Eckart Kleßmann: Zu Bertolt Brechts Gedicht „Das dreizehnte Sonett“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Bertolt Brechts Gedicht „Das dreizehnte Sonett“ aus Die Gedichte Bertolt Brechts in einem Band. –

 

 

 

 

BERTOLT BRECHT

Das dreizehnte Sonett

Das Wort, das du mir oft schon vorgehalten
Kommt aus dem Florentinischen, allwo
Die Scham des Weibes Fica heißt. Sie schalten
Den großen Dante schon deswegen roh
Weil er das Wort verwandte im Gedichte.
Er wurd beschimpft drum, wie ich heute las
Wie einst der Paris wegen Helenas
(Der aber hatte mehr von der Geschichte!)

Jedoch du siehst jetzt, selbst der düstere Dante
Verwickelte sich in den Streit, der tobt
Um dieses Ding, das man doch sonst nur lobt.
Wir wissen’s nicht nur aus dem Machiavelle:
Schon oft, im Leben wie im Buch, entbrannte
Der Streit um die mit Recht berühmte Stelle.

 

Das schlimme Wort

Wie das Unsägliche Sagen?

Gib mir statt ,Der Schwanz‘ ein ander Wort o Priapus
Denn ich Deutscher ich bin übel als Dichter geplagt.

So Goethe um 1790. Christiane, seine Geliebte, wußte Rat; sie nannte den Unaussprechlichen „Herrn von Schönfuß“. Und als das dazugehörende Tätigkeitswort genügte ihr die Umschreibung vom „Schlampamps-Stündchen halten“, indes der Geliebte dafür ein Verbum bevorzugte, das seine Herkunft aus der ornithologischen Sphäre nicht verleugnet. Das von Brecht benutzte Wort wird hier in bildungsreicher Anspielung umschrieben in einem Sonett, das der Dichter Anfang 1934 an seine Geliebte Margarete Steffin richtete, die offensichtlich an einem Verbum Anstoß genommen hatte, das Brecht recht unzart zu benutzen pflegte.
In der Tat ist der deutsche Dichter übel geplagt, wenn Sexuelles zur Sprache kommen soll und das Wort sich verweigert. Der Bilderschatz des Pharaonenlandes oder des klassischen Chinas ist ihm versagt. Zwar hält das Vokabular des eigenen Volkes ein ungehöriges Quantum bereit, aber so recht zärtlich will es sich unserem Gehör nicht einschmeicheln, und was uns heute gesellschaftliche Korrektheit an medizinisch geprägten Wörtern empfiehlt, ist lustfeindlicher als der ärgste Jargon und für Mann wie Frau gleichermaßen eher schimpflich.
Schon der große Dante? Das ist ein bißchen geschwindelt, denn fica gibt es in diesem Sinn im ganzen Œuvre des Florentiners nicht, man würde es eher in den Sonetti lussuriosi des Aretino vermuten, aber der verwendet dort weitaus Gröberes. Vom italienischen Substantiv ein deutsches Verbum der Volkssprache abzuleiten, ist philologisch einigermaßen verwegen und zweifellos augenzwinkernd formuliert. Denn das verpönte schlimme Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen, und kein deutscher Dante fand sich, der ihm die höheren Weihen großer Dichtung gab.
Das „Ding, das man doch sonst nur lobt“ – das nenn’ ich auf den Schelmen anderthalben setzen: das Ding! Metaphern aus dem Reich von Flora und Pomona sind den Sprachen von Frankreich bis China vertraut und natürlich auch dem Deutschen. Aber Brecht hat sich nun einmal vorgenommen, ein wenig mephistophelisch im Talar des Philologen aufzutreten, und bemüht nächst Paris und Helena darum auch noch jenen Machiavelli, der um 1513 diese Komödie La mandragola schrieb: Paul Heyse hat sie übersetzt.
Der eigentliche Anlaß scheint längst vergessen, der Unwille der Geliebten nämlich über ein schlimmes, ihre Ohren und Gefühle kränkendes Wort. Mit pseudogelehrtem Aufwand und fiktiven Nachweisen muß sie sich belehren lassen, es könne etwas nicht anstößig klingen, wenn es durch Weltliteratur erst einmal geadelt sei. Trotz der kunstvollen Form des Sonetts und eines gespielten gravitätischen Einherschreitens hat Brecht nur wenige Gedichte geschrieben, die so leichtfüßig daherkommen und eine so überaus muntere Laune ausstrahlen. Es gehört zum Wesen erotischer Poesie von Rang, daß sie leicht ist und beflügelt vom Humor, daß sie durch ihre verspielte Anmut auch das Gewagteste auszudrücken vermag. Es gibt noch einige andere Sonette Brechts aus diesem Umkreis, die „das Wort“ mit unbekümmerter Dreistigkeit auch als schnöden Reim einsetzen – so auf das Verbum „schicken“ –, aber keines dieser Sonette nimmt es auf mit dem dreizehnten und letzten an Margarete Steffin gerichteten.
Es wurde geschrieben am Ende von Brechts erstem Exiljahr, und wir erinnern uns, daß in der Antike die Tragödie und die derb-erotische Komödie stets als Geschwister auftraten.

Eckart Kleßmannaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zwanzigster Band, Insel Verlag, 1997

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