Dietmar Albrecht, Andreas Degen, Helmut Peitsch, Klaus Völker (Hrsg.): Unverschmerzt

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dietmar Albrecht, Andreas Degen, Helmut Peitsch, Klaus Völker (Hrsg.): Unverschmerzt

Albrecht, Degen, Peitsch, Völker-Unverschmerzt

LEUCHTTÜRME UND LEITGESTALTEN

– Bobrowskis Vorbilder. –

Das Phänomen des Personengedichts kann auf eine lange Tradition zurückblicken. In einem solchen Gedicht apostrophiert der Autor zumeist einen anderen Dichter oder Künstler, es können aber auch historische Gestalten oder lebende Personen sein, und nicht immer beschränkt sich ein solcher Text lediglich auf das bloße Apostrophieren und Darstellen der gewählten Figur, viel häufiger ist das Gedicht gleichsam ein Dialog, eine – um es etwas pathetisch zu sagen – poetische Reinkarnation oder Identifikation, quasi ein Vorwand, das eigene lyrische Ich durch das Alter ego der anderen Gestalt durchschimmern zu lassen und sich, wenigstens in Form eines Gedichts, mit deren existentieller Situation zu messen. Handelt es sich um Dichter oder Schriftsteller, kommt noch die verlockende und oft wider Erwarten sehr ergiebige Möglichkeit dazu, die durch die Intertextualität eröffneten Bezüge im Gedicht inhaltlich und ästhetisch zu verwerten. Ein auf diese Weise konzipiertes Personengedicht ist kein Epitaph, sondern eine Art Synthese. Aber zumindest Hegel zufolge gibt es keine Synthese ohne den Widerspruch von These und Antithese, die Dialogizität des Personengedichts enthält häufig auch Widersprüche, Gegenthesen und Polemiken. Die apostrophierten und dargestellten Figuren sind einerseits Leuchttürme und Vorbilder, was ich im Titel meines Beitrags anspreche, andererseits aber auch Dialogpartner und existentielle und künstlerisch-ästhetische Widerspiegelungen der Position des Autors, darüber hinaus auch Beispiele, nicht selten sinnstiftende.
Bobrowskis lyrische Sarmatien-Vision wird zumeist – und zu Recht – auf die multikulturelle Landschaft Mittel- und Osteuropas bezogen. Eine beinahe klassisch gewordene Visualisierung dieses Konzepts stellen die von Bobrowski eigenhändig eingezeichneten Räume des ,sarmatischen Divans‘ dar, was Gerhard Wolf in Die Beschreibung eines Zimmers folgendermaßen schildert:

Unter den Papieren Johannes Bobrowskis, Versen, Skizzen, Notizen findet sich eine aus einem Handatlas herausgerissene Seite. Auf ihr ist mit gradlinigen Tintenstrichen sein Territorium umrissen, großzügig, weiträumig, anspruchsvoll. Gebietsstreifen, eingeteilt in Zonen, dichterische Zonen einmal, versehen mit Ziffern.
ZONE EINS: Ostpreußen, das Geburtsland, Prussia, ursprünglich Land der Pruzzen.
ZWEI: Litauen und die baltischen Länder bis hinauf nach Finnland. Sie alle nur Randgebiete eines größeren Festlandes.
DREI: Rußland bis zum Ural und hinab ans Schwarze Meer, als Sarmatien zugleich ins Historische und ins Prähistorische reichend.
VIER: Polen.
Und schließlich – über die Ostsee hinweg, mare balticum, sarmatischer Ozean – bis nach Schweden: ZONE FÜNF.
Ohne zu zögern, mit dicken Strichen aus der Karte herausgetrennt

Diese Karte aus einem Schulatlas der Vorkriegszeit stellt im Grunde genommen die sarmatische Ebene dar, die wir in erster Linie aus dem gleichnamigen, nahezu programmatischen Gedicht kennen, und als Schauplatz bzw. mitgedachten Hintergrund von Bobrowskis lyrischen Texten. Stellt man sich die Frage, welche Menschen diese Räume oder diesen Raum als Ganzes bevölkerten, denkt man zunächst an Bauern, Fischer, jüdische Händler, anonyme und doch charakteristische Gestalten der Gegend, einfache Menschen, wie z.B. „der graue Jude […] mit seinem Wägelchen“ im Gedicht „Kindheit“, oder das Kind und die Greisin in folgender Szene:

da das Vieh geht
weich, vor dem Dunkel,
atmend und ein Kind
folgt ihm
pfeifend, es ruft
von den Zäunen
die Greisin ihm nach.

Untersucht man indessen alle drei Gedichtbände, d.h. Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme, die den Grundstock der sarmatischen Konzeption bilden, sowie die Gedichte aus dem Nachlaß, Im Windgesträuch, so kommt man zu dem etwas überraschenden Schluß, daß die Zahl der Personengedichte in diesem sarmatischen Zyklus überraschend groß ist. Rein statistisch gesehen gibt es unter den ca. 170 Gedichten in allen drei Bänden ungefähr 30 bis 40 Gedichte, die auf Personen geschrieben sind und sich auf Dichter, Künstler, Gestalten der Mythologie und Literatur beziehen oder eine Figur apostrophieren. Eine genaue Zuordnung ist dadurch erschwert, daß die Adressaten nicht in jedem Falle identifizierbar sind, oder – als Personen – von Bobrowski erfunden wurden, also fiktionale Gebilde in der Konvention eines Personengedichts. Dabei mag überraschen, daß nur ein Teil dieser Figuren der Personengedichte mit der Landschaft Sarmatien räumlich und zeitlich in irgendeiner Weise verbunden ist, auch in jenem Sinne, wie Bobrowski seinen buntgefleckten ,Divan‘ im Banne einer humanistischen, übergreifenden Verklärung verstand. Hamann, Mickiewicz, der jüdische Händler A. S., der Chassid Barkan, mitteleuropäische Autoren und Autorinnen wie Bezruč und Žemaite, jüdische Dichterinnen wie Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs, sowie der Zeuge der galizischen Apokalypse, Georg Trakl, Aleksis Kivi und Chagall sind – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – mehr oder weniger selbstverständlich mit der Konzeption Sarmatiens im Bobrowskischen Sinne assoziierbar. Aber Góngora, Chatterton, Buxtehude, Proust, Gauguin, auch Hölderlin und Brentano, sowie Kassandra und Pindar und viele andere in diesem Personal gehören anderswo hin. Schlüssig bleibt die Konzeption nur dann, wenn man sich auf eine Metaebene des humanistischen Kultur- und Gedankenguts begibt. Dann werden die Figuren der Personengedichte zu Zeugen und Dialogpartnern, zwischen ihnen und dem Autor Bobrowski bestehen verschiedenartige Korrespondenzen und Bezüge, die im Sinne der Humanisierung der Dichtung und der Kultur nach den grausamen Erfahrungen der beiden Weltkriege verstanden werden können und sollen. Hören wir dazu Stefan Kaszyński:

Die Ontologie der Gedichte von Johannes Bobrowski steht im Widerspruch zur These der Enthumanisierung der Lyrik, die seinerzeit Hugo Friedrich formulierte. Enthumanisierung ist, seiner These nach, ein Merkmal der modernen Poesie. Die Gedichte Bobrowskis sind nicht nur eine Verneinung dieser These, sie sind vor allem ihre wahre humanistische Alternative. Die Rolle dieser humanistischen Landschaften in der gesamten Lyrik ist […] nicht nur bedeutend, sie ist eigentlich grundlegend für jede poetische Erwägung Bobrowskis?

Die Landschaft, insbesondere die der sarmatischen Ebene, hat bei Bobrowski ohnehin eine moralisch ontologische, organisierende Funktion. Diese sarmatische Landschaft hebt er aus der Taufe seiner Imagination und ,filtert‘ sie durch seine Erfahrungen, Lektüre, durch sein ästhetisches Empfinden und schließlich auch durch sein Hic et nunc. Man vergleiche dazu folgende Aussage Wolfram Mausers:

Bobrowski nennt diese Landschaft ,Sarmatien‘ und knüpft dabei an römische Geographen und Historiker an, die das Land östlich der Weichsel und der Karpaten ,Sarmatia‘ und die Ostsee ,Oceanus Sarmaticus‘ nannten. Es ist ein Teil Europas, der für sie entlegen, fast unbekannt und geheimnisvoll war: In eigentümliche Ferne sind auch die Geschehnisse in den Gedichten Bobrowskis gerückt. ,Sarmatien‘ ist für ihn ein Erinnerungsland, ein Schattenland, ein Land zeitlicher und räumlicher Abgeschiedenheit – und Zugleich ein Erinnerungsraum, der im Hinblick auf seine eigene Zeit besondere Aktualität besitzt.

Die „sarmatische Ebene“ als Bezugsebene, fast im wörtlichen Sinne, ermöglicht dem Autor, sie gleichzeitig als Schauplatz unmenschlicher Taten, als Ort der Begegnung von Menschen und Kulturen und schließlich als Prüfstein der Humanität zu betrachten. Deshalb soll das Erscheinen Góngoras, Buxtehudes und der Dichterin Sappho unter dem Himmel der sarmatischen Ebene nicht verwundern. Denn all diese Gestalten sind Zeichen am Himmel, Leuchttürme. Eberhard Haufe schreibt dazu:

Die „Gestalten anderer Kulturkreise“, die hinzutraten, wurden „eben von dort, von der ,sarmatischen Ebene‘ her gesehen“. Von ihnen erklärte Bobrowski 1960, „daß das keine Porträts sind, sondern Anrufe an Sternbilder, nach denen der alte Sarmate die Himmelsrichtung peilt (…). Hatten die früheren Kunst- und Künstlergedichte mehr oder weniger konventionell Werke der Kunst, Dichtung und Musik zu beschreiben versucht, so ging es nun um verdichtete, malmende oder helfende Lebensbilder, darin die Werke der Kunst bestenfalls als poetisches Material integriert waren. Erst mit der großräumigen sarmatischen Konzeption verband sich in Klarheit jene moralisch-politische Motivation, die Bobrowski als das eigentlich Neue seiner dichterischen Entwicklung verstand und auf die er öffentlich wie privat immer wieder hingewiesen hat.

Die oben angeführte Passage illustriert den besonderen Charakter des Bobrowskischen ,Porträtierens‘, der bereits angedeutet worden ist. Sein Porträtgedicht ist keine unreflektierte Abbildung, sondern Dialog, ja mehr noch, Befragung in Sachen Menschlichkeit und nicht zuletzt ein Versuch, die Welt und die Kunst des Porträtierten in das eigene Schaffen produktiv und schöpferisch einzubeziehen:

Er will nicht die Anonymität; sondern die Gestalt. Will nicht das Auslöschen und Verstummen, sondern Sichtbar- und Laut-Werden. Doch möchte er diese Gestalt im Gedicht auch nicht fixiert und genormt, möchte sie den ungeheuren Gelegenheiten des Lebens offen halten, der Verwandlung fähig. Gestalt, die sich in anderen Gestalten kundgibt, weil sie sich ihnen verwandt fühlt oder ihnen zugetan ist.

Auffallend ist die Ähnlichkeit der Darstellung in beinahe allen Porträtgedichten (vielleicht mit Ausnahme der Ode an Chatterton), die sich auf die reife, mit wenigen Bildern kondensierende Gedichtkonzeption stützt und die trotz ihrer Lakonie und scheinbarer Hermetik doch Welten in der Imagination des Lesers zu schaffen vermag, Welten, die sich mit der existentiellen Situation der Porträtierten und mit ihrer Lesart durch Bobrowski überschneiden. Diese Überlappung ermöglicht ein spezifischer Wechsel von ich zu ich, vom lyrischen Ich des Autors zu dem der porträtierten oder apostrophierten Person, der nicht immer ganz deutlich zu entziffern, abzugrenzen ist, um festzustellen, wer als das Ich im Gedicht spricht. Dazu nochmals eine Passage aus der Beschreibung eines Zimmers.

