Elke Erb: Unschuld, du Licht meiner Augen

Erb-Unschuld du Licht meiner Augen

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Wie ein Obolus Aderlaß opferfromm
der Kollekte… Aber nein, wovon ist die Rede?

Vom Okulieren:

Etwas brichst du dir ab, etwas tust du dir an.
Wirst ausgesaugt, treibst neue Frucht.
Ast ab, Last auf.

Behende Bäume, die kopulieren,
sich schwingen, ja münden; die Augenküsse:
So Sendebereich – so Wellen.

Ach nein, wovon ist die Rede gestreift?

Höre ich eine Buchhandlung rühmen
– wie selten ein solch herzliches Wort! –
trägt mich die Nachricht unwiderstehlich
hin zu ihr wie den Samen Wind.

Wie der schuppige, spelzige Samen fliegt.

 

 

 

„Blitze an sich sind langsam“

Wenn die Sprache in ihrem Witz und Aberwitz plötzlich wörtlich erscheint, wenn ihr Klang wie ein Instrument zu hören ist oder in der Alltagsrede die verschollene Bildhaftigkeit einer fremden Epoche aufleuchtet, wenn sich der Rhythmus einer Denkbewegung mit dem Silbenfall synchronisiert und nächtliche Wortbedeutungen mir tagsüber wie leibliche Geschwister begegnen, dann ist immer Poesie im Spiel, und wenn dies alles mir beim Lesen den Atem stocken läßt, weil das geradlinige Denken im Kopf zu kreisen beginnt und aus schwindelerregenden Rätseln mit einem Mal vertraute Antworten werden und aus vertrauten Antworten wieder unerschrockene Fragen, dann lese ich wahrscheinlich Gedichte von Elke Erb:

Blitze an sich sind langsam,
nur das Blitzen an ihnen ist schnell.

Als sich Mitte der achtziger Jahre im deutschsprachigen Raum in spürbar anderen Gedichten eine neue lyrische Generation zu Wort meldete, war Elke Erb schon da. Was die Jüngeren als ihre eigene Form entdeckten, eine fremdere Art des Denkens nämlich, unmittelbar in und aus der Sprache, die wegführte von der Alltagslyrik und der leergeschriebenen Neuen Subjektivität der siebziger Jahre: Sie konnte es längst. Ich kann mich noch erinnern, wie ihre ersten Texte mir auffielen, im Luchterhand Jahrbuch der Lyrik, und ich nicht wußte, ob ich sie überhaupt verstand – es gab Klänge und Blickwinkel darin, die mir begreiflich erschienen, semantische Spannungen, ein paar Zeilenbrüche, Assonanzen, Halb- und Binnenreime, mit denen ich mich unmittelbar vertraut fühlte, aber im ganzen machten diese Gedichte mich ratlos. (Das tun sie – gottseidank – heute noch.) Dann bekam ich, beim obligatorischen Geldausgeben in den Ost-Berliner Buchläden, zwei Bände von ihr in die Hand, Vexierbild (1983) und Kastanienallee (1987), aus denen sich mir allmählich ihre Methode – eine Sprache völliger Unbefangenheit – erschloß. Ich glaube heute, daß die besondere Qualität von Elke Erbs Texten tatsächlich genau darin liegt, wie sie sich – obwohl sie sich der lyrischen Traditionen aufs präziseste bewußt sind – auf jeden nur denkbaren sprachlichen Impuls ganz und gar unvoreingenommen einlassen. Niemand, weder die Autorin noch die Leserin, kann sich, wenn in diesen Gedichten ein erster Ton angeschlagen wird, den nächsten Klang, den nächsten Gedanken, die nächste Zeile schon ausrechnen, und doch gibt es eine Brücke von jedem neuen Schritt zurück in das schon Vernommene. Ich kenne wenige Gedichte, die man so sehr „rückwärts“ lesen muß, um ihnen auf die Spur zu kommen – sie sind befragbar wie Erfahrungen, in denen auch immer beides zugleich gilt: daß wir sie rückwirkend nicht mehr ändern können, und daß wir sie deshalb ständig neu erfinden.
Elke Erbs jüngster Gedichtband Unschuld, du Licht meiner Augen (1994) zeugt nach den zuletzt publizierten Winkelzügen (1991), die sich in langen, vielfach gebrochenen und kommentierten Texten aus den achtziger Jahren mit dem Schreiben als Denk- und Sprachprozeß beschäftigten, zu Beginn der neunziger Jahre von einer überraschend neuen Produktivität ihrer Arbeit in Gedichten. Viele dieser Gedichte, im Band chronologisch nach ihren Entstehungsdaten geordnet und in mehrere Abteilungen gegliedert, haben einen wärmeren, bei aller sprachlichen Radikalität musikalischeren Ton als frühere Texte. Nicht zu Unrecht verspricht der Klappentext ein „sinnliches Vergnügen“. Dieses – jedenfalls für mein Empfinden – bei Elke Erb ungewohnt Musikalische umfaßt einerseits märchenhaft singende Momente wie im Gedicht „Kornblume, Mutterkorn, Klatschmohn“, das, noch ehe das Wort „schwirren“ erscheint, mit den Zeilen beginnt:

