Eduard Mörike: Poet’s Corner 1

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Eduard Mörike: Poet’s Corner 1

Mörike-Poet’s Corner 1

GESANG WEYLAS

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

 

 

 

Zeit, auf das Pflaster geschrieben

Der Dichter ist eine Versuchsanordnung, die mit Worten auf eine Welt reagiert, die vor allem aus ihm selber besteht. Jeder anderweitige Einsatz wird damit zur Zweckentfremdung. Mörike jedenfalls drückte sich, wo er konnte:

Sei… doch so gut und schicke mir… für die Sonntage von Ostern an ein Dutzend Deiner Predigten.

– Mit neununddreißig Jahren war er als Pfarrer pensioniert. Ein Außenseiter also, doch nicht von der ungekämmten Art, wie ihn unser gekämmtes Jahrhundert kultiviert. Keiner, der aus der Ordnung ausbrach, sondern eher einer, der sich immer mehr in sie zurückzog. Ein rasch alternder, stets von der Schwester umsorgter Mann, auf dessen Kaffeetopf unsichtbar „Hypochonder“ gestanden haben mag. – Zugehörig einer Spezies, die wie die Kollegen Stifter, Raabe und Paul gerade aus der Beschränkung heraus inneren Reichtum hervorzubringen versuchte und das Kleine für Groß erkannte. „Biedermeier“, eines der Verachtungsworte, mit deren Hilfe sich fortschrittsgläubigere Zeiten sich selbst auf die Schulter klopften. Freilich befindet sich unsereins tatsächlich in einer umgekehrten Situation: In der Fülle der Möglichkeiten sein bißchen Selbst zu bewahren und im weißen Rauschen der Abstraktionen das ohnmächtige Zucken des Lebendigen wahrzunehmen. – Jedenfalls waren mir diese Gedichte beim Wiederlesen plötzlich recht fremd. Der Gefühlston nervte, warum gab das nicht mal einer zu? Das „süße Erschrecken“, die „weinenden Blicke“ – war Mörike nicht früher auch viel besser gewesen? Selbst jenes „Denk es, o Seele“, eines seiner vollkommensten Gedichte, meinte unmöglich noch mich, denn, großer Himmel, eine Seele, hatte ich die je gehabt?

ABREISE

Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen,
Und das Posthorn bläst zum letzten Male.
Sagt, wo bleibt der vierte Mann solange?
Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben!
– Indes fällt ein rascher Sommerregen;
Eh’ man hundert zählt ist er vorüber,
Fast zu kurz, den heißen Staub zu löschen,
Doch auch diese Letzung ist willkommen.
Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten
Platz, und an den Häusern ringsum öffnet
Sich ein Blumenfenster um das andre.
Endlich kommt der Junge Mann. Geschwinde!
Eingestiegen! – Und fort rollt der Wagen.

Ein Gedicht, das ohne Ach’s und Oh’s auskam. – Die etwas umständliche Anfangsmechanik dehnte den Augenblick, in dem sowohl im Öffnen der Blumenfenster auf den Marktplatz hinaus als auch im unsichtbaren Abschiednehmen des jungen Mannes das Leben stattfand. Dann aber Abfahrt, was blieb? Erinnerung, auf das Pflaster geschrieben:

Aber sehet, auf dem nassen Pflaster
Vor dem Posthaus, wo er stillgehalten,
Läßt er einen trocknen Fleck zurücke,
Lang und breit, sogar die Räder sieht man
Angezeigt und wo die Pferde standen.

Wann hätte ich jemals durch ein paar Worte hindurch Zeit so deutlich vor mir gesehn? Wieder schien sie sich zu dehnen, was ihre Flüchtigkeit um so deutlicher machte, indes der Pflasteraugenblick die Dauer von Liebe und Treue illustrierte. Denn hinter dem Fenster schaute ein Mädchen „auf die weiß gelaßne Stelle“. Und während das Mädchen noch über den Davonfahrenden weinte, weinte unsereins über das Mädchen, denn Mädchenaugen trockneten rasch:

Und eh auf dem Markt die Steine wieder
Alle hell geworden von der Sonne,
Könnet ihr den Wildfang lachen hören.

Das feine Bohren der Vergänglichkeit, mitten im Daseinsglück. Das Idyll als fast unmerklicher Schmerz, hergesagt mit einem Lächeln – War das nicht doch der ganze Mörike? Jedenfalls schien ich momentlang von meiner poetischen Verstocktheit befreit und vernahm nun schon eher die Musikalität auch der rhetorischeren Passagen dieser Gedichte. Diese vehementen Ausbruchsversuche des bald in sich selbst Erstarrenden und auch als Dichter früh Pensionierten, der insofern tatsächlich um sein Leben schrieb. Wenigstens im Gedicht über sich hinauszugelangen, bis er sich endgültig beschied. Was für ein Abstand zwischen jenem „Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit“ („Gesang zu Zweien in der Nacht“) bis zu dem berühmten:

Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst („Auf eine Lampe“).

– Dazwischen aber liegen winzige Erschütterungsaugenblicke, die die Daseinsdistanz einmal für kurz überwinden: Wenn die Welt plötzlich „so licht“ liegt, „die Stadt in goldenem Rauch“ („Auf einer Wanderung“). Wenn sich die Wimpern der Geliebten „wie Schmetterlingsgefieder auf und nieder“ bewegen („Peregrina II“). Wenn wir das „Eisen… blitzen“ sehn („Denk es, o Seele“) oder eben einfach einen trockenen Fleck auf dem Pflaster.

Thomas Rosenlöcher, Nachwort

 

Poet’s Corner in jede Manteltasche! Michael Krüger: Gegen die Muskelprotze

Hans Joachim Funke: Poeten zwischen Tradition und Moderne. Eine neue Lyrikreihe aus der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Dichter und Wende-Chronist
Bayerischer Rundfunk, 19.7.2017

Friedrich Dieckmann: Weltfremdling in der Zeitenmühle
Süddeutsche Zeitung, 27.7.2017

Karin Großmann: Ein kleiner Jubel Glück und ein Hieb auf den Kopf
Sächsische Zeitung, 29.7.2017

Dirk Pilz: Engel hat sich der Dichter abgewöhnt
Frankfurter Rundschau, 28.7.2017

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + KLG
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Porträtgalerie

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Rosenlöcher“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Rosenlöcher

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