Erich Arendt: Sämtliche Gedichte – entgrenzen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Erich Arendt: Sämtliche Gedichte – entgrenzen

Arendt-Sämtliche Gedichte – entgrenzen

ABSEITSHELL

dein Wille
hier eine leichtere Luft
die Erde drehend
mit nachtwachen Händen
der Wind
aaaaaaaaer schuf
aaaaaaaadem Stein
aaaaaaaadas augenlichtig
aaaaaaaagefeite Gesicht

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaawolkenlos

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund im Zirkelrund
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaades Mittags
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaader schwarze Vogelpunkt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaweiß

von undurchdringbarem
Wildwuchs
umblockt
aaaaaaaadie Felspfade
aaaaaaaageh ich

die Zunge den Mund hat
wiedergefunden
was ich suchte:
aaaaaaaaaaaaaWort
aaaaaaaaaaaaaalt wie das Meer
aaaaaaaaaaaaasterblich
aaaaaaaaaaaaamit mir

daß sichtbar
sein Pulsschlag
mach hautlos
fest das Gedicht

fern sind die Schüsse
mauernarbend

 

 

 

welt
ein
lippenoffner Durst

entgrenzen

− Erich Arendt und sein Jahrhundert – letzte Gedichte. −

Kreuzpunkt
aaaaaaaaaaund Weg
der Wege die
siebzig Längen- und
Breitengrade

aaaaaaaaaaaaaaund so
aaaaaaaaaaaaaazu dir

das
Entgrenzen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeinspurend
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader Nacht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaein Stirnhell
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaso begonnen

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadir im Dichten noch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaLängen-Jahre
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavoraus
bestehen!
[…]
(„Der Weinberg“, 1979/1980)

Erich Arendt hat seinen letzten Gedichtband 1981, nur drei Jahre vor seinem Tod, entgrenzen genannt – und nun kann das Wort als die umfassende, große Metapher für sein Dasein und Dichten nehmen. Wort, Begriff, Vision, wie man nun will, Begrenzungen des Ortes, der Zeit und der Lebensumstände, günstige wie widrige, zu durchbrechen; Kreuzpunkte zu spüren, zu erkennen, andere Wege zu gehen als alle anderen, Gegebenes nicht hinzunehmen, nicht dieses verflixte Gebundensein auch an das einmal gefundene Wort, selbst den geglückten Vers entgrenzen. Wie heißt es doch;

dir im Dichten
noch Längen-Jahre
voraus

Erich Arendt, le vaganteux, wie er sich nennt, Vagant, der sagt: „Wir gleiten doch alle nur durch die Welt, die Zeit, wo ist ein Verankern? Im Wort vielleicht manchmal, im Gespräch“ (Brief an Fritz J. Raddatz v. 29.5.1975).

Nein, den Sohn eines Hausmeisters einer Grundschule seiner märkischen Geburtsstadt Neuruppin, der ein Lehrerseminar besuchte, ihn hielt es nicht in der heimisch-provinziellen Landschaft; und den Beruf des Lehrers übte er in jungen Jahren abseits vom bürgerlich konventionellen Schulbetrieb an einer Reformschule im Berliner Arbeiterbezirk Neukölln aus, Unterricht, bei dem es keine Zensuren, keinen Leistungszwang gab. Eines Tags steht er – entscheidender Kreuzpunkt in seinem Leben – vor dem Schaufenster von Herwarth Waldens Kunstsalon Sturm mit der expressionistisch-avantgardistischen Zeitschrift, in der er 1927 seine ersten Verse veröffentlichen kann, die er wie ein Sturmvogel seinem Dichterleben vorauswirft:

Lippen
Winken
Liebe Hände
Sonne
Küsten
Klippen heißes Segel Land

Welt ein lippenoffner Durst – lautet schon von Beginn seines poetischen Schaffens die schließlich daseinsumspannende Projektion, die er ein halbes Jahrhundert später

aufscheint
die Hellsicht
Wahn

für die Arena seines Lebens

sprachhell deine Schöpfung
bis zum Kern

in der Liebe findet (Gedicht von 1979), „Arena“, die er in Sonetten aus dem Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco als blutige Hinrichtungsstätte beschreibt. Erlebnis- und Erfahrungsräume, die er, Phase für Phase