Über dem Richtplatz dunkel
steh ich… (Petr Bezruč)
Ich gewöhn mich ins Glück… (Mickiewicz)
Aber wer,
daß ich rede,
bin ich geworden? (Jakub Bart in Ralbitz)
Welt…
… Ich bin’s. (Hamann)
Auch in den leblosen sprachlosen Dingen möchte der Sprecher verbunden sein, daß er ihnen Mitteilung gibt, daß er sich, in ihrer Existenz; aussprechen kann, daß er etwas von ihrem Wesen ergreift oder begreifen möchte, und es in seine und damit unsere Sprache übersetzt:
Atem,
ich sende dich aus
dreh dich lautlos,
ein grünes Schwert. (Kalmus)
Wir sehen den Sprecher so in mancher Verwandlung.

Diese ,Verschmelzung‘ ist folglich als ein bewußter Kunstgriff des Autors anzusehen. In den Gedichten werden oft konkrete Umstände und Realien erwähnt oder angedeutet, lesbar für den Autor Bobrowski, zum teil unlesbar für den Leser des Gedichts. Diese Unlesbarkeit evoziert jedoch eine geheimnisvolle Aura, man vermutet hinter Namen, Orten und eingeflochtenen Kryptozitaten viel ausgebautere Konstellationen und Deutungsmöglichkeiten. Das Gedicht, eine lyrische Kristallisation im Bennschen Sinne, reicht mit seinen Wurzeln weit hinaus über die so kondensierte Textgestalt. Diese Wurzeln auszugraben, ist die ästhetische und emotionale Aufgabe des Lesers.
Ein anderes wichtiges Merkmal ist das beinahe polyphonische Koordinationsprinzip der einzelnen Personengedichte. Sie erscheinen nicht zufällig verstreut, sondern zu zweit, zu dritt oder sogar in der Sarmatischen Zeit zu einem siebenteiligen kleinen Zyklus, dem ein gesondertes Kapitel gewidmet ist, zusammengeschlossen. Es liegt nahe, daß Bobrowski hier auch seine Leuchttürme miteinander sprechen läßt, indem er sie gruppiert und einander gegenüberstellt. Die Übergänge zu schaffen, obliegt wohl dem Leser, obgleich anzunehmen ist, daß Bobrowski mit der Anordnung der Gestalten bestimmte Absichten verfolgt haben muß. Eine Erklärung oder sogar Dechiffrierung dieser Anordnung müßte meines Erachtens rein hypothetisch bleiben, obwohl sich gewisse ,gemeinsame Nenner‘ feststellen lassen, z.B. das Tryptychon in Schattenland Ströme mit den drei jüdischen, deutsch schreibenden Frauen (Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs), oder zwei benachbarte Gedichte „Brentano in Aschaffenburg“ und „Hölderlin in Tübingen“, wobei noch die Ähnlichkeit der Titel auffällt. Aber es sind auch jeweils individuell geprägte Welten und existentielle Situationen. Im Nachlaßband Im Windgesträuch scheint die Chronologie der Entstehung das ordnende Prinzip gewesen zu sein. Schließlich fallen unter allen Personengedichten jene auf, die man als Identifikationsgedichte, Vorbilderstudien und Bekenntnisse vor dem biographischen Hintergrund interpretieren könnte: Hamann, Hölderlin, Klopstock.
Versuchen wir nun, uns dem konkreten Textmaterial zu nähern. Es ist natürlich allein aus Platzgründen schier unmöglich, im Rahmen eines relativ kurzen Beitrags mehr als 30 Gedichte in extenso anzuführen und zu besprechen. Trotzdem werde ich mich bemühen, wenigstens einige, besonders markante Stellen hervorzuheben, die sowohl die Thematik, die Bezüge, als auch die spezifische Verfahrensweise Bobrowskis dokumentieren und illustrieren, auch wenn diese Darstellung am Ende fragmentarisch bleiben muß. Ich werde mich daher hauptsächlich auf die Sarmatische Zeit konzentrieren, wo die Konzeption des Personengedichts ausgearbeitet wurde und am stärksten vertreten ist. Porträtgedichte sind jedoch in allen Teilen der lyrischen Trilogie ungefähr in gleichem Maße vertreten, was mittelbar auch davon zeugt, daß Bobrowskis Interesse an dieser Form der lyrischen Aussage konstant blieb.
Bereits in den Anfangspartien des Bandes Sarmatische Zeit stoßen wir auf drei Gedichte, die keine Apostrophierungen konkreter Personen im engeren Sinne sind, vielmehr Darstellungen von menschlichen Urtypen, die die sarmatische Ebene und ihre Landschaft bevölkern und bevölkerten: ein verstorbener Flußfischer, Fischerfrauen, ein jüdischer Händler. Vielleicht stecken hinter diesen ,Ikonen der Vorstellung‘ konkrete Menschen und Bilder, schließlich wird der jüdische Händler durch sein Monogramm konkretisiert (A. S.), seine menschliche Existenz bewiesen. Aber diese Figuren sind tatsächlich gleichsam wie die Ikonen der orthodoxen Kirche, wo die Darstellung nur den Typus zeigt und nicht das Individuum. Das Individuelle und das Allgemeine überschneiden sich jedoch.
„Gedächtnis für einen Flußfischer“ – diese Nänie auf einen alten, anonymen Flußfischer beginnt mit der Darstellung seines Gesichts und mit einem Dialog mit dem Wind, mit sich selbst, mit dem Leser:

Immer
mit Flügen der Elstern
dein weißes Gesicht
in den Wälderschatten geschrieben.
Der mit dem Grundfisch zankt,
laut, der Uferwind fragt:
Wer stellt mir das Netz?

Eine existentielle Frage, die Frage der Fische, des Fischers, auch symbolisch-christlich. Das letzte Boot des Charon wird geteert, auch die letzten Fragen werden gestellt, an die Ebene, an die Fische, an die Kreatur:

Und wer teert meinen Boden,
sagt der Kahn, wer redet
mir zu? Die Katze
streicht um den Pfahl
Und ruft ihren Barsch.

