Erich Fried: Gedichte

Fried-Gedichte

DIE ZEIT DER STEINE

Die Zeit der Pflanzen
dann kam die Zeit der Tiere
dann kam die Zeit der Menschen
nun kommt die Zeit der Steine

Wer die Steine reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Wer die Menschen reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

 

 

 

Verwundbar und deutlich: Erich Fried

Auch wenn Erich Frieds Lyrik keine Ausdrucksdichtung im klassischen Sinne ist, sondern dieser gerade widerspricht, sind doch viele Motive seines poetischen Engagements, ist die Signatur seiner Dichtung untrennbar mit dem Lebensstoff verbunden. Fried wurde am 6. Mai 1921 in Wien geboren. Über seine Kindheit hat er mehrfach berichtet; er war früh entwickelt, trat schon 1927 mit großer Wirkung als Kinderschauspieler auf, schrieb ab 1930 Aufsätze und Gedichte, die vor allem durch die politischen Ereignisse provoziert waren. Dazu gehören das Erlebnis der Juli-Demonstrationen 1927 und das Niederschießen von Arbeitern, die entschiedene Ausgrenzung als Jude (auch und gerade in der Schule) seit 1934, die Gründung einer kleinen Widerstandsgruppe. Nach dem Hitler-Einmarsch in Österreich 1938 werden die Eltern verhaftet, der Vater stirbt an den Gestapo-Mißhandlungen. Ihm gelingt die Emigration nach London, in ein durchaus unfreundliches Exil, auch wenn es anfangs persönliche Unterstützung gab. Er verdient ein mühsames Geld (u.a. durch illegale Abbrucharbeiten, später als Glasarbeiter) und kann seine Mutter und etwa weitere siebzig Emigranten mit käuflichen „Vor-Visa“ nach London kommen lassen. Später arbeitete Fried (bis 1968) für den britischen Rundfunk BBC. Er schloß sich der kommunistisch orientierten Emigranten-Jugendgruppe Young Austria an, trat 1943 aus Widerwillen gegen den dogmatischen Kurs, der u.a. den Selbstmord seines Freundes Hans Schmeier provoziert hatte, wieder aus. Zu den wichtigen Kontakten in dieser Zeit gehörten z.B. Theodor Kramer, Elias Canetti, Werner Milch und Joseph Kalmer; vor allem wichtig waren die nicht ,gesäuberten‘ Flüchtlingsbibliotheken.

Im Dauerexil
Die frühen Gedichte Frieds sind durchaus noch konventionell in Form, Ton und Bildwahl. Die Begegnung mit dem literarischen Barock und der englischen Lyrik, die Rezeption Rilkes, Kafkas, der frühen Moderne führen Fried zum eigenen Ansatz des „ernsten Wortsspiels“, das für ihn auch eine „Lyrik nach Auschwitz“ möglich macht, das den (Sprach-)Bedingungen nachfragt, unter denen Menschen ihr Fühlen und Denken fremdbestimmen lassen.
Fried kehrte 1945 nicht nach Österreich zurück, auch später gab es keinen Grund dafür, wie das Gedicht „Heimkehr“ (S. 9) bezeugt. Den Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland folgte er immer engagierter: 1958 und 1960 kamen seine ersten Bücher dort heraus, eine Sammlung Gedichte und der Roman Ein Soldat und ein Mädchen. Wirklich bekannt wurde er mit dem Gedichtband und Vietnam und (1966), der auf die Studentendemonstrationen gegen den Vietnamkrieg der USA traf und Fried eine Sprecherrolle zuwachsen ließ, die er durchaus politisch interpretierte und annahm:

Viele dieser Gedichte, und Texte aus folgenden Gedichtbänden, wurden als Flugblätter, in Schülerzeitungen, Veranstaltungsprogrammen nachgedruckt oder als Liedertexte verwendet (1968).

