Else Lasker-Schüler: Verse und Prosa aus dem Nachlaß

Lasker-Schüler-Verse und Prosa aus dem Nachlaß

MAN MUSS SO MÜDE SEIN…

Man muß so müde sein wie ich es bin
Es schwindet kühl entzaubert meine Welt aus meinem Sinn
Und es zerrinnen meine Wünsche tief im Herzen.

Gejagt und wüßte auch nicht mehr wohin
Verglimmen in den Winden alle meine Kerzen
Und meine Augen werden dünn.

Es bricht mein Leib bevor ich dein noch bin
dich lasse ich zurück, mein einziger Gewinn
ein nicht zu teilender
Es teilen sich in dir die Nächte meiner holden Schmerzen.

 

 

 

Nachwort

Die Gedichte, Gedichtfragmente, Prosastücke und Auszüge aus dem Drama Ich und Ich (vgl. dazu S. 127) bilden Else Lasker-Schülers dichterischen Nachlaß. Ich habe nur weniges ausgelassen, nicht Entzifferbares, ephemere Scherzgedichte, stoffliche Aktualität schlechthin, an der kein Bemühen um Gestaltung erkennbar ist, endlich einige Widmungsgedichte, die über die undichterische Preisung der Persönlichkeit als solcher nicht hinausreichen. Aufgenommen wurden ferner einige in Zeitschriften und Zeitungen gedruckte Dichtungen, die nicht in Bücher eingegangen sind. Der in Jerusalem aufbewahrte Nachlaß umfaßt die Zeit von 1933 bis zum Tode der Dichterin im Jahre 1945, die Zeit der Emigration in Zürich und die letzten Lebensjahre in Israel.
Von diesen letzten Lebensjahren der Dichterin will ich hier berichten, von ihrem Wesen, wie ich es gesehen habe; andere mögen anderes erzählen, denn sie hatte viele Arten, sich zu geben. Ihr Leben in Jerusalem unter Bedingungen, auf die nichts in ihrem früheren Leben sie vorbereitet hatte, mag erklären, von welcher Wirklichkeit sie sich abstoßen mußte, um ihre Existenz als Dichterin fortzusetzen.
Als sie im Jahre 1937 in Jerusalem eintraf, wurde sie schnell eine stadtbekannte Persönlichkeit. Es gab kaum jemanden, der sie nicht kannte, mochte sie ihm auch noch so wenig bedeuten, mochte er selbst keines ihrer Gedichte gelesen haben. Durch ihr bloßes Dasein, durch ihre seltsame Erscheinung fiel sie auf. Sie war eine neue Note in dem an sich sehr mannigfaltigen Stadtbilde Jerusalems. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung in einem größeren Kreise, man erzählte Anekdoten von ihr, von denen eine Menge in Umlauf waren, man lachte über sie, man lobte sie, der eine sagte, sie sei heute nur noch eine Ruine, eine Ansicht, die man oft zu hören bekam und mit der sich viele begnügten, diesmal aber erhielt der Redende die unerwartete Antwort:

Ja, sie ist eine Ruine, aber sie ist eine echte Ruine, die Ruine eines großartigen Gebäudes, und an den Trümmern noch ist für den Tieferblickenden die einstige Größe erkennbar.

Das Gespräch ging weiter und bewegte sich in unaufhörlichen Gegensätzen. Man sprach über ihre Grobheit, über ihre Herzlichkeit, über ihren Drang nach Geselligkeit, über ihre Einsamkeit und daß ihr niemand helfe. Man wandte ein, es hülfen ihr sehr viele, aber auch das wurde übertrumpft –: es sei ihr gar nicht zu helfen. Man sprach von ihren schönen Augen, von ihrer seltsamen Art, sich zu kleiden. Man rühmte ihre zähe, nicht zu zähmende Lebensenergie, man sprach von ihren Gesichten. Nur wenige standen ihr als Dichterin nahe, aber alle waren, ob sie es wollten oder nicht, für kurze Zeit auf das unlösbare Problem des Dichters bezogen und auf das noch unlösbarere der Dichterin in solcher Zeit.
Ich stand der rätselhaften Frau persönlich nahe, ich habe viele Gespräche mit ihr geführt, habe sie in Momenten der Schwäche und in Momenten der Einzigkeit gesehen, und ich wurde zeitweise mit magischer Kraft in ihren Bann gezogen. Wenn ,verzaubert‘ eines ihrer Lieblingsworte war für das Wesen des vollkommenen Gedichts, so will es mir scheinen, daß ich manchmal durch sie selbst verzaubert wurde, verzaubert in eine Welt der Phantasie, der sich zu entziehen schwer, ja fast unmöglich war.
Von allen jüdischen Dichtern, die zu ihrer Generation gehören, war die Dichterin der Hebräischen Balladen die einzige, deren Judentum für Deutsche und Juden am wenigsten mit einer Problematik behaftet war. Sie war in diesem Sinne repräsentativ. Das Gefühl für ihre auch im Gedicht durch und durch jüdische Substanz war das gleiche noch in Israel, wo die hebräischen Schriftsteller und Dichter, damals allem Dichten in deutscher Sprache abhold, sie selbst völlig außerhalb dieses Zusammenhangs sahen, und das Problem eher darin, daß eine so elementar jüdische Gefühlswelt sich überhaupt deutscher Laute bediente. Daß deutsche Heimatgesinnung und die Liebe zu christlicher Symbolik einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Fühlens und Denkens bilden, wurde durch die Entscheidung für das Judentum eher beglaubigt als in Frage gestellt, und noch kurz vor der großen Katastrophe konnte sie in der entzückenden Erzählung – und später im Drama – von ihrem Vater „Aron Aronymus“ einer märchenhaften Versöhnung zwischen Judentum und christlichem Deutschtum das Wort reden, einer Versöhnung, die sie für die westfälische Kindheit ihres Vaters als Wirklichkeit behauptete. Von dieser Idee der Versöhnung ist sie im Grunde nie abgewichen, und ich selbst habe sie an einem Vortragsabend in dem schönen Saal der Bibliothek Schocken in Jerusalem ein Prosastück vorlesen gehört, das mit der bis zum Überdruß bekannten Strophe schloß:

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei!
Und laß uns wieder von der Liebe reden,
Wie einst im Mai

und sie sagte diese Verse wie zum ersten Mal, so daß man nicht nur den Eindruck eines großen Gedichts hatte: das ganze zerstörte Deutschland kam noch einmal herauf, es war wirklich zum Weinen. Dieselbe Dichterin aber hat das Gedicht „Mein Volk“ gedichtet, das sie unnachahmbar zu sagen wußte, und hat sie nicht auch gedichtet:

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems.

Eines Tages also tauchte sie in diesem Jerusalem auf, sie kam aus der Schweiz, wo sie zum letzten Male die Freiheit genossen hatte, wie sie sie verstand, und wohin sie immer zurückwollte, wenn die Unruhe sie packte und vielleicht die Todesangst. Sie war also da, und man muß die Frage stellen: Ist sie in diesen Jahren glücklich gewesen? Man sollte denken, die Dichterin der Zionssehnsucht hätte es sein müssen. Wenn der Zusammenstoß zwischen Ideal und Wirklichkeit oft schmerzhaft ist, um wieviel schmerzhafter war er für diese Frau, die nicht mit realen Vorstellungen und Kenntnissen, die voll von Träumen und dunklen Erwartungen in das Land ihrer Sehnsucht, in das Land ihrer Phantasie heimkehrte, mit einem Wissen um die Erlösung des Judentums, das ihr selbst am wenigsten half! Wohl hat sie monumental gesagt – es steht als Motto über ihrem Gedicht „Jerusalem“ in Mein blaues Klavier –: „Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina, aus einem einzigen Knochen: Jerusalem“, und doch kam sie in eine neue und fremde Welt, eine Welt, die gänzlich anders aussah, als sie geglaubt hatte, mit neuer Realität erfüllt, mit schweren Sorgen jedes einzelnen und der Gesamtheit, mit Abbau der Vergangenheit, mit Aufbau der Zukunft, mit einer neuen Sprache, mit Problematik tausendfacher Art, und im Rücken die übermenschliche Not der Juden, auf die jeder mit tausend Fäden der Verzweiflung bezogen war. Ist es ein Wunder, daß sie enttäuscht war, daß sie sich wieder wegsehnte, nicht nach Deutschland, natürlich, aber in die Schweiz oder einfach in das Land ihrer Jugend? Aber sie wußte nicht, daß sie als eine alte Frau überall enttäuscht sein mußte. Wie sollte unter solchen Umständen selbst die jüdischste Dichterin sich durchsetzen? Dennoch hat man sie herzlich aufgenommen, die Freunde, die ihre Dichtung zu würdigen wußten, die Gemeinschaft als solche, die mehr für sie getan hat, als wahrscheinlich irgend eine Gemeinschaft der Welt für eine gleich bedrohte Dichterexistenz getan hätte. Aber in einem tragischen Sinne war ihr nicht zu helfen, sie konnte nur ihr Leben zuendeleben, mit den vom Alter verschärften Zügen ihres aller Ordnung spottenden, im Guten und im Bösen wahrhaft mythischen und unfeststellbaren Wesens, das alle Gegensätze bruchlos in sich vereinigte, das Banale und die Sprache des Genius, hemmungslose Leidenschaft der Liebe und eine Ichbezogenheit, die an den Ketten riß, in die sie sich selbst gelegt hatte, größte Teilnahme an der Welt und unmeßbare Einsamkeit.
Oft schob sie ihre Enttäuschung auf ihre Umwelt, auf die Leute, die keine Zeit für sie hatten, sie haßte ihr dauerndes Beschäftigtsein, denn sie ahnte nicht, wie schwer das Leben war und welche Anforderungen es an jeden stellte. So war sie oft ungerecht und undankbar, dann aber wieder unendlich dankbar den wenigen Menschen gegenüber, bei denen sie Wärme und Teilnahme spürte. Für Menschen, die sie liebte, ging sie durchs Feuer, und doch haßte sie auch maßlos. In solchen Augenblicken nannte sie die Juden ein Volk von Stiefgeschwistern, aber sie tröstete sich wiederum mit dem wunderbaren Wort:

Schließlich bin ich nicht Jude für die Juden, sondern für Gott.