Nicht nur von ungefähr getrieben und verschlagen

durchlebt, erleidet, überwindet, besteht.
Schon 1929 machte sich der Sechsundzwanzigjährige fort aus der begrenzten deutschen Enge, an deren sozialen Kämpfen er als bekennender Kommunist unmittelbar beteiligt war, zum ersten Mal auf den Weg nach dem europäischen Süden, in die Provence

Lust
aaazu enden
aaaaaaaaaaazu dauern
(Gedicht „Arles“)

auf ans erträumte Mittelmeer, wo er ein Jahrzehnt später als von den Nazis verfolgter Emigrant mit seiner jüdischen Frau Katja Hayek-Arendt Zuflucht findet, Mallorca, Ibiza, die Balearen, nicht Urlaubsorte, sondern existenzrettende Inseln für den – wie einst Ulysses – über die Meere Umhergetriebenen. Mittelmeer, das wiederum ein Vierteljahrhundert später, zu Beginn der 60er Jahre, als Landschaft und Ursprung europäischer Zivilisation und Kultur, zum eigentlichen Zentrum seiner Dichtung wird: „Latinität, die stärkere Klarsicht Mensch, Wort und Raum“, Wirklichkeit und Geschichte, sinnliche Anwesenheit und Jahrhunderte umspannender Mythos – Ägäis – Feuerhalm in Memento und Bild am Zeitsaum – um es mit den Titeln seiner Raum und Zeit um- und übergreifenden Gedichtbände zu benennen – Verse insgesamt über gesetzte Grenzen, politische Mauern, ästhetische Normen und Dogmen hinweg –

ich fand deinen Ort
leer-
geschunden von Zeit ohne
Geschichte

aufs Meer blickend
ich sah
seine Gedächtnistiefe die
unbesiegbare
Bläue
(Gedicht „Nike“, 1979/1980)

Aus den Gedichten Arendts bis zu seinem letzten Band springt uns seine Gestalt

wir waren
welle waren meer
es trieb uns puls
das floß der medusa

(entrindet Albert Einstein zum 100. Geburtstag)

aus den Umständen ihrer Alltage nicht nur als anteilnehmender, sondern zugleich immer betroffener authentischer Zeuge seines Jahrhunderts entgegen.
Ein paar Anmerkungen dazu, die man unter die Überschrift „Es würfelt die Macht“ stellen könnte. Untertexte gewissermaßen zu den Manuskripten, Urkunden, Reisepässen und Visa – sauf conduits – rettende Papiere.

Herwarth Walden, der Arendts frühe Gedichte druckte, wird, weil er 1938, in jener berühmtberüchtigten Moskauer Hinrichtungsdebatte, den deutschen Expressionismus expressis verbis zu verteidigen wagt, 1941 Opfer der stalinistischen Säuberungen.

schwarz, ein Riesenfischmaul
schnappt
zuschnappt
die Zeit

(Gedicht „Spätbegegnung“)

Johannes R. Becher, er entkam den Verfolgungen durch Selbstkritik und Selbstmordversuch. Becher, der vor 1933 im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Arendts frühe expressionistische Verse aburteilte, weil er sich selbst gerade von seinen ekstatischen Dithyramben Verfall und Triumph verabschiedet hatte (manche sehen in ihnen seine ausdrucksstärksten Gedichte), Becher verleiht Arendt 1951 in der DDR einen Nationalpreis, auch gegen den Unwillen mancher Dichtergenossen (Louis Fürnberg schreibt im Hinblick auf Arendts Band Trug doch die Nacht den Albatros: „Ein paar Jahre Tropen machen noch kein Talent“), Arendt sah in Bechers Entscheidung immer ein Stück Wiedergutmachung. Noch wenig geklärt ist, wie Erich Arendt, bis dahin Mitglied der Kommunistischen Partei, den rigiden Überprüfungen und Prozessen gegen Westemigranten entkam. (Man hatte mich einfach vergessen, sagte Fürnberg in gleicher Angelegenheit; in Prag gab es die drastischen Todesurteile der Slansky-Prozesse). Arendt schied mit beiderseitigem Einverständnis nach 1951 aus der SED aus. Er bezeichnete sich seitdem als Freidenker. Alexander Abusch, der sich damals durch rigide Selbstkritik und Aussagen gegen Angeklagte herausredete −

