Äußeren des jungen Mannes paßte. Die elegante, etwas altmodische Höflichkeit seiner Manieren hatte mir gefallen.
Natürlich konnte ich damals nicht wissen, daß ich mit diesem Menschen eine enge Freundschaft schließen würde. Ich war ein Grünschnabel. Für eine Freundschaft mit Charms war ich noch nicht bereit.
Fünf Jahre vergingen. Vielen ist noch gegenwärtig, was für Jahre das waren. Ich erinnere mich, wie ich einmal spät abends den Kamennoostrowskij von der Karpowka zur Newa entlangging und auf dem Weg acht „schwarze Raben“ zählte, die vor Toreinfahrten in Erwartung der Beute standen. Die Passanten wandten ängstlich den Blick ab und versuchten so zu tun, als sähen sie nichts.
Alle hatten damals Angst vor neuen Bekanntschaften und bemühten sich, alte loszuwerden, selbst die ältesten. Auffällig war, daß Notizbücher mit Adressen und Telefonnummern ganz außer Gebrauch kamen, es war bekannt, daß man sich bei einer Untersuchung am meisten dafür interessieren würde. Die Menschen näherten sich der eigenen Tür mit bangem Herzen und rätselten, wann das erwartete Unerwartete eintreten würde. Jeder Mensch bekam zwei Gesichter. Das eine, das bei allen nahezu gleich war, existierte für den Dienst und das öffentliche Leben. Das zweite, das echte, offenbarte sich nur selten und nur den engsten Freunden. Vor allem zwei Eigenschaften nahmen damals überhand: Die Menschen wurden schweigsam und verhielten sich ausweichend.
Das Jahr 35 verging, das von Verbannungen nach Ufa und nach Karaganda geprägt war. Vorüber ging auch das Jahr 37, das schrecklichste. Das Jahr 38 brach an, anscheinend ohne irgendwelche Veränderungen zu bringen. Kaum jemandem blieb damals die Verhaftung erspart, mochte man auch bald wieder auf freiem Fuß sein. Man gewöhnte sich an die Verhaftungen, soweit das überhaupt möglich ist.
Charms verhaftete man zweimal; 1932 wurde er nach Kursk verbannt, von wo er nach etwa einem Jahr zurückkehren durfte. Er erzählte mir später, wie er nach seiner Freilassung nach Hause kam und nicht durch die Tür gehen konnte: Vor Aufregung rannte er, wieso auch immer, immer wieder gegen den Rahmen – „gegen den Türpflock“, wie er sagte – und verfehlte die Tür.
In der Atmosphäre jener Zeit wurden Jungen schnell erwachsen. Das Leben erteilte ihnen eindrückliche Lektionen. Eigenschaften wie jugendliche Direktheit, Naivität oder Leichtgläubigkeit verschwanden allmählich spurlos aus der Psyche meiner Generation. Mit fünfundzwanzig besaßen wir die Erfahrung Vierzigjähriger, die viel erlebt haben.
Dennoch ging das Leben weiter, sogar damals. Wir lernten einander kennen, trafen uns und knüpften Freundschaften, trotz allem.