In dieser Erkenntnis werden ja die Stiefgeschwister wieder zu echten Geschwistern, in denen aller Zank des kleinen Lebens aufgehoben ist, in der Eintracht des großen Lebens, und das hat sie auch gewußt, nur daß die Verzweiflung des Alters manchmal mit ihr durchging. Trotz ihrer Menschenverachtung fühlte sie sich immer geborgen, wenn sie unter Menschen war, und weniger verfolgt von den Dämonen. Sie ging gern ins Café, wo sie Menschen fand, mit denen sie reden konnte, sie war eine begeisterte Kinobesucherin, um für einen Abend aufgehoben zu sein, wie sie sich ausdrückte. Obwohl sie nicht eigentlich fromm war, besuchte sie häufig die Synagoge, einen besonders einfachen, schmucklosen Raum. „Das ist gerade recht“, sagte sie, „denn sonst müßte es eine Pracht sein, die es nicht gibt, Gold, Diamanten und Sterne.“
Es ist traurig, zu denken, daß ihr die Geldsorgen, die sie in ihrem Leben nicht losgelassen hatten, auch im Alter nicht erspart blieben, aber wie konnte man ihr genugtun, die so reale Dinge wie das Geld mit Phantasie behandelte! Dabei war sie nicht eigentlich verschwenderisch, sie wohnte in einem bescheidenen Zimmer zur Miete, nachdem sie die erste Zeit in einem Hotel im Zentrum der Stadt gewohnt hatte, sie brauchte den Lärm der Straße, sie pflegte zu sagen, sie sei am Abend immer so entsetzlich traurig. Sie hat auch Freuden in Jerusalem erlebt; 1943 erschien, von Moritz Spitzer herausgegeben und gedruckt, Mein blaues Klavier, ihr letzter Gedichtband. Diese Gedichte zeigen, daß Else Lasker-Schüler, schien sie auch menschlich zwiespältig und durch Alter und Leiden verzerrt, als Dichterin ganz auf ihrer alten Höhe stand, wie überhaupt in allem, was mit ihrer Dichtung zusammenhing. Sie gründete eine Vereinigung, der sie den seltsamen Namen „Der Kraal“ gab, in welchem ihre phantastische Liebe zu allem „Indianischen“ den nicht ganz richtigen Ausdruck fand. Hier veranstaltete sie Vorträge der verschiedensten Art, die sie mit bewunderungswürdiger Energie vorbereitete, sie verhandelte mit den Autoren, sie besorgte die Säle, sie schrieb in ihrer schönen Handschrift die Einladungen, und hier las sie selbst immer wieder aus ihren Schriften vor. Während sie im Alltag ihre Kleidung oft etwas vernachlässigte, war sie an solchen Abenden immer besonders schön und festlich gekleidet und im Gegensatz zu ihrer sonstigen Unbeherrschtheit ganz bei der Sache. Ihr Vorlesen war meisterhaft, frei von allem ekstatischen Wesen und von einer Durchdachtheit, die für jedes Wort die stärkste Wirkung suchte und auch fand, denn sie hatte starke schauspielerische Gaben und reagierte gegen alles pathetische Sagen von Gedichten mit schroffer Ablehnung. Sie verschmähte gelegentlich auch nicht schauspielerische Effekte. Sie benutzte bisweilen ganz primitive Instrumente, wie sie Kinder als Spielzeug haben, wie Drehorgeln oder Schüttelbüchsen. So sagte sie ihre herrliche Ballade „Josef wird verkauft“, indem sie beim Sprechen mit einer solchen Büchse klapperte und den Worten ein seltsames Summen beimischte, um der Eintönigkeit einer Karawanenwanderung durch die Wüste den entsprechenden Ausdruck zu geben. Niemand außer ihr hätte sich solche außersprachliche Effekte erlauben dürfen, bei ihr wirkte es stark und echt. Einmal las sie aus dem Manuskript ihr Drama Ich und Ich. Wenn ich auch glaube, daß die authentische Größe der Dichterin in ihren Gedichten und in ihren dichterischen Prosastücken liegt, so hatte ich doch den Eindruck einer phantastischen Mischung von matten und großartigen Stellen. Das Drama ist eine seltsame Variation von Goethes Faust, in der der Teufel angesichts des Einbruchs der Hitler-Welt in die Hölle kapituliert, aber nicht vor Hitler sondern vor Gott. Eine Szene hat sich mir tief eingeprägt, das ist die Szene, in der sie sich selbst als eine Sterbende darstellt, deren Augenlid noch im Tode zirpt.
Weiter konnte ja diese Frau kaum gehen! Wenn ich aber alle Widersprüche ihrer Existenz auf einen gemeinsamen Nenner bringen sollte, so würde ich sagen: sie ließ nur eine einzige klare Tendenz erkennen, nämlich die, von ihrem Alter keine Notiz zu nehmen und dieses Leben grundsätzlich ohne Ende fortzuführen. Daß aber das Alter von ihr Notiz nahm, das machte das oft Groteske ihrer Wirkung aus, gerade dann, wenn die schwarzen Diamanten ihrer Augen daran erinnerten, wie unendlich reizvoll sie gewesen sein muß, als sie jung war, und das Schlimmste ist, daß sie selbst sehr wohl wußte, was mit allen Kräften sie nicht wissen wollte. Daher kam es, daß sie so oft gegen sich selber wütete, wenn der Lebenshunger sie mit der Erkenntnis von der Entbehrung packte, die ihrem Alter angemessen war, daher kam auch das monomane Verhältnis zu ihrem eigenen Dichtertum. Vielleicht aber war dieses Verhältnis nicht einmal monoman, es war mythisch. Wenn sie auf der Höhe ihres Lebens als Prinz von Theben durch die Welt ging, so war jeder bereit, auf diese mythische Verkleidung einzugehen, weil jeder einsah, daß sie ihrer mythischen Bildkraft im Gedicht genau entsprach. Wenn dagegen in Jerusalem in einer Gesellschaft von Menschen, die ihr wohlwollten und die ihr Gutes taten, man plötzlich auf das Wohl des Prinzen von Theben trank, dann wurde es erschreckend deutlich: die alte Frau, die dort saß, war noch immer die große Dichterin Else Lasker-Schüler, die Menschen aber wußten es nicht von innen und bezogen sich auf ein mythisches Etikett, dessen Schrift kaum noch zu lesen war. Anderseits wußte die Frau dort sehr genau, daß sie nicht mehr der Prinz von Theben war, daß sie eine alte Frau war, in der Mythos und Realität nicht mehr sich deckten. Als einen Gnom, der wieder in die Erde hineinwachse, hat sie einmal jemand in einer erstaunlichen Improvisation des Gesprächs bezeichnet, und das schien wirklich die letzte mythische Ehrung zu sein, die man ihr erweisen konnte. Die Dichterin litt schweigend.
Oft an der verkehrten Stelle brach sie aus, vor allem gegen den Bürger, und exzedierte gegen ihn, in immer neuen Variationen des Hasses. Verteidigte man Menschen, die von Herzen bereit waren, ihr Gutes zu tun, und doch hinter den Ansprüchen zurückblieben, die ihre Dichterexistenz stellte, mit ihrem lastenden Dasein im Raum ohne das geringste Zeitbewußtsein – verteidigte man solche Menschen, so waren es Bürger, und man gehörte schon beinahe selbst zu ihnen. Dann wurde das Paradox ihrer Situation fast soziologisch deutlich. Dieser Haß auf den Bürger wäre berechtigt gewesen, falls sie politisch und sozial anderen Boden unter den Füßen gehabt hätte. Trotz ihrer tiefen Liebe zu aller menschlichen Kreatur kann hiervon keine Rede sein: sie war ein wesentlich unpolitischer Mensch. Ihr Haß durchschaute nicht, daß sie in ihrer Kindheit und in ihrer Jugend, die ihr doch als das verlorene Paradies immer leibhaft vorschwebten, in einem deutschen Bürgertum gelebt hatte, und einem jüdischen Bürgertum entstammte, welche beide noch edle Reste von Kultur bewahrten, und sei es selbst nur in einer erhöhten Lebensfreude, die nicht mit der Liebe zum Gelde identisch war. Sie durchschaute auch nicht, daß sie aus diesem Bürgertum ausgebrochen war, ausgebrochen in die Welt der anarchistischen Boheme, in eine Sphäre also, die das Bürgertum nicht grundsätzlich durchbrach, denn die zur Schau getragene Unordnung derer, die kein Geld hatten, verhöhnte nur die Ordnung derer, die es hatten, Genie war hierzu nicht unbedingt erforderlich. Die Komplikation entstand nur dadurch, daß Else Lasker-Schüler dieses Genie besaß und daß sie dazu noch eine Frau war. Sie lebte aber nicht nur in einer die Ordnung verneinenden Boheme, sie entwickelte vielmehr in ihrer Dichtung eine dreifache Bejahung: die ihrer Familie, die des Judentums und die Gottes. Nie ist der zentrale Sinn der Juden für die lebenerhaltende Gewalt der Familie überzeugender ausgedrückt worden als in dieser Frau, deren Leben allen Bindungen der Familie Hohn sprach. Zeitlebens war ihr Vater für sie eine beinahe mythische Figur, ihre Mutter der Inbegriff der Liebe, ja ich habe sie einmal von ihrer Mutter und ihrem früh gestorbenen Sohn sagen hören, sie seien das rührendste Märchen, das es seit tausend Jahren gegeben habe. Ich erinnere mich eines Gespräches über die Verständigung mit den Arabern, die, damals wie auch heute, die edelsten Herzen bewegte. Die Araber in ihrer leibhaftigen Fremdartigkeit mußten die Dichterin magisch anziehen, wie überhaupt ihre Bildvorstellungen nicht ausschließlich jüdisch, sondern in einem weiteren Sinne orientalisch waren und wie sie nicht zufällig in einem Gedicht von sich selbst sagt:

Ein wilder Jude mit dem Kopf des Baal.

In diesem Gespräch also sagte sie plötzlich: „Laguardia“ – das war der während des Krieges populäre Bürgermeister von New York –, „der würde es schaffen, und mein Vater, die Araber würden sich einfach totlachen!“ Sie sah ihren Vater vor sich und glaubte allen Ernstes, sein Humor sei ein Mittel der Verständigung zwischen zwei Völkern, wie sie auch manchmal diese Verständigung durch einen gemeinsamen Jahrmarkt erreichen wollte…
Hier nun ist der Ort, von den Visionen der Dichterin zu sprechen, oder, wie sie es nannte, von ihren „Inkarnationen“, ohne daß deutlich wurde, was sie darunter verstand, denn obwohl ich immer den Eindruck hatte, daß sie viel intellektueller war, als sie vor anderen wahrhaben wollte, obwohl „Methode“ und „Systematik“ zu ihren Lieblingsausdrücken gehörten, war sie doch unfähig, Gedanken im Gespräch logisch zu entwickeln. Sie erzählte mir also zweimal zu verschiedenen Zeiten gleichzeitig im Tone des genauen Berichts und des Nichtverstehens des Berichteten aus Zürich das Folgende: „Ich war vom Korrekturlesen ermüdet und saß plötzlich steif da“ – sie beschrieb die Haltung, sie entsprach der von sitzenden ägyptischen Statuen – „und ich fühlte mich als einen Teil meines Urgroßvaters, von dem ich nur Hände und Beine wahrnahm. Am Arm hatte er einen Brief mit Schriftzeichen untereinander, wie im Chinesischen. Ich saß da“ – und das waren ihre genauen Worte! – „nackt“ und „ganz in Öl“, das heißt wohl: gesalbt. Und sie fügte ausdrücklich hinzu, daß sie keine Frau war! Ihr selbst war alles unverständlich, und sie hat keine Deutung daran geknüpft. Aber der Traditionszusammenhang mit der Familie und dem jüdischen Volk, und wie auf diesem und nur auf diesem Wege ihre Einsamkeit zur Auserwähltheit wird, das ist Deutung genug. Hier erreicht sie eine persönliche Tiefe, von der ihr Haß auf das Bürgertum sich nur als Oberflächenerscheinung abhebt und als die organische Unfähigkeit selbst des wesentlichen Menschen, immer in seinem realen Verhalten der eigenen Tiefe zu entsprechen. Auch auf der Oberfläche sagte sie manchmal das völlig Überraschende und schlechthin Entwaffnende. Wir sprachen von Georg Trakl, der im ersten Weltkrieg unter dem Eindruck seiner Kriegserlebnisse wahrscheinlich Selbstmord verübt hat. Sie hat ihn sehr geliebt, wie er sie, und auf ihn die Verse gemacht:

Georg Trakl starb im Krieg,
Von eigner Hand gefällt,
So einsam war es in der Welt,
Ich hatt ihn lieb.

Ich fragte sie, was an den Gerüchten sei, daß Trakl seine Schwester geliebt habe. Zuerst wies sie die Frage schroff ab, aber nach einer Pause sagte sie plötzlich:

Und wenn auch, ich habe mir immer einen Bruder als Geliebten gewünscht, da weiß man doch wenigstens, was man hat, und man braucht sich nicht zu verachten.

Ich würde diese Äußerung nicht wiedergeben, wenn ich sie auch nur im leisesten Sinne für obszön hielte, sie zeigt vielmehr in dieser Zuspitzung einer grotesken Aufrichtigkeit, wie allbeherrschend der Familiensinn in ihr war.
Als Ergänzung zu der Wiedergabe ihrer Vision sei von einem Traum berichtet, den mir die Dichterin ebenfalls erzählt hat. Sie sagte:

Ich bin auf Golgatha gewesen, es war nicht eigentlich Golgatha, sondern ein Felsen, der mir als Golgatha erschien und den ich jetzt suchen will. Dort habe ich Jesus gesehen, neben ihm zwei Krüppel, die schwarz waren wie Pech.

ein anderes Mal sagte sie: „wie Lack“ – „das waren Göbbels und Göring, Jesus hatte einen weißen Mantel an, er war durch eine Goldborte geschlossen, die ich als ihm nicht angemessen empfand. Auf einmal teilte sich der Mantel; und ich habe ein Licht gesehen, von einer Weiße, wie ich sie nie in meinem Leben gesehen habe. Dann habe ich dieses Licht getrunken, und ich wurde davon so ungeheuer stark, daß ich den Eindruck hatte, wenn ich jetzt jemandem die Hand gäbe, dann müsse er sterben. Das war schon nach dem Erwachen, und ich hatte noch drei Stunden das Gefühl dieser Stärke. Da habe ich etwas sehr Böses getan. Statt die Tür zu schließen, habe ich sie geöffnet, in dem Gefühl, meine Kraft probieren zu müssen.“ Dieser Traum und was ihm folgt scheint mir von suggestiver Kraft. Die Träumende empfindet den Kraftzuwachs durch den Gottmenschen als magische Verführung, ihn anzuwenden, im Gegensatz zu der absichtslos vorhandenen Kraft in der leiblichen Verbundenheit mit dem Großvater. Freilich könnten die beiden Krüppel darauf hindeuten, daß sie durch diese Kraft die Feinde ihres Volkes töten wollte. Darüber hat sie nichts gesagt, aber sie hat einmal mit dem Gedanken gespielt, Hitler durch magische Fernwirkung zu töten, und hat doch sofort eine überaus charakteristische Bedingung für das Gelingen eines solchen Experiments gestellt: die Menschen, die es täten, müßten völlig rein sein…
Else Lasker-Schüler war vielfach verwirrt im Leben, aber ihr Verhältnis zu Gott war von kindlicher Reinheit, und wo sie inspiriert ist; spricht sie in ihren Gedichten geradezu mit einer zweiten Stimme. So sagte sie mir einmal:

Wenn Gott unser Vater ist, muß er doch mindestens so gut sein wie unser wirklicher Vater.