Das hat seinen Namen fest mit dem Paradigma ,politische Lyrik‘ verknüpft. Auch daß später vor allem Liebesgedichte folgten, hat daran wenig geändert. Seine Vietnam-Gedichte wollte er „dem Kampf gegen den Vietnamkrieg und gegen die Entfremdungen, die ihn fördern“, gewidmet wissen.
Dieser Zusatz ist wichtig, deutet auf ein poetologisches Programm einen ,operativen‘ Ansatz, die mit den alten Entgegensetzungen von Ausdruck („reine Dichtung“) und Deklamation („politische Dichtung“) nicht mehr zu fassen sind. Fried blieb, in dritter Ehe mit einer Engländerin, Catherine Boswell, verheiratet, im ,Dauerexil‘ London, publizierte seit den spätsechziger Jahren fast jährlich einen Gedichtband im Wagenbach-Verlag, wovon manche, etwa die Liebesgedichte (1979), große Erfolge wurden. Mit über 400.000 verkauften Gedichtbänden dürfte er der gelesenste zeitgenössische Lyriker sein. Ausgedehnte Lesereisen schufen ihm ein anhängliches Publikum. Die kleine Prosa und die Shakespeare-Übersetzungen gehören zentral zu seinem Werk. Er starb am 22. November 1988 einen lange hinausgezögerten Krebstod, sein Nachlaß wird von der Wiener Nationalbibliothek betreut.

Gegengedichte, Grotesken, Warngedichte
Befreiung von der Flucht hat Erich Fried die Neuausgabe seiner Gedichte 1968 genannt, worin er viele seiner frühen Gedichte mit „Gegengedichten“ versehen hat. Beide Termini bedeuten eine These, ein Programm: die neuere deutsche Lyrik sieht Fried – wie Rühmkorf und Enzensberger – als Flucht aus der Wirklichkeit, und er kritisiert nun (auch seine eigenen unbedachten) Anschlüsse an die Volkslied- oder Romantiktradition: als ob durch den Holocaust, die Verwüstung der Städte, die Atomwaffendrohung nicht alles anders geworden sei, auch für Thema und Ton der Gedichte.
Ein Beispiel: Frieds Gedicht „Nachher“ (1958) stellt die Nachkriegssituation bitter genug aus, mischt freilich in den Direktton (verbrannte Städte) naturlyrische Motive (der Wind als Subjekt), die ins Mythische (der Baum-Liebste) und Groteske (sonderbare Geburten) gesteigert werden. Am Schluß steht der Sieg der Natur:

Und grün wird alles…

Die ersten beiden Strophen lauten:

Dann kommen die Mädchen
aus den verbrannten Städten
in ihre Kleider
teilt sich der Wind mit den Hecken

Und manche nimmt einen Baum zum Liebsten
und manche ein Tier
sonderbare Geburten
werden geschlachtet

Das Gegengedicht heißt „Oder weiterleben“, und es streicht das Trostbild der Schlußstrophe („die Wälder reichen / wieder hinab zum Meer“) durch, indem es, unter dem Eindruck des Vietnamkriegs und der Atomdrohung, die poetischen Grotesken von den Bildern der Wirklichkeit überbieten läßt:

Vielleicht ist das alles anders:
Sie bleiben hocken
mit geschmolzenen Augäpfeln
in den Resten der Städte

und vergessen was Liebe ist
und scharren nach Fraß
unter den Vorräten
der verfaulenden Leichen

Von solchen Bildeindrücken führt kein Weg zurück zur konventionellen Lyrik. Fried bildet das ab, indem er – in diesem Zusammenhang – das lyrische Ich zurücktreten läßt. „Leben oder Leben?“ (S. 11) setzt den Erfahrungsschnitt beim Holocaust an, der systematischen Fremderklärung und Ausrottung aller für ,anders‘ Erklärten, vornehmlich der Juden. Vom Leben davor weiß das Ich nicht mehr viel:

Irgendwo
lebt es noch
bis es stirbt

Das Leben danach ist vom „Haß gegen das Sterben“ bestimmt, und das Ich weiß, daß dies nicht „das“ Leben sein kann. Der Text ist dem Ich überlegen, führt den Haß gegen das Sterben ins Engagement für eine menschliche Zukunft hinüber und läßt dann die zweite Strophe wie die erste enden, so daß zweierlei Leben doch wieder eines wird.
Viele Gedichte von Erich Fried arbeiten mit dem Paradox, brüskieren die Erwartungen des Lesers. Das Paradox ist, so Goethe, dem Geist des Widerspruchs verschwistert; für Fried ist wichtig, daß es den Anschein von Losungen negiert, wo diese nicht wirklich in Sicht sind. Seine Warngedichte (1964) arbeiten das auch formal aus. Das Gedicht „Ausweg“ z.B. ist als Paradox gebaut benutzt zugleich die zyklische Form (wenn Anfangs- und Schlußzeile identisch sind, spricht man vom ,Kyklos‘), eine Formgestalt, die eben nicht offen ist sondern den Weg aus dem Gedicht heraus versperrt:

Es muß einen Ausweg geben
aus jenem Aberglauben
der immer meint
es muß einen Ausweg geben

Viele der aphoristischen Gedichte, die man wegen ihrer Kurze auch lakonische Gedichte nennt, arbeiten mit solchen aus der rhetorischen Tradition bekannten Figuren. Die Überkreuzstellung von Wortgruppen, der ,Chiasmus‘ spielt dabei eine wichtige Rolle – die Verkehrung von Bedeutungen kann, so ist das Zutrauen, diese und jene Verkehrtheit vielleicht zurechtrücken. – Warngedichte wollen als Übertreibungen genommen sein, hoffen stets darauf, widerlegt zu werden. Frieds Lyrik ist vom Zutrauen beseelt, daß dies letztlich möglich sei. Seine Sarkasmen und Ironien sind so eher als Warnung vor Verhärtung gemeint, als daß sie dieser nachgeben.

ANTWORT

Zu den Steinen
hat einer gesagt:
seid menschlich

Die Steine haben gesagt:
wir sind noch nicht
hart genug

Leben lernen – Lyrik nach Auschwitz
Die Frage, ob nach Auschwitz noch Gedichte möglich seien, eine Diskussion die mit den Namen Adorno und Celan verknüpft ist, wird von Fried ins Paradox des Überlebens hinübergeführt und damit der Diskussion entzogen:

Wünscht mir nicht Glück
zu diesem Glück
daß ich lebe

Die zentrale Formel „Schuld der Unschuld“ arbeitet mit dem Paradox im Sinne des Novalis: als einer Formel, die schlechterdings keinen Frieden läßt, die immer anzieht und abstößt, immer von neuem unverständlich wird, so oft man sie auch schon verstanden hat. In einem Text mit dem Titel „Meine Toten“ reflektiert der 24jährige Fried auf sein Überleben:

Ich weiss nicht, wer tot ist, aber ich weiss, dass die Mehrzahl tot ist. Darum bin ich zu reich an Toten. Zu reich. […] Ich will ihnen mit Worten ein Denkmal setzen, weil ich nur wenige Gräber kenne und die meisten nie kennen werde. Ich will nicht mit meinen Toten leben…

Die Formel Lebensschatten, Titel des Gedichtbandes von 1981, hält fest, daß dieser Vorsatz („die Welt ist für die Lebenden da“) nicht ganz glücken kann. Der Band endet denn auch mit dem Gedicht „Ein schlechter Schüler“:

Das Leben
hat mich gelehrt
daß ich es
nicht verstehe
und nichts von ihm
lernen kann
und lernen will
am allerwenigsten
mich selbst
und den Tod
zu verstehen

