Derek Walcott: Das Königreich des Sternapfels

Walcott-Das Königreich des Sternapfels

KARTE DER NEUEN WELT

(1) Archipele

Am Ende dieses Satzes wird es Regen setzen.
Am Rande des Regens ein Segel.

Langsam wird das Segel Inseln nicht mehr sehen;
in den Dunst wird der Glaube an Häfen
einer ganzen Rasse gehen.

Der zehnjährige Krieg ist beendet.
Helenas Haar, eine graue Wolke.
Troja, weiße Aschgrube
an drieselnder See.

Das Drieseln spannt sich wie Harfensaiten.
Mit wolkenweißen Augen ergreift ein Mann den Regen
und zupft die erste Zeile der Odyssee.


 

Nachwort

Derek Walcott, geboren in Castries auf der karibischen Insel St. Lucia am 23. Januar 1930, entstammt nicht nur einer Mischkultur aus afrikanischen, englischen, französischen, kreolischen und spanischen Elementen, sondern er spricht sie auch in seinem Werk. Diese Werk könnte zunächst säuberlich nach dramatischen und lyrischen Schriften sortiert werden, wenn nicht beide Genres in den Walcott eigenen Ausprägungen auseinander entstanden und nebeneinander gereift wären und sich fortgesetzt voneinander nähren würden. Die Stück von Walcotts epischem Theater – z.B. Henri Christophe (1950), Drums and Colours (1958), Ti-Jean and His Brothers (1958) und das preisgekrönte Dream on Monkey Mountain (Erstaufführung 1967) – teilen wichtige Themen und Gestaltungsprinzipien mit seiner Lyrik. Gemeinsam sind Walcotts dramatischen und lyrischen Werken die Themen des verdorbenen Paradieses, der Identitätssuche und der existentiellen Heimatlosigkeit. Allegorie und Mythos sind die strukturbildenden Elemente seiner mit Vorliebe in beiden dichterischen Sparten szenisch und episch gestaltenden Imaginationen. In dieser Übergänglichkeit zwischen den gewählten Gattungen trifft sich Derek Walcott, wie Robert D. Hamner bemerkt, mit T.S. Eliot, den beiden Dichtern ist das Theater ein Medium, in dem die soziale „Nützlichkeit“ lyrischen Schreibens ihre größte Wirkung entfaltet. In diesem politischen Sinne sind Walcotts Werke littérature engagée, ohne jemals bloß pamphletistisch zu sein. Sie engagieren sich für die kulturelle Internationalität der multinationalen westindischen Inselwelt und sehen – positiv wie negativ – in diesem konfliktträchtigen Beieinander ein Paradigma für eine unbefriedete-unbefriedigende und doch zusammenwachsende Welt. Der Hinweis auf Eliot ist aufschlußreich auch in anderer Hinsicht: Wie Eliot bedient sich Walcott des Fundus der großbritannischen Literatur im Rückgriff vor allem auf das 17. Jahrhundert, u.a. auf William Shakespeare und Thomas Traherne, also auf die Entdeckung der Schwarzen (Othello) und der Karibik (The Tempest) für das Theater und für die Lyrik in Gedichten wie „Shadows in the Water“. Walcotts Poetik, auch hier eine Parallele zu Eliot, wird außerdem vom poetologischen Nachdenken des Dichterkritikers Matthew Arnold in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gespeist, das sich gegen Nostalgie und Selbstmitleid richtet und die Welt so erfassen möchte, wie sie wirklich ist. Hier entlehnt Walcott das Modell des Autors in seiner gesellschaftlichen Doppelrolle als Kulturkritiker und Kulturschaffender. Ob Walcott trotz dieser Vorliebe für die englische Tradition in Sprache und Literatur für die englische Literatur vereinnahmt werden sollte – der Vergleich mit Eliot liegt hier ebenfalls nahe −, darf bezweifelt werden. Auch die fatal nach Kulturimperialismus schmeckende Sparte Commonwealth Literature, in der er gern in England rubrizert wird, ist unglücklich. Walcotts Zugehörigkeit zu einer eigenen Kultur, die auch mit dem Angelsächsischen die Sprache teilt, läßt sich genausowenig englisch besetzen wie die durch eine andere Kultur mitgeprägten Schreibweisen des Amerikaners Eliot.
Derek Walcotts Lyrik ist die Poesie des Südens…

Klaus Martens, aus dem Nachwort

Mit dem Königreich des Sternapfels von Derek Walcott

liegt zum ersten Mal ein Gedichtband des bedeutendsten karibischen Dichters in deutscher Sprache vor, dessen Werk in den angelsächsischen Ländern seit Jahren Bewunderung genießt. Der „Exilant aus afrikanischer Provinz“, der auf der Insel St. Lucia geboren wurde und in Boston lehrt, entstammt einer Mischkultur aus afrikanischen, englischen, französischen, kreolischen und spanischen Elementen, die seiner poetischen Sprache die Kraft und Spannung verleiht, die sie unverwechselbar machen. Karibische Gedichte in englischer Sprache, die vom verdorbenen Paradies sprechen, von Identitätssuche und existentieller Heimatlosigkeit.

