Jörg Niebelschütz: Poet’s Corner 17

Niebelschütz-Poet’s Corner 17

GRUSS AUS DEM BILDUNGSARCHIV

manche sind durch ihr schreiben
befestigt, einige doch etwas reifer
für den strick und andere wollen alles
von oben bereden – es gibt auch welche
die losgehn, um ein oder zwei bier
zu trinken, dann werden es zwölf oder vierzehn
die genügen, den kopf ins gleichgewicht
zu kippen und gelegentlich bin auch ich
unaufhaltsam mit der axt unterwegs
in den gärten im gestrüpp der erinnerung –

ein bischen schnee, ein funken abendrot,
sechs halbe liter, sechs kirsch,
eine flasche weisswein, neun braune
und vier martinis vor dem unterschlagenen rest –
die milchstrasse war schon leicht
angesäuert, als ich zwei treppen tiefer
wieder zur besinnung kam – um mich herum
standen eine frau im roten mantel
und eine, die ich schon dutzende male
von brücken und funktürmen gestossen hatte
und eine therapeutin in weissen strümpfen
und aus der tasche der vierten fielen
bergeweise druckfrische preisreden –

ihr fehlte augenscheinlich nur noch
ein netter warmer mensch, ein federbett
und weil sie so unschuldig lächeln konnte,
begriff ich, dass der schlichte vorgang des heizens
in diesem fall bedeutsamer sein wird –
dann holten sie mich ab, verordneten mir
einen ersten kursus für esoterik
und zerrten mich an den runden tisch,
dessen beine ich in letzter sekunde
präparieren konnte und wir sprachen
über toleranz und zum schluss drückte ich
allen einen pferdefuss in die hand.

 

 

 

Es gibt Dichter,

die schreiben, um zu überleben, um das Leben auszuhalten, um zu überstehen. Jörg Niebelschütz ist, scheint mir, so ein Autor. Schreiben als „gnadenakt am schreibtisch“ für einen, der oft wie gehetzt wirkt, im Wahnsinn des Alltags, der ihn immer wieder treibt auszubrechen. Allen Ginsberg schrieb:

Es sollte keinen Unterschied geben zwischen dem, was wir niederschreiben und dem, was wir wirklich wissen, so wie wir es jeden Tag miteinander erfahren. Und die Heuchelei in der Literatur hat ein Ende.

Für Niebelschütz gibt es da keinen Unterschied, und so „finden die gedichte“ doch oft „in der kneipe statt“, in Küchen, Wohnzimmern und Zügen, auf den Straßen und Hinterhöfen von Babelsberg und Berlin, ihre Protagonisten sind die gewöhnlichen Leute, fern von den „lesungen der seidenstrumpfpoeten“. Es gelingen ihm Verse, die die Zärtlichkeit eines Rasiermessers und die Brutalität eines aus den Rissen des Straßenpflasters brechenden Löwenzahns haben. Es ist die Schönheit, die Poesie, entdeckt in jenem oft tristen Alltag, die in den Gedichten aufleuchtet, wie „in einer pfütze am strassenrand jener verlorengegangene goldene schuh“, Momente, denen Niebelschütz’ Gedichte Dauer verleihen.

und ich weiss nicht mehr ist es poesie,
ist es belanglose chronik – blödsinnig
vergeht die zeit sich an den wundern.

Gerd Adloff, Februar 1993, Klappentext

 

Der Babelsberger heißt Jörg Niebelschütz.

Sein Heft Poet’s Corner 17. Poet’s Corner war eine Reihe der Verlagsbuchhandlung Ackerstraße (Berlin Ost). Im Frühjahr 1993 erschien Band 17, dann war’s aus mit der Verlagsbuchhandlung. Dann sollten Niebelschützens Gedichte im Aufbau-Verlag erscheinen. Dann wurde der Aufbau-Verlag generalgelunkewitzt. Zwar war Niebelschütz bereits angekündigt. Erschienen ist er nimmer. Die „Zärtlichkeit eines Rasiermessers und die Brutalität eines aus den Rissen des Straßenpflasters brechenden Löwenzahns“ haben Wohlmeinende Niebelschützens Versen zugesprochen. Wahr jedenfalls ist, daß Niebelschütz aus dem Alltag der Bier- und Wurstbuden berichtet. Vom Leiden und Lieben der Menschen am Rand. Nicht den bürgerlichen Flaneur, den proletarischen bis subproletarischen Rumtreiber oder -hänger gibt Niebelschütz. Da sich im Wesen solchen Personals nichts ändert, haben seine Gedichte seit ihrem ersten Erscheinen nichts an Gültigkeit verloren. „Heute Blasmusik Morgen Freibier und dann ab ins Irrenhaus“ (ausgeliefert) ist gültiges Motto all jener, die aus dem Musikantenstadl zu fallen drohen.

Wilhelm Pauli, oeko-net.de

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