Damals hörte ich von allen Seiten von Charms.
Die linken Künstler, mit denen ich befreundet war, kannten ihn gut: T.N. Glebowa und A.I. Poret aus Filonows Werkstatt sowie die damals noch sehr jungen Malewitsch-Schüler N.M. Suetin und A.A. Leporskaja.
Von ihnen hörte ich, daß Charms gar kein Ausländer war, kein Skandinavier, Engländer oder Baltendeutscher, sondern durch und durch Russe – Daniil lwanowitsch Juwatschow. Darüber, was sein Pseudonym bedeutet, gibt es verschiedene Spekulationen, vielleicht kommt es tatsächlich vom englischen Wort harm – Trauer, Traurigkeit. Ich weiß darüber nichts Genaues und möchte keine Mutmaßungen anstellen. Daniil Iwanowitsch selbst sprach nie davon. Seltsame Geschichten über ihn machten die Runde.
Einmal stieg er im sechsten Stock des Gosisdat mit ruhiger Miene, ohne jemandem ein Wort zu sagen, durchs Fenster auf den engen Sims und kam durch ein anderes Fenster zurück.
Man sagte, daß er überhaupt etwas wunderlich sei: Zum Beispiel trieb den Hausverwalter zur Verzweiflung, daß er seinen Nachnamen jeden Tag anders auf die Wohnungstür schrieb – mal Charms, mal Tscharms, mal Gaarms, mal noch anders.
Alle wunderten sich, daß er einen Spazierstock und eine Melone trug (andere hielten sie für einen Zylinder; der Unterschied zwischen diesen beiden Hutformen war damals schon nicht mehr allgemein bekannt). Daniil Iwanowitschs ganze Erscheinung, seine Umgangsformen und sogar die Kleidung schienen den nivellierenden Stil der Zeit herauszufordern.
Überall hörte man Gerüchte über ihn. Ich erinnere mich, daß Charms in M.A. Kusmins letztem Tagebuch erwähnt wurde. Doch der Zufall brachte mich lange nicht mit Charms zusammen. Schließlich, im Herbst 1938, sagte mir eine langjährige Bekannte, die Schauspielerin und Künstlerin O.N. Gildebrandt, daß Charms über gemeinsame Freunde von mir erfahren habe und mich gern kennenlernen würde; sie schlug vor, daß ich sie zu ihm begleiten solle.
An einem Samstag machten wir uns auf zur Nadezhdinskaja, die damals schon Majakowskij-Straße hieß. Wie ich erfahren hatte, traf man sich bei Charms immer samstags. Ein hochgewachsener blonder Mann im grauen Sportdreß öffnete die Tür: kurze Hosen und dicke knielange Wollstrümpfe. Sogleich kam mir unsere Begegnung in der Straßenbahn in den Sinn. Charms wirkte wieder auf eine ausländische Art und Weise elegant. Später stellte sich allerdings heraus, daß er auch nichts anderes hatte; dieser eine Dreß diente ihm für alle Lebenslagen.
Mit höflicher Zuvorkommenheit half er uns aus den Mänteln. Dabei ließ er eine Art Schluckauf oder Grunzen hören, indem er auf besondere Weise Luft durch die Nase einsog: nüch, nüch. Ich wurde etwas mißtrauisch. Aber alles ging gut und später erfuhr ich, daß dieses Grunzen eines von Charms’ Erkennungszeichen war, einer seiner nervösen Tics, die teils unwillkürlich waren und teils von ihm kultiviert wurden. Aus verschiedenen Erwägungen hielt Daniil Iwanowitsch es für nützlich, einige seltsame Eigenarten auszubilden. Allerdings muß ich sogleich eine Einschränkung machen, um nicht den Eindruck zu erwecken, Daniil Iwanowitschs Manieren hätten etwas Gekünsteltes oder demonstrativ Selbstdarstellerisches gehabt. Was sie auszeichnete, war im Gegenteil, daß er sich wie ein vollendeter Gentleman benahm und nicht nur in den äußeren Formen, sondern auch sonst Wohlerzogenheit bewies. Seine Marotten und sogar die Tics harmonierten erstaunlich gut mit seiner Erscheinung und zweifellos waren sie für sein Schaffen notwendig. Er verhielt sich trotz der nervösen Zuckungen stets absolut natürlich; er konnte gar nicht anders. Mehr als irgend jemand, den ich näher kennenlernen durfte, war Charms mit dem gesegnet, was man Formgefühl nennen könnte. Er hatte in allem das richtige Maß und konnte augenblicklich Gutes von Schlechtem unterscheiden. Sein Geschmack war tadellos, sowohl in Kleinigkeiten als auch in den großen Dingen, von Kleidung und Auftreten bis zu den schwierigsten weltanschaulichen Fragen oder Urteilen über Leben und Kunst.
Allerdings konnte Daniil Iwanowitschs Gentlemantum vor dem Hintergrund der Epoche nur wunderlich wirken.
Um den Leser nicht zu lange vor dem Eingang einer Gemeinschaftswohnung der dreißiger Jahre warten zu lassen, werde ich bloß hinzufügen, daß darin außer Daniil Iwanowitsch und seiner Frau noch seine Schwester mit ihrer Familie und der alte Vater Iwan Pawlowitsch Juwatschow wohnten, offenbar ein begabter und eigenartiger Mensch mit einem nicht ganz gewöhnlichen Schicksal: Er war Seeoffizier gewesen, wurde dann zum Narodowolets, bereute später, stand zeitweise im Briefwechsel mit Lew Tolstoi und wurde gegen Ende seines Lebens ein glühender Anhänger des orthodoxen Christentums.
Natürlich wohnten in der Wohnung auch Fremde, die mit den Juwatschows nichts zu tun hatten. Hinter der Wand von Daniil Iwanowitschs Zimmer stöhnte und zeterte unablässig eine alte Frau.
Es ist kaum anzunehmen, daß Charms mit seiner Religiosität nur der Familientradition Tribut zollte. Für mich ist es schwer zu beurteilen, ob zwischen ihm und seinem Vater eine geistige Nähe bestand. Iwan Pawlowitschs Narodowolets-Vergangenheit schockierte seinen Sohn ein wenig. Aber irgendeine Ähnlichkeit im Denken gab es wohl doch. Viele Jahre später hat mir ein gemeinsamer Freund erzählt, daß Iwan Pawlowitsch seinen Sohn einmal in seiner Gegenwart um ein Buch bat. Dieser reichte ihm Aurora oder Morgenröte im Aufgang von Jakob Böhme. Bald darauf gab der alte Mann das Buch zurück und sagte, das seien für ihn alles böhmische Dörfer. Das Wortspiel hätte von Charms selbst stammen können. Allerdings lebte Daniil Iwanowitsch anscheinend ganz für sich und hielt sich von den Verwandten eher fern. Bei meinem ersten Besuch lernte ich sie nicht kennen und auch später sah ich sie nur selten.

