Ernesto Cardenal: Auferstehung für die Völker

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ernesto Cardenal: Auferstehung für die Völker

Cardenal-Auferstehung für die Völker

APOKALYPSE

aaaaaUND SIEHE
aaaaaich sah einen Engel
aaaaaaa(all seine Zellen waren elektronische Augen)
und ich hörte eine Stimme mit Überschall
die zu mir sprach: Nimm deine Schreibmaschine und
aaaaaschreibe
aaaaaund ich sah ein silbernes Projektil das flog
aaaaaund es flog von Europa nach Amerika in 20 Minuten
und der Name des Projektils war Wasserstoffbombe
aaaaaaaaaa(und die Hölle begleitete es)
aaaaaund ich sah einen fliegenden Teller vom Himmel fallen
Und die Seismographen verzeichneten ein großes Erdbeben
und auf die Erde fielen alle künstlichen Planeten
aaaaaund der Präsident des Nationalrats für Strahlung
aaaaader Direktor der Kommission für Atomenergie
aaaaader Verteidigungsminister
aaaaaaaaaaalle hatten sich in ihren Höhlen versteckt
und der erste Engel blies die Alarmsirene
aaaaaund es regnete vom Himmel Strontium 90
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaZäsium 137
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaKohle 14
und der zweite Engel blies die Sirene
und jedes Trommelfell platzte im Umkreis von 300 Meilen
durch das Krachen der Explosion
und jede Netzhaut verbrannte auf die das Licht der Explosion gefallen war
im Umkreis von 300 Meilen
aaaaaund die Hitze im Zentrum war wie die der Sonne
und der Stahl das Eisen das Glas der Beton verdampften
aaaaaund fielen nieder verwandelt in radioaktiven Regen
und ein Sturm brach los mit der Stärke des Hurrican Flora
und 3 Millionen Autos und Lastwagen flogen durch die Lüfte
und zerschellten an den Gebäuden explodierten wie Molotow-Cocktail
und der dritte Engel blies die Alarmsirene
und ich sah einen Pilz über New York
aaaaaaaaaaaaaaaund einen Pilz über Moskau
aaaaaaaaaaund einen Pilz über London
aaaaaaaaaaaaaaaund einen Pilz über Peking
(und Hiroshimas Schicksal war zu beneiden)
Und alle Geschäfte und alle Museen und Bibliotheken
und alle Schönheit der Erde
aaaaaaaaaaaaaaaverdampften
und sie waren von da an Teil der Wolke aus radioaktiven Partikeln
die über dem Planet schwebte und ihn vergiftete
aaaaaund der radioaktive Regen brachte einigen Leukämie
aaaaaaaaaaaaaaaund anderen Lungenkrebs
aaaaaaaaaaund Knochenkrebs
aaaaaaaaaaaaaaaund Unterleibskrebs
und die Kinder wurden geboren mit grauem Star in den Augen
und die Gene waren geschädigt für 22 Generationen
aaaaaaaaaa– und das war der 45-Minuten-Krieg –
aaaaa7 Engel
hielten Becher aus Rauch in den Händen
aaaaa(und der Rauch hatte die Form eines Pilzes)
und ich sah den ersten den großen Becher erheben über Hiroshima
aaaaa(wie einen Eisbecher wie vergiftetes Eis)
aaaund ein bösartiges Geschwür erschien
und der zweite goß seinen Becher über das Meer
aaaund das ganze Meer wurde radioaktiv
aaaaaaaaaaund alle Fische starben
und der dritte vergoß einen Becher mit Neutron
und es war ihm gegeben die Menschen zu versengen mit einem
aaaFeuer wie das der Sonne
und der vierte vergoß seinen Becher der von Kobalt war
und es war ihm gegeben Babylon den Pokal zu reichen mit dem Wein des Zorns
und eine Stimme rief: Werft das Doppelte an Megatonnen das sie warf!
Und der Engel der den Knopf dieser Bombe hielt drückte den Knopf
Und sie sprachen zu mir: Du hast ja noch nicht die Typhusbombe
aaaaagesehen und die Q-Fieber-Bombe
Ich schaute weiter die nächtliche Vision
und ich sah in meiner Vision wie im Fernsehen
daß aus den Massen herauswuchs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeine Maschine
aaaaaaaaaaaaaaaschrecklich und überaus fürchterlich
und sie war wie ein Bär wie ein Adler wie ein Löwe mit Flugzeugflügeln
mit vielen Propellern und voller Antennen und ihre Augen waren Radargeräte
und ihr Gehirn war ein Computer der die Nummer der Bestie errechnete
und hinausbrüllte über viele Mikrophone
aaaaaaaaaaaaaaaund der den Menschen Befehle gab
und alle Menschen fürchteten die Maschine
ich sah auch in der Vision die Flugzeuge
Flugzeuge schneller als der Schall mit Bomben von 50 Megatonnen
und kein Pilot lenkte sie und nur die Maschine hatte sie in der Gewalt
und sie flogen in Richtung auf alle Städte der Erde
und sie zielten auf alle
Und es sprach der Engel: Kannst du sehen wo Columbus Circle war?
aaaaaaaaaaUnd das Gebäude der Vereinten Nationen?
Und wo Columbus Circle war
aaaaaaaaaasah ich nur eine Grube so groß wie ein 50stöckiges Haus
und wo das Gebäude der Vereinten Nationen war
sah ich nur einen grauen Abhang bedeckt mit Moos und mit Entendreck
und weiter fort Felsen schaumbedeckt und schreiende Möwen
Und am Himmel sah ich ein großes Licht
aaaaaaaaaagleich der Explosion einer Million Megatonnen
und ich vernahm eine Stimme die zu mir sprach: Nimm dieses Radio
und ich nahm das Radio und ich hörte:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaBabylon ist gefallen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaDas große Babylon ist gefallen
und alle Radios dieser Welt brachten dieselbe Nachricht
Und der Engel gab mir einen Scheck der National City Bank
und er sprach zu mir: Löse diesen Scheck ein
und keine Bank löste ihn ein weil alle Banken bankrott gemacht hatten
Die Wolkenkratzer schienen nie dagewesen zu sein
Eine Million Brände entstanden zur gleichen Zeit und da war kein Feuerwehrmann
und da war kein Telefon um den Krankenwagen zu rufen und da war kein Krankenwagen
und für die Verletzten einer einzigen Stadt gab es in der ganzen Welt nicht genügend Plasma
Und ich vernahm eine andere Stimme vom Himmel die sprach:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaGeh fort mein Volk
damit dich nicht infiziere die Radioaktivität
aaaaaaaaaaaaaaaaaund dich die Mikroben nicht erreichen
aaaaaaaaaaaaadie Antrax-Bombe
aaaaaaaaaaaaaaaaadie Cholera-Bombe
aaaaaaaaaaaaadie Diphterie-Bombe
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Tularemie-Bombe
Im Fernsehen wird man das riesige Unglück sehen
aaaaaaaaaaaaaweil auf Babylon schon die Bombe gefallen ist
und man wird sagen: O die Geliebte Stadt
die Piloten werden sie sehen vom Flugzeug aus und werden ihre Nähe fürchten
die Überseedampfer werden in großem Abstand ankern
aus Furcht die atomare Lepra könne über sie herfallen
Und auf allen Wellenbereichen vernahm man eine Stimme die sprach:
aaaaaaaaaaALLELUJA
Und der Engel führte mich in die Wildnis
aaaaaaaaaaund in der Wildnis blühten Laboratorien
und dort macht der Teufel seine atomaren Versuche
und ich sah die große Hure auf der Bestie sitzen
(die Bestie war eine technologische Bestie übersät mit Slogans)
und die Hure ergriff alle Arten von Schecks und Gutscheinen und Aktien
und Geschäftspapieren
und sie war betrunken und sang mit ihrer Nuttenstimme wie in einem Nightclub
und in der linken Hand hielt sie einen Becher voll Blut
und sie betrank sich mit dem Blut aller für die sie gebüßt hatte
und aller jener die verurteilt worden waren von Kriegsgerichten
und aller die man an die Wand gestellt hatte
und aller Widerständler der Erde
aaaaaaaaaaaaaaaund aller Märtyrer Jesu
und sie lachte mit ihren Zähnen von Gold
aaaaaaaaaaaaaaaund der Lipstick auf ihren Lippen war Blut
und der Engel sprach zu mir: diese Häupter die du dort an der Bestie siehst
aaaaaaaaaaaaaaadas sind die Diktatoren
und jene Hörner das sind Führer von Revolutionen die noch nicht Diktatoren sind
aber sie werden es später sein
und sie werden gegen das Lamm kämpfen
aaaaaaaaaaaaaaaaund das Lamm wird sie besiegen
Er sprach zu mir: Die Nationen der Welt sind geteilt in 2 Blöcke
aaaaaaaaaaaaaaa– Gog und Magog –
doch die 2 Blöcke sind in Wirklichkeit ein Block
(der gegen das Lamm ist)
aaaaaaaaaaund vom Himmel wird Feuer fallen und sie
aaaaaaaaaaverschlingen
Und ich sah in der Biologie der Erde eine neue Evolution
Es war als sei im Weltall ein neuer Planet aufgetaucht
Der Tod und die Hölle wurden ins Meer des nuklearen Feuers geschleudert
die Massen existierten schon lange nicht mehr
und ich sah eine neue Art geschaffen aus Evolution
die Art bestand nicht aus Individuen
sie war ein einziger Organismus
aaaaaaaaaaaaaaaabestehend aus Menschen statt Zellen
und alle Biologen erstaunten sehr
Doch die Menschen waren frei und diese Einheit von Menschen war eine Person
aaaaaaaaaaaaaaa– und keine Maschine –
und die Soziologen waren verblüfft
Und die Menschen die nicht dieser Art angehörten
aaaaaaaaaaaaaaawaren gleich Fossilien
und der Organismus umfaßte den ganzen Erdkreis
und er war rund wie eine Zelle (aber ihre Dimensionen waren planetarisch)
und die Zelle war geschmückt wie die Braut die auf den Bräutigam wartet
und die Erde war fröhlich
aaaaaaaaaaaaaaa(als feiere die erste Zelle ihre Hochzeit)
und da war ein Neuer Gesang
und all die andern bewohnten Planeten hörten die Erde singen
aaaaaaaaaaaaaaaund es war ein Lied der Liebe

 

 

Anstelle eines Vorwortes

Berlin, 28. Januar 1980

Verehrter Herr Minister, lieber Bruder Ernesto Cardenal!
Als evangelischer Theologe an der Sektion Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin/DDR arbeite ich an einem Buch über Ihr Denken und Ihren Kampf für eine gerechte Gesellschaft in Ihrem Land und ein menschenwürdiges Leben für alle lateinamerikanischen Völker.
Seit Beginn der nicaraguanischen Revolution bis zum heutigen Tage haben wir in unserem Lande den Fortschritt Nicaraguas mit großem Interesse und solidarischen Aktionen begleitet.
Mit meinem Buch über Sie möchte ich unserem Volk eine weitere Information über die Rolle progressiver Christen wie der Poesie im Befreiungsprozeß Lateinamerikas liefern. So könnte dieses Buch vielleicht ein neuer Impuls im Interesse der Solidarität werden.
In diesem Zusammenhang bitte ich Sie, mir einige Materialien (Interviews, Aufsätze etc.) über Ihre Arbeit als Minister der Regierung der Nationalen Erneuerung und Ihre Ziele in diesem Amt zu senden.
Sie sind einer der Ehrenpräsidenten der Christlichen Friedenskonferenz für Lateinamerika und die Karibik. Ich arbeite innerhalb derselben Bewegung hier in der DDR. So suchen wir – eng miteinander verbunden – unsere Verpflichtungen als an den einen Herrn Glaubende und als Menschen im Interesse der Befreiung der ganzen Welt zu verwirklichen.
Für Ihr wichtiges Amt wünsche ich Ihnen viel Weisheit.