Ein andermal wunderte sie sich über die Ungerechtigkeit, die Gott dulde, und dann fuhr sie fort:

Wenn er ein Mittel wüßte, um dieser Ungerechtigkeit Herr zu werden – mir müßt’ er’s doch sagen, ich müßt’ es doch wissen!

Der Tonfall kindlicher Sicherheit, mit der sie solche Worte sagte, ergriff. Wieder ein anderes Mal sagte sie:

Gott hat sich in der allgemeinen Verdunkelung mitverdunkelt!

Dieses Wort ist so sehr gedankenvoll, weil es eigentlich keinen Zweifel ausdrückt, sondern nur von einer vorübergehenden Verwandlung Gottes spricht, die die Möglichkeit einer Wiedererhellung trostreich offen läßt. Immer wieder sprach die Dichterin von ihrer Armut, einmal sagte sie, daß sie schon in Berlin immer am Rand der Häuser unter den Balkonen gegangen sei, damit ihre Eltern im Himmel nicht sähen, wie arm sie sei. Und in diesem Zusammenhang sagte sie auch dies:

Neulich war ich so traurig, daß mich niemand einladet. Da höre ich, wie Gott sagt: Ich lade dich ein. Ich saß an einem großen Tisch, neben mir saß der Engel Gabriel und reichte mir mit der Hand meiner Mutter eine Feuerspeise, das war nämlich der Plumpudding, den wir immer aßen.

Ist es nicht unglaublich, wie hier die Mutter, Gott und das natürliche Leben der Kindheit in der einfachsten, zufälligsten Äußerung des Augenblicks erblühen und die Dichterin gegen, jede seelische Anfechtung der Armut schützen?! Mir fällt hierzu eine Stelle aus einem Brief von Werfel ein, die sie mir einmal zitiert hat. Sie muß wohl über ihr Leben geklagt und ihn gefragt haben, warum ihr Gott nicht helfe. Da gab er ihr die tiefsinnige Antwort:

Wenn Gott dir helfen wollte, hätte er dich schon verlassen.

Hier erhält die Rede, daß ihr im Leben nicht zu helfen war, eine überraschende Wendung auf die Wahrheit zu, sie war in all ihrer gesteigerten irdischen Unvollkommenheit ein s0 vollkommenes Gottesgeschöpf, daß jeder Versuch Gottes, ihr zu helfen, seine Gerechtigkeit in Frage gestellt hätte. Sie mußte ihren Weg zuendegehen.
Sie ging ihren Weg auch in der Liebe zuende. Es ist kaum glaubhaft und doch wahr, daß diese Frau am Ende ihres Lebens noch einmal geliebt und die ganze Hölle einer hoffnungslosen Leidenschaft durchlitten hat. Aber die Wehrlosigkeit vor der Liebe ist auf jeder Lebensstufe die gleiche! Hat nicht der neunzigjährige Sophokles gesagt, er sei endlich von einem furchtbaren Feinde befreit würden? Und der alte Goethe:

Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Ätna dir hervor
?

Und haben wir nicht in Mein blaues Klavier und in den Gedichten des Nachlasses einige, die den Zustand der Mania großartig festhalten?
So ging Else Lasker-Schüler durch Jerusalem, sie kam, setzte sich und sprach, und sprach durcheinander: Tiefes, Bildhaftes, Banales, auch Indiskretes, von ihrer Wirtin, die die Dimensionen eines Teufels annahm, von Menschen ihres Lebenskreises, die längst tot waren, als lebten sie hier und heute, von Maria Moissi und Max Reinhardt, von Franz Marc, von ihrer Ehe, von ihrem Sohn, von George, daß er schön wie ein gefallener Engel gewesen sei, aber eine hängende Schulter gehabt habe, von Karl Kraus, vom Krieg, von Gott, von ihrem hundertjährigen Onkel, der sie zum Erben eingesetzt habe und sie ihn mit 1.75 frcs, und dann habe er ihr telegraphiert: Charmant, und immer wieder dazwischen, daß sie wegwolle, nach London, nach Zürich, und am Schluß eines stundenlangen Besuchs bat sie dann noch flehentlich, aus Angst, in ihr einsames Zimmer zurückzukehren, ob sie nicht die Nacht bei uns bleiben könne, sie könne ja auf einem Stuhl schlafen.
Ich gedenke meines letzten Gesprächs mit der Dichterin vor sechzehn Jahren. Sie saß im Café, in einem Zustand unbeschreiblicher Zerrüttung, aus Wut auf die Menschen, die sie überleben würden, aus Angst vor dem Tode, aus Verzweiflung. Immer wieder sagte sie, sie quäle ein Gedanke, den sie nicht loswerden könne. Sie wurde geradezu unflätig. Ich sagte, ich würde fortgehen, wenn sie weiter in diesem Tone spräche. Es gelang mir, sie auf Literarisches zu bringen. Ich fragte sie, ob sie neue Gedichte gemacht habe. Sie antwortete fast verächtlich, warum. Ich sagte, sie habe keine Ehrfurcht vor sich selbst. Sofort lenkte sie ein und sagte, sie wolle den „Kraal“ fortsetzen. Dann fragte sie mich, ob wir nicht einen Club gründen wollten. Um sie zu erheitern, schlug ich einen Club der Unsterblichen vor, mit Goethe, Schiller, Karl Kraus als Mitgliedern, in dem Goethe ihre Gedichte vorlesen würde. Sie lachte und rief:

Was sind wir doch für arme Kinder!

Ich rühmte ihre Gedichte. Sie sog das Lob begierig ein. Plötzlich fragte sie mich, was die Liebe sei. Ich erwiderte aus dem Stegreif: die Verwirklichung des Unmöglichen. Sie war begeistert und getröstet. Dann mußte ich gehen. Sie stand auf und verneigte sich beinahe. Ich ging und sah sie nicht wieder. Eines ihrer letzten Worte soll gewesen sein:

Mit mir geht es zuende, ich kann nicht mehr lieben.

Später erfuhr ich, jener Gedanke, den sie nicht loswerden konnte, sei der Zweifel an Gott gewesen,sie sei zu dem Rabbiner gekommen und habe ihn gefragt:

Hier sind wir ja unter uns, glauben Sie an Gott?

Bei ihrem Begräbnis auf dem Ölberg – heute werden die Toten nicht mehr dort begraben, der Ölberg liegt im arabischen Gebiet – wurde das hebräische Kaddischgebet gesagt, der Rabbiner Kurt Wilhelm aber sprach, und das ist etwas Einmaliges bei einem Begräbnis in Jerusalem, ein deutsches Gedicht, es war Else Lasker-Schülers Gedicht „Ich weiß, daß ich bald sterben muß“, mit seinen letzten Versen: „Ich setze leise meinen Fuß auf den Pfad zum ewigen Heime.“
Die Dichterin lebt in ihrem Werk. Der Nachlaß schließt es ab. Möge er die Wirkung des Werkes steigern!

Werner Kraft, März 1961

 

Editorische Notiz zur Taschenbuchausgabe

In dem 1961 im Kösel-Verlag erschienenen Band Verse und Prosa aus dem Nachlaß war ein Auszug aus dem zu Lebzeiten von Else Lasker-Schüler nicht veröffentlichten Schauspiel IchundIch enthalten. Der Herausgeber Werner Kraft begründete seine Entscheidung, nur einen Auszug aufzunehmen, folgendermaßen:

Ich habe lange geschwankt, ob ich das Schauspiel als ganzes oder nur in Auszügen abdrucken sollte. Wenn ich mich trotz der Bedeutung des Ganzen als geistig-religiöses Dokument für die Veröffentlichung von Teilen entschieden habe, so gab den Ausschlag das offenbare Versagen der sprachlichen Kraft, welche nur noch stellenweise hörbar wird. In dieser Überzeugung bestärkte mich Ernst Ginsberg, der in einem Briefe schrieb: „… daß ich von Herzen bitten möchte, im Interesse des Angedenkens und des unzerstörten Bildes der Lasker von einer Veröffentlichung dieses Stückes abzusehen. Ich habe nur mit tiefster Erschütterung, ja ich gestehe: zuweilen nur unter Tränen lesen können. Immer klang mir die Ophelia-Klage im Ohr: ,Oh, welch ein edler Geist ward hier zerstört!‘ Denn dieses Drama ist doch der Spiegel der jammervollsten Zerstörung und Auflösung. Man spürt die geistige Nacht über die Dichterin hereinbrechen, über die nur noch seltene Sternschnuppen hinzucken.“ Ebenso wie ich glaube, daß Ernst Ginsbergs Urteil über das Drama als Ganzes begründet ist, glaube ich, daß die ,seltenen Sternschnuppen‘, vor allem der mindestens in der Anlage außerordentliche letzte Akt und das Nachspiel den Abdruck von Auszügen rechtfertigen, der Abdruck des Ganzen gehört in eine kritische Ausgabe der Werke (S. 171, A. 85 ff.).

Dadurch wurde in der Öffentlichkeit eine kontroverse Diskussion über den Wert des Stückes und über die Zulässigkeit der Veröffentlichung ausgelöst. Das Originalskript befindet sich im Nachlaßarchiv in Jerusalem. Der Nachlaßverwalter Manfred Sturmann erteilte im Jahre 1969 Margarete Kupper die Genehmigung für eine kritische und kommentierte Veröffentlichung des ganzen Schauspiels im Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft (Bd. 14, 1970, S. 24–99), allerdings nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Er sah sich aus sachlichen Rücksichten veranlaßt, die Aufführung des Stückes zunächst bedingungslos zu untersagen. Erst 1979 erlebte das Schauspiel im Großen Schauspielhaus Düsseldorf seine Welturaufführung. 1980 erschien im Kösel-Verlag die vollständige Ausgabe von IchundIch. Eine theatralische Tragödie, herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen von Margarete Kupper. In der Taschenbuchausgabe der Gesammelten Werke in acht Bänden ist sie einschließlich des Nachworts dem Band Die Wupper und andere Dramen (dtv Bd. 10647) beigegeben. Aus diesem Grund wurde für die vorliegende Taschenbuchausgabe der Verse und Prosa aus dem Nachlaß auf den von Werner Kraft ausgewählten Auszug verzichtet.

Das Buch

„Sie war klein, damals knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurz geschnitten, was zu der Zeit noch selten war, große rabenschwarze bewegliche Augen mit einem ausweichenden unerklärlichen Blick… Das war der Prinz von Theben, Jussuf, Tino von Bagdad, der schwarze Schwan.“ Das war Else Lasker-Schüler, als Gottfried Benn ihr zum erstenmal begegnete. Dieser Band umfaßt alle Texte, nie veröffentlichte oder seit 1932 verstreut veröffentlichte, schimmernde Bruchstücke, die noch einmal einen Einblick in Leben und Werk dieser sehnsüchtigen, verlorenen, schwermütigen und leidenschaftlichen Frau ermöglichen, die man aus Deutschland vertrieben hat und die doch zu Deutschlands großen Dichterinnen gehört.

Deutscher Taschenbuchverlag, Klappentext, 1986

In den Grenzwäldern liegen tote jüdische Kinder

wie abgefallene Äste

– Texte aus dem Else Lasker-Schüler Nachlass in Jerusalem. –

Wer ein Archiv besucht, betritt eine Schatzkammer des kulturellen Erbes einer Nation. Hier wird mit größter Sorgfalt aufbewahrt und konserviert, was eine Gesellschaft als erinnerungswürdig erachtet. Aleida Assmann nennt das Archiv:

Ein(en) Ort, an dem das materielle Erbe von Kulturen und Epochen gelagert wird, aber es ist kein Gedächtnis, sondern ein von menschlichen Gedächtnissen abgekoppelter Wissensspeicher. Dieser abgekoppelte Speicher… kann höchstens als Analagon, und damit als Delegation und Ersatz menschlichen Gedächtnisses aufgefaßt werden.