Liebe, Du hörtest, Du hörst
sie, Deine Brüder, Gebrüder, die sieben
Schwäne, Du hörtest, hörst die Gefieder-
Stimmen am Himmel
– (…)

Ebenso öffnet es sich, nicht weniger ungewohnt, einem natürlichen Atem, wie in dem wunderbaren Reisegedicht „Die Südwestküste Frankreichs als Augenschein“:

Der große gascognische Kiefernwald –
ich werde nicht mehr sein –
die riesige Düne von Pyla –
ich werde sterben –
die Umkehr der Flut –
und tot sein.

Die Hügelkuppen.
Die Kieferntatzen.
Die Bungalows.

Und es wagt sich, die Musikalität manchmal bis dicht an ein Klischee heranführend, darüber wieder hinaus in die ungesicherte Bildlichkeit wörtlicher Wahrnehmung, die es Sinn und Sinnen nicht bequemer machen kann, wie in dem Gedicht „Sonnenblumen sind nicht mehr Sonnenblumen“:

Alle Gefühle,
wie Flammen, abschneiden
als sollten sie ewiger
Hölle gleich
wie vom Erdboden
verschluckt.

So dicht und so über sprachliche Schönheit zugänglich sind nicht alle Gedichte im Band. Es gibt längere Texte, die eher über reflexive Schalter funktionieren, von Vers zu Vers umschaltend wie eine Kette von a-logischen Relais, so daß sie besser zu anderen, weniger klangsüchtigen Lesestimmungen passen. Und es gibt, in dieser entschlossenen Offenheit zu einem Dialog, der sich nicht im geringsten an die professionellen Attitüden von Widmungsgedicht, kritischer Reverenz, auktorialem Ego hält, Briefe und Gedichte, die sich mit Friederike Mayröcker auseinandersetzen. Das ist ein eigenartiges, sehr lesenswertes Unterfangen, weil hier zwei Textuniversen an- und ineinandergeschoben werden, deren Ähnlichkeiten leicht zu konstatieren, aber von außen, mit den Augen der Leserin, dann nur schwer zu belegen sind. Hier kann man sie nun sozusagen von innen sehen. Und doch scheinen mir die im Band als erste Sequenz abgedruckten Gedichte Elke Erbs aus dem Frühjahr 1991, die den Texten von Friederike Mayröcker ganz eigenständig gegenübertreten (wenn ich mich an die dokumentierten Korrespondenzen halte), kongenialer als die engen Material-Annäherungen, die das Zwischenkapitel als „Lesebegegnung“ abdruckt. Das zeigt sich für mich beispielsweise an einem Gedicht: wie „Cosinus“, in dem als Echo auf die Mayröcker-Zeile „verflossen enghalsige Gegend wo der Busch“ die Zeile antwortet „Das Meer fragt nach dem Tod“, und dann kommt eine Welle, in einem wellenförmigen Metrum, das Meer, und dann die vollkommen Erbsche Erwiderung: „Sieh, die Fensterbank ist ja / unsterblicher“, und dann ist das Gedicht immer noch nicht zu Ende, doch ich kann versprechen, daß es sich lohnt, auch den Schluß nachzulesen.

Brigitte Oleschinski, neue deutsche literatur, Heft 501, Mai/Juni 1995

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Karl Riha: Eine Art Gespräch zweier Lyrikerinnen
Frankfurter Rundschau, 13.5.1995

Dorothea von Törne: Klang gegen das Gekläff
Der Tagesspiegel, 12.2.1995.

Christine Tresch: Gedichtwerkstatt sondergleich
Wochenzeitung, 10.2.1995

 

Eine andere Logik

Dörte Mierau: Wie kann man aus der Sprachlosigkeit, aus dem Nichtsprechen-können – herauskommen, indem man anfängt, Texte zu bilden?