worte
gedreht und
gedroschen: Hülsen
gedroschen, der
zusammengekehrte Rest…

(Gedicht „Nach dem Prozeß Sokrates“, 1961)

dieser Abusch – nach Johannes R. Becher Kulturminister der DDR – verleiht 1966 Erich Arendt den Johannes R. Becher-Preis. Arendt hatte ihm seinerzeit 1941 im französischen Exil mit zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen, seitdem ließ er dem Poeten manche ideologische Abweichung durchgehen.
Als ich erst jetzt Erich Arendts Dank-Rede für diesen Preis im Manuskript las – sie ist bisher nicht publiziert – fand ich, mit Taktstrichen für Atempausen beim Vortrag markiert, Sätze, die damals bestimmt aus dem Rahmen fielen und auch in den inzwischen wechselnden Zeitläuften nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Arendt sagt:

Auch der Bestand des Staates, um ein Wort Gneisenaus abzuwandeln, gründet auf seine Dichtung. Nur insofern der revolutionäre Akt der Geschichte frei weiterwirkt, täglich, ein lebendiges immanentes Element der Gesellschaft und des Einzelnen, und sofern Dichtung zukunftsheischend und zukunftsträchtig ist, das heißt: das Essentielle gibt von Mensch, Traum, Denken, Schaffen, Natur, Geist und Gesellschaft in EINEM, also das Universum Mensch, nur so werden beide (Staat und Dichtung) ein Zwiegespräch sein, sich ergänzen, wird eines das andere weiterführen.

Arendts Dichtung steht insgesamt unter solchen Auspizien; das macht sie über ihren ursprünglichen Anlaß hinaus gültig. Berührt man nur eine Zeile, gerät das gesamte poetische Netzwerk in Bewegung.

DEM TÄGLICHEN UNSER
aufzuckend
das Schmerzgeäder

vernabt

das angrübelnde
Wort…
aaaaaaaaaaaaaa(1961)

Wort, wie endgültig gesprochen

wo Freude und Recht
gemeuchelt lag,
an der Wand
der Geschichte
stets noch: Du!
aaaaaaaaaaaaaknie nicht −
Blutwimper, schwarz:
das Jahrhundert.

Epitaph auf alle menschenvernichtenden Prozesse seiner Zeit und aller Zeit davor und danach. Erich Arendt hat seine Texte hellsichtig „Geschichtsschreibung von der Leidseite“ her genannt und sich in diesem Bewußtsein der großen poetischen Stimmen versichert, in deren Spuren er sich sah; hat sie auch im Gedicht direkt angerufen.
Seit seinem Tagebuch Reise in die Provence von 1929 immer und immer erneut Hölderlin:

WIR SIND EIN GESPRÄCH hat der Dichter gesagt (im Gedicht „entrindet“).
Von den Zeitgenossen seines Jahrhunderts erinnert:

Ossip Mandelstam         –  mandelstam blutige Erde
Marina Zwetajewa         –  Zeit der Knochen
Paul Celan                        –  End-Gültiges ist

Solch souveränes Sich-Inbeziehung-Setzen zeigt, wie er zeitüberschreitende und überdauernde Poesie und Kunst als Stimmen in seine Entwürfe aufnimmt und verehrungsvoll integriert, alle provinziellen deutschen Begrenzungen, Zwänge und Vorurteile hinter sich lassend, so sehr sie ihn im tatsächlichen Leben einzuschränken und einzuvernehmen trachteten.
In einem späten Gedicht dieses Bandes „Abseitshell“ heißt es dazu:

die Zunge den Mund hat
wiedergefunden
was ich suchte:
aaaaaaaaaaaaaWort
aaaaaaaaaaaaaalt wie das Meer
aaaaaaaaaaaaasterblich
aaaaaaaaaaaaamit mir
daß sichtbar
sein Pulsschlag
mach hautlos
fest das Gedicht