Mit brüderlichen Grüßen Carl-Jürgen Kaltenborn

Managua, 15. Februar 1980

Verehrter Herr!
In Beantwortung Ihres freundlichen Briefes vom 28.1.80 erlaube ich mir, Ihnen beiliegend das erbetene Material über meine Arbeit als Minister der Regierung der Nationalen Erneuerung in meinem Lande zu senden. Ich bin sehr dankbar für die Gedanken Ihres Briefes und Ihr Interesse daran, Ihrem Volk eine umfassende Information über die Rolle progressiver Christen wie der Poesie im Befreiungsprozeß in Lateinamerika zu vermitteln. Daß ich dabei als Teil dieser Information ausgewählt worden bin, ehrt mich außerordentlich.

So grüße ich Sie sehr brüderlich

Ernesto Cardenal, Kulturminister

„Unsere Leben sind Flüsse…“

– Ernesto Cardenals poetische Prophetie. –

I
Historische Wurzeln

Vierhundert Jahre vom eigenen Leben entfernt, niedergehalten und nutzbar gemacht für den Mehrwert, beginnt das Volk Nicaraguas seinen Anmarsch zum Sozialismus. Aus Ruinen sucht es die Reste des Erbes der Väter nutzbar zu machen für eine eigene Zukunft.
Mit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert kam das Evangelium ins Land, die Frohe Botschaft der göttlichen Befreiung. Aber der Kolonialismus ließ auch hier nur Trümmer zu.
Mitten im revolutionären Kampf formt sich die breite Front der Volkseinheit, entdecken Christen das Evangelium neu, findet das mittelamerikanische Volk dank marxistischer Orientierungshilfe den Anschluß an die eigene Geschichte, um selbständig im Verband der Völkersolidarität seine Gesellschaft zu bauen.
Im Schaffen des katholischen Priesters und Dichters Ernesto Cardenal, Kulturminister der Regierung der Nationalen Erneuerung Nicaraguas, werden all diese Linien sichtbar. Sein Denken und Wirken steht beispielhaft für den Kampf seines Volkes und die engagierte Teilnahme von Christen an der Befreiung Lateinamerikas.
In der Gestalt des präkolumbianischen Sänger-Königs Netzahualcóyotl (1402–1470) findet Cardenal die Wurzeln und das Programm seiner Poesie. Im Zyklus „Für die Indianer Amerikas“ widmet er diesem Herrscher der Bundesstadt Texcoco eines seiner schönsten Gedichte. Darüber hinaus findet Netzahualcóyotl auch in anderen Gedichten mehrfach Erwähnung. Er gehörte zweifellos zu den überragenden Persönlichkeiten des präkolumbianischen Amerika. Als bedeutender Dichter förderte er die nuancenreiche Nahuatl-Sprache der Stämme im Seengebiet um Tenochtitlan und Texcoco. Die Sammlung Mexikanische Gesänge aus dem 16. Jahrhundert dient als literarische Urkunde für diese später „Tecpillatolli“ oder „Mexicatlatolli“ genannte Sprache. Netzahualcóyotl scharte an seinem Hofe viele andere Dichter um sich und stiftete Literaturpreise. Er siedelte Kunsthandwerker aus über dreißig Gewerken in seiner Stadt an, entfaltete eine rege Bautätigkeit, wirkte als Gesetzeslehrer und Philosoph. Er gilt bis heute als bedeutender religiöser Reformator, der das Pantheon der umliegenden Völker durch den Glauben an einen Gott, Tloque Nahuaque, zu ersetzen suchte und sich zugleich gegen die blutigen Riten der benachbarten Azteken, besonders gegen deren Menschenopfer, wandte.

Ich bin nicht gekommen Kriege zu führen auf Erden
sondern Blumen zu pflücken
ich, der König Sänger Blumensucher
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaich, Netzahualcóyotl
sein Palast voller Sänger
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht voll Soldaten
Kakaoblumenpflücker…
Nicht Kakaobohnen (die MÜNZEN
um auf den Märkten zu handeln anstatt sie zu trinken)
sondern die Blumen.

Doch die Kakaoblumen trocknen.
Vom Himmel kommt der Sänger.
Aus dem Innern des Himmels die Blumen und Lieder
ja, aus seinem Innern. Blumen sprießen, Blumen sprießen
aus meiner Pauke.     Blumenlied sind meine Worte.
Immer singe ich.     Ich mache
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakeine Propaganda.
Du bist in diesen Liedern, Lebensspender.
Ich gebe meine Blumen und Lieder meinem Volk.
aaaaaaaaaaaaaaIch überschütte es mit Gedichten,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht mit Steuern.
Möge ich nicht umsonst singen.

Die Dichtung Ernesto Cardenals ist tief in der Kultur der eigenen Völker verwurzelt. Der Dichter ist nicht sich selbst entwerfender Ästhet, vielmehr Prophet im Auftrag des lebensspendenden Gottes. Deutlich ausgesprochen ist das in der „Epistel an Monsignore Casaldáliga“:

Vor kurzem fragte mich ein Journalist, warum ich Gedichte schriebe: Aus dem gleichen Grunde wie Amos, Nahum, Haggai, Jeremia…

Für Ernesto Cardenal steht die Poesie im Dienste der Prophetie. Am ausführlichsten hat er sich dazu in einem Artikel der argentinischen Zeitschrift Crisis geäußert :

Mich interessiert die Literatur im Dienste einer größeren Sache, als sie selber ist. Ich entsagte der Literatur, als ich in ein Trappistenkloster eintrat. Damals war für mich dieses Größere Gott. Aber ich hatte die Schrift nicht richtig verstanden. Danach begriff ich, daß man Gott nicht direkt lieben kann: Im biblischen Sinne erkennt man ihn nur (das heißt: man besitzt ihn) durch den Menschen hindurch… Mich interessiert die Poesie. Ja, es ist das, was ich am meisten betreibe. Doch interessiert sie mich in der Weise, wie die Poesie für die Propheten interessant war. Sie interessiert mich als Ausdrucksmittel: um die Ungerechtigkeit zu denunzieren und anzukündigen, daß das Reich Gottes nahe ist.

Dabei muß nicht von jedem Gedicht eine denunzierende Wirkung ausgehen.

Die Poesie darf in keiner Weise begrenzt werden. Doch wenn innerhalb eines ungerechten Systems ein Dichter niemals anklagende Dichtung hätte, würde dies eine Begrenzung sein. In Ländern von extremer Unterdrückung muß die Dichtung wesentlich denunzierenden Charakter haben.

Deshalb zieht Cardenal die Poesie der Prosa vor, „weil sie leichter ist und kürzer / und das Volk sie besser faßt, wie die Poster“.
Welche Macht für ihn die Dichter darstellen, hat er in einem Brief (vom 5. Oktober 1962 aus dem Priesterseminar La Ceja/Kolumbien) an den Herausgeber der Zeitschrift El Corno Emplumado, Sergio Mondragón, zum Ausdruck gebracht:

Jetzt endlich hat mich das erwartete Corno mit seiner herrlichen Nr. 3 erreicht… Es ist eine Freude, hinterher auf diesen Seiten den vereinten Freunden zu begegnen oder neuen Freunden, die man nicht gekannt hat, Dichter unterschiedlicher Sprachen, die doch in einer Sprache reden wie zu Pfingsten – Dichter, zuvor verstreut über Länder oder Kontinente… Ich werde Dir sagen: Ihr erschafft die wahrhafte Panamerikanische Union. Die Panamerikanische Union ist die der Dichter, nicht derer, die auf Banketten sitzen und „mein Volk verschlingen, als ob es Brot wäre“, wie der Psalm sagt. Die Dichter sind diejenigen, die sich trotz der Sprachbarrieren verstehen; denn sie sind diejenigen, die die Kommunikationsorgane besitzen, sind die Stimme des Stammes. Wenn die Dichter nicht den Panamerikanismus verwirklichen, wird es niemand tun. Und sie sind dabei. Zum erstenmal in der Geschichte beginnen sich das nordamerikanische und hispanoamerikanische Volk zu verstehen, in einem wahrhaften Verstehen der Völker; denn sie verstehen ihre Dichter. In Washington hat man noch keine Notiz davon genommen, daß die großen Nationen (einschließlich der Vereinigten Staaten) durch ihre Dichter gemacht worden sind. Ein Wandel der Metrik hat große soziale Konsequenzen, wie Pound sagt. Außerdem ist es notwendig, daß die hispanoamerikanischen Dichter (und das ist eine weitere Aufgabe von Corno damit schon beginnen, die Basis für die Organisation der großen Nationen Lateinamerikas zu legen. Auch dieses werden weder die Militärs noch die Geschäftsleute schaffen. Unsere Grenzen zu zerstören, der Plan des Dichters Bolivar, eine neue Nation zu schaffen – phantastisch! – von Mexiko bis Patagonien: dies vermögen allein unsere Dichter (nun auch unterstützt durch die Yanki-Dichter).

Hierbei dürften Gedanken mitwirken, die Cardenals Onkel José Coronel Urtecho bereits am 19. Oktober 1946 seinem Neffen in Mexiko schreibt. Es ist von der Literatur als einer „freien Notwendigkeit“ die Rede, von einem „freien Verlangen“, das „völlig unökonomisch oder außerökonomisch“ ist und weder von Händlern noch Ökonomen bewältigt werden könnte, sondern allein von Schriftstellern, Dichtern, Künstlern.

Uns muß das Wissen ständig präsent sein, daß das Gute für das Volk nicht exakt das ist, was das Volk möchte, sondern das, was wir entdecken, indem wir an das Volk denken, ohne aufzuhören, wir selbst zu sein. Dabei nehmen wir die Stelle des Volkes ein, durch das, was wir mit dem Volk gemeinsam haben.

Mit dieser Wertung des Dichters stehen wir vor einem lateinamerikanischen Phänomen, das A. Dessau wie folgt beschreibt:

Als die Völker Lateinamerikas ihre Unabhängigkeit errangen und ihre jeweiligen Staaten konstituiert wurden, war dieser Prozeß in den entwickelten kapitalistischen Ländern im wesentlichen bereits abgeschlossen. Daraus erwuchs die Notwendigkeit, die lateinamerikanischen Nationen zu bestimmen, bevor sie sich ökonomisch und sozial in genügendem Maße als solche herausgebildet hatten. Von der Eroberung der Unabhängigkeit bis in die Gegenwart erfüllt daher die lateinamerikanische. Literatur aktiv die Rolle, zur Konstituierung und Entwicklung des Nationalbewußtseins ihrer jeweiligen Völker beizutragen.