Elke Erb: Ich würde Sprachlosigkeit nicht einfach als Unfähigkeit ansehen. Wenn man das tut, kann man verkennen, daß in einer solchen Unfähigkeit ein Urteil enthalten ist, eine Kritik, die es verwehrt, sich an der vorgefundenen Sprachfähigkeit zu beteiligen. Einem solchen Urteil bin ich bei meinem damals fünfjährigen Sohn begegnet. Er hörte eine Jazz-Platte. Er hatte wohl begriffen, daß der Jazz, den sein Vater liebte, etwas Neues war im Verhältnis zur tradierten Musik. Aber er sagte plötzlich, bilanzartig: „Beethoven und Beethovens Sohn“. So unterschied er, was er vorfand, von dem, was er selbst zu tun hatte, was ihm vor Augen war. Anfang der 80er Jahre hatte ich viel Kontakt zu 15 bis 20 Jahre Jüngeren. Das war die Zeit, die zu der Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung führte. In dieser Zeit kam ich zu einer scharfen Unterscheidung, nämlich zu dem Eindruck, ihr Verhältnis zu mir gliche dem des Sträflingszuges zum Bewacher. Ich spürte an gewissen Reaktionen, daß meine Sprache einer Logik folgte, der sie sich als Opfer ausgesetzt fühlten. Natürlich waren die Jüngeren, wie auch ich, in Bewegung. Aus dem Zustand der Ohnmacht traten sie als Aussteiger heraus. Erstens. Und zweitens waren sie nicht nur Aussteiger, sondern entwickelten ein korrektives Programm, indem sie schrieben oder sich sonst künstlerisch artikulierten. Insofern war die scharfe Unterscheidung zwischen Sträflingszug und Bewachern nur ein Blitzlicht am Rande.
Ich rede davon, weil ich nicht zulassen kann, daß Du von einer Ohnmacht sprichst, ohne zu sehen, daß Deine Ohnmacht auch von produktiven Momenten bestimmt ist. Wenn man sich dieser Motive nicht bewußt wird, können sie leicht erlöschen. Wir haben doch nun den Begriff der produktiven Verweigerung. Die kann unbewußt oder unwillkürlich sein. Ich habe an mir selbst bemerkt, daß ich bei bestimmten Texten nicht mehr zuhören kann. Ich entziehe ihnen also schon automatisch die Aufmerksamkeit. Versuche ich, doch zuzuhören, gerate ich in eine Marter, eine Art Hölle. Zum Beispiel war ich vor ein paar Monaten bei einem Poesiefestival, da wurde eine ethnische Kultur vorgestellt, und sie begannen mit einem Übersichtsartikel. Das war eine Folter: Da begegnet einem ein einordnendes System, ein Zwangssystem, das antritt, das lebende Wesen zu unterwerfen und anzupassen.

Mierau: Welcher Art sind die Texte, die sich dem verwehren? Seit der Wende, um die Frage einzugrenzen.

Erb: Vielleicht rede ich jetzt mal nicht von Texten, sondern von Verhaltensweisen allgemeinerer Art. Und zwar von solchen, zu denen ich mich nach der Wende verstärkt angeregt fühle. Ich habe zum Beispiel viel übersetzt, Gedichte übersetzt. Eine anstrengende, intensive Arbeit. Es kam vor, daß ich von einem Dichter nur die Texte kannte, die ich übersetzte. Ich konnte nicht gleichzeitig ein Gesamtwerk aufnehmen und mich intensiv mit einzelnen Texten befassen. So entstand ein Versäumnis, ja Schuldgefühl. Die Meinung: „Ich schaffe das nicht, ich kann das nicht“ hängt auch ab von der Art, in der man sich vorher bewegt, wie dieser Lebenstext oder Rhythmus war. Aber die Natur ist viel reicher, und sie kann aus den Bahnen heraustreten. Auch die geistige Natur, die man schon Kultur nennen könnte, ist reicher als das, was sie an Bewegungsformen kennt. In den 80er Jahren hatte ich dazu einen korrektiven Ansatz, ich nannte es: um die Ecke denken. Du reizt etwas auf, und da ist Schluß. Woher weißt Du denn, daß um die Ecke herum nicht etwas ganz anderes möglich ist? Woher weißt Du denn, daß sie nicht in Dir ist, diese Möglichkeit?

Mierau: Nur bist Du diese Winkelzüge doch schon lange zuvor gegangen?!