Charms stellte mich förmlich seiner Frau vor und machte mich mit den Gästen bekannt. In dem engen und langen Zimmer mit den verhängten Fenstern saßen schon fünf oder sechs Menschen am Tisch, später erschienen noch zwei junge Damen; ein dünner, verschrumpelter Greis spielte Zither und sang ein selbstverfaßtes Lied.
Ich hatte schon viel von Charms’ Zimmer gehört. Man erzählte, daß die Wände vom Boden bis zur Decke bemalt und mit Gedichten und Aphorismen beschrieben seien, von denen man einen immer zitierte:

Wir sind keine Piroggen.

Doch das mußte früher gewesen sein: Ich fand nichts dergleichen vor. Lediglich ein aus einem Heft gerissenes Blatt kariertes Papier war an die Wand geheftet, mit einer „Liste von Menschen, die in diesem Haus besonders geachtet werden“ (ich erinnere mich an Bach, Gogol, Glinka und Knut Hamsun), und an einem Nagel hing eine silberne Taschenuhr, darunter klebte die Notiz:

Diese Uhr besitzt eine besondere überlogische Bedeutung

Zwischen den Fenstern stand ein Harmonium und an den Wänden bemerkte ich ein ausgezeichnetes Charms-Porträt von Mansurow, eine alte Lithographie, die einen schnurrbärtigen Oberst aus der Zeit Nikolaus I. darstellte, und ein abstraktes Bild im Geiste Malewitschs, schwarz mit Rot; von diesem sagte Charms, daß es das Wesen des Lebens ausdrücke. Auch dieses Bild hatte Mansurow gemalt. Allerdings gab es noch einen Kunstgegenstand, den ich erwähnen sollte: Die Tischlampe schmückte ein runder Schirm aus weißem Papier, den Charms mit Zeichnungen versehen und ausgemalt hatte.

