Dorothea Grünzweig: Nach Georg Trakls Gedicht „Am Moor“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Nach Georg Trakls Gedicht „Am Moor“. –

 

 

 

 

GEORG TRAKL

Am Moor

3. Fassung

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

 

Fluchtmoor Pakosuo

durch dichte düstere verstechende wälder halten sie zu auf
das moor aufs suo  den feind im rücken  sie drehen sich nicht um
knebelten die bärenschellen an ihren mänteln  schulterten ranzen
wo ist das suo    wo es hell wird wo man von fern jetzt ein schreien
hört    tumult und aufruhr von beflügelten  der sog zum suo ist groß

sie stehen noch waldverstrickt doch liegt die öffnung vor ihnen zur
räme dem auswaldenden suo zur neva den schwappenden rimpis  sie
sehen keine faulenden braunen keine zerfledderten flügel    gab sies
so sind sie weggesunken  es geschah schon bedeckung verwandlung
vor ihnen liegt eine ebene    große betörende lichtregion    lichtgürtel

aus silbernem wollgras gewebtes gefieder rene grasen an ihrem saum
ihr leibgedächtnis sagt    hier sind die schütteren bülten der merkbaum
gespaltenes birklein  die schlechtwüchsigen seggen    hier lagern sie
unsere tragenden stämme heimliche überwege    eingelassene uns rettende
brücken  eilig wirft sich das suo über die schweren klatschenden schritte

sie nehmen nicht den scheinbar stabilen quer übers suo verlaufenden steg
auf dessen unterschwellig morschen angeknacksten planken schlangen
lagern    tasten sich vorwärts mit taumelnden füßen  den feind im rücken
getrieben von einer verheißung    hinterm suo wird die fluchthütte sein
falls der pralle schnee sie schonte    falls der ortssinn der sohlen nur reicht

es spricht aus abendnebeln die ihr ziel befallen eine verhüllte gestalt
sie kennen sie nicht und tragen sie in ihrem ahnenwissen in sich    ich bin
durch das suo was ich bin  und ihr seid die kinder und kindeskinder
suonamen sind unsere. suomalaiset nimet
1 wie pakosuo   räme    neva    hete
die dämmerung scheut      sie will nicht weitergehen      sie bäumt sich auf

 

Grundverschieden sich findende Wortwelten

Das von mir ausgewählte Gedicht „Am Moor“, 3. Fassung, hat mich gelockt, einen Blick auch auf die anderen Fassungen zu werfen. Faszinierend. So finden sich auch Spuren von diesen in meinem Gedicht.
Meinen ursprünglichen Gedanken, einen kleinen Text zu schreiben zu der Übersetzung des Gedichts ins Finnische, habe ich aufgegeben. Man hätte zu weit ausholen müssen. Beschäftigt hat mich allerdings der andere Stellenwert, den das Wort „suo“, „Moor“, im Finnischen besitzt. „Suo“ gehört gewissermaßen zur finnischen Identität. Finnlands Fläche besteht zu einem Drittel aus Moorböden – über hundert verschiedene Arten soll es geben – und so kennt die finnische Sprache eine Vielzahl von Moorbegriffen. Der Dichter Jorma Eronen schreibt in seinem Gedicht „Uigur!“: „Moornamen sind Namen der Ugrier“.
Das Wort „pakosuo“, „Fluchtmoor“, gibt es tatsächlich. Es zeigt, dass das „suo“ in der Geschichte und Kulturgeschichte eine rettende Funktion haben konnte: die Möglichkeit, Verfolger abzuhängen, wenn damit auch eigene Risiken und Widrigkeiten verbunden waren. Aus dieser Beobachtung heraus entwickelte sich, im Umgang mit dem Traklschen Gedicht, Elemente davon aufnehmend und sich davon absetzend, es in den finnischen Kulturraum übertragend, das meine – eine Fortschreibung, bzw. eine Übersetzung des Traklschen Gedichts ins „eigene poetische Gelände“. Ein Aufenthalt in einer moorreichen Gegend Nordfinnlands in diesem Sommer, mit dem Traklgedicht im Rucksack, trug zum Entstehen bei.

Der Dichter und Übersetzer Jukka Koskelainen hat übrigens, vielleicht bezeichnender- und unbewussterweise, den Titel „Auf dem Moor“ mit „Suolla“ wiedergegeben, was „Auf dem Moor“ bedeutet, er bewegt sich also mit seiner Übertragung in das Moor hinein.

 Dorothea Grünzweig, aus Mirko Bonné und Tom Schulz (Hrsg.): TRAKL und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal, Stiftung Lyrik Kabinett, 2014

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