fern sind die Schüsse
mauernarbend

Erich Arendt wirkte durch die Offenheit seiner Person, Eigenschaft, die sich zugleich mit dem französischen Bonhomie ausdrücken läßt, für das die Neudeutschen oft nur das despektierliche Gutmensch zur Verfügung haben. Er wirkte durch seine offenherzige Gesprächsbereitschaft, Humor nicht ohne leise Selbstironie für eigene Schwächen und Hinfälligkeiten, kaum Attitüde. Er hatte Freunde in und aus allen Hemisphären, machte sich einen Namen als Nachdichter der großen Spanier und Südamerikaner von Rafael Alberti bis Vicente Alexandre, von Pablo Neruda bis César Vallejo; wirkte auf merkbare und unmerkliche Weise auf jüngere Generationen deutscher Lyriker, die sich, wie ihnen nahe bildende Künstler, in engerem Kreis bei ihm zu Gesprächen und Austausch trafen – im Arbeitsladen der Raumer Straße am Prenzlauer Berg in Berlin mit Hannelore Teutsch, im Peter-Huchel-Haus in Willhelmshorst mit Ragna Pitoll.
Der Dichter und Maler Christoph Meckel hat ihm zum 80. Geburtstag ein Briefgedicht geschrieben, dem wir, so verschieden wir als Nachkommende sind, wohl zustimmen können, weil es ganz anspruchslos formuliert, was nun ihm gegenüber empfinden konnte; dort heißt es:

… Was immer ich sagen könnte zu Dir, Du weißt es.
Mein Reisepaß war immer derselbe
kein Exil, kein Columbien und keine Verfolgung
(allenfalls zum Privatidioten erklärt,
das Gesicht zur Wand, eine Sache ohne Bedeutung)
und in Mexiko war ich im eigenen Wagen mit amerikanischer Nummer,
genügend Dollars in der Tasche.
Was immer ich sagen könnte, zu Dir, Du weißt es.

Denn was immer geschah: du bist nicht zum Kleinholz geworden.
In Deinem Staat bist Du Weltbürger und Genosse
(was immer ich sagen könnte, zu Dir, Du weißt es)
nichts hat Dich kleiner gemacht, Deinen roten Faden zerrissen,
nichts hat Dich vergrößert außer Deiner Arbeit.

Dein Profil ist nicht zu bezweifeln,
Ich freue mich. Dein Name, Dein Schatten ist gut.
Gebirg
Geheimnis
Geschlecht

Erich Arendt war – ich nenne es so – und Gedichte von Beginn an bis nah an sein Ende bezeugen es sinnlich konkret – er war eine erotische Natur; er konnte bis in seine letzten Jahre in Liebe Erfüllung und Glück empfinden, empfangen, konnte selbst beglücken. Abschiede und Alter schmerzten ihn bis aufs Blut

,halsbrecherisch
jung‘

bis in letzte Verstrickungen und Verwirrungen. Seine unmittelbarsten letzten Gedichte sind Liebesgedichte

atemlos
aaaaaaader Puls
aaaaaaaschon anhob
aaaaaaaseinen achtzigtaktigen
aaaaaaaSchlag                allein
[…]
aaaaaaaaaaaaso bleibt noch
aaaaaaaaaaaaso lebt uns
aaaaaaaaaaaazusammen
ein Uferloses

Umarmen
(Gedicht „Der Weinberg“)

Daß er seine große Liebe und langjährige Lebensgefährtin verlassen hatte, Katja Hayek-Arendt, ohne deren Hingabe, Intelligenz und Tatkraft er die harten Jahre des Exils, den Beginn im geteilten Nachkriegsdeutschland kaum überstanden, nicht die immense Arbeit und Leistung seiner kongenialen Nachdichtungen aus dem Spanischen vollbracht hätte, wir wußten es; wußten um ihren Schmerz. Sie hat das Tagebuch ihres gemeinsamen Lebens geführt; ihr einsames nach der Trennung; und auch diese Seite seines Naturells, manchmal heftig und sicher nicht immer gerecht, uns hinterlassen.
Da sie als wesentliche Mitarbeiterin seiner Übertragungen nicht erwähnt wird – sie hat darunter gelitten – soll hier achtungsvoll „Über Asche und Zeit“ (das Gedicht im Band Gesang der sieben Inseln, das er für sie schrieb) ihr Name genannt werden.