Er stellte eine Art Prozession oder vielmehr ein Gruppenporträt dar. Einer hinter dem anderen schritten die Menschen, die ich später stets bei Charms traf: Alexander Iwanowitsch Wwedenskij, Jakow Semjonowitsch Druskin, Leonid Saweljewitsch Lipawskij, Anton Isaakowitsch Schwarz und andere Bekannte Daniil Iwanowitschs mit ihren Frauen oder Begleiterinnen. Alle waren gut getroffen und leicht – aber nur leicht – karikiert. Der Zeichenstil erinnerte entfernt an Grafiken von Wilhelm Busch.
Im Mittelpunkt der Prozession stand ein Selbstporträt von Charms, der etwas größer als die anderen Figuren gezeichnet war. Daniil Iwanowitsch hatte sich hochgewachsen und bucklig dargestellt, gar nicht mehr jung, sondern finster und enttäuscht. Daneben befand sich die kleine Gestalt seiner Frau. Von Freunden umgeben, trotteten sie trübselig voran. Charms erzählte mir später, so werde er aussehen, wenn er aufgehört habe, das Wunder zu erwarten.
Hier rühre ich an eine von Charms’ Grundüberzeugungen. Er war der Ansicht, daß die Erwartung des Wunders Inhalt und Sinn des menschlichen Lebens ausmache.
Jeder stellt sich das Wunder auf seine Weise vor. Für den einen besteht es darin, ein geniales Buch zu schreiben, für den anderen darin, etwas zu erleben oder zu sehen, das sein Leben für immer erleuchtet, für den dritten darin, berühmt oder reich oder sonst etwas zu werden, je nach des Menschen Seele. Allerdings scheint es den Menschen nur so, als wären ihre Wünsche vielfältig. In Wirklichkeit wollen sie, ohne es zu wissen, alle dasselbe – Unsterblichkeit erlangen. Genau das ist das echte Wunder, auf das man wartet und dessen Eintreten man erhofft.
Das Wunder geschah nicht vor einem Jahr und nicht gestern. Es ist auch heute nicht geschehen. Aber vielleicht wird es morgen geschehen, oder in einem Jahr, oder in zwanzig Jahren. Solange ein Mensch so denkt, lebt er.
Doch das Wunder wird nicht jedem zuteil. Vielleicht niemandem. An einem bestimmten Punkt gelangt der Mensch zu der Überzeugung, daß kein Wunder mehr geschehen wird. Dann ist sein Leben eigentlich zu Ende, es bleibt bloß noch das physische, seines geistigen Inhalts und seines Sinns beraubte Dasein. Natürlich kommt dieser Punkt nicht immer zur gleichen Zeit: bei manchen mit dreißig, bei anderen mit fünfzig, bei wieder anderen noch später. Jeder altert auf seine Weise, in seinem Tempo. Am glücklichsten sind diejenigen, die niemals aufhören, das Wunder zu erwarten.
Ohne Lew Tolstoi als Schriftsteller sonderlich zu schätzen, hegte Charms eine außergewöhnliche Bewunderung für ihn als Menschen, weil er bis ins Greisenalter auf das Wunder gewartet hatte und mit 82 „aus dem Fenster gesprungen“ war, um ein neues Leben anzufangen, auf Wanderschaft zu gehen und vielleicht dem Tod zu entkommen.