Des Verstorbenen gedenken – man weiß nicht wie lange noch – Menschen und Tiere, selbst der alte Hecht, der ohne Glauben ist. Aber der Himmel stürzt ein:

Ja, wir vergessen dich schon.
Doch der Wind noch gedenkt.
Und der alte Hecht
ist ohne Glauben. Am Hang
schreit der Kater lange:
Der Himmel stürzt ein!

Auch das Gedicht „Die Frauen der Nehrungsfischer“ stilisiert und antikisiert die Fischerfrauen zu Wartenden:

Wo das Haff
um den Strand lag
dunkel, unter der Nacht noch,
standen sie auf im klirrenden
Hafer. Draußen die Boote
sahen sie, weit.

Sie warten auf „die Alten“, auf „die Söhne“, auf „des Netzzugs Last“. Das Goldene Zeitalter der Fischer ist aber vorbei, die Last des Netzzugs halb leer:

Und gering war der Fang.
Vor Zeiten, sagte man, umglänzte
hundertschwanzig der Hering
draußen die Meerbucht, silbern
schwand er
(…).

Einer für immer vergangenen und von dem „Meister aus Deutschland“ (Paul Celan) zerstörten Welt begegnen wir im Gedicht „Auf den jüdischen Händler A. S.“. Diese östliche Gegend war bis 1939 ohne einen jüdischen Händler oder Wirt unvorstellbar. Es war auch eine Gegend, wo die Lage einer Ortschaft nach zeitlicher Entfernung der notwendigen Reise angegeben wurde:

Ich bin aus Rasainen.
Das ist, wo die zweite Waldnacht
vorbeigeht, wenn du vom Strom kommst,
wo die Gehölze sich auftun
und aus den Wiesen drängt
gilbender Sand.

Das jüdische Volk, das „jede Zeit aus den Händen der Väter [hat)“, das „im Gezweig“ ihrer „Rede glänzt“ und denen es „frierend Gräber schüttet“. Darüber „lagern Wolken und Rauch“. Insbesondere das letzte Wort ist im Hinblick auf das Geschehene tragisch. Nicht einmal „der Alten Spruch an den Pfosten des Tores“ (Mesuse) sichert einen glücklichen Weg. Menschen der Ebene, Menschen die es nicht mehr gibt und die in einem ikonischen Gedicht festgehalten wurden.
Im dritten Kapitel der Sarmatischen Zeit werden sieben Dichtergestalten in Porträtgedichten apostrophiert: Jahnn, Villon, Góngora, Günderrode, Aleksis Kivi, Joseph Conrad und Dylan Thomas. Auf den ersten Blick verbindet diese Personen genauso wenig miteinander wie mit der sarmatischen Ebene. Aber es sind Konstellationen, „nach denen der alte Sarmate die Himmelsrichtung peilt?“ und viele überraschende Bezüge lassen sich doch entdecken, wenn auch bei weitem nicht alle. Aber: Joseph Conrad wurde von seinem Onkel Bobrowski großgezogen, Jahnn schrieb über Chatterton, dem unser Dichter eine Ode widmete, ein Theaterstück. Also ein Netz, eine weltumspannende Gemeinschaft (von Suomi über Andalusien, Touraine, Ukraine bis zu den fernöstlichen Meeren). Eine Gemeinschaft von Menschen, die ihre Zeit wahrnahmen und quasi auch Sarmaten waren, die „auf Straßen der Vögel“ geschritten, „im frühen / Jahr ihre endlose Zeit, / die du bewahrst / aus Dunkel (…)“. Jede Gestalt besitzt ein klar gezeichnetes Profil und das ihr gewidmete Portätgedicht evoziert jeweils ein unterschiedliches räumliches, zeitliches und ästhetisches Klima.
Den siebenteiligen Zyklus eröffnet „Trauer um Jahnn“. Hans Henny Jahnn, der 1959 in Hamburg verstorbene Dichter, Dramatiker, Romancier und Orgelbauer entstammte einer Schiffbauerfamilie, war lebenslang vom Meer fasziniert. Auf Bornholm schuf er sein wohl bedeutendstes Werk Fluß ohne Ufer. Während der NS-Zeit in Norwegen, protestierte er in den fünfziger Jahren gegen Atomkrieg und Aufrüstung, besuchte auch häufig die DDR. Allein diese Bruchstücke seiner Biographie legitimieren sein Erscheinen im sarmatischen Siebengestirn – das Interesse für Musik und Musikinstrumente, der Aufenthalt in großer Abgeschiedenheit, nicht zuletzt auch das pazifistische Engagement. Bobrowski stellt am Anfang seines Trauergedichts eine ländliche Sommerlandschaft dar:

Stimmen, laut
über dem Kürbisfeld,
die Straße ein weißer Rauch,
gegen den Mittag die wilden
Häupter der Sonnenblumen

In den Blumen dieser Wiese steckt jedoch das Gift, das das Herz „vertrinken“ kann. Die „belustigten Götter über den Tartarus“ sprechen das Todesurteil:

Hängt ihn kopfunter,
dann wächst ihm der Fels in den Mund.

„Francois Villion“ braucht nicht näher vorgestellt zu werden. Der unruhige, rebellierende Geist, dessen Leben und Werk die alten Konventionen sprengen, findet zu Recht Platz unter den Sieben. Unstetes Wanderleben eines Strolchs, Prügeleien, Totschlag und unbändige Lebenslust, all das in der französischen Landschaft:

Du, die Landschaft Touraine
durchstreifend: Steilgrund
großer Städte immer
unter den Schritten, du
kommst nicht zurück

Auf der Flucht vor der Justiz („Dein Bild auf den mörderischen Spiegel aller Weiher“), zufällige Nachtquartiere in Dörfern, bei Bauern und Fischern: „Da werde ich schlafen“.
Das Gedicht „Góngora“ versetzt uns nach Spanien. Formale Meisterschaft des Ausdrucks, der barocke Metaphernreichtum wird bereits in der ersten Strophe angedeutet:

