Erich Arendt: Sämtliche Gedichte – Gesang der sieben Inseln

Arendt-Sämtliche Gedichte – Gesang der sieben Inseln

VII

Ich nahm den Schicksalsweg der Meere,
von Traumbild irr, nach offnen Fernen krank,
da einer letzten Liebe Herzensschwere
traumtot im Meere Infidèle versank.

Doch immer taucht ein Riff am Weltenrande
auf, wo des Himmels Dornenhelle brennt,
da weiß und wild bäumender See Gebrande
mit spitzen Hörnern dir das Herz berennt.

Du reffst das Segel… und aus Purpurfluten
hebt, schattend, sich des Abends Rumpf.
Und siehst vor dir das Blut der Felsen bluten.
Der Stein ergraut. Der Himmel: fahl und stumpf.

Dann schlägt das Meer in vorgefühlter Stunde
sein Lid auf… weltraumdunkel, fern.
Schwarz blüht ein Schmerz am Meeresgrunde.
Ansingt mit weißem Vogelhaupt
der Fels den Stern.

 

 

Nachwort

„… von Traumbild irr, nach offnen Fernen krank…“

Der Gedichtband Gesang der sieben Inseln, erschien 1957 im Verlag Rütten & Loening Berlin.
Im Sommer 1950 aus dem kolumbianischen Exil nach Ostberlin heimgekehrt, hatte Erich Arendt nach den Gedichten aus der Emigrationszeit, gesammelt und vereint in den Bänden Trug doch die Nacht den Albatros (Berlin 1951) und Bergwindballade (Berlin 1952) nur wenige, bemüht bekenntnishafte Verse veröffentlicht, zunächst aber keine eigene Lyrik, weil er sich ausschließlich der Übertragung lateinamerikanischer Poesie aus dem Spanischen widmete, die bis dahin in Deutschland nicht bekannt war (Die Indios steigen von Mixco nieder – Südamerikanische Freiheitsdichtungen, Berlin 1951; Bitter schmeckt das Zuckerrohr – Gedichte des Kubaners Nicolás Guillén, Berlin 1952). An Pablo Nerudas Canto General – in Arendts Übersetzung Der Große Gesang, Berlin 1953 – sagte Arendt später, habe er „siebzehn Monate hintereinander gearbeitet, ohne eine einzige Zeile schreiben zu können“, weil er, „in der Zeit, da ich einen Dichter übertrug, nie eigene Gedichte geschrieben habe“, auch „um Vermengungen, Nichtauthentisches, auszuschließen“ (Arendt im Gespräch mit Achim Röscher, 1973).
Sicher mögen auch die neuen Lebensumstände dazu beigetragen haben, daß sich ihm der eigene Vers versagte, an den er jetzt andere Ansprüche stellte, als an die zumeist politisch intendierten und tradierten, oft balladesken Strophen zuvor; sieht man von dem Zyklus Tolú ab, in dem sich bereits Aspekte seiner künftigen Dichtung abzeichnen.
Arendts Situation in dieser deutschen Nachkriegszeit im geteilten Berlin – hier nur knapp zu skizzieren – bietet ein wechselhaft disparates Szenarium. Ermöglichte ihm die DDR wie zahlreichen namhaften linken, antifaschistischen Intellektuellen und Künstlern, die zurückgekehrt waren, angemessene Unterkunft, sicheres Auskommen und die Möglichkeit einer Atmosphäre „kulturgesättigten und traditionsbewußten Sozialismus“. – Arendt und seine Frau Katja Hayek-Arendt treffen hier wieder auf Kreise mit Brecht und Helene Weigel, mit Ernst Busch und Hanns Eisler, mit Anna Seghers oder Gustav Seitz – so spürte er doch bei allem hoffnungsvollem Neubeginn bald auch die geistige Enge und Begrenztheit, dogmatische Observanz einer Ideologie, die seinem Wesen – „Vagant, der ich bin“ – von Natur aus fremd war. Nach inkriminierenden Befragungen, die im Zusammenhang mit den in die DDR hinein wirkenden stalinistischen Prager Slansky-Prozessen auch ihn betrafen, trat er, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, aus der kommunistischen Partei der SED aus; wenn er auch, Teilnehmer am spanischen Freiheitskampf gegen General Franco, als Verfolgter der Nazis im besetzten Frankreich – „nicht nur von ungefähr getrieben und verschlagen“ – und als engagierter Autor zahlreicher deutscher Emigrationszeitschriften von Südamerika bis Moskau geachtet war, so daß er auf Iniative von Johannes R. Becher 1952 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurde.