Überzeugt von der Macht des Wortes, das aus dem Volke aufsteigt und durch den prophetischen Dichter als Impuls zu ihm zurückkehrt, steht Ernesto Cardenal bewußt im Kontext der Geschichte seines Volkes. In ihr entdeckt er drei Hauptelemente, die er für die Gegenwartsaufgaben kritisch rezipiert. Das erste, die prähispanische Kultur, wurde bereits in der Gestalt Netzahualcóyotls exemplarisch deutlich. Das zweite Hauptelement gewinnt Cardenal in der Auseinandersetzung mit allen Formen kolonialer Unterdrückung und Entfremdung:

Pedrarias schickte Francisco Hernandez de Cordoba
aaaaaaaaaaaaazur ,Ungewissen Meerenge‘
mit Pferden und Armbrustschützen, um zu erobern und zu befrie-
den die Länder von Nicaragua, und um andere zu entdecken…
Luque, Pizarro und Almagro bezahlten die Schiffe.
Er gründete die beiden Städte – Granada und León –
neben den beiden Seen:
aaaaaaaadem See von Granada und dem See von León.
Und neben den beiden Vulkanen:
aaaaadem Mombacho und dem Momotombo.
Mit dem Schwert zeichnete er den Ort der Plaza.
Den Ort der Kirche. Und den der Festung.
aaaaaUnd die Festungen beider Städte spiegelten sich im Was
ser der beiden Seen…

Das dritte Hauptelement bei der kritischen Aufarbeitung amerikanischer Geschichte erkennt der Christ Ernesto Cardenal im Phänomen einer doppelten Kirche, derjenigen Kirche, die mit all ihrem Einfluß der Unterdrückung die Wege ebnet, und der Kirche, die Evangelium – wirklich „Frohe Botschaft“ – repräsentiert, indem sie die Sache der Unterdrückten zu der ihren macht:

Ein Teil der Kirche bekennt sich zur Macht und zum Geld, der andere zu den Armen. Nun, diese letzte Kirche, die Kirche, die sich auf die Seite der Armen und Ausgebeuteten stellt, ist – wie ich glaube – die einzige wahrhafte Kirche.

Diese wahre Kirche sieht Cardenal seit Beginn der lateinamerikanischen Kirchengeschichte in ständiger Auseinandersetzung mit den Mächten der Unterdrückung und der sie stützenden falschen Kirche der Reichen:

In Santiago de Guatemala und in San Salvador
lachten die Konquistadoren über das Buch
De unico vocationis modo
des Fraters Bartolomé de las Casas
und sagten, wenn er „mit Worten und Argumenten“
die Indios in den Schoß der Kirche zurückführen würde
und in die Praxis umsetzte, was seine Rhetorik verspräche,
dann würden sie sicher die Waffen strecken…
Sie würden erklären, ungerechte Soldaten und Generäle zu sein.
Und sie sagten ihm:
Warum gehe er nicht zu den wilden Indios,
allein mit „Worten und frommen Sprüchen“.
Keine andere Provinz war mehr zu erobern
aaaaaaaaaaals die von Tuzulutlán,
durchzogen von Flüssen und Seen und Sümpfen
und traurigen Wäldern, wo so viele Dämpfe aufsteigen,
aaaaaaaaaadaß ständig Regen fällt,
und die Indios dort sind die wildesten und barbarischsten,
niemals zu zähmen,
und man nannte diese Provinz Tuzulutlán,
aaaaaaaaaaaaaaa,Land des Krieges‘.
In diese Provinz erbot sich Frater Bartolomé de las Casas zu gehen.
Um die Indios zu unterwerfen, ohne Waffen, ohne Soldaten, allein
mit dem Worte Gottes.
aaaaa… Was er in der ,Rhetorik‘ geschrieben hatte. In einem
Buch. 
Und Frater Bartolomé de las Casas fragte nicht nach Lohn,
nicht nach Wegzehrung, nicht nach Brot,
Wein, Konserven usw. pro Woche, pro Monat, pro Jahr,
nicht nach dem Bistum jenes Landes.
Er stellte nur eine Bedingung:
aaaaaaaaaaDie Indios sollten niemandem
aaaaaaaaaaaaaANEMPFOHLEN werden.
aaaaaaaaaaSie sollten freie Vasallen Seiner
aaaaaaaaaaaaaMajestät sein.
Und die Fratres machten Gesänge und Verse auf Quiché.

Lange Zeit ist Nicaragua Zwischenstation und Tummelplatz für spanische Eroberer auf ihrer Suche nach der „Ungewissen Landenge“ als Durchfahrtsstraße zu einer fernöstlichen „Himmlischen Stadt“. Dann wird, Mitte des 17. Jahrhunderts, die Stadt Granada von den Engländern (unter Männern wie Henry Morgan) mehrfach erobert und geplündert. Der 15. September 1821 markiert für die ehemalige Generalkapitanie Guatemala das Ende einer dreihundertjährigen Kolonialepoche. Nach der Niederlage der Spanier in Mexiko wird in Guatemala-Stadt die Unabhängigkeit der Zentralamerikanischen Provinzen proklamiert. Nach zeitweiligem Anschluß an das Mexikonische Kaiserreich Itúrbides erfolgt am 1. Juli 1823 die Loslösung der Vereinigten Provinzen von Zentralamerika. Im selben Jahr (am 2. Dezember 1823) erklärt der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, James Monroe, den Doppelkontinent Amerika zur alleinigen Einflußsphäre der USA. Unter der Losung „Amerika den Amerikanern“ würden die USA jeden europäischen Einmischungsversuch in beiden Amerika als für ihre Sicherheit und ihren Frieden gefährlich werten. (Hier begegnen wir also der Vorform der heutigen „Doktrin der Nationalen Sicherheit“!)
Ständig aufflackernde Bürgerkriege zwischen Liberalen und Konservativen führen 1838 bereits zum Zerfall der Zentralamerikanischen Föderation. Aus den fünf Provinzen bilden sich die fünf selbständigen Staaten Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica.
Wie in allen übrigen Staaten Mittelamerikas, prägt die Auseinandersetzung zwischen der liberalen Handelsbourgeoisie (mit Hauptsitz in León) und den konservativen Großgrundbesitzern (mit ihrem Zentrum Granada) auch die innenpolitische Landschaft Nicaraguas. Hinzu kommt, daß Nicaragua sehr bald zum Streitobjekt zwischen Großbritannien und den USA wird. Das Land bietet günstige Bedingungen zum Bau eines Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. 1848 annektieren die Briten den südöstlichen Zipfel des Landes. Davon zeugen die Namen der Küstenstädte Bluefield und Greytown (heute: San Juan del Norte). Sieben Jahre später landet der US-amerikanische Abenteurer William Walker mit einer Söldnertruppe, er läßt sich 1856 zum Präsidenten ausrufen, macht 1857 Granada zu seiner Hauptstadt. Durch vereinigte zentralamerikanische Streitkräfte unter José Estrada vertrieben, fällt der Flüchtling 1860 in Honduras den Briten in die Hände, die ihn den Honduranern zur Hinrichtung ausliefern. Der 1895 erfolgende Zusammenschluß Nicaraguas mit Honduras und El Salvador zur Großrepublik Mittelamerika zerfällt bereits drei Jahre später.
Unter dem Repräsentanten der liberalen Handelsbourgeoisie. dem Präsidenten Zelaya (1893-1909), gelingt es der United Fruit Company, in Nicaragua Fuß zu fassen. Seitdem diktieren die ökonomischen und strategischen Interessen der Vereinigten Staaten von Nordamerika die Geschicke des mittelamerikanischen Landes. Von den USA unterstützte konservative Kräfte stürzen Ende 1909 den liberalen Präsidenten. Anderthalb Jahre später werden die Zölle Nicaraguas durch ein Finanzabkommen mit den USA völlig unter deren Kontrolle gestellt. Zwischen 1921 und 1933 beherrschen US-amerikanische Marineinfanteristen im Verein mit der United Fruit und nordamerikanischen Banken die Innenpolitik des Landes. Der 1914 unterzeichnete Bryan-Chamorro-Vertrag gewährt den USA (bei einer Gegenleistung von 3 Millionen Dollar!) die Rechte zum Bau eines interozeanischen Kanals und zur Errichtung von Militärstützpunkten in Nicaragua.

2.
Jahre der Vorbereitung

Am 20. Januar 1925 wird Ernesto Cardenal Martínez als Sohn einer der führenden Familien des Landes in Granada geboren. Ein Teil der Vorfahren kam aus Spanien, während der Zweitname Martínez die Verwandtschaft mit einem west preußischen Einwanderer Teuffel (in Nicaragua heute: Teffel!) signalisiert, der – nach dem damaligen nicaraguanischen Staatspräsidenten- Martínez als Taufnamen wählt.
In das Geburtsjahr Cardenals fällt die Gründung der Kommunistischen Partei Nicaraguas (1944 in Sozialistische Partei umbenannt); es ist zugleich das Jahr des gescheiterten panamesischen Volksaufstandes unter dem Kaziken und Volkserzieher Nele aus Kantule. Als Ernesto fünf Jahre alt ist, ziehen die Eltern mit ihm nach León, an den Sitz der väterlichen Familie.
1926 beginnt der bewaffnete Guerillakampf des Generals Augusto Cesar Sandino. Er währt bis zum Abzug der nordamerikanischen Truppen im Jahre 1933. Inzwischen ist mit US-amerikanischer Hilfe eine nicaraguanische Nationalgarde ausgebildet worden, die unter Führung Anastasio Somoza Garcías diesen Truppenabzug kompensiert. Somoza García läßt Sandino 1934 ermorden.

Die Cardenals wohnen

in einem großen Haus bei der Kirche des
Heiligen Franziskus,
das im Flur eine Aufschrift trug mit den Worten
AVE MARIA,
und die Flure waren rot und aus Lehm,
aus alten roten Ziegeln
und Fenster mit rostigen Gittern,
und da war ein beängstigend großer Hof, in dem an windlosen Tagen
eine traurige Rohrdommel die Stunden schlug,
und eine weiße Tante betet im Hof
ihren Rosenkranz.
Nachmittags hörte man das Läuten des Angelus
(„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft…“)
man hörte die Hand eines fernen Mädchens einen Ton anschlagen auf dem Klavier
und die Trompete einer Kaserne.
Nachts stieg ein riesiger roter Mond den Kalvarienberg hinauf.
Man erzählte mir Geschichten von Seelen im Fegefeuer und Gespenstern.

In León war im Jahre 1916 der bedeutende nicaraguanische Lyriker und Erzähler Rubén Darío gestorben. Die Großmutter Ernestos konnte sich noch gut an den Dichter erinnern. Sie mochte ihn allerdings nicht, weil er ihr zu „modern“ war. Der Vetter Pablo Antonio Cuadra schreibt später:

Ernesto Cardenal wuchs unter Dichtern auf. Neffe José Coronel Urtechos – über die Mutter –, mein Vetter – über den Vater – … Seine Großmutter, Dona Agustina – eine Frau von gediegener Bildung –, war ebenfalls eine große Leserin und gute Beraterin. Ich erinnere mich des Kleinen, wie er mit seinem Vogelgesicht… in einem Sessel saß und, ohne mit den Beinen den Boden zu berühren, völlig weltvergessen unaufhörlich Verse las.

Dennoch wollte er als Kind zunächst Maler und Bildhauer werden und erst später Dichter:

Ich erinnere mich, daß ich immer mit großer Freude zum Meer gelaufen bin. Aber nur um Figuren aus Sand zu formen. Nur deswegen.