Carl Hanser Verlag, Klappentext, 1989

 

Das Klingen der Gezeiten

– Über Derek Walcott. –

… Walcott ist weder Traditionalist noch Modernist. Keiner der bekannten Ismen paßt auf ihn. Er gehört keiner „Schule“ an; es gibt in der Karibik, abgesehen von „schools of fish“ (Fischschwärmen), einfach nicht so viele Schulen. Man könnte versucht sein, ihn einen metaphysischen Realisten zu nennen, doch definiert sich Realismus bereits über Metaphysik, und umgekehrt. Abgesehen davon, würde es nach Prosa riechen. Er kann naturalistisch, expressionistisch, surrealistisch, imagistisch, hermetisch, konfessionell sein – was auch immer. Er hat einfach – wie ein Wal Plankton oder ein Pinsel die Palette – alle stilistischen Idiome absorbiert, die der Norden zu bieten hatte; nun steht er allein und da in voller Größe.
Seine Vielseitigkeit im Umgang mit dem Metrum und den Gattungen ist beneidenswert. Jedoch neigt er überwiegend zum lyrischen Monolog und zu narrativer Lyrik. Das und die Tendenz, in Zyklen zu schreiben, sowie seine Versdramen zeigen die epische Ader dieses Dichters. Vielleicht ist es Zeit, ihn beim Wort zu nehmen. Fast vierzig Jahre lang schlugen seine hartnäckigen Zeilen, wie Flutwellen, in die englische Sprache und gerannen zu einem Archipel aus Gedichten, ohne die eine Karte der modernen Literatur kaum von Makulatur zu unterscheiden wäre. Er gibt uns mehr als sich selbst oder „eine Welt“; er gibt uns ein Gefühl für die Unendlichkeit, die die Sprache verkörpert ebenso wie der Ozean, der in seinen Gedichten immer vorhanden ist: als ihr Hintergrund und ihr Vordergrund, als ihr Gegenstand oder ihr Versmaß.
Um es anders auszudrücken: diese Gedichte sind entstanden aus der Fusion von zwei Unendlichkeiten, der Sprache und dem Ozean. Die beiden gemeinsame Herkunft, das dürfen wir nicht vergessen, ist die Zeit. Falls die Evolutionstheorie, besonders jener Teil davon, der lehrt, wir kämen alle aus dem Meer, überhaupt wasserdicht ist, dann repräsentiert Derek Walcotts Lyrik die höchste und logischste Entwicklungsstufe der Gattung. Gewiß kann er sich glücklich schätzen, daß er auf diesem Außenposten, diesem Kreuzweg des Englischen und des Atlantiks, geboren wurde, wo beide in Wellen nur anlanden, um wieder auszulaufen. Das gleiche Bewegungsschema – von Anlandung und Rückkehr zum Horizont – hält sich in Walcotts Zeilen, seinen Gedanken und seinem Leben.
Schlagt dies Buch auf und seht „… den grauen, eisernen Hafen an einer Möwe / rostiger Angel sich öffnen“, hört „das Himmelsfenster knirschen / bei hereingewürgtem Rückwärtsgang“ seid gewarnt: es wird „Am Ende dieses Satzes Regen setzen. / Am Rande des Regens ein Segel…“ Dies ist Westindien, ein Reich, das einmal die Positionslaterne einer Karavelle für das Licht am Ende des Tunnels hielt und teuer dafür bezahlte – es war das Licht am Eingang des Tunnels. So etwas passiert oft, Archipelen und einzelnen Menschen; in diesem Sinne ist jedermann eine Insel. Wenn wir diese Erfahrung dennoch als westindisch festhalten müssen und dieses Reich Westindien nennen, dann laßt uns das tun; aber laßt uns auch klarstellen, daß wir einen Ort im Sinn haben, den Kolumbus entdeckte, den die Briten kolonisierten und den Walcott unsterblich machte. Auch dürfen wir hinzufügen, daß es großzügiger ist und von stärkerer Vorstellungskraft zeugt, einem Ort den Status lyrischer Realität zu geben, als etwas zu entdecken oder auszubeuten, das längst geschaffen war.

Joseph Brodsky, 1983

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
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Derek Walcott – Lesung am 16.4.2007 im Mandell Weiss Theater der University of California, San Diego.

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