wirrnis blieb

in hundert kleidern
seidewehend
der liebesbürtige
tod

heißt es im Gedicht „Hautnackt“ in seinem letzten Gedichtbuch. Eine seiner letzten Reisen führte ihn an die französische Atlantikküste, und das weitgespannte, nahezu epische Erlebnis-Gedicht bringt noch einmal zur Sprache, was ihn als Dichter in seinem antipodischen Leben bis in die entgrenzte Existenz hinein bedrohte, befreite und ihm nur – wie diese sturmumtobte Insel Quessant vor der Bretagne – im erfahrenen Vers erreichbar war

(Vielleicht finde ich wieder
das Wort), unter mir alles
aus Wasser
sichtbar im Nichts werden
die verheimlichten Riffe
mein schmaler Verstand heftet sich
an die wie vom Jenseits
von meiner Innenangst
gehaltenen Flügel
[…]

aufschreit das Meer
dies Maul, nur Gezähn und −
und die Insel dahinten
schon Wort,
in deinem abtrünnigen Schweigen
die vorzeitige Zeile:
Quessant
(aus dem Gedicht „Seenot antipodisch“)

Gerhard Wolf, Nachwort

 

Erich Arendt

hat seinen letzten Gedichtband 1981, nur drei Jahre vor seinem Tod, entgrenzen genannt und man kann das Wort als die umfassende, große Metapher für sein Dasein und Dichten nehmen. Wort, Begriff, Vision, wie man nun will, Begrenzungen des Ortes, der Zeit und der Lebensumstände, günstige wie widrige, zu durchbrechen; Kreuzpunkte zu spüren, zu erkennen, andere Wege zu gehen als alle anderen, Gegebenes nicht hinzunehmen, nicht dieses verflixte Gebundensein auch an das einmal gefundene Wort, selbst den geglückten Vers entgrenzen.

Gerhard Wolf, Rimbaud Verlagsgesellschaft, Klappentext, 2005

 

Beiträge zu diesem Buch (andere Ausgabe):

Horst Nalewaki: Erich Arendt – entgrenzen. Gedichte
Neue Deutsche Literatur, Heft 1, 1982

Utz Riese: entgrenzen – Leid und Utopie in Erich Arendts Dichtung
Neue Deutsche Literatur, Heft 4, 1983

Anton Krättli: Bruckstücke eines großen Traums. Bücher von und über Erich Arendt
Neue Zürcher Zeitung, 17.6.1982

 

Gratulation

Wann haben wir Erich Arendt zum ersten Mal gelesen? War es nicht in den späten fünfziger Jahren? Wir, eine Schulklasse vor der sogenannten Reifeprüfung – aber wenn Reife mit Klarheit zu tun hat, so waren wir unreif. Alles in Frage gestellt, nur nicht ein paar Namen, Bücher, Verszeilen, die man mit sich herumtrug, austauschte, und im Austausch bekamen sie Konturen, Kubus und Säule, Schönheit wenn sie einsam auftritt wie die an den Strand geworfene Muschel, die Symmetrie ihrer Oberfläche erstaunt und die dunkle Wölbung lockt ins Unbekannte. Als hätten wir es schon immer gewußt, schoben wir uns Zeilen wie diese zu, während an der Tafel Deduktionen anderer Art schon dem Schwamm der nächsten Stunde nicht widerstanden −, Fragen die die Dichtung stellt, damit sie Fragen bleiben: Und wolltest die Geliebte? lasen wir und sahen dabei vielleicht auf die Mädchen in der Mädchenreihe oder auf die Bäume auf dem Nordplatz und die von Konwitschnys Orchesterproben in der Kongreßhalle aufgescheuchten Vögel: Und wolltest die Geliebte? Oder war es in einer anderen Schule, im trüben Leipziger Osten, Rauchfahnen am Horizont und Synkopen vom letzten Schlager der Woche unterm Schuh. Gleichviel, Arendt hatte ein anderes Bild für uns: „Brich / die dunkle Feige auf und sieh / die Schamlosigkeit der Frucht!“ Daß man das eine mit dem anderen vergleichen konnte, das war wohl die Kunst. Aber von so weither geholt die Frucht! Wo doch die Apfel und Pflaumen unserer Breitengrade schon rar genug waren bei den Zeiten, als hätten sie etwas mit Krieg und Diktatur zu tun. Feigen! Das war doch Rhodos und Kreta, die griechischen Inseln, der Süden unerreichbar. Doch erfuhr man, der Dichter habe sich, verfolgt, über den Ozean hinwegbegeben müssen, in noch exotischere Ferne.
Von da kam er zurück, ein zweiter Columbus, beladen mit den Papageien der Fremde, den Feigen und Steinen, den fremden Dichtern, die durch seine Zunge sprachen, und lange Zeit so, als sei das poetische Material, das zwischen Hiddensee und dem Erzgebirge zu benutzen gewesen wäre, nur blaß in den Farben und zerbrechlich in den Konturen, um daraus den Funken zu schlagen. Hatte, die Fremde, eine Schlange, in der eigenen Sprache genistet? Das Meer, das Meer! Aber welches? Jetzt sehen wir genauer, ein Œuvre rund wie der Globus, und neu ist es wie sein Autor lebendig, unter Deinen Büchern und Bildern in der Raumerstraße, wo wir uns, lieber Arendt, zum ersten Mal sahen, kommst Du mir immer vor wie Einer der im Begriff ist, auf die Parischen Inseln zu segeln, Homer aber vor der Ausfahrt, wir kennen Deinen Kompaß nicht, aber an dem was Du mitbringst, messen wir den Raum, legen die Koordinaten vom Hier zum Da, und es sind Deine Gedichte immer so gefügt, daß sie zu der Muschelseite, die jeder finden und sehen kann, die verborgene unerfindliche bewahren.
Müssen wir noch sagen, daß wir Feigen auch vom Baum essen, ohne Hintersinn und Lyrik? Der Süden, den wir meinen, eine Landschaft, die bei Michendorf beginnt, in alle Richtungen der Windrose, eine kontrastreiche Landschaft, erst im Dunkeln erkennen wir den apollinischen Gott. Und jedes Gedicht setzt die kleinen chinesischen Glöckchen im Laubwerk unserer Köpfe in Bewegung. Daß es so bleibe: wünsch ich Dir für die folgenden Jahre.