Erb: Das war aber ja von einem bestimmten Spannungsherd aus, der in mein Leben kam und auch wirklich aus diesem Kontext herauskam. Von da bin ich ausgegangen und habe das per Not gemacht. Von Situation zu Situation. Du gehst in einer Spur ziemlich weit und dann bleiben alle übrigen sozusagen unberührt davon. Alle deine übrigen Lebensgebiete. Es ist eine spätere Folge, daß sich das eine, das Geleistete, hineinwellt in das Übrige und es dann wieder mitholt. Es muß erst abgeholt werden. Nachdem ich schon eine Weile geschrieben hatte, früher, Texte, die stehen konnten, und also eine bestimmte Souveränität erreicht hatte, merkte ich, daß ich mich in vielen Verhältnissen noch ganz abhängig bewegte, und so ging diese Selbständigkeit in die anderen Gebiete im Leben über. Mit der verfluchten Langsamkeit, der alles unterworfen ist, glaubst du, daß du, mit einem bestimmten Lichtpunkt, den du erreicht hast, schon alles hast – und in Wirklichkeit mußt du noch da etwas abholen und da, und dann geht es immer weiter und das ist ein lebendiger Prozeß im ganzen und etwas anderes, als sich festzuhalten an irgendeiner abstrakten absoluten Geltung.

Mierau: Hast Du die absolute Geltung jemals für Dich in Anspruch genommen?!

Erb: Doch, der Lichtpunkt war schon absolut und jedesmal mit ihm warst du der allgemein betriebenen und festgehaltenen Armut und Stagnation endgültig entkommen und hattest ein Unterpfand für die künftige Befreiung. Doch, ich meine schon, wenn du arbeitest, mußt du ein absolutes Licht erreichen, alles, was du herausholen kannst. Aber dann, weißt Du, gibt es doch so viel verschiedene Positionen. Und bei aller Anstrengung gibt es auch das Glück und wirklich so ein Fluten, ja, in einer von Licht vielleicht oder von Nebel, in einer sehr bestandenen Gegend mit Büschen und Wald und wieder leeren Flächen. Ich habe oft diese Naturmetaphern, ich komme vom Land. Aber es geht ja auch wirklich um Bio-Logie, um eine andere Logik, die wir noch lange nicht haben. Selbst mit entwickeltsten Techniken bleibt immer noch diese idiotische Gradlinigkeit, oder irgendwelche anderen Figuren, die sehr reizvoll wären in Verbindung mit biologischen Energien. Das ist ein langer Prozeß.

Mierau: Von Text zu Text?

Erb: Ja, im umfassenden Sinn; Text als Gewebe, als Gewebe von Codes. Zum Beispiel ist doch die Würde ein Code. Ich merke, daß ich mich schäme angesichts eines Textes, der sich der Unterordnung ergibt und dabei die Selbständigkeit aufgibt.

Mierau: Auch wenn Dein eigener Text einer der Unterordnung wird?

Erb: Ja, wenn ich das sehe. So war es immer. Inzwischen allerdings bin ich freundlicher geworden. Ich sehe jetzt ein Verunglücken: ein Textwesen wollte etwas und hat es nicht erreicht, ist steckengeblieben. Wie findet es heraus?

Mierau: Hilfst allein Du dem Text oder hilft der Text auch Dir?

Erb: Das kann ich nicht trennen. Aber Du willst wissen, wie kann ich mir mit dem Schreiben helfen? – Jedenfalls nicht oder nur sehr behindert, wenn, was du schreibst, statt deiner selbst helfen soll. So sind wir nun erzogen, daß immer etwas anderes gilt als wir selbst. Das ist der Erziehungsschutt, unter dem wir verschüttet sind. Anders gesagt, es bleibt auch in mir selbst wie etwas, was nicht lebt. Auf dem Weg zu dem, was nicht lebt in dir, räumst du den Schutt weg, wenn du schreibst. Ich könnte auch sagen, du holst es ein. Du holst das Unglück ein. Jetzt bin ich Mitte fünfzig, und ich entdeckte einen nichtsozialen Kern in mir. Von Begegnungen her oder Briefen, in denen man mit mir spricht, mich anspricht. Ich merke plötzlich, daß ich dieses Du gar nicht wahrnehme, es scheint an mir vorbeizugehen, irgendwohin. Also, innen in mir ist jemand nicht sozial, taubstumm, arm- und beinamputiert. Dann werde ich mich trotz allem doch wohl entfremdet oder weiterhin entfremdend verhalten haben, nicht wahr? Dazu stimmt, daß mir bei meinem Sohn, bei allem, was er tat und nicht tat, konnte und nicht konnte, immer die Klarheit des Arguments einleuchtete:

Das und das kann ich nicht, denn dazu habe ich keine Lust.