Schwerthieb
im ersten Licht, des Corduaners
Zeile löst dir die Herzhaut ab

Dann erscheinen die Schwäne. Sind es die Schwäne Hölderlins aus „Hälfte des Lebens“ oder die heiligen Vögel des Dichtergottes Apollo? Mit einer weißen Schwanenfeder soll das lyrische Du im Gedicht den Namen von Don Luis Góngora y Argote „an den Himmel aus Feuer schreiben“. Also ein dichterischer Imperativ, eine Identifikation. Hier werden Spanien, Andalusien, Iberien aus einer späten Perspektive gesehen, dem über Don Luis Schreibenden erscheint Lorca (aller Wahrscheinlichkeit nach der von Falangisten im spanischen Bürgerkrieg erschossene Federico García Lorca), „Irrsinn stürzt auf die Schläfe?“ wie „einst“ auch auf die Schläfe des spanischen Dichters. Die Schlußzeilen bestätigen den Dialogcharakter des Textes.
Caroline von Günderrode, die einzige Frau im Zyklus, eine tragische Gestalt der deutschen Romantik, die ähnlich wie Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Rachel Varnhagen und andere, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die intellektuelle und literarische Präsenz der Frauen eintraten, sei es durch ihre Texte oder ihr aktives Wirken. Die romantische, z.T. auch schwärmerische und phantastische Welt der Günderrode schildert die erste, man kann sagen typisch Bobrowskische Strophe:

Erdhauch
aus Vorwelt, der Ahnen
Sternzeit, rollende Sonnen
über dem Tanz der Völker,
wenn Süden
rauscht, ein rötlicherer Vogel,
im Berggestürz.

Die romantischen Chiffren etwa von Eichendorff, Brentano und auch Caspar David Friedrich („im Berggestürz“) werden hier komprimiert. Günderrodes Lyrik ist „ein Lied auf der Spitze des Stahls“ – die Dichterin hat sich auf dem Friedhof in Winkel erdolcht. Aber es war – so könnte man die Intention des Autors lesen – keine romantische Weltflucht, sondern ein mutiger Akt der Selbstbestätigung:

Aber
wir sehn dich
hell, die Gestalt der männlichen Göttin, unter dem Eichbaum, Herrische
(…)

Aleksis Kivi führt uns geographisch wieder in das Gefilde der sarmatischen Ebene, nach Karelien:

Du zähl die Wälder Kareliens, auf allen
Schwenden Suomis schlaf, über die Seen
fliege, Halm, goldfarben
und mit Flügeln aus Räuberlicht.

Wir sind wieder in einer der Landschaften Bobrowskis, wo ein Wolf zum Helden eines Epos werden wird, wo literarische und sagenhafte Gestalten fast substanziell zu dieser Gegend gehören. Kivi selbst starb in geistiger Umnachtung und die düstere Atmosphäre des Gedichts, die an einen Alptraum mit Figuren der Sage und des eigenes Werkes erinnert, läßt an dieses tragische Ende denken.
Aus selbstverständlichen Gründen erregt Joseph Conrad beim polnischen Leser immer Aufmerksamkeit, dies war auch der Grund für die rege Rezeption dieses Gedichts in Polen. Durch seine Herkunft gehört Conrad, eigentlich Teodor Józef Konrad Korzeniowski, ein in Berditschew geborener Pole, der erst mit 17 Jahren Englisch lernte, zweifelsohne zu den Sarmaten aus Fleisch und Blut, auch wenn er bei seinem Onkel Tadeusz Bobrowski in Krakau aufwuchs. Aus dem Gedicht läßt sich vor allem die Sehnsucht nach der Ferne herauslesen, die den Kapitän Conrad in die Weite der fernöstlichen Meere führte:

[…] Das Schiff
aber ist da. Hier steh ich. Ich hab in den Lungen
die unaufhörliche Ferne.
Und sag deinen Namen,
mein Schiff.

Die polnisch-ukrainische Heimat lebt noch in der Erinnerung („der Habicht der Berge um Tschernigow“, ein „polnischer Zimmermann“), verwischt sich aber schon zum Teil. Die Gegenwart bedeutet „Himmel über uns, Ferne / […] / und […] die brennende / Treue der Männer“.
Den siebensternigen Plejaden-Zyklus, dem wir hier, auch wegen seiner Hervorhebung als selbständiges Kapitel, mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben, schließt „Dylan Thomas“ ab. Im Gedicht werden biographische Angaben (Geburtsort Swansea, Vorname Marlais) und Realien (Ohio, Missouri) erwähnt, wodurch rein akustisch die angelsächsische Welt angedeutet wird. Aber auch Hölderlinische Anklänge sind zu hören („alten Schweigens gewaltiger Lärm“). Das Schicksal des Dichters im Labyrinth des Lebens:

Zeit, in den Wind gebaut,
Mauern aus Licht. Ariadne –
ihr Gesicht vor die Dämmerung geschrieben,
Zeichen, der Fledermäuse
Tanz, – Labyrinth

Wie Hölderlin (Mauern) und Trakl (Fledermäuse) ist das lyrische Ich (von Dylan Thomas, von Bobrowski?) gefangen in der Ausweglosigkeit der Existenz (bei Trakl ist es „das unlebbare Leben“), es bleibt nur das dichterische Wort, das aber verstummt:

die verwirrte
Rede, Geschrei, von der Zinne
das Flüstern zuletzt

Augenfällig ist die Ähnlichkeit mit dem Schluß des Celanschen Gedichts „Tübingen, Jänner“.
„Bobrowski hat lyrische und prosaische Stücke direkt nach Bildern geschrieben“, behauptet mit Recht Gerhard Wolf, und das Gedicht „Die Heimat des Malers Chagall“ ist eine genaue Versinnbildlichung dieser These. Was heutzutage über Chagall im kollektiven Bewußtsein präsent ist, war zur Entstehungszeit dieses Gedichts vielleicht nicht so allgemein bekannt. Trotzdem entwirft das Gedicht eine lyrisch-malerische Synthese, die weiterhin aktuell bleibt:

Und wir hingen in Träumen:
Aber es ist Verläßliches
um unsrer Väter Heimatgestirne gegangen,
bärtig, wie Engel, und zitternden Mundes,
mit Flügeln aus Weizenfeldern