Die erste Begegnung mit einem der größten Dichter seines Landes, Alfonso Cortés, prägt sich dem jungen Ernesto unauslöschlich ein: Am Ende eines dunklen Korridores des ehemals von Darío bewohnten Hauses sah er den Geisteskranken, mit blauen Augen und rotem Bart, an einer Kette gefesselt. Jahre später widmet Cardenal verschiedene Arbeiten dem Andenken Cortes’ und überträgt seine Begeisterung für das Werk dieses Dichters auch auf Thomas Merton.
Mit zehn Jahren an seinen Geburtsort zurückgekehrt, besucht er die Jesuitenschule in Granada, an der zuvor zwei seiner Verwandten – Angehörige der literarischen Avantgarde Nicaraguas – ausgebildet worden waren: José Coronel Urtecho und Pablo Antonio Cuadra. Der wichtigste Lehrer dieser Jahre wird ihm sein Literaturprofessor, der spanische Dichter Angel Martínez Baigorri S.J.
Die Hauptförderer Ernesto Cardenals, allen voran Pablo Antonio Cuadra und Coronel Urtecho, schufen 1942 eine eigene Zeitschrift, den Cuadernos del Taller de San Lucas. Die Aufnahme in die Bruderschaft Katholischer Schriftsteller gleichen Namens stellt für den Heranwachsenden entscheidende Weichen. Sein erstes Manuskript „Carmen y otros poemas“ – geschrieben zwischen 1943 und 1945 – bleibt noch ungedruckt. In den darin enthaltenen Gedichten ist der Einfluß Pablo Nerudas unverkennbar. Anlaß und Hauptgegenstand der Gedichte ist – und das gilt auch für die folgenden Jahre – die Liebe zu einem Mädchen, deren Name Ernesto Cardenal zugleich zum Titel der Sammlung inspiriert: Carmen.
Von dieser Zeit weiß Pablo Antonio Cuadra zu berichten:

Ernesto, der damals sein Abitur machte, kam zu unseren Zusammenkünften, um uns von seinen Liebschaften zu erzählen und uns seine Liebesgedichte vorzulesen. Er lebte verliebt im wahrsten Sinne des Wortes, weil für ihn das Leben damals keinen anderen Sinn hatte, als zu lieben. Und an dem Tage, an dem seine Geliebte seine Träume verriet, schrieb er ein langes Gedicht, „Die verlassene Stadt“, in dem er die Stadt seines Wahns zerstörte, Granada niederbrannte wie Walker, sie einäscherte, gemeinsam mit dem, was von seinem ersten Liebesfeuer übriggeblieben war.

Mit Ernesto Mejía Sánchez (Jahrgang 1923) und Carlos Martínez Rivas (Jahrgang 1924) gehört Cardenal der Generation 40 an, einer literarischen Bewegung Nicaraguas, die sowohl die avantgardistischen europäischen Strömungen als auch die „New American Poetry“ für sich fruchtbar zu machen sucht. Gepflegt werden in dieser Zeit vor allem Epigramme.

Gestern sah ich Dich auf der Straße, Miriam, und
ich sah Dich so schön, Miriam, daß
(Wie erklär’ ich Dir, wie schön ich Dich sah?)
Du, Miriam, Dich weder so schön zu sehen vermagst noch
Dir vorzustellen, daß Du so schön für mich sein kannst.
Und so schön sah ich Dich, daß mir scheint,
keine Frau ist schöner als Du,
und kein Verliebter sieht je eine Frau
so schön, Miria, wie ich Dich sehe,
und nicht Du selber, Miriam, bist vielleicht so schön.
Warum kann nicht wirklich sein solche Schönheit,
wie ich Dich sah auf der Straße, gestern
oder wie heute mir scheint, Miriam, daß ich Dich sah?

Von 1943 bis 1947 geht Ernesto Cardenal zum Studium von Philosophie und Literatur an die Universidad Nacional Autónoma von Mexiko-Stadt. Dort ist er Schüler des Mexikaners Julio Torri und vor allem des honduranischen Humanisten Rafael Heliodoro Valle. Ein Mitstudent, der spätere mexikanische Schriftsteller Wilfredo Cantón, erinnert sich an den jungen Nicaraguaner, „der zerbrechlich und schüchtern“ nach Mexiko kam, „doch seine Schüchternheit vermischte sich merkwürdigerweise mit Kühnheit und Leidenschaft“. Zu dem Kreis der jungen Leute, den Rafael Heliodoro Valle um sich scharte, gehörten auch Ernesto Mejía Sánchez und der (1921 in Honduras geborene) Guatemalteke Augusto Monterroso.
Cantón schreibt von der Zeit bei dem gemeinsamen Lehrer:

Mit seiner (Valles, d. Verf.) eigentümlichen Euphorie schleppte er uns zu einigen der vielen Feste, zu denen er eingeladen war, und es gab nicht wenige schwankende Tagesanbrüche, die Cardenal als Opfer alkoholischer Exzesse sahen, mit einer unbezähmbaren Übelkeit, die sehr viel mehr war als eine Reminiszenz des Existentialismus, der uns damals aus Europa zu erreichen begann.

Aus denselben Jahren stammt der briefliche Rat José Coronel Urtechos an den Neffen:

Ihre Verse sind voller Paare, Umarmungen, Haare, begehrlicher Gesichter, feuchter, halbgeöffneter Münder… Erinnern Sie sich an meinen Rat:… Alles kann von Ihnen in Zweifel gezogen werden, außer, daß Sie Dichter sind… Es ist notwendig, daß Sie nicht an sich zweifeln, weil Sie in dem Maße weniger Poet und Ihre Gedichte weniger poetisch sein werden, wie Sie den Glauben verlieren. Und wenn Sie den Glauben total verlieren, werden Sie sich in einen Bourgeois verwandeln, der „ein verdammter Ästhet ist“.

Während seines Mexiko-Aufenthaltes schreibt Ernesto Cardenal an Pablo Antonio Cuadra, der mit ihm zusammen einen Taschenbuchverlag zur Publikation von Witzsammlungen, hispanoamerikanischen Erzählungen, Edgar Allan Poe und zur Verehrung der „Jungfrau von Guadelupe“ gründen möchte:

Ich habe hier, allein, in der Abgeschiedenheit meines Zimmers, Las Sirenas a Cherinto gelesen, während von ferne das Meer widerhallte. „Und die weiße Sirene wird die Sonne sehen“ (Rubén Darío), Ich bin immer sehr wachsam gegenüber allen Sirenen. Ich denke, daß Ihnen dieses nicht merkwürdig vorkommen wird. Man muß sich erinnern, daß Odysseus sich nicht die Augen verband, auch nicht die Ohren verstopfte. Er wollte sie sehen. Er wollte sie hören. Ein Dichter darf niemals die Augen verschließen, glaube ich, und sich kein Wachs in die Ohren stopfen. Ich bin sehr aufmerksam gegenüber allen Sirenen. Ohne die geringste Gebärde zu verpassen, höre ich ihre Gesänge, sehe ich ihr Haar, ihre Arme, wie sie untertauchen und sich drehen, um erneut an der Oberfläche zu erscheinen, übersät mit Muscheln, Korallen, Algen. Und das gesamte Meer ist erfüllt von ihnen und ihren Gesängen… Oftmals frage ich mich, warum hinter jeder Frau ein Tier steckt, ein Fisch, ein Drache. Zwischen dem Prinzen und der Prinzessin ist immer ein Drache zu töten. Zwischen meiner Liebe und mir sind viele Drachen. Zwischen Beatrix und Dante war das ebenso. Bei jedem Mädchen ist ein Ungeheuer, das wir töten müssen… Weil ich mich hier deshalb quäle, heften sie mich ans Kreuz, damit ich das Meer sehen und hören kann, damit hinterher, wenn wir nach Itaka kommen – Festland, zu dem hin unsere Reise durch die Welt geht – die Poesie erzählen kann, wie es war und wie „die Sirene, die die Sonne sehen wird“, gesungen hat. Wenn sich die Sirenen in der Dämmerung zurückziehen und das Meer öde zurückbleibt, drehe ich mich zum Pfahl hin, und wir sind uns allein gegenüber, er und ich.

Pablo Antonio Cuadra bemerkt später dazu:

Der Dichter passierte nicht nur das Meer der Sirenen, sondern beschloß, es in sein Mare Nostrum zu verwandeln. Dennoch handelte es sich nicht um einen Plural. Er suchte eine Frau. „Es gibt nicht mehr als eine“, sagte er in einem Brief. „Mich interessieren nicht die Frauen im Plural, mit Minuskeln. Es ist die Frau mit dem großen M (vom spanischen „mujer“ = „Frau“, vielleicht zugleich Hinweis auf Maria, d. Verf.) mit Eigennamen (einen Namen, den ich gut kenne) und der unter ihnen ist.

In solchen Gedankengängen zeichnen sich bereits Elemente ab, die ihn ein Jahrzehnt später zu einer Lebenswende führen werden und die er – seinen Entwicklungsgang reflektierend – im „Leben von der Liebe“ wie folgt beschrieben hat:

Die menschliche Seele ist schon verliebt, wenn sie geboren wird, in einen Geliebten, den sie nie gesehen hat. Es liegt aber ein Widerschein dieses Geliebten auf allen Dingen, und so möchten wir von Geburt an alle Dinge umarmen. Das Kind streckt seine Ärmchen nach allem aus, was es sieht, und alles, was es anfaßt, steckt es in den Mund; es will alles berühren und verschlucken. Wenn es ein wenig größer geworden ist, umklammert es seine Spielsachen, und der erwachsene Mann klammert sich weiterhin und erst recht an alle Dinge. Aber er wird nie befriedigt, weil das, was er umarmt, nicht Gott ist, es sei denn, er ließe eines Tages alle Dinge fahren und klammerte sich nur an Gott. Gott aber findet man nur im Nichts. Dort, wo die Dinge nicht mehr existieren, da ist Gott.
Die Dinge lassen sich nicht besitzen und lassen uns darum ewig unbefriedigt… In der Liebe versuchen wir auch den menschlichen Körper zu besitzen, und auch er läßt sich nie ganz erobern. Nur Gott kann man vollständig besitzen. Nur Gott läßt sich umarmen, weil die Arme der menschlichen Seele zum Umfassen des Unendlichen und zu nichts sonst erschaffen sind.
Gott gibt das Glück der Lust und die Trunkenheit des Weins, ohne daß Lust oder Wein dazu nötig wären. In Ihm ist die Essenz der Trunkenheit. Er ist alle Lust und alle Freude und alles Ergötzen in unendlichem Maße und nicht wie die Schatten der Lust und der Freude und der Liebe, denen wir nachgejagt sind.
In Ihm ist die Schönheit aller Frauen, der Geschmack aller Früchte, die Trunkenheit aller Weine und die Bitterkeit und Süße aller irdischen Liebe vereint, und wer nur einen Tropfen von Gott kostet, der bleibt verzückt für immer.
Ein Mensch, der diese Seligkeit geschmeckt hat, kann nicht mehr dasselbe Leben weiterführen wie vorher…

Während seines Mexiko-Aufenthaltes publiziert Ernesto Cardenal erste Gedichte und legt 1946 seine Diplomarbeit über „Sehnsucht und Sprache in der neuen Lyrik Nicaraguas“ vor. Dabei lebt er keineswegs politisch abstinent. Bei Ferienaufenthalten in Nicaragua sucht er Kontakte mit den anti-somozistischen Widerstandskräften im Lande. Über sein politisches Engagement sagt er selber:

In Mexiko führte ich an der Universität gemeinsam mit den übrigen nicaraguanischen und mittelamerikanischen Studenten eine Kampagne gegen Somoza und die anderen Diktatoren Zentralamerikas durch. Mejía Sánchez beteiligte sich ebenfalls an dem Kampf. Wir vereinigten uns häufig mit den Exulanten aus Nicaragua und den anderen mittelamerikanischen Ländern. Es war eine Zeit vieler Exulanten, von Konspirationen und Revolutionsprojekten. Wir waren immer an ihnen beteiligt.