Ich selbst frage mich nicht so eindeutig.

Mierau: Auch jetzt nicht?

Erb: Es bessert sich. Ich spüre deutlicher, welche Last eine Arbeit ist. Andererseits und immer wieder treibt es mich, etwas zu tun, von dem ich vorher dachte, ich kann das nicht. Das entspricht meinen Einsichten in den 80er Jahren, nur kommt das Neue jetzt viel häufiger auf mich. Das ist Lust am Ungewohnten, und ich meine auch, daß dieser nichtsoziale Kern, von dem ich sprach, vielleicht doch noch aufzulösen ist.

Mierau: Fühlst Du Dich von den Ansprüchen, die von außen kommen, nicht auch gehetzt?

Erb: Da ist eine feine, aber scharfe Trennung. Ich will freilich heraus aus dem Trott. Der mir immer ja auch erzählt hat (neben dem Satz: „Das kann ich nicht.“):

Dazu habe ich keine Zeit.

Die Vorstellung, man müsse seiner Lebenszeit Beine machen, ist sicherlich, als pure Beschleunigung verstanden, gewalttätig. Eigentlich geht es doch darum, daß du das Wesen, was du hast, leben läßt. Du mußt ihm helfen, dafür gibt es keine Norm und keine Utopie, da gibt es nur Erfahrungen. Solche Wege und solche Wege. Nachher auch eine Erkenntnis: Du weiß es nicht, ob es herauskommen kann oder nicht. Man ruft dich irgendwohin. Du sagst dir (statt: Das kann ich nicht!): Warte doch ab – geh doch hin! Jetzt habe ich einen Widerspruch: Warte doch ab – geh hin! Ein logischer Widerspruch: Halte still – um dich zu bewegen!

Mierau: Verharren, einhalten, stille stehen in und mittels der Kunst in dieser schnellebigen Zeit – das ist ein Anspruch, den wir in diesem Buch stellen.

Erb: Um dich zu bewegen. Wie oft habe ich vor Kunstwerken gestanden und anscheinend nichts gesehen. Als wäre ich die Katze und nicht der andere Mensch. Eine unangenehme Situation. Die mußt du wirklich durchstehen. Hätte ich solche Situationen gemieden, ließe ich mich nicht auf sie ein, hielte ich nicht das unangenehme Gefühl von Blindheit und Stumpfheit aus: Das Bild hätte keine Chance, sich mit mir gegen diesen Trott zu verbinden. Manchmal nach Jahren noch konnte so ein Bild in mir auf das wacheste aufleben! Wahrscheinlich, indem du verharrst, verstaust du. Du verstaust die Anregungen, die kommen. Du gehst nicht zu früh los, du setzt nicht sofort etwas in Bewegung um, was ja für das besinnungslose Treiben und Laufen und Machen das Charakteristikum ist. Dieses Scheppern, dieses dauernd irgendwie Funktionieren. Und wenn du stillhältst vor einem Kunstwerk, dann verstaust du. Ich könnte auch sagen, vertraust du.

Beitrag zur Ausstellung ultramarin und deren Katalog, herausgegeben von Dörte Mierau und Christine Eifler, Heinrich-Böll-Stiftung, Köln, 1993

 

DIE QUADRATUR
für Elke Erb

Mädchen von einer Frau schön genannt
Fädchen am Nadelöhr erkannt
Aufbruch übers gebrochene Knie
Rutsch übern Buckel der Phantasie
Mundwerk an Versprechens Statt
Trost der sich zugeprostet hat
Schatten der aus dem Schatten schritt
Mühlstein der Sorgen nahetritt
Graugans die den Schmelzbach sieht
Winter der übern Hausberg flieht
Füchsin die den Köder verschnürt
Zaunkönig der sein Geheimnis regiert
Karre die den Aufschub verschiebt
Schlüssel der sich Hals über Kopf begibt
Lungenkraut das mit dem Herzschmerz bricht
Zunge die ihre Knoten entflicht
Tellerrand der sich um sich selber dreht
Kellerwort das sich zu orten versteht
Der trockengefallene Mühlengraben
Die Quadratur von Eulen und Raben
Ehre die sich gewaschen hat
Erde leicht wie ein Blütenblatt

Richard Pietraß

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

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Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

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Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

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Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
und weiteres  12 + 3 + 4
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts +
Galerie Foto Gezett 1 + 2 + 3
shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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