Wer jedoch in diesem Archiv arbeitet, überschreitet den Riss zwischen „ausgelagertem Gedächtnis“ und individueller Erinnerung, indem bestimmte Spuren ihrer archivalischen Ruhe enthoben werden und in erster Linie einem persönlichen Erinnerungsinteresse dienen.
Dennoch ist es ein ambivalentes Gefühl, in einem Archiv zu arbeiten und handgeschriebene Manuskriptseiten, Dokumente oder Entwurfsskizzen im Original in Händen zu halten. Einerseits fühlt man sich als voyeur, der eine private Grenze überschreitet, andererseits als Vertraute des Autors/der Autorin, die einem Zugang zu noch unveröffentlichtem Material gewährt.
Ich hatte Gelegenheit, dank eines von der Gesamthochschule Kassel geförderten Forschungsvorhabens, zwei Wochen im März dieses Jahres im Archiv der Hebrew University in Jerusalem, den Else Lasker-Schüler-Nachlass einzusehen. Der literarische Nachlaß Else Lasker-Schülers befindet sich vor allem an drei Orten: Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in der Stadtbibliothek in Wuppertal und im Archiv der Jewish National and University Library in Jerusalem. Aleida Assmanns Bemerkungen zum Archiv als Gedächtnisersatz bekommen durch die Nennung dieser drei Orte noch einmal eine besondere Note. Drei Orte, die fast den Lebensweg Lasker-Schülers nachzeichnen. Geboren in Elberfeld, später eine anerkannte Dichterin im Umfeld des Expressionismus in Berlin, „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist.“, oder „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“. Empfängerin des Kleistpreises noch 1932; letzteres rechtfertigt ihre Archivierung im Hort der Klassiker in Marbach; anschließend aber Aberkennung der Staatsbürgerschaft, Verbrennung ihrer Bücher, überstürzte Flucht, verbunden mit physischer Gewalt gegen sie; all dies erklärt den Ort Jerusalem, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens von 1939 bis 1945 verbrachte.
Der Nachlass in Jerusalem begann mit einem kleinen Köfferchen, das Manuskripte, Briefe und allerlei persönliche Gegenstände, wie ihren herrlich wertlosen Schmuck enthielt. Es ist bezeichnend für Lasker-Schüler, dass hier ein Koffer das Herzstück der Sammlung war, sie, die seit ihrer Scheidung von Berthold Lasker nie wieder eine eigene Wohnung besaß und in Hotels und Pensionen aus Koffern lebte, hinterließ auch bei ihrem Tod noch einen Koffer. Manfred Sturman, der erste Nachlassverwalter, hat in Jahren mühsamer Arbeit die in der ganzen Welt verstreuten Schriften gesammelt, registriert und archiviert. Seine Nachfolger, Paul Alsberg und Rafael Weiser führen seine Arbeit fort, so dass inzwischen der Nachlass in Jerusalem zum interessantesten der drei geworden ist. Wenn das Archiv „der abgekoppelte Wissenspeicher“ einer Gesellschaft ist, dann stellt sich in Anbetracht der Nachlassgeschichte Else Lasker-Schülers die Frage, was bedeutet die Verlagerung ihres Nachlasses von Deutschland nach Jerusalem für die deutsche Literatur und ihr Verhältnis zur Vergangenheit?
Aber kehren wir zurück zur konkreten Arbeit im Archiv. Wohlwissend, daß viele vor mir die Manuskripte hier bereits gesichtet haben, schien es mir doch so, als sei ich die erste. Gearbeitet habe ich vor allem mit zwei bis heute noch unveröffentlichten Manuskripten – den „Tagebuchblättern aus Zürich“ und dem Abschiedsvortrag in Zürich vom 15. März 1939; sowie den frühen Entwürfen zu dem in der letzten Fassung im Nachlassband veröffentlichten Text „Der Antisemitismus“ aus dem Jahr 1944. Durch alle diese Texte zieht sich das Thema der Judenverfolgung in Europa. Bis hin zu der prophetisch anmutenden Aussage als handschriftliche Ergänzung in den Tagebuchblättern aus dem Jahr 1939:

In den Grenzwäldern liegen zahllose, verhungerte, tote, jüdische Kinder wie vom Baum abgefallene Äste in Schnee und Regen.

Oder für ihren Sprachduktus überraschend konkret, folgende Sätze, die sie vor dem Publikum in Zürich 1939 sprach:

Weiter flüchten Vater und Mutter, Geschwister, getrieben vom Verfolger. Manche Mutter fault Wang an Wange mit ihrem Kinde. Lieber Zuhörer vergegenwärtige dir das. Verehrter Zuhörer, blicke durch das Osterglas der Welt, durch das glitzernde Osterei damit österlich deine Augen weinen – endlich.

Diese Worte klingen in der Tat prophetisch im Jahre 1939, sie sollten erst später bittere Realität werden. Das Bild der faulenden Leichen der Ermordeten tritt heraus aus der Sprechweise Lasker-Schülers, deren poetischer Sprache die referentielle Funktion fehlt, d.h. ihre Sprache leistet das, was die außersprachliche Realität nicht mehr zu leisten imstande ist, das Versprechen einer erlösten Welt. Darüber hinaus bemerkt Bodenheimer, dass in diesem Satz mittels eines Selbstzitats der Bruch mit dem einstigen Heimatland vollzogen wird. „Wang an Wange“ faulen die Leiber der Mütter und Kinder, so wie einst in dem berühmten „Tibetteppich“ die Liebenden „Wang an Wange“ lagen. Ein Bild, das durch dieses Selbstzitat das tödliche Ende der deutsch-jüdischen Geschichte benennt. Noch eine letzte handschriftliche Ergänzung aus dem Typograph „Deine Seele“, einem ebenfalls unveröffentlichten Text aus den Jahren in Jerusalem, der wahrscheinlich in den frühen vierziger Jahren entstanden ist.

Aus totem Stein beten die Völker einen Götzen an. H. H!!

Daß dieses H. H!! sich auf Hitler bezieht steht wohl außer Zweifel, das Bild des steinernen Götzen läßt an den „Brief an Cynthia“ von Rosenstock-Huessy denken, den er im April 1945 schrieb und in dem es heißt:

Aber noch war Rede Zauberspruch. Hitler gab ihr erneut diesen Charakter. Er ist ein Beschwörer. Bloße Dinge wie sein angebliches deutsches Blut, die Unbesiegbarkeit Siegfrieds, das Germanien seiner Träume von vor 1914 werden in seinen Reden als Gottheiten beschworen. Sie sind nicht mehr Tatsachen; sie sind Götter.

Lasker-Schüler und Rosenstock-Hussy sprechen beide von einer durch diesen Götzendienst entgotteten Welt. Aus ihrem Verständnis des Dichterischen, das in unmittelbarer Nähe des Prophetischen liegt, stellte sich Lasker-Schüler in diesen Jahren in den Dienst ihres Volkes, um als Dichter-Prophet aus der ihr auferlegten Verantwortung heraus, an der zukünftigen Erlösung der Welt mitzuwirken. Aus den oben zitierten Aussagen spricht der Versuch, Verbündete zu finden, Hilfe zu organisieren, Widerstand zu leisten. Der Dichter-Prophet ihrer Texte vermag durch die schöpferische Kraft seiner Worte, einen Wandel in der Welt zu bewirken, den „Fetzen Paradies“ der in der verfinsterten Welt kaum noch zu erkennen ist, zur Entfaltung zu bringen. Die Forschung hat Else Lasker-Schüler politisch naiv genannt. Vielleicht ist sie das auch in gewissem Sinn, denn ihre Sorge galt stets den konkreten, erniedrigten Menschen und Kreaturen und nie dem Staatswesen oder den Strukturen. Dieses Bild gilt es noch zu korrigieren. Es wäre zu untersuchen, inwieweit eine kulturell etablierte aber starre Vorstellung des Politischen zu diesem Bild beigetragen hat, und ihr Handeln und ihre Texte aufgrund normativer Kategorien, die sich an herrschenden Denkmustern orientieren, wertend beurteilt. Unter Bezugnahme auf geschlechtsspezifische Kategorien könnten die engen Grenzen des Verständnisses des Polititschen aufgelockert werden, und neue, weniger rigide Wahrnehmungsmuster Lasker-Schülers politischen Handlungsraum darstellen.
Der Nachlass enthält auch noch eine ganze Reihe von kleinen Notizbüchern, Heftchen und einen Kalender. Diese Notizbücher reizten mich gewissermaßen als Erbstücke der Lasker-Schüler. So wie Verwandte, die nicht mehr um uns sind, uns in Gestalt von Erbstücken umgeben, schien es mir, als ob ich für eine kurze Weile Erbstücke von Else „besitzen“ könnte und ihre Gestalt durch diese heraufbeschwören. Ich bestellte mir also die Notizbücher aus der Zeit in Zürich und den letzten Jahren in Jerusalem, um sie mit den Manuskripten zu vergleichen. Als man mir die Umschläge brachte, in denen sie aufbewahrt werden, verspürte ich nicht nur Neugier, sondern auch eine gewisse Erregung. Eises Notizbücher aus den Jahren 1933 bis in die 40er Jahre hinein!
Es waren neun Mappen, die insgesamt 13 Notizbücher unterschiedlicher Größe und Formate enthielten; die meisten sind mit Bleistift geschrieben. Ich erwartete Kommentare zu ihren Lebensumständen oder kurze Entwürfe zu späteren Texten, sogar, ganz unvermessen, etwas zu finden, was viele vor mir übersehen hatten. Aber diese Erwartungen wurden enttäuscht. Man findet wenig Literarisches. Einige kleine Gedichte wie das folgende:

Ich weiß nicht
Wie ich sagen soll
Man wird von Armut
Schließlich toll
Den Menschen groll
Ich bin so traurig

Wenige ernste Gedichte, die später in den Nachlassband aufgenommen wurden:

Ich friere
Und halte mich vor deiner Türe
In Schneegedanken wie ein Greis
In der Erinnerung Eis
Es (frieren) meine Glieder

Auch eine Variante des im Nachlassband unter dem Titel: Die Seele und ihr Licht veröffentlichten Textes befindet sich in einem der Bücher aus Jerusalem. Hier trägt der Text den Titel: „Die Flamme“, ist mit Bleistift geschrieben, und enthält kaum Korrekturen, so als ob es eine Abschrift sei.
Im allgemeinen vermitteln die kleinen Bücher den Eindruck von etwas Flüchtigem, Gehetztem. Viele fangen vorn und hinten an und treffen sich nie in der Mitte. Keines trägt ein Datum, ist vollständig vollgeschrieben. Einige beginnen mit dem Hinweis: „Ich bin die Else Lasker-Schüler“, dann folgt ihre Adresse in Zürich oder Jerusalem, Name und Adresse ihres Arztes. Sie enthalten Namen, Adressen, Spuren ihrer Versuche in Zürich und Jerusalem, Kontakte zu knüpfen, Verleger zu finden, Lesungen zu halten. Die Schriftzüge sind oft verzerrt, fallen auseinander und geben etwas von ihrem gehetzten Leben preis.
Zwei Notizbücher, im Gegensatz zu den anderen, sind sorgfältig geführt, eines aus Zürich und eines aus Jerusalem. Dieses trägt den Titel: Das Kraal Buch. Der Kraal war der Vortragsverein, den sie 1942 in Jerusalem gründete, und in dem sämtliche bekannten deutschsprachigen Gelehrten, Dichter, Künstler, vortrugen. Martin Buber war der erste unter den Referenten und ein häufiger Gast. Aber auch der junge Ben-Chorin und Ernst Simon gehörten zu den Kraalgästen und Referenten. In diesem Buch vermerkte sie akribisch die Namen aller Zuhörer im Kraal, sowie die Namen der Referenten und das Datum ihrer Vorträge. Im Züricher Notizbuch ist jede Seite numeriert, und es enthält die Auflistung der Gegenstände, die sie in Berlin zurücklassen musste. Unter der Überschrift „Meine Koffer etc. im Sachsenhof“ folgt eine sehr leserlich geschriebene, lange Aufzählung unterschiedlichster Gegenstände: Koffer, Taschen, Körbe, Möbel, Koch- und Waschutensilien, bis hin zu den Gummiüberzügen für ihre Schuhe. Ihren Besitzstand, so dürftig er auch gewesen sein mag, versucht sie, hier zumindest, verbal zu besitzen, und gibt der Hoffnung Ausdruck, ihn später wiederzuerhalten. Ein anderes Heft listet die Koffer in Zürich im Lagerraum im Bleicherweg und im Kunsthaus auf. Der letzte Koffer wurde bei Oprecht in Zürich erst 1994 wiedergefunden und dem Archiv in Jerusalem zugeeignet. Koffer als Repräsentanten ihres Leben.
Kurios ist ein kleiner Kalender aus dem Jahr 1933, begonnen wurde er in Berlin und endet in Zürich. Er trägt, gedruckt auf der ersten Seite, das Motto, „Nutze den Tag“. Welch Ironie! Die überstürzte Flucht am 19. April 1933 ist nirgends notiert. Vom Ende Januar bis Anfang Dezember ist der Kalender leer. Ich war überrascht und irritiert, bis ich merkte, dass diese Notizbücher eine andere Funktion erfüllen als die Tagebücher oder Briefe, in denen sie ihre Gefühle, ihr Befinden, ihre Gedanken notiert. Die Notizbücher sind sozusagen die Ordnungshüter ihres gehetzten Lebens, in denen sie Adressen, Namen, zu Erledigendes aufzeichnete sind der Versuch, ihrem Leben eine Struktur zu geben. Man ist ihr sehr nah, der Else, wenn man diese Gegenstände in der Hand hält. Es sind billige kleine Notizbücher, wie man sie überall leicht findet, aber sie sind Zeugen ihres unsteten Lebens, keine Tagebücher sondern Logbücher einer Flucht.
Auch enthalten die Notizbücher wenige kleine Zeichnungen, die von ihr bekannten Köpfe im Profil, Prinz Jussuf, oder Indianer, Stadtansichten. Es sind meistens Bleistiftzeichnungen, schnell hingeworfen, in Eile gezeichnet.
In diesen 13 Notizbüchern verbirgt sich wenig Neues oder Bedeutendes. Im Gegensatz zu den Manuskripten, ging es mir hier aber nicht um den Inhalt, sondern um die Spuren der Flucht. Die Notizbücher versuchen zu bannen, was in den Briefen und anderen Texten so offen zum Ausdruck kommt:

Ich bin so müde, so gehetzt“. In ihre Tagebücher schrieb sie das, was sie für spätetere Veröffentlichungen verwenden wollte, in die Notizbücher schrieb sie bis auf wenige Ausnahmen, das Rohmaterial des Tages.
So wie ich die Notizbücher in der Hand halten wollte, konnte ich auch der Versuchung, eine Zeichnung im Original anzusehen, nicht widerstehen. Ich bestellte die Bleistiftzeichnung „Im Grauen der Einsamkeit“. Sie wurde mir gebracht wie ein kostbares Kleinod, war in einem Passepartout, bedeckt mit Seidenpapier. Ehrfürchtig hob der Angestellte das Deckblatt und ich verspürte eine große Trauer beim Betrachten dieses Blattes. Gezeichnet ist es auf kariertem Papier, das aus einem Schulheft herausgerissen zu sein scheint und erinnert in der Komposition an eine frühere, „Jussuf erhängte sich“. Diese späte Zeichnung, wahrscheinlich um 1940 herum, ist auf das Allernötigste reduziert. Die Figur trägt keinen Namen mehr, sie steht symbolisch für das Grauen der Einsamkeit. Ergeben in ihr Schicksal, tritt der Kopf vornübergebeugt hervor aus dem langgestreckten Körper, der, ohne die für die Lasker-Schüler Zeichnungen typischen Königszeichen von Stern oder Mond, in einem langen, nur durch einige Striche angedeuteten Gewand, verschwindet. Ein feiner Strich, scheinbar die Verlängerung des Gewandes, stellt die Verbindung zwischen der Figur und dem zaghaft gezeichneten Baum, an dem sie zu hängen scheint dar. Aus der Komposition spricht Verzweiflung und Resignation. Ich hatte diese Zeichnung schon in Büchern reproduziert gesehen, doch nun lag sie vor mir, ungeschützt und fragil, war nicht mehr bewahrt im sicheren Raum eines Buches. Ehrfürchtig betrachtete ich sie und wagte nicht sie zu berühren. Sie war sozusagen der graphische Ausdruck der letzten schwierigen Jahre – das Ende des Weges, das Leben mit dem Tod. Die Anziehungskraft, die von diesem Blatt ausging, war so stark, dass die Vergangenheit, d.h. Elses Verlassenheit, für meine Gegenwart wirksam werden konnte.
Es ist immer wieder die Frage, welchen Erkenntniswert die Arbeit in einem solchen Archiv habe. Sicher ist das sehr unterschiedlich. Die Manuskripte zeigten ein politisches Verständnis der bedrohlichen Situation in Europa, das ein politisches Handeln einforderte und auf Lasker-Schülers Verständnis des Dichters als Propheten beruhte. Während die Notizbücher eine ganz andere Form von Erkenntnis vermittelten. Auf einer nicht kognitiven Ebene des Verstehens gewährten sie mir eine persönliche Annäherung nicht nur an die Person, sondern auch an die Texte, deren Umfeld diese Notizbücher bilden. Um noch einmal Aleida Assmann zu zitieren:

Das Archiv ist das materiell fixierte, aber ausgelagerte Gedächtnis einer Gesellschaft. Es weiß alles, was die Menschen vergessen haben.

Für eine kurze Zeit hatte ich diese Gegenstände und Manuskripte aus dem Vergessen hervorgeholt. Nun ruhen sie wieder entmaterialisiert im Archiv. Ich hatte jedoch das Bedürfnis, ihnen in einem kleinen Text eine Gestalt zu geben.

Eva M. Schulz-Jander, aus Hajo Jahn und Hans Joachim Schädlich (Hrsg.): Fäden möchte ich um mich ziehen, Peter Hammer Verlag, 2000

Desillusioniert im Hebräerland

Die berühmteste aller nach Palästina emigrierten Schrittstellerinnen, aber auch die wohl exzentrischste Figur der damaligen deutschen Literaturszene ist Else Lasker-Schüler. Sie wurde vor allem als Lyrikerin bekannt. Ihr Schicksal – so außergewöhnlich es für eine Frau aus gutbürgerlichem Haus auch war – ist typisch für die Motivation zur und die Schwierigkeiten mit der Emigration ins Gelobte Heilige Land, sofern dahinter keine zionistische Überzeugung stand.
Lasker-Schüler kam aus einem wohlhabenden, assimilierten jüdischen Elternhaus. Von Jugend an kultivierte sie ein romantisch verklärtes, wenig realitätsorientiertes Verhältnis zum Judentum, als Sehnsuchtsziel und imaginäre Urheimat. Dennoch ging sie nach der Flucht vor den Nationalsozialisten nicht direkt und freiwillig nach Palästina, sondern landete dort nur notgedrungen, als die Eidgenössische Fremdenpolizei ihr den weiteren Aufenthalt in der Schweiz verwehrte.
Else Lasker-Schüler hatte seit 1886 in Berlin gelebt und war dort mit ihren frühen Gedichten, mit ihrer radikal antibourgeoisen Lebensform und ihren Selbstinszenierungen als orientalischer Prinz zur literarischen ,Königin von Berlin‘ avanciert. Sie hielt Hof im Café des Westens als „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“, wie ihr Freund, Mentor und „Prophet“ Peter Hille schrieb.
Ihre exzentrische Erscheinung erregte Aufsehen und spaltete die literarische Welt in Freund und Feind. Stilsichere und empfindsame Menschen wie Kafka, Rilke oder Graf Kessler suchten ein Zusammentreffen mit ihr tunlichst zu vermeiden; andere amüsierten sich in ihrer Gesellschaft, wie die allem Exzentrischen aufgeschlossene Vita Sackville-West. Sie schrieb 1929 aus Berlin an ihre Freundin Virginia Woolf:

Ich habe eine neue Freundin hier, die es schon wegen ihrer gänzlich phantastischen Nationalität und ihrem Temperament durchaus wert wäre, eine Bewohnerin von Virginias Welt zu sein. (…) Sehr groß und dunkel mit einer Masse von unordentlichen schwarzen Locken, und sie putzt sich anscheinend immer mit jedem einzelnen Stück ihrer Garderobe heraus; große geblümte Schals, Bänder, Spitzen, Schärpen, Schleifen, Stolen, Handschuhe; und darüber hinaus baumeln von ihrem Handgelenk Fächer und Schlüsselbunde. Sie kann nicht durch den Raum gehen, ohne zwei oder drei dieser Dinge fallen zu lassen, worüber sie in seliger Ahnungslosigkeit verharrt. (…) Sie ist meine einzige Unterhaltung in dieser trübsinnigen Stadt.

Vertreibung aus Europa
Lasker-Schüler war damals auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere. Ihre Gedichte enthielten bis dahin ungehörte Töne und Sprechweisen und brachten eine neue, als spezifisch weiblich beschriebene Emotionalität in die deutsche Literatur. Schon 1919/20 war die Gesamtausgabe ihrer Werke erschienen. 1932 erhielt sie den begehrten Kleistpreis.
Am 19. April 1933 verließ Lasker-Schüler Berlin, im Alter von 64 Jahren. Sie floh, weil sie sich von den Nazis verfolgt und attackiert fühlte und weil ihre Intervention an höchster Stelle, beim Vizekanzler Franz von Papen, ohne Resonanz geblieben war. In der ihr eigenen Realitätsferne und politischen Naivität ahnte sie in den gegen ihre unbürgerliche Existenz gerichteten Terrorakten die faschistische Gefahr wohl eher, als dass sie sie bewusst wahrgenommen hätte. Anfang April verpackte und versorgte Lasker-Schüler ihre gesamte Habe und verließ Deutschland – auf immer. Über Basel fuhr sie nach Zürich und lebte dort zunächst im Emigrantenhospiz Augustinerhof. Bis zum 15. November hielt sie sich ohne polizeiliche Anmeldung in der Schweiz auf, abwechselnd in Zürich, Ascona und Bern. Ihre Existenzgrundlage, die Miete und eine minimale Rente, kamen zunächst für mehr als ein Jahr vom Jüdischen Kulturbund. Lasker-Schüler trug zu ihrem Lebensunterhalt mit gelegentlichen Lesungen, Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften und dem Verkauf ihrer Bilder bei – alles in allem kaum genug zum Überleben. Die Dichterin war dauerhaft auf die materielle und ideelle Unterstützung ihrer Fürsprecher und Gönner angewiesen. Zu ihnen gehörten unter anderem der Zürcher Verleger Emil Oprecht, der Berner Jurist Emil Raas und der Seidenfabrikant Sylvain Guggenheim.
Der Eidgenössischen Fremdenpolizei war eine Emigrantin wie sie in mehrfacher Hinsicht suspekt: weil sie sich ohne Genehmigung in der Schweiz aufhielt; weil sie völlig mittellos war und damit zum Sozialfall zu werden drohte; weil sie gegen die Bestimmung, keinem Erwerb nachzugehen, immer wieder verstieß und schließlich wegen ihres unbürgerlichen Lebensstils. Denn Lasker-Schüler versuchte, ihr Berliner Boheme-Leben auch unter den neuen Gegebenheiten weiterzuführen. Ab 1938 verschärfte sich ihre Lage durch den politischen Druck aus dem Dritten Reich. Ihre sämtlichen Schriften wurden verboten. Sie verlor die deutsche Staatsbürgerschaft und war nun ,schriftenlos‘, wie man den Zustand der Staatenlosigkeit in der Schweiz nannte. Die Schweizer Asylpolitik zwang Lasker-Schüler schon ab März 1934, das Land jeweils nach einigen Monaten zu verlassen, danach erneut einzureisen und auf diese Weise ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. So kam sie 1934 und 1937 nach Palästina, 1939 blieb sie für immer.
Mit der ersten Reise, von März bis Juli 1934, erfüllte sich Else Lasker-Schüler einen Lebenswunsch, den sie mit vielen deutschen Juden teilte: die Heimkehr nach Israel, nach Jerusalem. „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, hieß ein Topos, der jahrhundertelang fester Bestandteil der jüdischen Tradition war. In Palästina aber lernte sie eine Lebensrealität kennen, die von ihren Vorstellungen stark abwich. Der Brief, in dem Gershom Scholem Walter Benjamin – analytisch kühl – von seinem Zusammentreffen mit der Emigrantin berichtet, vermittelt einen Eindruck von der ausgesetzten Situation der Dichterin:

Zur Zeit befindet sich hier, soweit ich verstehe, hart an der Grenze des Irrsinns, Else Lasker-Schüler, die in jedes andere Land wohl besser paßt, als in den wirklichen Orient. Immerhin bleibt sie eine verblüffende Erscheinung.

