Ernest Wichner: Steinsuppe

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ernest Wichner: Steinsuppe

Wichner-Steinsuppe

GEDICHT ÜBER DIE SEKUNDE DA VON DEN
DICHTERN GÜNTER KUNERT PETER MAIWALD
UND PETER RÜHMKORF EIN FOTO ENTSTEHT

Münster, 18. Mai 1985 18.07 Uhr:
die Matadore stehen auf ein weißer
Blitz schlägt durch den Saal ach
stünde auf der Bühne solch ein Baal
ein Bauch son Bierfaß zweimalhundert
Liter rund und lachte lachte laut
aus vollstem Hals ins Licht das ihm
entgegenfliegt

aaaaaaaaaaaaader Reimzwang wäre
endlich abgehakt (der Lauch der Strauch
der Rauch der Schlauch der Brauch der
Hauch ja selbst das Auch) bloß Bauch
noch Lachen bliebe von der Bühne her
im (siehe oben) weißen Licht das jetzt
aus diesem Dunkel hier sein Dichter-
Negativ sich bricht

 

 

Steinsuppe,

eine alte Geschichte, und die geht so: Zur Mittagszeit bettelt ein Landstreicher bei wohlhabenden Bürgern um einen Topf mit Wasser. In den gibt er seine mitgebrachten Steinchen und bitte noch um diese und jene Zutat. Schließlich hat er eine wohlschmeckende Suppe beisammen… Nicht anders reichert Ernest Wichner seine Gedichte an und bereichert kraftvoll-originell unsere deutsche Gedichtsprache. Steinsuppe ist Ernest Wichners erste Buchveröffentlichung.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1988

 

„Immer in Grenzland“

Ernest Wichner, 1972 im Banat, dem deutschsprachigen Teil Rumäniens, geboren und seit 1975 in West-Berlin lebend, legt mit Steinsuppe seinen ersten Gedichtband vor. Das Titelgedicht, bescheiden auf „Steinchensuppe“ verringert, bliebe ohne die Vorbemerkung vermutlich unverständlich:

Steinsuppe, eine alte Geschichte, und die geht so: Zur Mittagszeit bettelt ein Landstreicher bei wohlhabenden Bürgern um einen Topf mit Wasser. In den gibt er seine mitgebrachten Steinchen und bittet noch um diese und jene Zutat. Schließlich hat er eine wohlschmeckende Suppe beisammen…

Für Wichners Texte läßt sich das gelegentlich, nicht durchgängig als Rezept ausmachen. Er stellt Bilder aus, die aufgefunden sind, in der Heimat vielleicht oder in der Literatur: „Heuduftdämmer, fuhrenweise verleugnetes Leben, Feldrandpoesie.“ Sie werden stets durchsichtiger, bis nur eine Geste übrigbleibt, ein sehr humaner Umgang mit Vorgefundenem: „Erinnerung an Landschaftsbilder“:

vor mir im Tal
über den Giebeln
kein Rauch
keine
leise Verschwendung
mit Bach hier und gewunden
liegendem Pfad
Ruhe ist
ein kippendes Bild voller Wirklichkeit
die fällt in sich
ein.

Es gibt, dem Steinsuppe-Prinzip folgend, allerlei Anspielungen und Intertexte: auf den Expressionismus („Kreisende Feuer, Nacht- / Spiralen. Wir bleiben, fliegen / hindurch“), auf Trakl (der im kalifornischen Exil Brechts Einladungen abweist: „Sebastian schläft“). auf Hans Arp, Tzara, Jandl, Pastior, Rilke („Wer jetzt kein Rad hat. Messerscharf“ und manche andere.
Die Position Tzaras, in Zürich die fremde als die eigene Sprache anzunehmen, wird von Wichner so einfühlsam nachgezeichnet, daß Identifikation wahrnehmbar wird:

da geh einer seine Sprache
ab, die andere, in Trauer endend und
Müdigkeit. Wort-

verstellte Schritte, immer
in Grenzland und doch

Bedeutungen nachtregend, die
keiner gemeint noch
vergessen zu haben glaubt.

Es ist ein reicher Band, in acht Abteilungen gegliedert, die jede ein eigenes Gesicht haben. Die siebente z.B. geht mit surrealistischen Mustern um: „Wie ein Lauffeuer verbreitet sich der Geruch eines Gerüchts über die Stadt. Darunter tun Menschen ihr Leben.“ Die surrealistische Querdenktechnik soll erläutern helfen, warum „wir anders leben als wir leben“, ob das Bodenlose vielleicht doch einen Boden hat (und sei’s in den Metaphernketten und metonymischen Reihen), warum Anfänge nicht immer trostlos sind:

Hinter jedem Anfang steckt ein dürrer Zweig. Das ist gesagt und macht ab nun das Leben grün. Die restlichen Farben holt es sich selber ab.

Der Humor Wichners ist nie wohlfeil kommt aus der Vertrautheit mit allen Poesien und einer entsprechenden (milden Skepsis. Die geht nie in Sprachverweigerung über, das wäre ihm zu pathetisch und wortgläubig. Wichners Lyrik setzt Widerworte. die sie dem Sprachfluß entnimmt: das ergibt mindestens muntere Wirbel.

Alexander von Bormann, die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

 

ERNEST WICHNER

Es war einmal eine die nannten
alle R und nicht etwa L oder M
Die kannte K aus Ö oder Ä bei F
Und B war ihre ärgste Feindin
Oder G und H wegen der Sache
mit Q und T U X als L zu O von
jener R oder K geredet hatte und
dass es immer wieder auf J mit W
und V zu F hinausläuft wenn J., dkl.
schl. m. Int. f. Ehrl. gesell aktiv
trifft und nach R fragt die B L D ist
und mit Gefühlen ausgestattet

Peter Wawerzinek

 

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