Die Entstehungszeit der Gedichte im Band Gesang der sieben Inseln, die man sich bis in die verborgenen Motive hinein vor diesem biographischen Hintergrund denken muß, ist auf die Jahre von 1953 bis 1956/57 anzusetzen, wenn auch erste Entwürfe – etwa zu den Hiddensee-Gedichten – schon früher entstanden sind; schreibt Arendt doch bereits am 11. Juni 1951 in einem Brief an Peter Huchel: „Die Insel ist herrlich. Ich bin zum ersten Mal in Deutschland ganz da, endlich auch in der Landschaft. Hoffentlich gereicht sie mir zu lohnender Produktion.“
Nach dem Tagebuch von Katja Hayek-Arendt halten sich beide zuerst von Mai bis Juli und nochmals im September 1951 in Kloster auf Hiddensee auf und nehmen dort im Haus Muthesius auch für die nächsten Jahre Quartier, wo sie von 1952 bis 1957 jeweils den größten Teil des Sommers verbringen; erste Fassungen der Gedichte „Meeresstille“, „Nördlich“, „Hiddensee“, „Ernte“ und des Poems „Über Asche und Zeit“ datieren aus den Jahren 1953 bis 1955, sie werden wie „Nördlich“ und „Hiddensee“ in der Zeitschrift Sinn und Form (3/1954) oder „Herbst der Meere“, „November“ und „Elegie“ in NDL (1/1955) zuerst veröffentlicht, später für den Druck im Band oder folgende Publikationen, wie immer bei Arendt, überarbeitet. Wir geben hier sämtliche Gedichte in der Fassung des Bandes Gesang der sieben Inseln. Das Titelgedicht, auch inspiriert durch ein Liebeserlebnis mit S. H., entstanden von 1954 bis 1957, in das ferne und gegenwärtige Erfahrungen als Zeitebenen eingehen, nimmt mit seinen Anspielungen mythischer Gestalten und Geschehnisse schon Motive der späteren Ägäis-Gedichte voraus.
Pläne und Auftrag für ein Reisebuch mit Fotos erlauben den Arendts zum ersten Mal nach dem Kriege einen Aufenthalt auf den geliebten Inseln des Mittelmeeres; 1955 sind sie im Oktober auf Elba; 1957 wiederum im Herbst auf Elba, Stromboli, auf Sizilien und im italienischen Positano; Arendt beendet die Arbeit am Band Gesang der sieben Inseln, schreibt an den Gedichten des Bandes Flug-Oden (Berlin und Wiesbaden 1959). Im Frühjahr 1959 besuchen sie Sardinien, Korsika, Stromboli, Mallorca und Ibiza, auf der Rückreise Rom, um den Bildband Inseln des Mittelmeeres abzuschließen, der mit ihren Fotos 1959 in Leipzig erscheint und abbildet, was Erich Arendt in den sich frei entfaltenden Versen verdichtet:

Das Licht des Himmels, um ein Vielfaches vom Meer über die Inseln gestrahlt, hat nicht allein diese rationale Klarheit von Mensch und Landschaft im gegenseitigen Durchdringen miterzeugt, es ist in seiner absoluten Helle, seiner Schattenlosigkeit auch ein phantastisches Element. Felseinsamkeit, Berg und Meeresbucht nehmen unter seiner Allmächtigkeit mythische Züge an, und im Gleisen des Firmaments liegt der Strand von Sant Angelo imaginär, als landete hier in bedeutsamer Stunde, die in jedem Augenblick neu sich erfüllen kann, Ulysses…

In dem als Poem konzipierten, siebenstrophigen Gedicht „Über Asche und Zeit“ sieht Arendt den „Versuch, den inneren Dialog zweier Liebenden im Zeitgeschehen zu gestalten“ und schließt damit in einem letzten Entwurf eines sich weltanschaulich entfaltenden Gedichts einen konfliktreichen Lebensabsabnitt ab, die Erlebnisse (der Hiddensee-Sommer) dieser Jahre und der Eilande unterm Kreuz des Südens mit vergangenen und nahen Widerfahrungen – „Dornenwind der Fremde“ und „meerhafte Weite“ – aufs Wort zu bringen.