Die Konsequenz, die Fried aus der Situation zieht, „nach Auschwitz“ zu leben und zu dichten, ist mit seiner Titel-Formel Gegen das Vergessen (1987) bezeichnet. In der Lyrik tritt das als Engagement hervor, und zwar als eines, man muß es betonen, das sich gerade nicht nur inhaltlich durchsetzt. Das Gedicht „Wiederholung“ (S. 10) arbeitet die Verwirrung angesichts der Zukunft des Vergangenen mit verwirrenden Wiederholungsfiguren heraus, wobei auch der Chiasmus eine Rolle spielt: noch immer / schon wieder – schon wieder / noch immer. „Wo lernen wir leben?“ fragt Fried und setzt sofort hinzu, daß es nicht darum gehen kann, „nur Erlerntes zu leben“ (S. 13). Es ist diese Haltung, die ihm ein so großes Publikum unter Jugendlichen verschafft hat. Die Absage an das „Nur“ trägt auch sein politisches Engagement:

Erst auf der anderen Seite der Nure
beginnt das Leben
(S. 19).

Engagement und Formkritik
Daß Erich Fried zunehmend ,ausfälliger‘ wurde, ist nicht seine Wahl gewesen. In der Elegie des Jahrhunderts, in Brechts „An die Nachgeborenen“, heißt es:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Frieds Haltung ist weniger streng: er mißtraute jedem Engagement, das für sich aus ideologischen Gründen Unfreundlichkeit in Anspruch nahm. Sein Band Unter Nebenfeinden (1970) ironisierte den erbitterten Kampf der Linien um den rechten linken Glauben und erklärte jedes orthodoxe Programm für barbarisch. „Das letzte aber ist Leben“, heißt es in einem der großen an Hölderlin angelehnten Texte (vgl. S. 50).
Das Gedicht „Nebensache“, das den Band für die Anti-Abweichler eröffnet, beginnt:

Beschäftigt mit meinem Kampf
gegen den Hauptfeind
wurde ich von meinem Nebenfeind
erschossen

nicht von hinten und heimtückisch
wie seine Hauptfeinde sagen
sondern nur von der Seite
auf der er schon lange stand

Entsprechend seinem politischen Engagement für „das Leben“ gibt es vergleichsweise wenig Agitpropgedichte von Erich Fried. Was ganz fehlt, ist der Verkündigungsgestus. Kennzeichnend ist der Duktus des Gedichts „Herrschaftsfreiheit“ (S. 25): es geht von einer Redeform aus, die als Irrtum oder auch Lüge fraglich gemacht wird. Danach erst kommt die Losung („Freiheit herrscht nicht“), die jetzt auf Nachdenklichkeit rechnet – und auf ein kritisches Sprachbewußtsein.
Der Band und Vietnam und (1966) setzt Fried als politischen Dichter in der Öffentlichkeit durch, er wird durchaus zu einer Leitfigur der außerparlamentarischen Opposition jener Jahre und nimmt diese Rolle auch an.
„Die Gedichte hingegen ,dröhnen‘ nicht“, sind auch keineswegs, wie Biermann fand, „Gedachte“, sondern bleiben jeweils der Sprache und den Formen, mit denen unser Wirklichkeitsverständnis manipuliert wird, auf der Spur. Das trifft auf die vielbeschworene Opferbereitschaft zu (S. 30), auf die „Freiheit den Mund aufzumachen“ (S. 31), die Freiwilligkeit des Kriegsdienstes (S. 33); aber auch noch auf so heikle Themen wie den Übergang der radikalen Linken zum Terrorismus: Frieds Gedicht „Verschlechterung“ (S. 37) ist als ,Anadiplose‘ gebaut, eine Verkettungstechnik, wo das letzte Glied einer Wortgruppe zu Beginn der nächsten wiederholt wird. Diese Form stellt einen Zwang aus, der einige „vom „Singen“, zum „Töten“ führte, einen Zwang, der, wie Frieds Lyrik überall zeigt, von der Rückbesinnung auf das Subjekt und der Anerkennung seiner Ansprüche her gewiß zu brechen gewesen wäre. Gegen eine verengende Parteilichkeit wenden sich auch Frieds „Fragen in Israel“ (S. 38), die ihm nicht nur Freunde gemacht haben.