Als ich Daniil Iwanowitsch kennenlernte, war er dreiunddreißig. Mir, dem Fünfundzwanzigjährigen, erschien er natürlich nicht alt, nicht einmal mittleren Alters, aber schon frei von den Schwächen der Jugend. Er war ein durchweg reifer Mensch mit einer fertigen Weltsicht und einem zu Ende gedachten Verhältnis zum Leben.
Ich muß jetzt vom Charakter meiner Beziehung zu Charms berichten – einer Beziehung, die spontan entstand und schon bei unserer ersten Begegnung eine Gestalt annahm, die sich im Laufe der drei folgenden Jahre seines Lebens nicht mehr veränderte.
Es gibt Liebe auf den ersten Blick. Über sie ist viel geschrieben worden. Menschen, die einander gerade erst begegnet sind und noch nichts voneinander wissen, fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Shakespeare in Romeo und Julia und Hemingway in dem wundervollen Roman Wem die Stunde schlägt erzählen auf ganz ähnliche Weise davon, so verschieden die Umstände, die Lebensart und die Psychologie der Figuren auch sind. Aber was ist Liebe? Ich werde die Theorie beiseite lassen und keinen Anspruch auf eine erschöpfende Definition erheben, sondern lediglich W.W. Rosanows Worte anführen, die nach meiner Überzeugung das Wichtigste festhalten:

Schön ist es nur dort, wo du bist, und ohne dich ist es überall trübselig und langweilig.

Das Wichtigste in der Liebe ist das Bedürfnis, zusammenzusein.
Doch es gibt auch eine Freundschaft auf den ersten Blick, die der Liebe völlig gleicht, mit Ausnahme der körperlichen Anziehung. Die Freundschaft durchläuft, wie die Liebe, mehrere Phasen: erst reges Interesse aneinander, dann wachsende geistige Annäherung und schließlich Abkühlung, die häufig in Unzufriedenheit, Antipathie und sogar Haß übergeht. Alles zu seiner Zeit.
Wie jede Art von Kreativität erfordert auch die Freundschaft Talent. Das Talent zur Freundschaft, mit dem Charms gesegnet war, war nicht geringer als das der Jenaer Romantiker oder unserer ersten Symbolisten. Er legte kreative Energie in die Freundschaft. Die Namen seiner Freunde begleiten wie Wegmarken den Lauf seiner Biographie. Anfang der zwanziger Jahre verband ihn eine enge Freundschaft mit Wwedenskij. Sie hat viele Jahre gehalten und, wie mir scheint, alle Phasen durchlaufen, um in einem kühlen – nein, eher oberflächlich-kumpelhaften Verhältnis zu enden. Danach war Daniil lwanowitsch kurz mit Zabolotskij befreundet, danach mit Olejnikow, später mit Druskin. Mir fiel das Schicksal zu, Charms’ letzter Freund zu sein. Unserer Freundschaft war nur eine kurze Frist bemessen. Sie wurde gewaltsam beendet, als sie ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte.
Vielleicht sollte ich erwähnen, daß wir wegen unserer altmodischen Höflichkeit nie zum Du übergingen und einander mit Vor- und Vatersnamen anredeten.