Nach der Rückkehr in die Schweiz entstand das von der Palästinareise angeregte Buch Das Hebräerland, eine märchenhaft verklärende Hommage an die jüdische Heimat, die ihr keine werden sollte. Ein Verleger war dafür nur schwer zu finden. Schließlich erschien das Buch 1937 im Zürcher Exilverlag von Emil Oprecht. Ende 1936 wurde Lasker-Schülers Stück Arthur Aronymus und seine Väter, das sich ebenfalls idealisierend und höchst weltfremd mit dem Judentum auseinandersetzt, im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Doch es fiel durch und wurde nach nur zwei Vorstellungen abgesetzt.
Auch zu ihrer zweiten Palästinareise, im Juni 1937, entschloss sich die Autorin unter dem Druck der Eidgenössischen Fremdenpolizei. In Palästina setzte man ihr einen Ehrensold auf Lebenszeit aus, dessen Höhe etwa dem Monatsgehalt eines mittleren Beamten entsprach. Erstmals seit Beginn ihrer Berliner Bohemezeit lebte Lasker-Schüler nun in einer gewissen materiellen Sicherheit. Dies dürfte sie in ihren Überlegungen bestärkt haben, ganz nach Jerusalem zu gehen. Doch die äußeren Ereignisse, die Ausbürgerung aus Deutschland und das Verbot ihrer Schriften, kamen ihrer Entscheidung zuvor. Ihre dritte Palästinafahrt, die sie am 24. März 1939 antrat, wurde zur Reise ohne Wiederkehr. Als Lasker-Schüler im August, kurz vor Kriegsbeginn, wieder in die Schweiz zurückkehren wollte, verweigerten ihr die Behörden das Einreisevisum. So wurde Jerusalem der inzwischen 70-jährigen Emigrantin notgedrungen zur letzten Zuflucht.
Sie lebte dort in verschiedenen Hotelzimmern und Provisorien, ab September 1943 dann bis zu ihrem Tod als Untermieterin in einer Seitenstraße der King George Street – unfreiwillig und unglücklich. Die einstige ,Königin von Berlin‘ litt unter der Vertreibung aus Europa. Spätestens jetzt verlor sie ihre psychische Stabilität. Am gravierendsten war wohl ihre Angst davor, nicht mehr kreativ sein, nicht mehr malen und vor allem nicht mehr schreiben zu können: „Ich kann gar nicht schreiben und bitte Sie, nur einmal, mit mir zu überlegen – ich habe doch 21 Bücher gedichtet, unzählige Bilder gemalt den Ausstellungen etc. – wie ich weiter kann (…). So ist meine Lebensangst. Ich habe niemand mehr von den Lieben zu Haus, der mit mir überlegt“, schrieb sie am 15. Juli 1939 an den ebenfalls nach Jerusalem emigrierten deutschen Verleger Salman Schocken. Und noch einmal, im Dezember 1939:

Ich hab mir das Sein in Jerusalem anders vorgestellt (…) und ich werde hier vor Traurigkeit sterben (…). Man weiß ja nicht wie alles ist, weiß nur, das Leben geht Hand in Hand mit dem Tod. Und logisch denken wollen ist gerade so unlogisch (…). Wenn man sich auch manchmal unterhält mit einem Menschen, so bleibt kein Blutgewebe, das verbindet. Weg ist , hier weg, und fort, fort. Es ist keine Wärme hier, die wandert von Haus zu Haus, kein Haus verwandt mit dem anderen Haus. Ich – namentlich bin fremd unter auswendig gelernter Schätzung und Kleinbürgerlichkeit. Ich glaube, Sie wissen, daß Paulus, der mir gar nicht so sehr gefällt, aber richtig sagt, „aber die Traurigkeit erwirbt den Tod“.

Mithilfe ihrer Freunde, Martin Buber, Werner Kraft, Andreas Meyer und Sam Wassermann, stabilisierte sich Lasker-Schüler langsam und versuchte, in Jerusalem Fuß zu fassen. Ende 1941 gründete sie den Kraal, einen exklusiven Vortragskreis im Geist der Berliner Zeit. Am 10. Januar 1942 wurde die neue Gesellschaft von Martin Buber mit einem Vortrag eröffnet. Wichtiger als das sehr heterogene künstlerisch-wissenschaftliche Programm, das sie dort entwickelte, war, dass sich Lasker-Schüler hier ein Forum für eine Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen bot, wie sie es aus der Zeit vor 1933 kannte.
Im Jahr darauf gelang ihr das für die emigrierten Autorinnen und Autoren Unwahrscheinlichste: eine deutschsprachige Buchpublikation in Jerusalem. Ihr letzter Gedichtband Mein blaues Klavier. Neue Gedichte erschien 1943 in 330 nummerierten Exemplaren bei Jerusalem Press, dem Verlag von Dr. Moritz Spitzer. Er war früher Assistent von Martin Buber und Herausgeber der Bücherei des Schocken Verlags, der bedeutendsten Sammlung deutsch-jüdischer Literatur, gewesen.
Die Gedichte allerdings sind, anders als der Untertitel es glauben machen will, durchaus nicht alle neu. Achtzehn davon waren schon vorher in renommierten Periodika veröffentlicht worden. Die Gedichte kreisen um zwei Themen: das Heimweh und die Liebe. Beide sind durch den Blick zurück miteinander verbunden. Die Liebesgedichte, gerichtet „An Ihn“, sind erfüllt von schwärmerischen Gefühlen für Ernst Simon, den damals 42-jährigen Pädagogen und Kulturphilosophen, erfüllt auch von der Angst vor der sehr gegenwärtigen Einsamkeit. In den Heimweh-Gedichten wird die schwierige und ambivalente Situation des lyrischen Ich im Exil eindrucksvoll präsent: die Liebe zur verlorenen Heimat und die anhaltende Sehnsucht nach ihr, obwohl Deutschland durch die politische Entwicklung zugleich auch zum Hassobjekt geworden ist. Sigmund Freud beschrieb dieses schwierige Verhältnis 1939 in seinen ersten Briefen aus dem Londoner Exil:

(…) denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt.

Zwar hatte Lasker-Schüler schon in ihrer Berliner Zeit in einer Art Innerer Emigration gelebt, unbehaust, wie eine Fremde, und dies auch in ihren Gedichten so artikuliert. So etwa in den berühmten Versen:

Ich kann die Sprache
Dieses kühlen Landes nicht,
Und seinen Schritt nicht gehn.

Jedoch erst in Jerusalem erfährt ihr lyrisches Alter Ego das von außen aufgezwungene Exilleben mit all seinen Konsequenzen.
Zum zentralen Motiv dafür wird die zerbrochene Klaviatur des blauen Klaviers. Es ist ein Puppenklavier, Spielzeug und Relikt aus der Kindheit, das sie gemeinsam mit ihrem gesamten Hausrat 1933 in Berlin verpackt haben soll und das sie nie mehr wiedersah:

Es spielen Sternenhände vier,
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür…
Ich beweine die blaue Tote.

Auch in diesen Gedichten geht es, wie schon in Lasker-Schülers früher Lyrik, um ein Zentralmotiv aller Exilliteratur: um die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit. Hier erscheint es gekoppelt an die Angst, mit der Verbindung zur Kindheit die eigene Kreativität zu verlieren. Das blaue Klavier wird zur Metapher für diese Gefährdung. Jerusalem, das nur in einem einzigen Gedicht vorkommt, erscheint nicht als neue Heimat, sondern als „Nekropolis“ und Ort der Sehnsucht nach dem verlorenen Leben.
1945 starb Else Lasker-Schüler 75-jährig im Hadassa Hospital in Jerusalem und wurde auf dem Ölberg begraben.

Edda Ziegler, aus Edda Ziegler: Verboten – verfemt – vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010

 

Der Mond und das Geklirr

– Gedenkrede auf Else Lasker-Schüler. Die Rede wurden gehalten in Wuppertal am 9.4.1995 und in Zürich am 6.6.1995 jeweils zur Eröffnung der Lasker-Schüler Ausstellung . –

Gelegentlich stahl sie ihre eigenen Bücher. Sie hatte das Geld nicht, sie zu kaufen, und sie wollte sie doch allen Leuten verschenken, die sie liebte. Und da sie kein Honorar bekommen hatte, nur ein paar Freiexemplare, nahm sie sich eben in der Buchhandlung des Verlegers, was sie als ihr Eigenstes betrachtete. Man hetzte ihr den jüngsten Verkäufer nach.
Welch eine Szene! Der Verleger bläst zur Jagd auf seine Autorin, weil diese ihm ihre eigenen Bücher stiehlt. Juristisch ist der Fall klar. Klar ist der Fall aber auch wirklich nur juristisch.
Stehlen und Verschenken, dazwischen liegt die geordnete Buchhaltung. Stehlen und Verschenken verhalten sich wie Hungern und Verschwenden. Zwischen Hungern und Verschwenden liegt die geordnete Haushaltung. Else Lasker-Schüler war im Hungern erfahren. „In den Winternächten“, schreibt sie, „wie oft habe ich im Dunkel des Zimmers meine Bettvorlage wie ein Dieb vom Fußboden aufgehoben und schob sie noch über die fremde dünne Decke. Ich begann vor Hunger tiefer zu atmen, trank die Luft und kaute an ihrem Balsam.“ Hungern und Verschwenden verhalten sich wie Verzweifeln und Dichten. Zwischen Verzweifeln und Dichten liegt die geordnete Lebensführung.
Um des Dichtens willen nahm Else Lasker-Schüler alles in Kauf. Auch ihr Verschwenden und Verschenken war nur ein Teil ihres Dichtens, war gewissermaßen dessen letzter, äußerster Wellenschlag. Wir alle, die wir die geordnete Buchhaltung, die geordnete Haushaltung und die geordnete Lebensführung zu schätzen wissen und bei denen die Bettvorlage nachts am Boden bleibt, wir wissen wenig von den unerhörten Erfahrungen der Inspiration, die bei einer so wilden Seele wie Else Lasker-Schüler alles Elend aufwiegen. Das Höchste, das unbedingt Gewünschte, Gesuchte, Gewollte, ist ihr nicht das Werk, ist nicht das fertige Buch in der Hand und die Rezension in der Zeitung, sondern ist das, was sie selbst den „dichterischen Zustand“ nennt. Darüber zu reden, hat sie die gleichen Schwierigkeiten wie Franz Kafka, der in einer ähnlichen Spannung von Alltagsnot und Schreibverzückung lebte. „Dem Künstler“, sagt Else Lasker-Schüler, „der den Ehrgeiz überwunden hat, liegt nur an dem Nirwana der Inspiration, dem Hinschlaf, dem Entströmtsein des Herzens: Platzmachen für Gott.“
Das ist eine unerhörte Aussage. Viermal nacheinander wird ein neuer Ausdruck geschaffen für etwas, das man doch längst ausformuliert und ausgeredet glaubte. Das ist nicht aufgewärmte Romantik, das ist das Gegenteil: ein Durchbrechen aller geläufigen Klischees über die Entstehung von Kunst. Der Augenblick der Inspiration, in dem das Gedicht sich bildet, fällt zusammen mit einem Zustand der völligen Leere, eines inneren Nichts, das zugleich die Voraussetzung für die hereinstürzende Fülle ist. Die Last, ein Ich sein zu müssen, diese Person mit diesem Namen sein zu müssen, mit dieser Vergangenheit und Zukunft, diesem alternden Körper, diesen Sehnsüchten, diesen Leiden, diesem Paß, dieser Schuhnummer und dieser Eintragung im Steuerregister, die ganze Last löst sich jetzt auf in eine offene, flutende Gegenwart. „Nirwana der Inspiration“ nennt es die Dichterin. Das meint, wie in der indischen Religion, die Gleichzeitigkeit des Nichts und des Ganzen überhaupt. Das Individuum verflüchtigt sich und gelangt gerade dadurch an sein Ziel. Das Verschwinden wird zur Epiphanie. Im Reden darüber entsteht bei Else Lasker-Schüler ein wunderbares Wort, ein neues deutsches Wort, das es nur einmal, nur hier in diesem Satz gibt: „hinschlafen“, der „Hinschlaf“ Ein Hinschlaf der Seele sei das Nirwana der Inspiration. Ein gerichteter Schlaf also, ein Schlaf auf ein Ziel zu, weg vom Tagesbewußtsein, aber nicht einfach zu den Träumen und in die Wunschküche des Verdrängten, sondern einem namenlosen Andern entgegen. Und so viel liegt der Autorin an der Sache, daß sie gleich ein weiteres neues Wort danebensetzt: „Entströmtsein des Herzens“. Auch dies verweist auf die Leere, auf die Befreiung vom heißen Blut, vielleicht sogar von der Liebe im Sinne des Umwerbens und Umschlingens der Personen. Der letzte Sinn des geheimnisvollen Vorgangs aber eröffnet sich im abschließenden Ausdruck, der alles zusammenfaßt: „Platzmachen für Gott“. Die leidenschaftlichen Spekulationen der europäischen wie der östlichen Mystik, wonach allein die Vorstellung des Nichts der Wirklichkeit des Göttlichen gerecht werde und der Mensch nur durch sein eigenes Nichtswerden Gott in sich hereinreißen könne, diese alten, kühnen Gedanken werden hier noch einmal ausgesprochen – nicht als theologische Theorie, sondern aus der gelebten Erfahrung einer radikalen poetischen Existenz heraus. Der Hinschlaf, das Entströmtsein des Herzens, das Nirwana der Inspiration – wenn Else Lasker-Schüler sagt, daß es ihr „nur daran“ und an nichts anderem liege, müssen wir das Bekenntnis bedingungslos ernst nehmen. Und wenn ich ihr Verschwenden und Verschenken gleichgesetzt habe mit ihrem Dichten, wird jetzt vielleicht deutlicher, wie das zu verstehen ist. Alle ungestüme Liebe ihres Lebens – und sie hat immer geliebt und war immer verliebt – war ein unablässiges, ein rückhaltloses Spenden und Dahingeben. Und diese schenkende Existenz gewinnt ihre reinste, ich wage zu sagen: ihre heiligste Ausprägung in der mystischen Hingabe des dichterischen Moments.
Das mußte bezahlt werden. Dazu gehörte auch das Gegenteil. Das Gegenteil zum Entströmtsein des Herzens aber ist die Verzweiflung, die Not, der Hunger, ist das Elend im ältesten Wortsinn: eli-lenti, im andern Land, in der Fremde. Außer Landes sein zu müssen, aus der Heimat verscheucht und vertrieben, war eine seelische Erfahrung Else Lasker-Schülers lange bevor es auf eine unvorhersehbare Weise auch zu einer lebensgeschichtlichen Wirklichkeit wurde.
Schon in frühster Kindheit kannte sie die Zustände großer innerer Not. Und schon damals stand dieses Leiden in einer brisanten Spannung zum Glück des Dichtens und Erfindens. Das Entweder-Oder von Hunger und Verschwenden, Verzweiflung und Inspiration war bei ihr mit dem Bewußtwerden der Person und dem ersten Sprachgewinn bereits gegeben. Die erwachsene Frau berichtet, wie sie als kleines Mädchen von der Langeweile gequält wurde wie von einer tödlichen Krankheit. Und damit habe sie wieder ihre Mutter gequält. Als Rettung aber seien sie zusammen auf ein Spiel gestoßen, ein Mutter-Kind-Spiel, und das Spiel hieß „Einwortsagen“:

Lang ist es her, daß ich auf dem Schoß meiner teuren Mutter saß, sie mit mir spielte. „Einwortsagen!“ Einwortsagen, nannten wir das geheimnisvolle Spiel, das meine Mutter, eine Weile wenigstens, von meinen Quälereien befreite. Ich langweilte mich nämlich immer so… Meine Mutter rief wichtig „Schokolade“ und ich erwiderte ein sich darauf reimendes Wort. Meine Mutter: Tinte „Finte“ (Flinte), „Paul“, „faul“! bis mein viel älterer Bruder (…) sich einmischte, auf das Wort „hoch“, das ungeschickt reimende „Koch“ wählte und ich zu ersticken drohte vom dumpfen Schall der Paarung, ja geradezu außer mir geriet, vom Knie meiner besorgten Mutter wild auf den Teppich purzelte. Ich zählte zwei Jahre.

Das ist mehr als eine muntere Anekdote. Auch wenn wir gute Gründe haben, an den Jugenderinnerungen der Dichter von Zeit zu Zeit zu zweifeln, diese Reaktion des Kindes auf den unreinen Reim – hoch/Koch – ist für Else Lasker-Schüler eminent bezeichnend. Das innere Aufblühen im Gleichklang der Wörter und der heftige Schmerz über dessen Störung bleiben Bestandteil ihres Lebens und Schaffens. Noch im letzten ihrer unbedingt vollkommenen Gedichte, im Blauen Klavier, wird genau dieser Kontrast zwischen reinen und gestörten Reimen zum ergreifenden Ereignis innerhalb des Gedichtes selbst. Davon wird zu reden sein.
In dem erwähnten Text über ihre frühen Jahre sagt Else Lasker-Schüler, daß die Kindheitsverzweiflung der Langeweile sie damals bis zum Gedanken an den Selbstmord getrieben habe, ja weiter noch bis zum Entschluß, den Gedanken auszuführen. Vom Turm des Hauses habe sie sich werfen wollen in ihrer Not. Aber da sei unverhofft ein zweites Spiel aufgetaucht, das Knopfspiel. Und wieder ist es die Mutter, die ihr diese Erlösung vermittelt:

(Meine Knopfsammlung) rettete mich vor meinem kleinen Selbstmord. Ich hatte mich bis dahin so gelangweilt und ich erinnere mich, als ich entschlossen auf den Turm unseres Hauses kletterte, von dem man über die Stadt Elberfeld hinweg noch hinter dem Sauerländischen Gebirge bei lichtem Wetter den Rhein fließen sehen konnte, und auf die Menschen herabschrie: „Ich langweile mich so!“ und erst als die vielen vielerlei großen und kleinen blauen, grünen, lila, roten, gelben, weißen Knöpfe ankamen aus den Knopffabriken meiner Heimat, mit der (sic!) mich meine teure Mutter überraschte, die meine teure Mutter für mich zum Spielen bestellt hatte, milderte sich beträchtlich mein Übel. Ich legte Knopf an Knopf, je vier oder fünf, ebenmäßige Reihen in Zwischenräumen auf den großen Tisch und führte dann mein klein Fingerchen über die Knopfreihen der abgeteilten Knopfstrophen. Wenn ich dann durch die Unregelmäßigkeit der Knopfgrößen mit der Fingerspitze stolperte oder gar mit dem ganzen Finger abglitt, schrie ich laut auf, genau wie ich mich heute körperlich verletzt fühle, durch einen Vokal oder Konsonanten, der Störungen im Maß oder Gehör undefiniert verursacht. Aber einer der herrlichsten Knöpfe durfte überall liegen, wo er wollte; er war aus Jett, besäet mit goldenen Sternlein, und ich staunte ihn an. Er war das Himmelreich meiner Knöpfe und hieß: Josef von Ägypten.

Natürlich ist auch dieser Bericht über ein Kinderspiel selbst wieder ein Spiel der erwachsenen Dichterin. Durch die Erinnerung versichert sie sich ihrer Gegenwart; mit dem Wissen der Gegenwart versichert sie sich der Vergangenheit. Die Erzählung wird zu einer Art Gründungssage ihrer dichterischen Existenz. In der Reihung und Formung der Knöpfe, im Glück über deren Glanz und die schönen unterschiedlichen Farben, fällt das Elend genau so von dem kleinen Mädchen ab, wie sich die erwachsene Frau aus Not und Hunger und Kälte in den Hinschlaf der Dichtung, in das verzückte Treiben mit den schimmernden Wörtern retten wird. Und wenn der große, schwarzglänzende, sternbesäte Knopf, den das Kind Josef von Ägypten nennt, aus allen andern Knöpfen herausblitzt, so tut dies später nicht anders der Leib- und Lebensmythos der Dichterin, der Prinz Jussuf von Theben, ihr anderes Ich, ihr gedichtetes Ich, das seinerseits wieder ihre Gedichte dichtet.
Josef und Jussuf ist der gleiche Name. Als Else Lasker-Schüler sich eines Tages als Josef von Ägypten erlebt, nennt sie sich Jussuf Ihre Verwandlung in den von seinen Brüdern verratenen und verkauften, ins Elend verstoßenen, schließlich aber zu großartiger Herrschaft aufsteigenden Josef wird als Vorgang von etwa 1910 an von der Dichterin verschiedentlich beschrieben – und verschiedentlich so, als war’s zum ersten Mal. Das braucht nicht zu überraschen. Der Raum der Inspiration ist zeitlos. Da kann dasselbe mehrmals passieren und doch gleichzeitig. Wie sehr überhaupt diese Frau in einem Dauerkonflikt lebte mit der äußeren, mechanischen Zeit, ist aus vielen Anekdoten bekannt, nicht zuletzt aus ihrem unbekümmerten Umgang mit dem eigenen Geburtsdatum. Aber auch da steckt mehr dahinter als bloße Eitelkeit und Alterspanik.
Im dritten Brief des Malik-Romans aus den Jahren 1913/14 ist die Josef-Werdung und der Übergang von Josef zu Jussuf besonders schön aufbewahrt. Der kurze Text beginnt mit der Anrede an Franz Marc, den Blauen Reiter:

Mein sehr geliebter Halbbruder. Es ist kein Zweifel, Du warst Ruben und ich war Joseph, Dein Halbbruder zu Kanazeiten. Nun träumen wir nur noch Träume, die biblisch sind.

So der Anfang. Das Brudergefühl gegenüber Franz Marc führt zum Gedanken an die Brüder Ruben und Joseph. Und schon ist sie Joseph und gleich darauf auch Herrscher in Ägypten:

(…) mein sehnlichster Wunsch erfüllte sich – ich war plötzlich König, in Theben – trug einen goldenen Mantel, einen Stern in Falten um meine Schulter gelegt…

Und als der Brief endet, trägt sie auch den neuen Namen. Sie schreibt am Schluß:

Ich bin überhaupt heute etwas unglücklich – ich weiß niemand, wo drin ich mich verlieben könnte. Weißt Du jemand? Dein verraten und verkaufter Jussuf.

Als ein herrliches, als das überragende Zeichen bewegt sich von da an der Prinz von Theben durch ihr ganzes Werk. Daß sie dieser Jussuf leibhaftig werden mußte, um das Knopfspiel, das Wörterspiel, alle ihre Farbenspiele weiterspielen zu können, geht aus einer andern Stelle hervor, einem Satz von erschütternder Einfachheit:

In der Nacht meiner tiefsten Not erhob ich mich zum Prinzen von Theben.

Diese Umschaffung der Person ist nicht einfach eine Verkleidung, ein poetischer Karneval. Sie ist nur zu begreifen aus jenem Nirwana der Inspiration heraus. Jussuf entsteht in dem Moment, als das definierte Ich sich als eine trügerische Größe erlebt, ein Gebilde aus fremden Projektionen, ein Produkt der andern und also im Käfig der andern gefangen. Die Auflösung dieses Käfigs ist die Auflösung der Person im Hinschlaf. Gerade weil der schöpferische Zustand so radikal ist und das Innerste erfaßt, ermöglicht er auch die Verwandlung in eine andere Gestalt, eine Gestalt von kühner, königlicher Androgynie. Jetzt ist Jussuf da, so wirklich und unwirklich, so leibhaftig und geträumt wie die Frau Else Lasker-Schüler selbst. Dieser Jussuf ist – man kann es nur paradox ausdrücken – das gestaltgewordene Nirwana. Er garantiert von nun an die Möglichkeit der Einkehr, der Heimkehr in die Gottesbegegnung. Er ermöglicht jederzeit den Sprung aus dem Hunger und der Not. Er steht für Heimat im Elend. Denn Jussuf ist immer zu Hause. Und als Jussuf ist die Dichterin immer in ihrer Heimat.

Wenn wir das als schönes Spiel erleben, wenn wir uns freuen, daß aus solcher Verwandlung Gedichte und Prosastücke entstehen, die zum Herrlichsten gehören, was die deutsche Sprache in diesem Jahrhundert erreicht hat, so dürfen wir doch nie vergessen, daß die Voraussetzung dazu der frühe, trostlose Heimatverlust ist:

In der Nacht meiner tiefsten Not erhob ich mich zum Prinzen von Theben.

Verzweifeln oder Dichten, sie hat nur diese Wahl und keine andere, und nichts ist dazwischen, nichts ist dort, wo für die andern Leute der Alltag ist und die Routinearbeit, der Wecker morgens um sieben und am Abend die warmen Pantoffeln – die geordnete Lebensführung, die geordnete Haushaltung und die geordnete Buchhaltung.