Dichter der Sprachwirklichkeit
Frieds Sprachspiele und Formfiguren gehen von der Einsicht aus, daß ein bloß inhaltliches Engagement nichts austrägt, jedenfalls keine politische Arbeit für den Künstler darstellt. Sein dichterisches Werk versucht, kritisch den Weisen nachzufragen, unter denen unsere Erfahrung gebildet und gutteils geformt wird. Auch die traditionelle Forderung, die Kunst habe funktionsfrei zu sein, gehört dazu. Gegen die Autonomie-Ästhetik setzt Fried einen kleinen Text (und sein gesamtes Œuvre): „Nichterfüllung des Kunstsolls“ (S. 47), darin das Sollen sich totläuft seine blinde Mehrfachsetzung (Tautologie) nichts als Leere anzeigt. Der klassische Glaube an die Verheißung einer ästhetischen Erziehung, derzufolge es „die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert“ (Schiller), ist nach 1945 (spätestens) gründlich desavouiert. Die literarische Moderne setzt die Erfahrung auch der geistigen Fremdbestimmung voraus. „Die Gedanken sind frei“ ist ein Lied aus verschollenen Zeiten; sie sind es jedenfalls mehr selbstverständlich. Was man als ,Ideologisierung des Bewußtseins‘ beschrieben hat, die Besetzung auch tieferer Schichten des Selbst mit Inhalten und Strebungen, die nicht das eigene Interesse ausdrücken, weckt, als moderne Erfahrung, eine neue Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Form.
Dabei geht Fried nicht so sehr vom alten Formenkanon aus, sondern entwickelt vielfältig neue Gedichtmuster, die weitgehend von rhetorischen Figuren inspiriert sind. Seine lyrische Arbeit ließe sich formal denn auch als „Versöhnung von Rhetorik und Poesie“ beschreiben. Dabei stand die anglo-amerikanische Lyriktradition gewiß Pate: die strenge Trennung dieser beiden Redeformen war eine deutsche Eigentümlichkeit. Zugleich tritt die weitreichende Einsicht hinzu, daß unsere Wirklichkeit zunehmend sprachlich verfaßt ist, uns als Sprache gegenübertritt, textuell interpretierbar ist. Eine Lyrik, die darauf achtet und sich als Ein-Spruch, Wider-Spruch, Zu-Spruch darstellt (wie bei Brecht, Enzensberger, Rühmkorf und Fried), trifft eher auf Wirklichkeit als jede Parteiparole, vgl. die „Sehnsucht nach Worten“ (S. 47). Immer wieder brechen Frieds Gedichte die Sprechmuster, unter denen uns die Wirklichkeit begegnet, wiederholend auf und brechen so, auf dem Dialog bestehend, deren Bann. „Fügungen“ (S. 48) hat er das genannt und das Subjekt keineswegs als Herrscher der Sprache eingesetzt, ist es doch selbst gutteils sprachlich verfaßt, vermittelt.
Die Liebesgedichte gewinnen ihre Intensität vor allem daher („mit geschlossenen Augen warten“, S. 58) und gehen zugleich von der Gewißheit aus, daß es mehr gibt, als die Sprache uns vermitteln kann. Fried faßt das in der Form der Tautologie, die nun nicht mehr als Fehler, als Ausdrucksarmut oder Leere erscheint, sondern als Weigerung, alles in Sprache zu übersetzen. So kann es vor Einsprüchen bewahrt bleiben:

Es ist was es ist
sagt die Liebe
(S. 55).