Ich erinnere mich, daß ich schon bei meinem ersten Besuch bei Charms die eigentümliche geistige Atmosphäre seines Zuhauses wahrnahm, ihre Verschiedenheit von allem vorher Gesehenen und Erlebten, obwohl ich nicht hätte sagen können, worin sie genau bestand.
Im Haus herrschten Freiheit und Ungezwungenheit. Die Gastgeber und ihre Gäste waren jung und unbekümmert, obwohl die meisten von ihnen alles andere als ein einfaches Leben hatten. Die Gäste kamen, wann sie wollten, benahmen sich, wie sie wollten, taten, was ihnen gefiel, und sprachen über das, was sie interessierte.
Nur ein Thema war in Charms’ Haus verboten, wie allerdings auch in allen anderen Häusern jener Zeit: Niemand sprach je über Politik oder die Staatsmacht. Einer Absprache bedurfte es nicht, das war auch so allen klar.
Fast jeden Abend wurde musiziert. J.S. Druskin spielte auf dem Harmonium Bach und Mozart. Häufig war die Detgis-Lektorin E.S. Papernaja zu Besuch, die mehrere tausend Lieder in allen Sprachen der Welt kannte. Daniil Iwanowitsch sang gern mit seiner angenehmen tiefen Stimme, manchmal mit Papernaja, manchmal auch allein. Er mochte die Lieder von Bellman, einem halb vergessenen schwedischen Komponisten des 18. Jahrhunderts. Charms versuchte sich auch selbst als Komponist. Ich maße mir kein Urteil über seine Musik an. Aber nach einhelliger Meinung war er außergewöhnlich musikalisch.
Daniil Iwanowitsch und seine bezaubernde Frau Marina Wladimirowna Malitsch waren freundliche und aufmerksame Gastgeber, aber ihre Aufmerksamkeit wurde nie zu Aufdringlichkeit.
Und doch wurden wir trotz der Freiheit und Ungezwungenheit, die im Hause herrschten, von der Persönlichkeit Daniil Iwanowitschs geprägt, ohne es zu merken, und es hätte auch gar nicht anders sein können; seine unsichtbar lenkende Hand führte uns. Heute denke ich, daß wir alle in gewissem Sinne Charms-Figuren waren; er beobachtete uns mit ironischem Blick und erdichtete uns gleichsam, und wir bildeten nach seinem Willen eine Prozession ähnlich derjenigen, die er auf dem Lampenschirm dargestellt hatte. Vermutlich wurden wir in seinem Bewußtsein alle treffend und leicht karikiert gespiegelt.
Hier ist es mir besonders wichtig, recht verstanden zu werden. Es wäre Verleumdung zu denken, Daniil Iwanowitsch hätte seine Bekannten und Freunde nur versammelt, um sich über sie lustig zu machen. Er liebte sie aufrichtig. Er war bereit, sich vor der Begabung Wwedenskijs zu verneigen, den er für ein Genie hielt; er schätzte Lipawskijs scharfen Verstand, Druskins intellektuelle Kraft und philosophische Intuition. Das Charakteristische an Charms’ Ironie war seine Gutmütigkeit. Er verachtete die Satire als niedrigste Form der Literatur. Charms schuf sein Leben, wie man ein Kunstwerk schafft, und zog uns in dieses Werk hinein.
Hier ist der Ort, einige Worte über jene Menschen zu sagen, die Daniil Iwanowitsch „natürliche Denker“ nannte.
Sie waren eine ganz spezielle, meist zufällig und überall, in der Kneipe, auf der Straße oder in der Straßenbahn entdeckte Kategorie seiner Bekannten. Daniil Iwanowitsch konnte mit erstaunlicher Intuition die Menschen finden und auswählen, die er brauchte.
Sie alle zeichneten von Charms geschätzte Züge aus – Unabhängigkeit der Meinung und Unvoreingenommenheit des Urteils, Freiheit von erstarrten Traditionen, eine gewisse Alogik des Denkens und manchmal eine schöpferische Kraft, geweckt durch eine plötzliche psychische Erkrankung. Sie alle hatten irgendeine Macke; sie stammten aus derselben Kategorie wie die nicht selten ausgezeichneten primitivistischen Amateurmaler (Naive Kunst) oder die philosophierenden Mystiker aus dem Volke, die auch oft bemerkenswert sind. Im täglichen Umgang sind sie für gewöhnlich schwierig und keinesfalls immer angenehm. Daniil Iwanowitsch nahm sie mit nach Hause und behandelte sie erstaunlich ernsthaft und taktvoll.
Ich denke, daß ihn in erster Linie ihre Alogik oder vielmehr ihre besondere, leicht verschobene Logik anzog, in der er irgendeine Verwandtschaft mit der geheimen Logik der Kunst spürte. Er erzählte mir, daß er in den zwanziger Jahren, in der Sturm-und-Drang-Phase der Oberiutenbewegung, ernsthaft vorgehabt hatte, im Haus der Presse einen „Abend der natürlichen Denker“ zu veranstalten. Sie hätten dort ihre Theorien darlegen sollen.
In den Jahren meiner näheren Bekanntschaft mit Daniil Iwanowitsch hatte sein Interesse an den „natürlichen Denkern“ allerdings schon nachgelassen. Was sie ihm geben konnten, hatte er wohl schon bekommen. Neue „Denker“ suchte er nicht mehr. Aber von den anderen tauchte noch der eine oder andere bei ihm auf.
Ich erinnere mich an Doktor Chapeau, der wohl eher ein sympathisches Original als ein „Denker“ war.
Ich erinnere mich an den gutmütigen und geschwätzigen Alexander Alexejewitsch Baschilow. Er kam etwa zweimal im Jahr in eine psychiatrische Anstalt und verließ sie mit einer Bescheinigung, in der, wie er behauptete, geschrieben stand:

Alexander Alexejewitsch Baschilow ist nicht verrückt, sondern alle um ihn herum sind verrückt.

Baschilow war der Neffe des Hausverwalters und dachte aus irgendeinem Grund, daß sein Onkel ihm nach dem Leben trachte. Einmal schippte der Hausverwalter mit den Hausmeistern Schnee vom Dach und traf den unten stehenden Alexander Alexejewitsch. Dieser, fast hüfttief im Schnee, empörte sich, schrie und forderte, daß das aufhören müsse, kam aber nicht auf die Idee, einfach zur Seite zu gehen.
Ich erinnere mich an den schweigsamen und finsteren Rundaltsew, der aus ganz anderem Holz geschnitzt war. Er konnte den ganzen Abend dasitzen, ohne ein Wort zu verlieren, und musterte alle mit schwerem Blick.
Die Menschen suchen und sehen in anderen nur die Eigenschaften, die sie in irgendeinem Maße selbst besitzen. Daniil Iwanowitsch zog es zu den „natürlichen Denkern“ hin, weil er Verschiebungen in seiner Psyche kannte und spürte, die den Dichter von sogenannten normalen, das heißt schlichtweg unschöpferischen Menschen unterscheiden. Ich denke, Daniil Iwanowitsch, der über einen unbestechlichen und klaren Verstand verfügte, schätzte diese Verschiebungen an seiner Person; er glaubte wohl, daß sie ihm halfen, seine schöpferische Kraft zu nutzen und seine erstaunliche, an Hellseherei grenzende Intuition zu schärfen.
Nur hatte Daniil Iwanowitsch im Unterschied zu den armen „Denkern“, die der Wahnsinn im Griff hatte, den Wahnsinn seinerseits im Griff, konnte ihn steuern und in den Dienst seiner Kunst stellen.
„Kultivierte“ Gespräche über Bücher oder das Theater standen in Charms’ Haus nicht hoch im Kurs.
Es war der Herbst des trübseligen Jahres 39. Jetzt, mit historischem Abstand, ist es deutlicher geworden, daß dieses Jahr genauso unheilvoll wie die beiden vorangegangenen war – das schreckliche Jahr 37 und das hoffnungslose Jahr 38. Es ist auch hinreichend deutlich geworden, daß sich damals gewaltige Ereignisse vorbereiteten und reiften, die bald darauf die ganze Welt ergriffen. Doch wir, die wir damals lebten, waren unfähig, das zu verstehen und zu sehen. Wir sahen nur, daß unsere Zeit düster und trist war, konnten dahinter aber nicht die Umrisse der Zukunft erkennen. Daniil Iwanowitsch gehörte zu den wenigen, die schon damals den Krieg vorhersahen und vorausahnten.
Charms’ düstere Ahnungen nahmen eine unerwartete und sogar etwas seltsame Form an, die charakteristisch für sein Denken war.
„Meiner Meinung nach sind nur zwei Auswege geblieben“, sagte er mir. „Entweder wird es Krieg geben oder wir alle werden an Räude sterben.“
„Wieso an Räude?“ fragte ich verwundert.
„Na, von unserem trübseligen und düsteren Leben werden wir eingehen, die Räude bekommen und davon sterben“, antwortete Daniil Iwanowitsch.
Ironie und Scherz waren für ihn Mittel, sich zumindest etwas vom nahenden Untergang abzuschirmen. An den Krieg dachte er mit Schrecken und Verzweiflung und wußte im voraus, daß er ihm den Tod bringen würde; er hat ihn auch tatsächlich nicht überlebt, obwohl der Untergang womöglich nicht auf die Weise vonstatten ging, die er damals fürchtete.
Der Militärdienst erschien ihm schlimmer und machte ihm mehr Angst als das Gefängnis. „Im Gefängnis kann man man selbst bleiben, in der Kaserne nicht, unmöglich!“ sagte er mir.
Ich hatte damals schon etwas Erfahrung mit dem Kasernenleben, die aus der Zeit der Wehrübung nach dem ersten Universitätsjahr stammte. Ich konnte verstehen, wie unerträglich das Soldatenleben für Daniil Iwanowitsch sein würde…