Kurz nach der Rückkehr in die Heimat schreibt er sich im Jahre 1947 in die Matrikel der Columbia University von New York ein. Hier widmet er sich dem Studium der englischen und nordamerikanischen Literatur. Seine Professuren sind Lionel Trilling, Karl van Doren und Babete Deuth.

Zunächst wohnte er auf dem Universitätsgelände, in der letzten Etage eines zwölfstöckigen Gebäudes, umgeben von Büchern und Zeitschriften, auf Blech gemalten mexikanischen Bildern und nicaraguanischen Guacales, die an den Wänden hingen, mit seiner Schreibmaschine und einem kleinen Radio…, dann in dem „International House“, wo er ein anderes kleines Zimmer im 6. Stock bewohnte, von dem aus man auf die grünen Rasenanlagen eines Parks sah, in dem Kinder, von ihren Eltern begleitet, spielten und verliebte Paare spazieren gingen, oftmals Mädchen desselben „International House“, unter ihnen einige Freundinnen des Dichters, wie die Hindu Cossum, die nach der Art ihres Landes gekleidet ging, dazu mit einem geheimnisvollen schwarzen Mond auf der Stirn; Cristina, eine Hawaiianerin, mit gelber Haut und blauen Augen, oder die Norwegerin Lillian, die im Winter die Schneeballschlachten in demselben Park anführte, in dem man vom Fenster aus ständig Tauben über den Wiesen umherflattern sah.

Bis zu seinem Eintritt ins Kloster ist Ernesto Cardenals Lebensweg durch viele Frauenbekanntschaften geprägt. Dies gilt auch von den beiden New-Yorker Jahren. Aber es bereitet sich während dieser Zeit auch schon die Lebenswende Cardenals vor, besonders durch den Einfluß der Poesie des trappistischen Dichter-Mönchs Thomas Merton.
In Begleitung von José Coronel Urtecho unternimmt Erneste Cardenal im April 1949 eine Reise durch die Neuenglandstaaten, wobei es unter anderem zu einer Begegnung mit Tennessee Williams kommt. Am nachhaltigsten jedoch beeinflussen den jungen Dichter William Carlos Williams und – vor allem – Ezra Pound. Wesentlich von daher mitbestimmt, entwickelt Cardenal gemeinsam mit seinem Onkel den von beiden so genannten „Exteriorismus“, eine poetische Collage, die Cardenal 1971 in einem Gespräch mit kubanischen Studenten wie folgt umschreibt:

Die ,exterioristische Dichtung‘ bringt die Ideen oder Empfindungen durch wirkliche Bilder der äußeren Welt zum Ausdruck: Sie gebraucht Straßennamen oder Namen von Orten, wirkliche Personennamen, mit Familiennamen, Daten, Zahlen, Anekdoten, Textzitate, Worte und Redewendungen der Alltagssprache etc. In diesem Sinne ist auch die konversationelle Dichtung ,exteriotistisch‘. Doch ist die exterioristische Dichtung‘ weiter als die konversationelle. Den Gebrauch von Fachausdrücken oder wissenschaftlichen Begriffen zum Beispiel oder von historischen Dokumenten oder Ausschnitten aus Privatbriefen oder Zeitungsreportagen kann man im strengen Sinne nicht ,konversationell‘ nennen. Das sind eigene Themen, nicht aus der Konversation, sondern aus der Prosa, irrtümlicherweise früher auf die Prosa beschränkt. Das heißt, die ,exterioristische Dichtung‘ schließt alle Elemente ein, die man zuvor für die Prosa beschlagnahmte (Roman, Erzählung, Geschichte, Essay, Journalismus etc.), und darin eingeschlossen ist auch die konversationelle Sprache, der sich vorher die Novelle oder die Erzählung bediente, aber nicht das Gedicht. Die ,ecxterioristische Dichtung‘ unterscheidet sich von der Prosa dadurch, daß sie gedrängter ist, kürzer, effektiver, aber nicht darin, daß sie eine andere Sprache benutzt oder über andere Themen handelt.

Alfredo Veiravé sieht den Effekt des Cardenalschen „Exteriorismus“ darin, daß „die Abkürzungen (Gethsemani, Ky = Abtei Gethsemani im Staate Kentucky) die Hinweise in einem Kodex von Zeichen, durch den Gebrauch von Anführungszeichen, den Leser zu einer Kooperation mit dem Dichter zwingen, dessen gesellschaftliche Mission es ist, die korrumpierte Sprache des Konsummarktes zu ordnen. „Die Botschaft als Mittel der Mobilisierung in der Reaktion des Lesers ist die Basis einer Poesie der Aktion, die Cardenal innerhalb eines poetischen Systems interessiert, das eine praktische Funktion hat.“ Der folgende Ausschnitt aus dem „Nationallied für Nicaragua“ belegt diese „Poesie der Aktion“ sehr anschaulich:

Was singt der Vogel-Geköpft, was singt der Justo-Juez
auf den Drahtzäunen? Die Morgendämmerung eines neuen Tages
neue Arten der Produktion.
Jeder gebe nach seinen Fähigkeiten
jeder empfange nach seinen Bedürfnissen.
Ein System, das alle Lebensbedürfnisse stillt
und die Bedürfnisse bestimmen die Produktion. Beispiel:
die Kleidung wird nicht hergestellt, um Geld zu verdienen, sondern
verdammt, um die Menschen zu kleiden.
Und auch die Luxusvillen sollen enteignet werden
alle arbeitsunfähigen Menschen sollen
in all ihren Bedürfnissen unterhalten werden.
(
Programm der Tupamaros)
Die Worte der POPOL VUH:
„Steht alle auf!“
Es gibt so viel Mais zu pflanzen, so viele Kinder zu unterrichten
so viele Kranke zu heilen, so viel Liebe
zu verwirklichen, so viel Gesang. Ich singe
ein Land, das bald geboren wird. Der See, an einigen Stellen blau, an
anderen wie Silber und Gold. Am Himmel fliegen Reiher.
„Wahrlich, hier fließt Milch und Honig“ sagten die Ausbeuter
und später Jeremia: „Verkündet es auf den Inseln
die Mädchen werden sich freuen beim Tanz“ (Jer. 31,10–13)
Das Menschlein.
Nur das Menschlein muß noch kommen.
(
lhr werdet eingeben in das Reich, doch nicht alle)
Kommunismus oder Reich Gottes auf Erden, das ist das gleiche.
In den Sälen, in denen General Genie seine Gefangenen ,verhörte‘
werden die kleinen Mädchen mit Puppen spielen
und die kleinen Jungen mit Pinocchio.
Die Tanks werden in Traktoren verwandelt
die Polizeiwagen in Schulbusse
und die Maschine wird der beste Freund des Menschen
General-der-freien-Menschen
die Ameisen in der Erde werden es dir erzählen
ja die Zeiten, diese Zeiten des Pinocchio
(und ich träume von dem Tag, an dem es keine Reichen mehr gibt)
Jetzt laßt uns diese Worte an die Wände schreiben
DAS LEBEN IST SUBVERSIV
oder
DIE LIEBE IST DER AGITATOR
Wir wollen mit Leonel Rugama gehen und an die Wände schreiben
WIR GEBEN NICHT AUF.

Hier drängt sich ein Vergleich mit Bertolt Brechts Versuch auf, zum „dialektischen Theater“ zu kommen, das dem Publikum durch verfremdende Abbildung (V-Effekt) das „Ko-Fabulieren“ ermöglicht:

Wir brauchen Theater, das nicht nur Empfindungen, Einblicke und Impulse ermöglicht, die das jeweilige historische Feld der menschlichen Beziehungen erlaubt, auf dem die Handlungen jeweils stattfinden, sondern das Gedanken und Gefühle verwendet und erzeugt, die bei der Veränderung des Feldes eine Rolle spielen.
Das Feld muß in seiner historischen Relativität gekennzeichnet werden können.

Das historisierende Abbild wird etwas von den Skizzen an sich haben, die um die herausgearbeitete Figur herum noch Spuren anderer Bewegungen und Züge aufweisen.

Solche Abbilder erfordern… laufend fiktive Montagen an unserem Bau…, wodurch die aktualen Triebkräfte ihrerseits ihre Natürlichkeit einbüßen und handelbar werden.

Dies ist, wie der Flußbauer einen Fluß sieht, zusammen mit seinem erstmaligen Bett und manchem fiktiven Bett, das er hätte haben können… Und während er in Gedanken einen neuen Fluß sieht, hört der Sozialist in Gedanken neue Arten von Gesprächen bei den Landarbeitern am Fluß.

Cardenals Poesie erwächst aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Alltagswirklichkeit. Daher ihre Offenheit auch für das Banale. Deshalb wechseln in seinen Gedichten nicht selten prophetisch-visionäre mit banal-informativen Passagen, Leidenschaft mit Nüchternheit. Bestimmt aber werden sie mehr und mehr von seinem Streben nach Einfachheit. Gegenüber seinem westdeutschen Verleger Hermann Schulz erklärt er das so:

Ich habe mich früher um Formen mehr gekümmert, und es ist wichtig, sich darum zu kümmern, weil ein Gedicht gut sein muß, wenn es Wirkung haben soll. Aber es passiert, daß man hinter der einfachsten Form nicht mehr die Poesie erkennt. Das ist nicht schlimm. Ich wollte immer und immer einfacher schreiben. Die einfachste und schönste Form ist immer das Ei. Ich möchte Gedichte wie Eier schreiben, wenn das geht. Dann ist es Gebrauchspoesie, einfach und schön… Wozu soll Poesie sonst nutzen?

Während der drei Jahre in den USA konzentriert sich Cardenal auf das Studium der englischen und amerikanischen Literatur. Nur drei neue Gedichte entstehen in dieser Zeit. Doch beginnt er sich gerade in den New-Yorker Jahren als Dichter zu verstehen. Er findet zu seinem eigenen Stil.

In New York schrieb ich das erste Gedicht, das ich zu meiner Produktion zähle, d.h. ich bereits als zu mir oder zu meinem eigenen Stil gehörig anerkenne. Es handelt sich um „Raleigh“.