Ich nahm den Schicksalsweg der Meere,
von Traumbild irr, nach offnen Fernen krank…

Gerhard Wolf, Nachwort

 

Rezensionen zu diesem Buch (andere Ausgabe):

Fritz J. Raddatz: Gesang der sieben Inseln
Berliner Zeitung 17.8.1957

Eberhard Horst: Flut der Bilder
Neue Deutsche Hefte, Heft 49, 1958

Adolf Endler: Auf neuen Wegen
Neue Deutsche Literatur, Heft 6, 1958

Rene Schwachhofer: Bilder und Visionen der Poesie
Neue Zeit, 11.6.1958

 

Eine Beobachtung

Man muß sich der Art, wie Erich Arendt seine Gedichte vorträgt, völlig hingeben, um dem immanenten Widerspruch oder, wenn man so will, dem Leben dieser als schwer zugänglich geltenden Sprachgebilde auf die Spur zu kommen. Das Bannende an Arendts Vortrag ist sein betont rhythmischer Charakter. Anordnung und Brechung (manchmal mitten im Wort) der Gedichtzeilen stellen den Versuch dar, ihre rhythmische Beschaffenheit auch im Schriftbild sichtbar zu machen. Bei dem Bemühen um eine begriffliche oder gefühlsmäßige Aneignung der Gedichte wird die Bedeutung dieser typographischen Hilfsmittel oft verkannt. Erst die Stimme des Dichters evoziert den rhythmischen Grundton seiner Gedichte und läßt ihn als die bestimmende Kraft ihres Daseins erkennen. Diesem Rhythmus, der sich dem zu ihm Hingezogenen auch in der Gestik, ja in der Reaktionsweise Erich Arendts offenbart, wird beim Vortrag die rationale Bedeutung der Gedichte absolut untergeordnet. Mehr noch: Diese sich einer kritischen Analyse durchaus nicht verschließende Bedeutung der Gedichte wird durch den Rhythmus gestört, nicht selten sogar zerstört. Die Zerstörung des Sinnzusammenhangs durch den Rhythmus, die man als Strukturgesetz der Arendtschen Dichtung anzusehen geneigt ist, eröffnet weite Bereiche möglicher Annäherung jenseits der rationalen Verstehbarkeit dieser Dichtung. Die Wege der Ratio werden verlassen und bereitwillig folgt man den Luftlinien der Assoziationen. Und inmitten der Regungen und Schwingungen des sinnzerstörerischen Rhythmus werden plötzlich zwei Symbole sichtbar – die Symbole von Begierde und Tod. Unabhängig von ihrer Stelle und ihrem Wert im logischen Geflecht des Gedichtes gewinnen die Wörter, die für sie stehen und infolge zwingender Assoziationen sind ihrer viele −, eine leitmotivische Funktion, von der ebenso wie von den Klang- und Tonverhältnissen des Gedichtes die Prägnanz und Vieldeutigkeit des Arendtschen Werkes abhängen.

Norbert Randow, aus: Gregor Laschen und Manfred Schlösser (Hrsg.): Der zerstückte Traum • Für Erich Arendt, Agora Verlag, 1978

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Günter Gerstmann: Der geistigen Welt der Väter verpflichtet
Neue Zeit, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Zum 75. Geburtstag des Autors:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

H. U.: Kunde von Siegen und Niederlagen durch die Poesie
Neue Zeit, 15.4.1978

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Uta Kolbow: In Raum und Zeit
Berliner Zeitung, 15.4.1988

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Uwe Grünging: Erinnerungen an Erich Arendt
Ostragehege, Heft 30, II/2003

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