[Gemeinplätze und verantwortungslose Urteile machten Daniil Iwanowitsch richtiggehend wütend. Wer seine Aufmerksamkeit wollte, mußte etwas ziemlich Selbständiges und Unerwartetes sagen. Deswegen wurde nicht oft über Literatur gesprochen. Aber manchmal, im kleinen Kreis, mit ein, zwei Gesprächspartnern, fing Daniil Iwanowitsch selbst damit an, und ich werde hier einige seiner literarischen Ansichten anführen.
Schauplatz unserer Gespräche war oft eine Kneipe in der Znamenskaja-Straße, gegenüber der Ozjornyj-Gasse. Dieses ziemlich billige und schmutzige Etablissement, das es heute nicht mehr gibt, erinnerte an die „Kloake“, in der Wersilow mit dem Jüngling sprach. Die Stammgäste waren Anstreicher. Entlang der Wände und unter den Tischen standen Eimer mit schwappender oder schon halb eingetrockneter Farbe. D. I. kam mit einem nicht sehr großen Reiselord, in dem Gabeln und Faltbecher waren. Wir bestellten Wodka, Würstchen und Bier mit Erbsen. In dieser Schenke wurde keine Musik gespielt und die Gespräche – zumindest unsere – waren völlig frei von jeder lyrischen und beschwipsten russischen Innigkeit. Einmal erklärte mir Charms an diesem Ort die Bedeutung des treffenden Details für die Literatur.
Für die wichtigste Eigenschaft des Schriftstellers hielt er dessen Macht. Nach seiner Überzeugung hatte dieser die Aufgabe, die Leser mit einer so unwiderleglichen Evidenz zu konfrontieren, daß sie keinen Mucks zu erwidern wagten. Er nannte ein Beispiel aus Awdotja Panajewas Roman Die Familie Talnikow, den wir beide unlängst gelesen hatten. Darin mußte die Autorin an einer Stelle der Handlung zeigen, daß ein Mensch den Verstand verloren hat. Sie tat es so: Er bleibt im leeren Vorzimmer zurück, nimmt alle Pelze, Mäntel und Umhänge von der Garderobe, trägt sie in eine Ecke und legt sie ordentlich ab, – an der Garderobe läßt er lediglich seinen Uniformmantel, der dort einsam und fremd hängt. Auf diese Weise wird der Wahnsinn mit Hilfe eines unscheinbaren, aber doch überraschenden Details gezeigt, das mehrere parallele, aber einander oft überlagernde Bedeutungen annimmt. Es ist wie ein Mikrokosmos, in dem die dem Roman eigene Gesetzmäßigkeit der Welt gespiegelt wird.]

Wsewolod Petrow, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 2014
Aus dem Russischen von Daniel Jurjew

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + Orbit +
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Essay von Uwe Stolzmann zu Daniil Charms

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Zum 100. Geburtstag des Autors:

Mathias Schnitzer: Jagen wir lieber Kakerlaken
Berliner Zeitung, 2.9.2011

Zum 75. Todestag des Autors:

Doris Liebermann: Großmeister grausamer Paradoxien
Deutschlandfunk, 2.2.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + Film

 

Peter Wawerzinek liest von Daniil Charms „Die vierbeinige Krähe“.

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