Zwei hauptsächlich durch Ezra Pound beeinflußte Elemente werden von nun an das poetische Schaffen Ernesto Cardenals mitbestimmen: der Wille zu poetischer Objektivität und die damit verbundene künstlerische Montage von Dokumentarteilen.
Mit seiner Pound-Rezeption unterstützt Cardenal das Bestreben lateinamerikanischer Dichter und Schriftsteller, sich mit den jeweils modernsten literarischen Strömungen sozialökonomisch entwickelterer Länder schöpferisch auseinanderzusetzen.
Dank eines Stipendiums reist Ernesto Cardenal Anfang Oktober 1949 via Paris nach Madrid. Während seines Pariser Zwischenaufenthaltes begegnet er bei Carlos Martínez Rivas Octavio Paz, mit dem ihn von nun an eine dauernde Freundschaft verbinden wird. In Madrid findet er Aufnahme im Colegio Mayor Hispanoamericano de Nuestra Señora de Guadelupe. Sechs Monate zuvor war in Madrid – von Orlando Cuadra Downing herausgegeben – eine Anthologie unter dem Titel Neue Nicaraguanische Poesie erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung, die in ihren Grundlinien seiner mexikanischen Diplomarbeit entspricht, ist Ernesto Cardenal mit drei Gedichten an dieser Anthologie beteiligt: „Die verlassene Stadt“, „Dieses Gedicht trägt ihren Namen“ und „Proklamation des Eroberers“.
Von Januar bis April 1950 erscheinen in der spanischen Zeitschrift Cuadernos Hispanoamericanos aus der Feder Cardenals eine Rezension von The white goddes des englischen Dichters und Romanciers Robert Graves (La diosa blanca“), ein Kommentar zu The ingenious gentleman Don Quixote de la Mancha des Nordamerikaners Samuel Putman („Don Quijote en Norteamerica“) und sein Gedicht „Raleigh“, das er im Juni 1949 noch von New York aus mit der Bitte um kritische Lektüre an Carlos Martínez Rivas nach Paris abgesandt hatte.

III
Gescheiterte Revolution

Im Juli 1950 ist Ernesto Cardenal wieder in Nicaragua. Von nun an lebt er – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – bis 1957 ständig in Managua. Die Gründung einer eigenen Verlagsbuchhandlung El Hilo Azul („Die Blaue Reihe“) fällt in das Jahr 1951. Noch im Oktober erscheint als erster Titel der Reihe Poesía de America eine Anthologie mit 14 Gedichten nordamerikanischer Autoren über Abraham Lincoln, „der poetischsten und heldenhaftesten Gestalt aus der Geschichte der USA“. Außer der Übersetzung und Herausgabe nordamerikanischer Dichtung widmet sich El Hilo Azul der Verbreitung neuerer nicaraguanischer Poesie: unter anderem einer Alfonso-Cortés-Anthologie („30 Gedichte von Alfonso“, 1952); der ersten repräsentativen Auswahl von Gedichten Pablo Antonio Cuadras’ (La tierra prometida = „Das verheißene Land“, 1952); einer Anthologie des Lehrers Rafael Heliodore Valle (Las sandalias de fuego = „Die Feuersandalen“, 1952); einer Ausgabe der Erstlingswerke nicaraguanischer Nachwuchsdichter wie zum Beispiel Fernando Silva oder Ernesto Gutiérrez. Zu all diesen Editionen schreibt Cardenal eine Einführung.
Daneben versucht sich Cardenal mit Erfolg als bildender Künstler. Einige seiner Skulpturen werden auf Ausstellungen in den Vereinigten Staaten gezeigt. 1952 erhält er für sein Gedicht „Mit Walker in Nicaragua“ einen aus Anlaß der 400-Jahr-Feier Managuas gestifteten Literaturpreis. Es entstehen weitere Gedichte, die sich mit der amerikanischen Geschichte auseinandersetzen: „Drake im Südmeer“, „John Roach marinero“, „Mr. Squier in Nicaragua“, „Greytown“, „León“, „Die Freibeuter“ und „Die Rückkehr nach Amerika“ (über Simón Bolívar). Parallel dazu nutzt er die wiederentdeckte dichterische Möglichkeit der Epigramme zu Attacken gegen die Somoza-Diktatur:

Hast Du nicht gelesen, meine Geliebte, in „NOVEDADES“:
SCHILDWACHE DES FRIEDENS, GENIUS DER ARBEIT
VORKÄMPFER DER DEMOKRATIE IN AMERIKA
DER BESCHÜTZER DES VOLKES
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDER WOHLTÄTER…?
Sie entreißen dem Volk seine Sprache.
Und fälschen die Worte des Volkes.
(Genau wie das Geld des Volkes.)
Deshalb feilen wir Dichter so sehr an Gedichten.
Und deshalb sind wichtig meine Gedichte der Liebe.

Die politischen Epigramme (mit der Unterschrift: „Ein anonymer Nicaraguaner“) werden an Mejía Sánchez in Mexiko und an Pablo Neruda in Chile gesandt und dort publiziert. Darüber hinaus finden sie rasch in anderen lateinamerikanischen Ländern wie Guatemala und Kuba Verbreitung. Bekannt werden die Epigramme außerdem durch die nicaraguanische Untergrundbewegung, die sie in Form von Flugblättern vervielfältigt und mit ihnen über die illegalen Rundfunkstationen zum Kampf gegen die Unterdrückung aufruft.
Spätestens seit 1952 ist Ernesto Cardenal Angehöriger der oppositionellen Jugendbewegung Unidad Nacional de Acción Popular (UNAP). Sein väterlicher Freund und Berater José Coronel Urtecho, der sich über das allzu starke politische Engagement seines Neffen beunruhigt, schreibt ihm am 2. Juli 1952:

Vor einigen Wochen las ich drei oder vier Ihrer Artikel in La Prensa (der Oppositionszeitung, d. Verf.)…, zwei von ihnen ganz gewiß sehr gut geschrieben, voller Redlichkeit und Frische. Ich kann aber nicht umhin, besorgt zu sein, indem ich Sie über diese politischen Themen schreiben sehe, einen Teil Ihres Glaubens in diese Dinge legend.

Er gibt seinem Verwandten zu bedenken, daß ein junger Dichter in seiner Entwicklung Schaden nehmen werde, wenn er sich zu sehr mit solchen Dingen einläßt.

Er wird mit Sterilität und Banalität bezahlen, was er an Propaganda und Proselytismus gewinnt. Er wird in dem Maße weniger Poet sein, wie er Politiker wird (denn die Politik ist für die Poesie, was die Leere für die Fülle ist). Und schließlich werden Sie unvermeidlich nichts anderes ernten als Desillusionen und Enttäuschungen… Ich sage Ihnen nicht, daß Sie nicht Mitglied der Gruppe sein sollten, wohl aber, daß Sie nicht in ihr Ihre Intelligenz, Ihren Glauben oder Ihr Herz aufs Spiel setzen sollten.

Trotz solcher Ratschläge geht Ernesto Cardenal den als richtig erkannten Weg konsequent weiter. An der Aprilrevolution 1954 beteiligt er sich aktiv. Ein dreiviertel Jahr zuvor (am 26. Juli 1953) scheiterte in Santiago de Cuba der Sturm auf die Moncada, ein Ereignis, das dennoch zum Fanal für die Gründung der revolutionären Bewegung 26. Juli in Kuba wurde.
Über seine Rolle in der nicaraguanischen Aprilrevolution und die Gründe ihres Fehlschlags äußert sich Ernesto Cardenal unter anderem in einem Interview mit Marie Benedetti im Jahre 1970:

Die Aufständischen trafen eines Nachts mit ihren Waffen in Managua ein, und dort vereinigten sie sich (besser gesagt: wir vereinigten uns) mit anderen Oppositionellen. Um Mitternacht wollte man den Plan, zum Präsidentenpalast hinaufzugehen, realisieren. Doch nach Meinung einiger war die Gruppe, die zusammengekommen war, nicht groß genug. Und so teilten sich die Meinungen. Mich beauftragte man damit, auf Somoza zu achten, um uns zu vergewissern, ob Somoza zum Präsidentenpalast hinaufgefahren war. Somoza war damals auf einem Fest der nordamerikanischen Botschaft. lch erinnere mich, daß wir, ein anderer Kamerad und ich, eine ziemlich gefährliche Mission hatten, die darin bestand, daß wir die nordamerikanische Botschaft beobachten mußten, und zwar nahe genug, um zu erfahren, wann Somoza das Fest verließ. Als wir sahen, daß er mit seiner Eskorte abfuhr, blieben wir ziemlich dicht hinter ihm, bis wir ihn in das Präsidentenpalais eintreten sahen. Danach fuhren wir dahin, wo unsere Kameraden waren, um ihnen diese Information zu überbringen. Aber dort wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, daß der Plan gescheitert war: Weil keine ausreichend große Zahl an Leuten zusammengekommen war, konnte der Angriff in dieser Nacht nicht durchgeführt werden. Am folgenden Tag blieben wir kampfbereit zusammen. Doch um die Mittagszeit wurde einer der Aufständischen verhaftet und gefoltert. So kam Somoza der Verschwörung auf die Spur und ordnete die Verfolgung aller an. Einige entkamen, ein paar fanden Asyl in Botschaften, andere flohen in die Berge, wieder andere wurden gefaßt. Sämtliche entscheidenden Führer wurden verhaftet, gefoltert und danach ermordet.

Cardenal selbst gelingt es, zu entkommen und unterzutauchen. Es entsteht das Gedicht „April“, das später (im Jahre 1956) Teil des Zyklus „Stunde Null“ wird:

Im April wird man umgebracht.
Ich war mit ihnen in der Aprilrebellion
und lernte ein Rising-Gewehr zu bedienen.
aaaaaaaaaaaaaaaaUnd Adolfo Baéz Bone war mein Freund:
Man verfolgte ihn mit Flugzeugen, mit Lastwagen,
mit Scheinwerfern, mit Tränengasbomben,
mit Radios, mit Hunden, mit Guardias.
und ich erinnere mich der roten Wolken über dem Präsidentenhaus
wie blutige Wattefetzen
und des roten Mondes über dem Präsidentenhaus.
Der Geheimsender sagte, er lebt.
Das Volk glaubte nicht, daß er tot sei.
aaaaaaaaaaaaaaaaa(Und er ist nicht tot.)
Weil manchmal ein Mensch geboren wird auf einer Erde,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie diese Erde ist.
Und die Erde, in der dieser Mensch begraben ist,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist dieser Mensch.
Und die Menschen, die später in dieser Erde geboren werden,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasind dieser Mensch.
Und Adolfo Baéz Bone war dieser Mensch.

Ruhm ist nicht das, was in den Geschichtsbüchern gelehrt wird: Ruhm ist ein Schwarm Geier auf einem Feld und ein starker Gestank.

Doch wenn ein Held stirbt,
stirbt man nicht:
dieser Held wird wiedergeboren
in einer Nation.

IV
Lebenswende

Am 29. September 1956 wird Anastasio Somoza García in einem Tanzkasino durch einen Dichter, der sich Rigoberto nennt, ermordet. Es setzt eine grausame Verfolgung aller Oppositionellen ein. Mit diesen bedrängenden äußeren Bedingungen gerät Cardenal zugleich in eine innere Krise, deren Spuren sich in seinem Buch von der Liebe finden:

Wie oft, auch als ich fern von Gott war, tauchte in meinen Träumen ein verschwommenes Antlitz vor mir auf, in den Stunden der Einsamkeit, in der Stille der Nacht, nach Feiern und Festen: Gott unterdrückt, in die Schatten des Unterbewußtseins verbannt. Er war jedoch da, abgebildet auf dem Leintuch meiner Seele, verschwommen und schmerzlich wie das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika. Meine Ängste, meine Träume, meine nächtlichen Schrecken waren eingegraben in dieses Antlitz.