Fritz Rudolf Fries, aus: Gregor Laschen und Manfred Schlösser (Hrsg.): Der zerstückte Traum • Für Erich Arendt, Agora Verlag, 1978

Bitte nicht kommentieren

DAS GENÜGSAME MITTELEUROPÄISCHE FLUSSBETT BILDET auch – ausnahmsweise! – exotische Flußarme aus. An einem solchen habe ich Erich Arendt getroffen, einen deutschen Dichter; der Flußarm war allerdings kolumbianisch.
Die Kulissen meines ersten Besuchs sehe ich deutlich vor mir: In der ganzen Wohnung hingen Bilder eines einzigen Malers: tropische Dschungel, Flüsse unter dem Gewölbe riesiger Bäume, Aktstudien von Negerinnen und Mischlingsfrauen…
Müßte ich sie irgendeinem Ismus zuordnen, so einem ungemein anständigen Postexpressionismus, farbenreiche Kombinationen, stark gewagt für die Maßstäbe in „östlichen Zonen“ Mitte der fünfziger Jahre. Das einheitliche Gesamtbild ergänzten hier und da an den Wänden Indianerdecken und Matten mit gestreiften, fein abgestimmten Ornamenten und auf den Bücherregalen ein paar Statuetten und Vasen, ebenfalls indianischen Ursprungs. Draußen breitete sich ein freundlicher Herbst, aber im Kamin flackerte bereits ein Flämmchen. Der Gastgeber, mein leichtes Erstaunen wahrnehmend, rief mit einer die Welt umarmenden Geste:

Ich bin ein tropischer Mensch! Zehn Jahre in Kolumbien!

Dann erklärte er, die Bilder habe sein Freund Wiedemann gemalt:

Wir sind im Jahr 50 nach Deutschland zurückgekehrt, er blieb in Kolumbien. Nach 1945 trafen dort zwei deutsche Emigrantenströme aufeinander: der alte antifaschistische und der neue: die Nazibonzen. Eine heikle Situation!