Abschließend noch eine kurze Inventuraufnahme der Personengedichte in den zwei übrigen Bänden.
Der Gedichtband Schattenland Ströme enthält 13 Texte, die unseren Kriterien des Personengedichts mehr oder weniger entsprechen. Es sind wiederum anonyme typische Gestalten der sarmatischen Ebene, Leuchttürme und Verwandte im Geiste: „Hamann“, „An den Chassid Barkan“, „Nacht der letzten Gehöfte (Der alte Höltke)“, „Nänie“, „Ode auf Thomas Chatterton“, „Brentano in Aschaffenburg“, „Hölderlin in Tübingen“, „Petr Bezruč“, „Gertrud Kolmar“, „Else Lasker-Schüler“, „An Nelly Sachs“, „Gedächtnis für B.L. Mickiewicz“. Zwei von ihnen verdienen besonders hervorgehoben zu werden: „Hamann“ und „Hölderlin in Tübingen“. Hamann, der Magus in Norden, eine Leitgestalt mit der sich Bobrowski sehr eingehend beschäftigte und nicht zu Rande kam – dazu Gerhard Wolf lapidar:

Das ambivalente Verhältnis des Herrn B. zu seinem Hamann ganz zu beschreiben ist nahezu aussichtslos.

Und dieser Magus, Autor von sibyllinischen Schriften, lebt in einer alltäglichen, begrenzten Welt, wie Faust in seinem Studierzimmer.

Das
eine Welt,
Straßen, Wege, heute
kommt der Wasianski, wer hat
die Lebensläufe geschrieben
und wer die Gedichte á la Grécourt,
zwischen Lizentgraben und
Katzbach alles, was weiß ich, Welt.

Als besonders dankbares Interpretationsobjekt erwies sich das Gedicht „Hölderlin in Tübingen“, in welchem nicht nur die existentielle Situation eines Verkannten und Umnachteten angedeutet wird, auch die Sprache, „der feste Buchstab“ Hölderlins und Bobrowskis werden eins:

Ein höchst konzentriertes, intensives Sprechen mit einem leisen, doch unüberhörbaren Zug ins Feierlich-Pontifikale ist wahrzunehmen. Alle Spannung, die auch diesem Gedicht innewohnt, gibt sich so als eine beherrschte Spannung kund; an keiner Stelle treten abrupte Wendungen, jähe Kontraste unvermittelt hervor; durch die gesammelte Kraft der Rede scheinen sie gleichsam gebändigt. Zugleich fällt auf, daß im Gedicht weder ein Wir noch ein Ich genannt wird: Das lyrische Subjekt ist „aufgehoben“ in seiner Rede, die mehr sein will als Selbstmitteilung eines Ich und über ein Artikulieren individueller Bezüge hinausstrebt.

Eine eschatologische Aussage mit sehr konzentrierter ästhetischer Wirkung:

Bäume irdisch, und Licht,
darin der Kahn steht, gerufen,
die Ruderstange gegen das Ufer, die schöne
Neigung, vor dieser Tür
ging der Schatten, der ist
gefallen auf einen Fluß
Neckar, der grün war, Neckar,
hinausgegangen
um Wiesen und Uferweiden.

Der Band Im Windgesträuch enthält auch ein gutes Dutzend von Personengedichten, die allerdings vom Autor nicht arrangiert bzw. geordnet wurden: „Atelier P. Gauguin“, „Kassandra“, „An Heloise“, „Sappho“, „Žemaite“, „Pindar“, „Rosa Luxemburg“, „Proust“, „Rabelais“, „Trakl“, „Eichendorff“. Bobrowski bleibt seiner Darstellungsmethode treu. Auffallend ist, daß neben Künstlern und Dichtern auch mythologische Figuren (Kassandra) und historische Gestalten (Rosa Luxemburg) vorkommen.
Statt eines Fazits möchte ich auf das Gedicht „Trakl“ näher eingehen, das Bobrowskis Poetik des Personengesichts recht gut illustriert.

Stirn.
Der braune Balken.
Dielenbretter. Die Schritte
zum Fenster.
Das Grün großer Blätter. Zeichen,
geschrieben über den Tisch.
Die splitternde Schwelle. Und
verlassen. Langsam
hinter dem Fremdling her
unter Flügeln der Dohlen
in Gras und Staub
die Straße ohne Namen.

Das angeführte Gedicht auf Georg Trakl zeigt besonders deutlich die Bobrowskische Technik der Übernahme von stilistischen und lexikalischen Elementen aus dem Schaffen des in einem Personengedicht apostrophierten Künstlers. Diese ,entliehenen‘ Mosaiksteine, teilweise auch modifiziert, dienen dann der Darstellung der betreffenden Gestalt und werden zum Mittel des poetischen Dialogs. Bemerkenswert ist, daß gerade Trakl eine ähnliche Technik verwendete und die Gedichte Novalis’, Hölderlins und vieler anderer als „Steinbruch“ benützte, aus dem er einzelne Formulierungen und markante Wörter gleichsam herausbrach, um sie dann für seine eigene Dichtung zu verwenden.
Das Gedicht von Bobrowski ist ohne die Kenntnis der Traklschen Dichtung beinahe unverständlich. Erst durch die Aufdeckung der Korrelationen wird dem Leser einiges klar. In seiner knappen Sprache zitiert Bobrowski mehrere Schüsselwörter und Bilder Trakls, auf die ich kurz eingehen möchte.
„Stirn“ – ein wichtiges und ziemlich häufiges Schlüsselwort bei Trakl, 106mal belegt, auch in der Form „Stirne“ meistens mit der Darstellung der existentiellen Situation verbunden, wie z.B. im Gedicht Untergang: „über unsere Gräber / Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht“ oder mit dem Wahnsinn und der Umnachtung („die Stirne des Besessenen“, „des Mörders“, „Ein roter Finger taucht in deine Stirne“). „Der braune Balken“ – in einigen ländlichen Szenen der Traklschen Welt kommen Bauernstuben und Schenken mit braunem Gebälk vor: „Begrabene Hoffnung / Bewahrt dies braune Gebälk“, „Fügt gewaltige Balken der Zimmermann“. „Die splitternde Schwelle“ – „Schwelle“ ist ein Schlüsselwort Trakls, das meistens Zerstörung und Schmerz symbolisiert: „Schmerz versteinerte die Schwelle“ oder „Der Duldende an versteinerter Schwelle“. „Fremdling“ – dieses eher seltene Wort hat Trakl bekanntermaßen von Novalis und Hölderlin übernommen und zu einer der Figurationen des eigenen lyrischen Ichs umfunktioniert. Als Parallele kam die weibliche Form „Fremdlingin“ als Figuration der Schwester hinzu: „Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung“ oder „und da ich frierend aufs Lager hinsank, stand zu Häupten wieder der schwarze Schatten der Fremdlingin“. „Dohle“ ist bei Trakl zwar nur 5mal belegt, aber in einprägsamen Bildern, z.B. „Dohlen kreisen über dem Weiher“, „Der dunkle Flug der Dohlen“, „Ein roter Turm und Dohlen / Darüber Wintergewölk“. Als hörte man Hölderlin, Trakl, Bobrowski und Celan in einem Vers, man vergleiche nur: „Erinnerung an / schwimmende Holderlintürme, möwen- / umschwirrt“. Darüber hinaus sind Vögel – Amseln, Drosseln, Krähen sowie als Vogelzug usw. – als Bestandteil der – vor allem herbstlichen – Landschaft ein wichtiges Motiv der Traklschen Welt. Der Schluß des Gedichts, „die Straßen ohne Namen“ spielt zweifelsohne auf die tragisch und ausweglos anmutende Zeile aus dem letzten Gedicht Trakls, Grodek, an:

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung

Die obengenannten Beispiele sollen zeigen, in welchem Maße das Gedicht Bobrowskis auf eine kreative Art und Weise aus der Lektüre der Dichtung Trakls schöpft und durch Modifikation und Kondensation (Destillationen im Sinne Gottfried Benns) eine neue lyrische Qualität schafft. Abschließend soll ein Aphorismus Trakls angeführt werden, der meines Erachtens auch die moralische und dichterische Haltung Bobrowskis zum Ausdruck bringt:

Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins: Alle Menschen sind der Liebe wert. Erwachend fühlst du die Bitternis der Welt; darin ist alle deine ungelöste Schuld; dein Gedicht eine unvollkommene Sühne.

Krzysztof Lipiński

 

 

 

Vorwort

Dieser Sammelband enthält die überarbeiteten Beiträge des internationalen Colloquiums Unverschmerzt. Johannes Bobrowski – Leben und Werk, das vom 7. bis 9. November 2003 im Haus des Literarischen Colloquiums in Berlin-Wannsee stattfand – an jenem Ort, an dem Johannes Bobrowski am 27. Oktober 1962 den Preis der Gruppe 47 erhielt, der ihn in beiden deutschen Staaten und international bekannt machte. Auf Initiative von Dr. Dietmar Albrecht (Academia Baltica, Lübeck) hatten die Academia Baltica, die Johannes-Bobrowski-Gesellschaft (Prof. Dr. Klaus Völker) und das Institut für Germanistik der Universität Potsdam (Prof. Dr. Helmut Peitsch, Dr. Andreas Degen) gemeinsam zu diesem Colloquium geladen; mitwirkend unterstützt wurde die Tagung durch den Mitteleuropäischen Germanistenverband. Der Einladung zu dem Colloquium waren über hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Interessierte aus Polen, Litauen, Lettland, Rußland, Tschechien, Irland, den Niederlanden, Großbritannien, Kanada und Deutschland gefolgt. Die Durchführung des Colloquiums wurde durch die großzügige finanzielle Unterstützung seitens der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Stiftung Preußische Seehandlung möglich; die Publikation der Beiträge erfolgt mit ebenso großzügiger Unterstützung der Beauftragten für Kultur und Medien. Ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.
Das Colloquium hatte sich zur Aufgabe gestellt, die in den vergangenen fünfzehn Jahren in Sankelmark (1989), Vilnius (1992), Lübeck (1992), Reading (1995), Travemünde (1997) und anderswo geführten Forschungsgespräche über Johannes Bobrowski und sein Werk fortzusetzen und die sich darin artikulierenden verschiedenen methodischen Ansätze und Wissenschaftstraditionen zusammenzuführen. Unter dem Leitwort „unverschmerzt“ aus Bobrowskis Gedicht „Nachtfischer“ von 1963 waren Beiträge erbeten worden, die Bobrowskis Œuvre als Poetik der Gegenwärtigkeit von gemeinsamer Vergangenheit in Mittel- und Osteuropa bedenken. Vor dem Hintergrund der aktuellen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurse um Erinnerung und kollektives Gedenken, um literarische Bewältigung von Vergangenheit und um das Verhältnis Europas zu seinen östlichen Regionen gewinnen die in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Gedichte, Romane und kurzen Prosatexte Bobrowskis eine besondere Aktualität und Brisanz. Die in diesem Band versammelten 29 Tagungsbeiträge wenden sich aus dieser Perspektive unterschiedlichen Themen und Fragestellungen zu: der poetischen Darstellung der historisch-mythischen Landschaft Sarmatien, der vergegenwärtigenden Beschreibung von Architektur, Bildern und Sinneswahrnehmung, dem Anliegen von historischer Aufklärung und zwischenmenschlicher Verständigung, den vielfältigen und vielschichtigen poetischen Korrespondenzen mit früherer oder zeitgenössischer Dichtung und Kunst, der originellen Aufnahme und Modifikation tradierter literarischer Motive, Themen und Stereotype und der Rezeption seines Werkes in verschiedenen Ländern oder durch andere Autoren. Mit der Erschließung der Bibliothek Bobrowskis und der Transkription eines bislang unbekannten Fernsehinterviews werden zudem wichtige Grundlagen für eine weitere Beschäftigung mit dem Autor präsentiert.
Durchweg allen Beiträgen kommen die zahlreichen editorischen und philologischen Aktivitäten um Bobrowski im vergangenen Jahrzehnt zugute. Nach der Herausgabe der vier Textbände der Gesammelten Werke durch Eberhard Haufe (1987) ist durch den von ihm erarbeiteten Kommentarband zu den Gedichten (1998) und den von Holger Gehle vorgelegten Kommentarband zur Prosa und zu den Selbstzeugnissen (1999) der Zugang zu den Texten Bobrowskis erheblich erleichtert und intensiviert worden. Gleichfalls in die neunziger Jahre fällt die Publikation der von Eberhard Haufe minutiös aufgestellten „Bobrowski-Chronik“ (1994) und des von Reinhard Tgahrt unter Mitarbeit von Ute Doster erarbeiteten umfassenden Nachlaß-Katalogs des Marbacher Literaturarchivs „Johannes Bobrowski oder Landschaft mit Leuten“ (1993). Die auf der Website der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft abrufbare Bobrowski-Bibliographie ergänzt dieses Material- und Informationsangebot, das in vergleichbarer Breite und Komplexität nur für wenige deutschsprachige Autoren der Nachkriegszeit zur Verfügung steht. Während eine systematische Erschließung der Bibliothek Bobrowskis durch Dalia Bukauskaire in Aussicht steht, bleiben die Publikation der Briefe und eine Wortkonkordanz zum Gesamtwerk bis auf weiteres Desiderata.
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Colloquiums Unverschmerzt. Johannes Bobrowski – Leben und Werk sei für die angenehme und offene Atmosphäre während der Tagung und die anregenden Diskussionen gedankt. Besonderer Dank gilt Dietmar Albrecht, der in den vergangenen fünfzehn Jahren dafür Sorge trug, daß das Gespräch zwischen „den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn“ mit und über Johannes Bobrowski lebendig blieb; ohne sein nachdrückliches Engagement hätten weder Colloquium noch Tagungsband verwirklicht werden können.
Allen Beiträgerinnen und Beiträgern zu diesem Band danke ich für die gute Zusammenarbeit, Dr. Christian Pletzing und dem Verlag Martin Meidenbauer München für die Aufnahme des Bandes in die Reihe Colloquia Baltica. Herzlich danken möchte ich auch Carsten Sass, der bei der Einrichtung der Druckvorlage hilfreich zur Seite stand.