In einem Interview mit Caupolicán Ovalle (im Jahre 1964) betreibt Ernesto Cardenal seine damalige Situation wie folgt:

Ich bin äußerst verliebt gewesen. Ich war geradezu besessen von der Liebe. Von mir hatte die menschliche Schönheit Besitz ergriffen, das heißt: die Mädchen. In Wirklichkeit war dies ein Durst nach dem Absoluten, nach einer grenzenlosen Liebe, die keine menschliche Liebe stillen konnte. Doch das wußte ich nicht. Manchmal in der Nacht, in Momenten der Einsamkeit, insbesondere nach einem Fest oder ausgedehnten Lustbarkeiten mit Freunden, stand ich mir selbst gegenüber und spürte eine heimliche Beklemmung, eine innere Leere. Es war, als ob ich aus meinem Innersten die Stimme einer verschmähten Liebe hörte. Ich war davon überzeugt, daß Gott mich liebte und mich für sich begehrte mit einer eifersüchtigen, tyrannischen Liebe. Doch ich machte mich ihm gegenüber taub. Aber die Stimme blieb beständig über die Jahre hin.
Eines Tages konnte ich nicht weiter. Ich fühlte mich zu sehr belästigt durch diesen Liebhaber, den ich nicht liebte und der wollte, daß ich keinen anderen außer ihn liebte. Da beschloß ich mich zu beugen, um zu sehen, was geschehen würde. Ich vollzog das, was man in der Geschichte vieler Heiliger die Bekehrung nennt. Dasselbe, als ob jemand Selbstmord begeht. Ich beschloß, in einem Augenblick mich zu töten, wie jemand einen Tyrannen tötet.
Sofort geschah etwas sehr Seltenes: Ich wurde vollständig in eine andere Person verwandelt und befreit. Alles, was ich bis dahin geliebt hatte, verlor seinen Wert für mich. Ich erinnerte mich an das, was ich bei vielen Mystikern gelesen hatte, daß ihnen die Welt wie Kot erschien. So war das, was ich empfand. Meine Liebe war auf eine andere Sache zentriert, auf das, was mich durch viele Jahre hindurch verfolgt hatte. All die anderen Dinge, die mich zuvor leidenschaftlich erregt hatten, besaßen keinen Wert mehr. Sie waren vielmehr lästig und verdrießlich.

Wenn auch mit leicht satirischer Überhöhung formuliert, trifft Franz Niedermeyer einen wesentlichen Punkt der Cardenalschen Lebenswende, wenn er sagt:

Der enttäuschte Frauenverehrer fand nie sein Idol; er wurde als Liebender Universalist, Menschheitsschwärmer, ein wahrhaft großer und weiter Erotiker der Welt.

In dem erwähnten Interview mit Caupolicán Ovalle heißt es dann weiter:

Wenn man eine Sache so fühlt, kann man dasselbe Leben wie zuvor nicht beibehalten mit den anderen Menschen; denn die Vergnügungen, die Wünsche, die Zerstreuungen, die man vorher hatte – all dies hat sich ins Unerträgliche gewandelt. Man hat jetzt allein einen anderen Geschmack, ein anderes Vergnügen, eine andere Liebe, eine andere Leidenschaft.
Ich empfand die Notwendigkeit, eine Gemeinschaft von Menschen zu suchen, die in derselben Situation waren wie ich, wo man nicht die Etikette wahren mußte wie in den Städten: Krawatten tragen, ins Kino gehen, in Zusammenkünfte, mit den Freunden trinken, die Zeitung lesen etc. Dies alles hatte ich in der Welt zu tun, wenn ich nicht extravagant sein wollte. Ich benötigte eine Gesellschaft, in der man all dieses unterlassen konnte, ohne extravagant zu sein, wo dies normal war. Unwillkürlich fühlte ich, daß das Normalste für mich sein würde, unter Trappisten zu leben.
Als ich in New York lebte, waren gerade die ersten Veröffentlichungen des trappistischen Dichters Thomas Merton erschienen (der danach mit seinen Prosawerken zu einem Bestseller wurde), und ich übersetzte sie ins Spanische, und wir nahmen sie in unsere nordamerikanische Anthologie auf.
Als ich mich also in dieser neuen Situation befand, fiel mir nichts anderes ein, als an das Trappistenkloster zu schreiben, das in den Büchern Mertons erwähnt wurde; denn es war das einzige, das mir bekannt war.

Nach Erfüllung einiger Formalitäten, zu denen auch ein psychiatrisches Gutachten gehört, erhält er vom Abt des Trappistenklosters Unserer Lieben Frau von Gethsemani/Kentucky (USA) eine Einladung zum Antritt des Noviziats. Pablo Antonio Cuadra schreibt:

Wiederum war es April. Ich wußte von nichts. Ernesto kam in mein Haus mit einem Brief in der Hand, blaß, und hatte Mühe, seine Bewegung zu unterdrücken. Er sagte mir: „Ich gehe ins Kloster“ überrascht und ebenfalls bewegt, wollte ich ihm tausend Fragen stellen. „Ich habe es geheimgehalten, um viel Zeit zum Ausreifen zu gewinnen“, sagte er mir und zeigte mir den Brief.

Als Cardenal Jahre später zu dem ersten Kuba-Besuch in Havanna landet, erinnert er sich an seinen Flug nach Kentucky:

Ich dachte an jenen anderen Tag auf diesem gleichen Flugplatz (ein unvergeßlicher Tag für mich, vielleicht der glücklichste meines Lebens). Auch damals hatte es geregnet, es war Abend geworden, und vom Flugplatz aus hatte die Stadt ausgesehen, als sei sie von einer Aureole opalisierenden Nebels umgeben, wie eingehüllt in eine große Traurigkeit. Ein paar lachende, rotwangige Amerikaner waren eingestiegen, bepackt mit Bacardí-Flaschen. Ich hatte das Gefühl, die Welt, aus der sie kamen, müsse deprimierend sein. Die Angestellten trugen ihnen die Flaschen bis an die Gangway nach. Das war das Kuba Batistas. Damals war gerade eine Cousine von mir in Kuba gewesen und hatte mir erzählt, in den Bergen kämpfe seit einiger Zeit ein junger Mann namens Fidel Castro. Ich war auf dem Wege von Managua nach Miami, aber nicht Miami war mein Ziel, sondern das Trappistenkloster Gethsemani in Kentucky. Später beschrieb ich diesen Flug als „einen Flug in den Himmel, der mit einem Routineflug der Pan American überhaupt nichts gemein hat. Es war ein Flug in die Freiheit“. (Und ich erinnere mich, daß ich damals vom Flugzeug aus die Berge am Horizont betrachtet und mich gefragt hatte, wo dieser Fidel Castro wohl gerade kämpfe.)

Am 8. Mai 1957 wird Ernesto Cardenal als Novize in das Kloster Unserer Lieben Frau von Gethsemani aufgenommen. Wie alle anderen Novizen muß er als Ausdruck eines neuen Lebensanfangs seinen Namen ändern. Er wählt den Namen Mary Lawrence:

Frater Zyprian, Frater Anselm, Frater Alberich,
Frater Plazidus: Meine Brüder, deren Namen ich nicht kenne
– verborgen in ihren weißen Kapuzen und schweigsam –,
noch woher sie sind. Heißen sie Bill, Tom, Bob, Jack,
Jim? Sind sie aus Detroit, aus St. Louis, aus New York?
In welchen Städten haben sie mit Freunden in Bars getrunken,
sind sie mit Mädchen ins Kino gegangen und in Geschäfte,
jagten sie in ihren Cabrios durch leuchtende Alleen?

Meine weißen Gefährten so vieler Stundengebete
und so vieler Stunden im Wald, wo wir Holz fällten,
und in den Kreuzgängen, unter den Kapuzen, schweigend:
Die Freunde, die ich geliebt hab, von denen ich nicht
weiß wo sie sind,
noch ihre Namen, nicht, wer sie sind.

Der Abt des Klosters erteilt Cardenal die Auflage, auf das Schreiben von Gedichten oder doch wenigstens auf ihre Veröffentlichung jetzt zu verzichten. Nicht untersagt sind ihm allerdings Notizen für den persönlichen Gebrauch. (Aus solchen Aufzeichnungen erwachsen später der Gedichtzyklus „Gethsemani, Ky“ sowie „Das Buch von der Liebe“.)
Zur Überraschung und Freude Cardenals ist der ihm literarisch bereits gut bekannte Thomas Merton der Novizenmeister, dessen Obhut er anvertraut wird. Da Merton gut Spanisch spricht und sich für die Probleme Lateinamerikas interessiert, kommen sich die beiden Männer sehr bald nahe. Darüber schreibt Ernesto Cardenal im Februar 1970:

Von Anfang an gab es zwischen uns ein sehr weitgehendes Verstehen, weil wir beide Dichter waren. Die Bildung, die er mir angedeihen ließ, war natürlich eine mönchische Bildung, aber eine sehr spezielle mönchische Bildung. Ich würde sagen: eine mönchische Bildung für Dichter (eine Sache, von der ich glaube, das kein anderer Mönch auf der Welt in der Lage war, sie zu bieten). Die Bildung bestand darin, zu bewirken, daß nichts von dem, was meine Persönlichkeit ausmachte, im Kloster stürbe, um einem Kontemplativen Platz zu machen. Vielmehr sollte derselbe, der ich war, ein Kontemplativer sein, ohne irgend etwas für meine Person Authentisches zu opfern.
Die spirituelle Anleitung bestand darin, daß wir über Schriftsteller sprachen, über Lateinamerika, Gandhi, Diktatoren, den Imperialismus, über Rußland etc. und manchmal – wenn es sich anbot – über das Gebet. Dies ähnelte ein wenig dem Zen (Buddhismus, d. Verf.), glaube ich: Statt mit mir über ein spirituelles Leben zu sprechen, sprach er über irgendeine Sache. Niemals sagte er mir, daß dieses dem gleichkäme, mit mir über das spirituelle Leben zu sprechen. Aber am Ende kam heraus, daß er mich darin einübte, so zu sein wie er, in dem das spirituelle Leben von all dem anderen nicht abgetrennt war, was den Menschen beschäftigt: Rassismus, Politik, Literatur, das Atomproblem usw.
Natürlich hatten wir außerhalb des Klosters eine Menge Dinge gemeinsam. Das betraf nicht nur die Literatur. Er wie ich waren bedrängt von den Diktatoren. Eine ständige Bedrängnis für mich ist die Diktatur in meinem Lande (die Somozas), und Merton faszinierte es, wenn ich mit ihm über dieses Thema sprach, wie über all die anderen Besorgnisse aller engagierten Menschen unserer Epoche.
Natürlich wäre ich dem in keiner klassischen Mystik oder irgendeiner anderen Mystik begegnet. Bei anderen Lehrmeistern hätte ich sicher geglaubt, allem absagen zu müssen, was nicht Spiritualität war oder – allenfalls –, daß es in mir keine konfliktlose Koexistenz geben könnte zwischen dem Spirituellen und dem anderen. Doch was Merton mich lehrte, war, daß das Leben, das des authentischen Ernesto Cardenal, das einzige spirituelle Leben war, was ich haben konnte, und kein anderes. Zugleich sah ich, daß Merton sich mehr und mehr für nichtmönchische Angelegenheiten zu interessieren begann.