Erst damit wird nun auch verständlich und nachfühlbar, was im letzten ganz großen Gedicht Else Lasker-Schülers geschieht, einem Gebilde, das so mirakelhaft vollkommen erscheint wie dreißig Jahre früher die Strophen über den alten Tibetteppich: ich meine das Gedicht „Mein blaues Klavier“. Der Hintergrund ist schrecklich. Der Hintergrund ist die Katastrophe des deutschen Volkes und also die Katastrophe des 20. Jahrhunderts, und diese Katastrophe zerfetzte auch den Lebenszusammenhang Else Lasker-Schülers. Als das Gedicht entsteht, ist die Dichterin schon jahrelang unterwegs, auf der Flucht, auf der Reise, unbehaust, in wüsten Zimmern und Absteigen – die Bettvorlage wird wieder gebraucht. Im April 1933 hat sie Deutschland verlassen, vorübergehend, wie sie dachte. Von da an lebte sie bis zu ihrem Tod „vorübergehend“. Nur zweieinhalb Monate vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler hat Else Lasker-Schüler noch den Kleist-Preis zugesprochen bekommen, die höchste literarische Ehrung in der Zeit der Weimarer Republik. Es war ein Signal und Bekenntnis des geistigen Deutschland zur deutsch-jüdischen Kultur als einem unverzichtbaren, unabtrennbaren Element deutscher und deutschsprachiger Kultur überhaupt. Es war Signal und Bekenntnis bereits unter dem heiseren Gebell der Nationalsozialisten. Und als aus dem Gebell das Triumphgeheul wurde, mußte die Dichterin gehen. Das heißt: sie mußte nicht, sie wollte. Noch hätte sie bleiben können wie Gertrud Kolmar, ihre große Kollegin, hätte bleiben können, wenn auch geächtet, hätte zusehen können, wie man ihre Bücher verbrannte, und eines Tages wäre sie dann wie ihre große Kollegin Gertrud Kolmar abgeholt worden und auf einem Lastwagen durch die Straßen von Berlin geführt zum kleinen, hübschen Bahnhof Grunewald und dort in einen Viehwagen verladen und in den Osten verfrachtet. Und namenlos, nur mit einer Nummer bezeichnet, wäre sie getötet und verbrannt worden, wie ihre große Kollegin Gertrud Kolmar. Vielleicht war es gerade die frühe Erfahrung von Not und Schutzlosigkeit, das ewige innere Vertriebensein, was ihr die rasche Flucht erleichterte.
Jetzt lebte sie in der Schweiz, und in der Schweiz wollte sie bleiben, aber die Schweiz wollte sie nicht. Meine Heimat hat der Heimatlosen den Wunsch nach Heimat abgeschlagen. Sie war mittellos, und sie war Jüdin, und beides war damals, nach unzweideutiger Willenserklärung der Landesregierung, in der Schweiz nicht erwünscht. Viele haben ihr geholfen, nicht nur Juden, aber vor allem Juden, und leichtgemacht hat sie es ihren Helfern auch nicht immer, aber schließlich, am 23. August 1939, nach sechs Jahren Betteln um eine Bleibe, wird das „Gesuch um Erteilung der Aufenthaltsbewilligung in Zürich (…) von der kantonalen Fremdenpolizei Zürich abgewiesene“. Endgültig. Zu dem Zeitpunkt hält sie sich in Jerusalem auf. Vorübergehend, wie sie denkt. Aber in Jerusalem bleibt sie nun, hungert und verschwendet, schreibt und zeichnet und liebt und zürnt, und da stirbt sie auch am 22. Januar 1945.
Aus diesen Jahren des nomadischen Exils stammt das Gedicht „Mein blaues Klavier“. Es ist der Schlüsseltext des gleichnamigen Bandes, und es ist ein Schlüsseltext der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts geworden. Dieses Gedicht nimmt sich so einfach aus, daß man die eminente Kunstleistung, die es darstellt, auf Anhieb gar nicht erkennt. Kaum jemand wird beim ersten Lesen beachten, daß alle dreizehn Verse mit nur zwei Reimen arbeiten und daß der Vers in der genauen Mitte des Ganzen die Klangreihe mit einem schrillen, dissonanten Reim zerreißt. Wir wissen nun, welch physischen Schmerz der Dichterin jeder Reim verursachte, der scheinbar richtig und doch akustisch falsch war. Diesen Schmerz tut sie sich selbst an in diesem Gedicht, sich und dem dichterischen Text, und macht so die Zerstörung, von der das Gedicht handelt, zum körperhaften Ereignis, zu einer offenen Wunde am Leib der Sprache.

MEIN BLAUES KLAVIER

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur………
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir

– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

„Es spielten Sternenhände vier – Nun tanzen die Ratten im Geklirr“: das ist der falsche Reim. Er versinnlicht unmittelbar die Zerstörung des Instruments. Und er benennt so die ganze Gegenwart. Jetzt ist alle Schönheit und alles Glück des Dichtens Vergangenheit. Dieses blaue Klavier, das „im Dunkel der Kellertür“ steht, irgendwo sinnlos abgestellt, und in dessen kaputten Saiten die Ratten tanzen, so daß es nur noch schrillt und scheppert von Zeit zu Zeit: ein so beklemmendes Bild für die eigene Person hat keine deutsche Dichterin gefunden, mindestens nicht seit Annette von Droste-Hülshoff in dem Gedicht „Das öde Haus“ unheimlich verschlüsselt von sich selbst gesprochen hat.

Daß trotzdem noch Wohllaut, unmittelbar ergreifende Schönheit in den Versen wohnt, ist nur der Erinnerung zu verdanken. Für einen Moment nämlich taucht mittendrin auf, was einst war: das Paradies des Wörterspiels und das Entströmtsein des Herzens. Die geheimnisvollen Zeilen: „Es spielten Sternenhände vier / – Die Mondfrau sang im Boote –“ benennen diese verlorene Seligkeit, und in diesem Benennen leuchtet das ganze Gedicht wie von innen heraus noch einmal auf. Die vier Sternenhände, die einst auf dem blauen Instrument gespielt haben, erinnern unmittelbar an die Berichte aus Else Lasker-Schülers früher Kindheit, an die Gründungssagen ihrer dichterischen Existenz. Aus der tiefen Gemeinsamkeit mit der Mutter sind damals die rettenden Spiele erwachsen, das Einwortspiel und das Knopfspiel. Die Hände des kleinen Mädchens bewegten sich zusammen mit den Händen der Mutter, und als die Mutter starb, wurde sie zur Mondfrau und leuchtete weiter über der Tochter, wenn diese im Hinschlaf die alten Spiele fortspielte. Die Gestalt der Mutter ist im Schaffen Else Lasker-Schülers stets gegenwärtig, und der dichterische Zustand wird immer wieder erkennbar als die Weiterführung jener frühen symbiotischen Gemeinschaft zwischen der kleinen, schutzlosen und der großen, beschützenden Frau. Es ist eine geschlossene, in sich selbst vollkommene Frauenwelt im Zeichen des Mondes, der ältesten weiblichen Gottheit. Der beschwörende Ruf nach diesem alten Zuhause ertönt in den Gedichten noch und noch. So heißt es schon imJahre 1917:

O Mutter, wenn du leben würdest,
Dann möchte ich spielen in deinem Schoß.

Und noch früher, 1905, wird die tote Mutter bereits mit dem Mond in Verbindung gebracht. Sie sucht ihr Kind, und es kommt zu Nächten der Gemeinsamkeit, die Schlaf und Dichtung und paradiesisches Glück zugleich sind:

Meine Mutter hatte goldene Flügel,
Die keine Welt fanden.

Horcht, mich sucht meine Mutter,
Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.

Und süße Wetter mit blauen Wehen
Wärmen meinen Schlummer

Immer in den Nächten,
Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.

Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein,
Wenn die Nacht einsam kommt.

Meine Lieder tragen des Sommers Bläue

Das einfachste, in seiner Schlichtheit ergreifendste Gedicht an die Mutter aber findet sich ganz spät, in unmittelbarer Nähe zum „Blauen Klavier“. Es belegt die Konstanz der Mutterbeschwörung im Leben und Schaffen der Autorin, und es erschüttert durch das Ereignis, daß bei dieser bilderverschwendenden Dichterin für einmal nur eine einzige, aber unvergeßliche Metapher im Text erscheint.

MEINE MUTTER

Es brennt die Kerze auf meinem Tisch
Für meine Mutter die ganze Nacht –
Für meine Mutter…..

Mein Herz brennt unter dem Schulterblatt
Die ganze Nacht
Für meine Mutter…..

Wieder also ist es Nacht, Mutterzeit, Frauenzeit, aber ähnlich wie im Gedicht vom blauen Klavier scheint jetzt etwas verloren zu sein. Die ruhige Selbstverständlichkeit ist vorbei, mit der die Mutter sonst als Mondfrau heranschwebte und den dichterischen Zustand ermöglichte, das Spiel der vier Sternenhände. Jetzt kann man der Mutter nur noch gedenken. Man kann nur noch die Kerze brennen lassen für sie – und daraus die großartige Metapher entwickeln für die Treue einer Tochter:

Mein Herz brennt unter dem Schulterblatt
Die ganze Nacht

Diese Ausführungen haben jenen harten Kontrast in der Mitte des Gedichts vom blauen Klavier vielleicht etwas verständlicher machen können:

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Und hier erlaube ich mir nun auch, eine kleine philologische Bemerkung einzuschieben, die eine Dankesbezeugung ist an die Herausgeber des großen Buchs, das zur Ausstellung in Marbach, Wuppertal und Zürich 1995 erschienen ist, des Marbacher Magazins 71. In den bisherigen Ausgaben der Gedichte, die in Deutschland greifbar und gültig waren, erschien der Vers: „Es spielten Sternenhände vier“ stets im Präsens: „Es spielen…“ Das hat mich und viele andere irritiert. Wie soll das zugehen? Das Klavier ist zerstört, und die Sternenhände spielen darauf weiter? Wer immer sich mit dem Text beschäftigte, litt an dieser zweideutigen Stelle. Ein Gedicht von so unglaublicher Konkretheit und sinnlicher Nähe schien hier plötzlich nicht mehr aufzugehen. Ich habe in der Arbeit mit Studierenden verschiedentlich daran herumlaboriert, und die Sache erschien mir sogar definitiv unlösbar, als ich einmal die seltene Erstausgabe einsehen konnte. Frau Judith Adler aus Weesen in der Schweiz, die Else Lasker-Schüler in Jerusalem noch gekannt hat, hat mir ihr Exemplar gezeigt. Da stand unzweideutig das Präsens: „Es spielen Sternenhände vier“. Die unerbittliche Regel der Philologie, wonach bei Zweifelsfällen die unwahrscheinlichere Variante gewählt werden muß, die lectio difficilior, verbot es, hier einfach gegen das Zeugnis der ersten Ausgabe eine Korrektur vorzunehmen. Und jetzt finde ich in dem Dokumentarband zur Ausstellung das Faksimile eines Typoskripts dieses Gedichts, mit eigenhändigen Korrekturen Else Lasker-Schülers, und da steht klar und unzweideutig: „Es spielten Sternenhände vier“. Das war ein Glücksmoment, wie ich ihn in meiner Wissenschaft selten erlebe. Eines der schönsten deutschen Gedichte ist auf einmal makellos, ist ganz das, was es immer zu sein schien und doch nicht gänzlich war. Das Ereignis steht für mich symbolisch für die außerordentliche Leistung dieser Ausstellung, der Frauen und Männer hinter dieser Ausstellung. Sie haben uns Leben und Werk Else Lasker-Schülers neu geschenkt und zu neuem Studium erschlossen.
Ein winziger Buchstabe, und daran hängt das ganze Gedicht. Ein kurzes Gedicht, und daran hängt die Wirklichkeit des Jahrhunderts. Als der Gedichtband Mein blaues Klavier erschien, in Jerusalem, lief in Deutschland die planmäßige Vernichtung der Juden an. Man kann das nicht auseinandersehen, man wird das zu allen Zeiten zusammensehen müssen. Wie in den Gedichten Paul Celans die von den Nazis ermordete Mutter für alle Getöteten steht und wie dort das Gedenken an die Mutter das Gedenken an alle Ermordeten einschließt, so ist bei Else Lasker-Schüler die Klage über den Verlust ihrer mystischen Gemeinschaft mit der Mutter und also über die Zerstörung ihres Schöpferglücks eine Klage über den Untergang einer ganzen Welt. Die letzte Strophe spricht nur noch vom verlorenen Paradies. Die Ratten im Geklirr haben den großen, den einst herrlichen deutschen Traum von der Versöhnung aller Menschen durch die Kunst endgültig vernichtet. Dieser Traum lebte auch noch in Else Lasker-Schülers ekstatischem Verständnis von Dichtung weiter. Damit ist es nun aus. Für immer. Daß der Dichter sein Instrument, seine Leier oder Laute, zerschlägt, ist ein altes Thema. Im Barock meint es die Abkehr von einer eitlen, irdischen Kunst. In der Romantik erscheint es als Zeichen des Ungenügens angesichts einer geträumten Vollkommenheit. Bei Else Lasker-Schüler erfährt das Motiv eine Verwandlung, die der Niedertracht des Jahrhunderts entspricht. Es ist die Herrschaft des Bösen, was jetzt die Saiten zerreißt und alle Kunst sinnlos macht. Dichtung als „Platzmachen für Gott“ – diesen tapferen Glauben hat die Wirklichkeit des unabsehbaren Mordens in eine traurige Illusion verwandelt. Und das Morden dauert fort. Heute noch. Auf dem Balkan probt inzwischen ein Lyriker im Kampfanzug den Genozid. Das blaue Klavier steht weiterhin im Dunkel der Kellertür. Und wenn wir uns vor der Kunst einer großen Frau verneigen, verneigen wir uns auch vor einer gescheiterten Hoffnung.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Die verdächtige Pracht, Carl Hanser Verlag, 1998. Erstdruck Weltwoche/Supplement, Ausgabe Juni 1995

 

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Carl Stern: Erinnerungen an Else Lasker-Schüler

Zum 70. Todestag der Autorin:

Burkhard Reinartz: „Meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“
deutschlandfunk.de, 21.1.2015

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