Andreas Degen, Vorwort, August 2004

 

Inhaltsverzeichnis

I Dokumente und Materialien

– Dalia Bukauskaitė: Der lesende Dichter. Johannes Bobrowskis Bibliothek

– Helmut Baldauf: Was in den Zeiten ist. Johannes Bobrowski im Film-Dokument

 

II Literarische Korrespondenz

– Krzysztof Lipiński: Leuchttürme und Leitgestalten. Bobrowskis Vorbilder

– Jenny Salkova: Johannes Bobrowskis Requiem für Isaak Babel

– Barbara Surowska: Bobrowski und Rilke. Nähe und Ferne

– Ursula Heukenkamp: Die Rezeption der Un-Moderne in Bobrowskis Lyrik

– Juris Kastiņš: Die Poesie von Johannes Bobrowski im Kontext der deutschen Lyrikströmungen nach 1945

– Hub Nijssen: „Suchen mit zitterndem Mund“. Die nicht geführten Gespräche der Dichter Bobrowski – Huchel – Celan

– Ilze Kangro: Johannes Bobrowski und Stephan Hermlin. Ästhetische, philosophische und politische Aspekte einer schöpferischen Verwandtschaft

 

III Poetik des Eingedenkens

– Sabine Eickenrodt: „Aber wir sehn dich“. Zur poetischen Bildlichkeit in Bobrowskis Porträt-Lyrik

– Andreas F. Kelletat: Der ungeschundene Marsyas. Bobrowskis Gedicht „Doppelflöte“

– Jürgen Henkys: Bobrowskis Gedicht „Im Strom“. Hinweise zu Kontextualität und Intertextualität

– Maria Behre: Lebendige Geschichte im Roman. Erzähltöne und Zeitrhythmen in Johannes Bobrowskis Litauische Claviere

– Ekkehard W. Haring: Figuren des Jüdischen in Bobrowskis Dichtung. Poetisches Idiom oder gefälschtes Kaddisch?

– Thomas Taterka: Weltuntergang. Zu Johannes Bobrowskis Erzählung „Mäusefest“

 

IV Perspektiven auf Landschaft und Kunst

– Annette Graczyk: Zeitschichten in Bobrowskis lyrischer Archäologie der Landschaft

– Sabine Egger: ,Weibliches Sarmatien‘. Osteuropa zwischen Exotismus und Identifikation in der Lyrik Johannes Bobrowskis

– Jürgen Joachimsthaler: Kuppeln und Ruinen. Zur Funktion der architektonischen Leitmotivik in Bobrowskis Lyrik

– Stefanie Rentsch: Bildbeschreibungen im Prosawerk von Johannes Bobrowski

– Andreas Degen: Verfärbter Blick. Visualisierte und zitierte Erinnerung in D. B. H. und anderen Prosatexten Johannes Bobrowskis

 

V Ästhetik des Engagements

– Sigita Barniškienė: Die Erzählerfigur in der Kurzprosa Johannes Bobrowskis

– Nicolas Yuille: Durch Liebe verschmerzen: Das Wort Mensch

– Monika Szczepaniak: „Ein lauter Frieden, das gibt es“. Zum literarischen Modus der Parteinahme für Eintracht und Toleranz in Bobrowskis Prosa

 

VI Rezeption und Wirkung

– John P. Wieczorek: Johannes Bobrowski und Judith Kuckarts „Lenas Liebe“

– Siegfrid Hoefert: Zur Rezeption der Werke Johannes Bobrowskis in Kanada und den USA

– Regine Sinkevičienė: Ein paar Paraphrasen zu Johannes Bobrowski in Litauen

– Mudite Smiltena: Bobrowski-Rezeption in Lettland

– Rafał Żytyniec: „Wenn wir solche Verse lesen, glauben wir, Heimaterde zu schmecken“. Zur Rezeption Johannes Bobrowskis in den Heimatvertriebenenverbänden

 

VII Epilog

– Bernd Leistner: Zu Bobrowskis Ganz neuen Xenien

– Zu den Autorinnen, Autoren und Herausgebern des Bandes

– Bildnachweis

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