Auch das Gedicht „Dich“ (S. 56) ist so gebaut. Man kann diesen Formzug durchaus mit Frieds Bekenntnis zur Wörtlichkeit zusammendenken, mit der Absage ans Bild, an die Metapher, das Über-Setzen aus der Sprache hinweg, wie es die traditionelle Lyrik („Du bist wie eine Blume“) weithin charakterisiert. Sein Gedicht „Lebenslauf“ (S. 67), angesichts des nahen Todes geschrieben, ist ein Nachruf in der Gegenwartsform, im Präsens. Doch das gilt nicht für den Anfang und den Schluß, die Imperfekt und Futur gebrauchen, beide Male in der Absage an den poetischen Duktus der Übersetzung:

Ich war kein Stein keine Wolke
keine Glocke und keine Laute

und werde kein Stein sein
keine Wolke und keine Glocke

Diese Absage an eine altertümliche Bildpraxis ist Konsequenz, wenn man so will, einer poetischen Moral, geprägt durch das Gehenlassen des Anderen, was ihn zum engagierten Humanisten, politischen Moralisten, zu einem großen Liebenden, einem hervorragenden Übersetzer und – zu einem der wenigen wirklich konsequent modernen Dichter machte.

Alexander von Bormann, Nachwort

 

Erich Fried,

Jude aus Wien, Emigrant, politischer Kommentator für die BBC, Romancier und Shakespeare-Übersetzer, ist doch vor allem als Lyriker bekannt. Der hier vorgelegte Querschnitt durch ein umfangreiches lyrisches Werk zeigt die thematische Weite des Dichters, die von politischer Lyrik zu Liebesgedichten, Naturlyrik zu Grotesken reicht.

Philipp Reclam jun. Stuttgart, Klappentext, 1993

 

Gelungene Auswahl der schönsten Gedichte

Dieses kleine Heftchen beinhaltet einen wirklich repräsentativen Querschnitt der Gedichte Erich Frieds – ideal, um Fried kennen zu lernen ohne viel Geld auszugeben! Viele seiner schönsten Gedichte sind in diesem Heft zu finden, Gedichte aus den verschiedensten Bereichen, von politischer Lyrik bis hin zu Liebeslyrik. Wunderschöne Gedichte in ganz einfacher und verständlicher Sprache, doch dennoch – oder gerade deshalb – wahnsinnig ausdrucksstark. In Frieds Gedichten und Gedanken lassen sich wunderbar viele kleine Wahrheiten entdecken, es sind Gedichte, die zum Nachdenken anregen und oft auch wirkliche Erkenntnisse hervorrufen.

Ein Kunde, amazon.de, 11.4.2001

Meister der politischen Gedichte

An Erich Fried begeisterte mich immer wieder, daß er die politische Dimension auf vielfältige Weise in sein Werk eingebaut hat. Hier in diesem Bändchen sieht man einen kleinen Überblick, ich habe zu Hause mir die Gesamtausgabe geleistet. Das Gedicht über Nicaragua auch viele Gedichte über israelische Schandtaten, aber auch sein Engagement, damit ein atomar geführter Krieg nicht Wirklichkeit wird, habe ich mir sehr genau angesehen. Mich haben die gelungenen Gedichte sehr interessiert, weniger die allzu profanen Arbeiten. Aus dieser Essenz sind viele meiner eigenen Gedichte entstanden. Ich habe versucht meine eigenen Stimme hervorzubringen. Das Fried mir dabei viele Anstöße gegeben hat, dafür bin ich ihm sehr dankbar. In meinen Gedichtbänden Umstellt. Sich umstellen und Republik der Falschspieler (Marko Ferst) ist in erheblichen Ausmaß sein Einfluß zu erkennen, gleichwohl inzwischen einiges mehr zusammenkommen dürfte.

Marko Ferst, amazon.de, 22.10.2010

 

Lesung von Erich Fried am 25.9.1986 im Literarischen Colloquium Berlin

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Klaus Wagenbach: Nachruf auf Erich Fried

Detlef Berentzen: Ein gebrauchter Dichter. Eine Textcollage zum 15. Todestag von Erich Fried

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Nachruf auf Erich Fried: Die Zeit

 

Deutsche Dichterflora-Knollenfried

 

Erich Fried Liebesgedichte vorgetragen von Frank Hoffmann mit dem Jazztrio mg3.

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