Aus unruhigen kleinen Flächen setzte ich langsam ein Mosaik seines ungemein abenteuerlichen Lebens zusammen: nichts als Reisen! Zunächst im wahrsten Sinne des Wortes umherstreifend, vagabundierend: durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Italien. Dann die Emigrationen: Mittelmeer, die Balearen, Mallorca, Nordafrika. Schließlich Spanien während des Bürgerkrieges. Nach dem Zerfall der Fronten ein entsetzlicher Übergang über die Pyrenäen. Dort irgendwo zwischen Bränden und dem Stöhnen Verwundeter und Kranker eine Zusammenkunft mit Artur London. In Südfrankreich die schon vielmals literarisch beschriebene Internierung der Interbrigadisten, Fluchten vor den Faschisten. Dann das glückliche Eingreifen des Zufalls und nach betrüblichem Warten (siehe Transit von Anna Seghers) die Zugfahrt inkognito quer durch das ganze, schon franquistische Spanien; in Portugal an Bord eines der letzten Passagierschiffe in Richtung Westen, und nach allerlei „Zwischenlandungen“ Kolumbien. Die sonderbare Hauptstadt Bogotá.
„Wovon habt ihr dort gelebt?“ Die Antwort, gefärbt von Ironie: „Von Wiener Backwaren.“ Nach einer Pause folgt die Erläuterung:

Katja beherrschte die Kunst, österreichische Spezialitäten zu backen: Schnitten, Kränzchen, Sachertorte, vor allem aber Vanillekipfel… Sie buk, meine Aufgabe war es, die Ware zu verkaufen. Ich hausierte damit bei den reicheren Emigranten, aber auch bei den Bogotáer Honoratioren. Die Dienstmädchen ließen mich meist in die Häuser – ich hatte eine gute Erziehung! –, und die sich langweilenden Damen plauderten während des Probierens gern mit mir. Diese Gänge erledigte ich am Vormittag, wenn die Ehemänner ihrem Erwerb nachgingen. Im Ganzen waren wir erfolgreich. Bald mußte ich nichts mehr anbieten – ich nahm nur noch Bestellungen an und erledigte sie…

Ich kann mir Erich Arendt bei dieser Tätigkeit vorstellen: immer elegant, gut rasiert, im Gespräch gewandt, doch nie zudringlich, gentlemanlike. Später trug er die geliebte Fliege und hatte eine weiße Künstlermähne. Ich habe niemanden kennengelernt, der im Restaurant mit so viel Charme ein schlecht gebackenes Hähnchen zurückschicken konnte. Zwei Plätze in einem voll besetzten Zug zu bekommen, war für ihn kein Problem. Seine unfehlbaren Waffen hießen Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Lächeln. Dabei gehörte er nicht zu denen, die in fünf Minuten ihre gesamte intime Biografie ausplaudern. Er wußte, Fragen zu stellen und zuzuhören. Sprachlich ein Phänomen, hat er dennoch das tschechische „ř“ trotz zahlloser Versuche nie erlernt. Meine Frau Jiřina blieb für ihn immer Irschina…
Der Dichter Arendt veröffentlichte schon Mitte der zwanziger Jahre seine Verse im Sturm, einer der beiden Brutstätten des Expressionismus, aber seine beiden ersten Gedichtbände erschienen erst, als er nahezu das fünfzigste Lebensjahr erreicht hatte (1950 und 1951). Die Eruption erfolgte in den sechziger und siebziger Jahren: ein Dutzend Gedichtbände, darunter ein Sammelband und zwei Auswahlbände. Mit dem bildnerisch anspruchsvollen Buch Säule, Kubus, Gesicht tritt auch der Photograph Arendt hervor, bis dahin eher ein Landschaftsphotograph, er vollendet auch sein umfangreiches übersetzerisches Werk aus dem Spanischen (Pablo Neruda, Alberti, Aleixandre, Guillén, Hernández und viele andere), aber auch aus dem Amerikanischen (Longfellow, Whitman). Und gerade seine ausgezeichneten Übertragungen lateinamerikanischer Dichter riefen das chronische Mißverständnis der deutschen Kritik gegenüber dem Arendtschen „fremdartigen“, der deutschen Tradition angeblich entfernten Vers hervor. Leichthin wurde er als von „anderswo herkommend“ klassifiziert. Die Traditionslinie ist jedoch eine andere, eine ungeläufige: zum Beispiel die drei deutschen Verfluchten des 19. Jahrhunderts (Kleist, Grabbe, Büchner). Daß sie Dramatiker waren, Arendt aber ausschließlich Lyriker, tut nichts zur Sache. Auch eine Nähe zu Heine gibt es (der nicht liedhafte Vers des Nordsee-Zyklus). Von den Zeitgenossen ging Paul Celan ähnliche Wege; Arendt ist nur eine Spur gesprächiger. Wenn er seine Verse vortrug, die als schwer und anspruchsvoll galten, so war das ein feines Spiel mit allerlei abgestuften Bedeutungen – kein Wort (nicht einmal eine Konjunktion), warf der Dichter fort: durchsichtige Seen, den Himmel und die Unterwelt spiegelnd… Die Tropen in seiner Dichtung wurden durch den Süden bereichert: Italien und vor allem die griechische Inselwelt. Das war eine so mikroskopische und durch das Studium vertiefte Passion, daß manche Gedichte einen sogenannten Anmerkungsapparat erzwangen. Das ist bei uns nicht beliebt, man spricht dann sofort und despektierlich von „lehrhafter Dichtung“. Mich aber störte das nie, im Gegenteil!
Einmal stand ich mit Erich am Grab von Halas, Auge in Auge dem „einäugigen Steinblock“ aus Rozseč gegenüber. Aus diesem Schweigen entstand Arendts Gedicht, in dem jener Steinblock sich in einen Apfel verwandelte, aber sein Auge behielt:

Jung,
essend den sonnenschwarzen
Apfel: du spiest in den Sand
die Kerne, daß aus der Erde
Freude wächst, tiefer dem Aug,
das schal ist, im Blattwind,
ohne den Tod.

Es folgen noch zwanzig weitere Verse. Im letzten wird Halas zitiert: „unglücklich glücklich“.
Viel später, im bedrückenden Dunkel der siebziger Jahre, kam Erich Arendt, schon mit seiner jungen Gefährtin, zu uns nach Kunštát, (es mit den Worten kommentierend: „Ich hab eine erotische Zikade im Gehirn“), unangekündigt – zu Ostern. Wir waren ein wenig verstört, im Haus wimmelte es, das Essen reichte nicht, aber nach kurzer Zeit tranken wir schon roten Wein aus Erichs Köfferchen und lasen Verse aus demselben Gepäckstück, die freundliche Zauberei des Gastes vertrieb unsere Verwirrung. Es waren ungewöhnliche, unvergeßliche Feiertage. (Nur so nebenbei fiel ein wenig gebrauchtes Wort: Solidarität.)
Nach der Abreise fand ich auf der Tischecke ein Kuvert mit der Chiffre L. Darin lagen einige größere Banknoten und ein Zettelchen: „Bitte nicht kommentieren. Erich.“

Ludvík Kundera, aus Ludvík Kundera: el do Ra Da(da), Arco Verlag, 2007

 

HERR A. SASS IM FOND
für Erich Arendt

Ich erinnere mich, daß er darum bat
Die Geschwindigkeit erheblich zu drosseln
Er sah vor sich hin
Und doch bemerkte seine leise Stimme
Diese Landschaft ähnelt der Landschaft
Meines Exils.

In Stufen fielen die Weinberge
Zum Ufer. Die Konturen
Waren noch zu erkennen, denn es
War Frühling. Rötlich
Leuchtete die Sonne. Der, der
Fuhr, ließ sich blenden
Und sprach von Stauwerken, die
Geplant seien, den Lauf des Flusses
Zu regulieren.

Auf der Rückfahrt, wir benutzten
Die andere Uferstraße
Wurde die Landschaft sehr deutsch
Geordnet in der hereinbrechenden
Dunkelheit
Herr A. saß im Fond und sagte
Kein Wort.

Rolf Haufs

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + ReclamIMDb
Porträtgalerie

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Günter Gerstmann: Der geistigen Welt der Väter verpflichtet
Neue zeit, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Zum 75. Geburtstag des Autors:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

H. U.: Kunde von Siegen und Niederlagen durch die Poesie
Neue Zeit, 15.4.1978

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Uta Kolbow: In Raum und Zeit
Berliner Zeitung, 15.4.1988

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Uwe Grünging: Erinnerungen an Erich Arendt
Ostragehege, Heft 30, II/2003

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv 1 + 2 + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Brigitte Friedrich Autorenfotos
Nachrufe auf Erich Arendt: Grabrede ✝ Neue Zeit ✝ ndl ✝
Neues Deutschland ✝ LITFASS ✝ Sinn und Form

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