José Miguel Oviedo weiß zu berichten, daß Merton die Niederlage Batistas und den Sieg der Revolutionäre Fidels beten ließ. Und noch während seines Noviziats in Kentucky erreicht Ernesto Cardenal die Nachricht vom Sturz Batistas (31.12.1958) und vom Triumph der Revolution (im Februar 1959).
In dem oben zitierten Interview mit Caupolicán Ovalle umreißt Cardenal die Hauptlinien von Mertons Spiritualismusverständnis, das ihn in seinem Denken entscheidend prägt:

Er bestand darauf, daß ein Mönch nicht unbekümmert von den Problemen der Welt sein dürfte. Im Gegenteil: Nach ihm machte einzig die Sorge für den Armen, den Unterdrückten, für die großen sozialen und politischen Probleme sowie die Ängste der gesamten Menschheit die mystische Vereinigung mit Gott möglich. Jeder davon unterschiedene Mystizismus ist falsch: pure Autosuggestion und Fluchtbewegung.
Es wurde nicht nur darüber gehandelt, daß man sich mit diesen Problemen im Gebet zu beschäftigen hätte, sondern daß man sie im Leben des einzelnen wie der Gemeinschaft zu lösen hätte. Das Leben des Mönchs ist (wie in einem Laboratorium, unter künstlichen Bedingungen wie im Laboratorium) ein Experiment eines Lebens in der Gemeinschaft, das eines Tages das Leben großer menschlicher Gemeinschaften sein könnte.
Das Leben des Mönchs ist wie eine im kleinen realisierte Utopie. Es ist eine Gemeinschaft, im der die Menschen versuchen, beständig einander zu lieben, sich nicht auszubeuten, sich nicht gegenseitig zu dominieren. Es ist auch in Wirklichkeit ein kommunistisches Leben. Alles gehört allen. Im Kloster war es verboten, das Wort ,mein‘ im Blick auf irgendein Objekt zu gebrauchen. Man mußte unsere Schuhe, unsere Kleidung sagen… Es ist auch ein armes Leben wie das der Bauern. Die Mönche leben von ihrer Arbeit, die auf dem Lande schwere Arbeit ist, Bauernarbeit. Und was dabei gespart wird, gehört den Armen. So ist es denn ein kommunistisches Leben und ein Leben der Liebe… Es ist ein Leben, das seit Jahrhunderten praktiziert wird, und es ist das Leben der ersten Christen.

Fast während der gesamten zwei Jahre seines Noviziats leidet Ernesto Cardenal unter Kopfschmerzen. Als diese Schmerzen im zweiten Jahr beinahe unerträglich werden, raten ihm Arzt und Novizenmeister, das Klosterleben aufzugeben. Vor allem ist es Merton, der ihn davon überzeugt, dieses als Fingerzeig Gottes zu erkennen, um außerhalb konventioneller kirchlicher Formen eine andere, authentischere Art kontemplativen Lebens zu erproben. Merton bemüht sich später ebenfalls um die Erlaubnis von Rom, die überalterten mönchischen Strukturen verlassen zu dürfen und mit Cardenal in Nicaragua neue Formen spiritueller Gemeinschaft zu leben. Leider ohne Erfolg.
So bricht Ernesto Cardenal im Jahre 1959 das Noviziat ab und lebt in den folgenden zwei Jahren als Gast in der Benediktinerabtei Cuernavaca/Mexiko.

Dies war eine herrliche Erfahrung für mich. Die Benediktiner nahmen jeden auf, der ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wollte, Katholiken wie Atheisten oder Kommunisten. Und jedermann konnte bleiben, solange er wollte. Während der zwei Jahre, die ich in Cuernavaca lebte, gingen durch dieses Kloster die unterschiedlichsten Menschen: Einige waren bedeutende Persönlichkeiten der Kulturwelt, andere Bohemiens, die der inneren Stimme mehr oder weniger Beachtung schenkten. Dazu kamen jene, die vor der Verfolgung durch das FBI flohen, wegen Delikten, die sie teilweise – wie uns versichert wurde – gar nicht begangen hatten.
Die Mönche führten in rigoroser Weise ein Leben der Armut und übten wahrhaft brüderliche Liebe. Einige von ihnen waren Indios, die erst hier lesen gelernt hatten. Andere waren Fachleute oder Universitätsangehörige. Einer war Architekt (vielleicht der bedeutendste Mexikos). Schließlich gab es da noch einen Alten, der zu meiner Zeit ankam und der zu den Zeiten Pancho Villas Guerillero gewesen war.
Alle widmeten sich dem Versuch,
Bruder zu sein, und als Brüder respektierten sie sich gegenseitig, ohne irgendeinen Vorbehalt der Klasse, Rasse oder Kultur.

Der gastweise Aufenthalt im Benediktinerkloster von Cuernavca gehört zu den literarisch bisher fruchtbarsten Perioden im Leben Ernesto Cardenals. Neben seinen theologischen Studien schreibt er unter Rückgriff auf seine Tagebuchaufzeichnungen aus Kentucky den Gedichtzyklus „Gethsemani, Ky“ und „Das Buch von der Liebe“. Beide erscheinen mit einem Vorwort von Thomas Merton. Ebenfalls noch in Cuernavaca beginnt er die Arbeit an der aus zweiundzwanzig Gedichten bestehenden poetischen Umsetzung der Geschichte Zentralamerikas von seiner Entdeckung durch die Spanier bis zur Zerstörung der alten nicaraguanischen Hauptstadt León durch den Ausbruch des Vulkans Momotombo im Jahre 1609: „Die ungewisse Meerenge“. In diesem Werk macht Cardenal die Geschichte und Kirchengeschichte transparent für eine prophetische Gegenwartsanalyse und Zukunftsvision.

V
Prähispanische und neue Einsichten

Im Jahre 1961 begibt sich Ernesto Cardenal nach Kolumbien, um an dem Priesterseminar „Cristo Sacerdote“ in La Ceja/Medellín (Provinz Antioquiá) seine theologische Ausbildung fortzusetzen. Er bleibt dort bis zum Sommer 1965. In dieser Zeit Formieren sich in den nördlichen Bergregionen Nicaraguas die ersten Abteilungen der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN). Cardenals lucratische Produktivität der beiden mexikanischen Jahre hält auch in Kolumbien an. Er beendet „Die ungewisse Meerenge“ und schafft den Zyklus „Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte“.

Herr
in dieser Welt, verpestet von Sünde und Radioaktivität,
sprichst Du nicht eine Verkäuferin schuldig,
die wie alle Verkäuferinnen davon träumt, ein Filmstar zu sein.
Und ihr Traum wurde Wirklichkeit (die Wirklichkeit in Technicolor).
Sie hat nur nach unserem Drehbuch gespielt
– dem unserer eigenen Leben –, und das Buch war absurd.
Vergib ihr, Herr, und vergib auch uns
für unsere 20th-Century,
für unsere Monster-Super-Produktion, an der wir alle gearbeitet haben.
Sie war hungrig nach Liebe, und wir boten ihr Beruhigungsmittel.
Weil sie traurig war, keine Heilige zu sein,
aaaaaaaaaaaaempfahl man ihr Psychoanalyse.

Der Film ging zu Ende ohne den Kuß im Finale.
Man fand sie tot in ihrem Bett, ihre Hand am Telefon.
Und die Detektive fanden nicht heraus, wen sie anrufen wollte.
Es war,
als habe jemand die Nummer der einzigen freundlichen Stimme gewählt
und nur die Stimme vom Band gehört, die sagt:
WRONG NUMBER.
Oder als habe jemand, von Gangstern überfallen,
die Hand nach dem unterbrochenen Telefon ausgestreckt.
Herr,
wer immer es auch war, den sie anrufen wollte
und den sie nicht erreichte (und vielleicht war es niemand
oder jemand, dessen Nummer nicht im Telefonbuch von Los Angeles steht),
aaaaaaaaaaaaantworte Du ihrem Anruf!

Der gebürtige Rumäne Stefan Baciu (später Dozent für europäische Sprachen an der Universität von Honululu/Hawaii) entdeckt für sich die Poesie Cardenals. Durch dessen deutsche Übersetzung einiger Psalmennachdichtungen (die ebenfalls in dieser Zeit entstehen) und deren Veröffentlichung in der Züricher Zeitschrift Die Tat wird man im deutschsprachigen Raum auf den nicaraguanischen Dichter aufmerkam. In dem kolumbianischen Priesterseminar gewinnt er Freunde, mit denen er in den kommenden Jahren eng verbunden bleibt. Zu ihnen gehören Eduardo Perilla, Carlos Alberto und William Agudelo. Vor allem die Freundschaft mit William wird so eng, daß der kolumbianische Dichter Cardenal später nach Solentiname begleitet.
Aus Kolumbien schreibt Cardenal am 5. Oktober 1962 an den ihm befreundeten Herausgeber der mexikanischen Zeitschrift El Corno Emplumado Sergio Mondragón:

Zweimal hast Du mich gefragt, wie es mir in diesem Seminar geht, ob ich glücklich bin, und ich habe Dir nicht geantwortet. Ich werde Dir nun sagen: In diesem Winkel der kolumbianischen Anden bin ich im Paradies. Das Paradies, die paradiesische Insel, die sich die Menschheit von den archaischen polynesischen Mythen bis zu den Mythen der Travel Agencies heiß ersehnt hat, befindet sich an jedem Ort, wo die Gegenwart Gottes ist, und sie ist überall und dringt überall ein: in die blauen Berge, die mich umgeben, die Pinien, das grünende Weideland, die grünen Hänge, die von der nach Medellín führenden Autostraße durchschnitten werden. Außerdem ist das Leben hier gemütlich und angenehm, mitten in der Meditation der Natur, die immer kontemplativ und schweigsam ist. – Doch das ist zufällig. Die Gegenwart Gottes, die in der Abendkühle zwischen den Bäumen wandelt, bewirkt dies alles.
Mitte November werde ich etwas Ferien in Nicaragua machen. Da die internationale Luftfahrt sehr teuer ist, werde ich einen besseren Weg wählen. Ich schiffe mich in Magdalena ein. Das ist nicht weit von hier, am Atlantik. Von dort geht es weiter nach den kolumbianischen Inseln San Andrés und Providencia (das Paradies, das Rojas Pinillas kommerzialisiert und banalisiert hat), die acht Stunden von der nicaraguanischen Insel Corn Island entfernt liegen. (Eine Insel, die ich sehr liebe und die ein Paradies ohne Touristen ist und ohne daß sie Somoza dazu benutzt hat, seine politischen Gefangenen in Sicherheit zu bringen.) Und diese Insel ist wiederum acht Stunden von der Küste Nicaraguas entfernt.
In Nicaragua gibt es interessante Tage, vielleicht tragische Tage und vielleicht ruhmreiche. Jetzt stehen Wahlen an, und im Volk wächst mehr und mehr der Widerstancl gegen Somoza II., auch lehnen sich immer mehr Dichter auf. Es gleicht einem geologischen Phänomen, fast vulkanischer Tätigkeit. Coronel hat die Theorie aufgestellt, daß die Natur an diesem Ort dabei ist, einen großen Dichter zu schaffen, und daß Ruben und die gegenwärtige Poesie nichts weiter als unzeitige Geburten wären, Versuche für den großen Dichter, den die Natur noch nicht hervorgebracht hat.

Unter dem Eindruck solcher Wiederbegegnungen mit seinem gequälten Vaterland entsteht in dieser Zeit die Erzählung „Der Schwede“, die im Januar 1965 (in der Nummer 6 der Zeitschrift El Pez y la Serpiente) veröffentlicht wird. Cardenal legt dabei offensichtlich das Geschick seines Vorfahren Teuffel zugrunde, der in Nicaragua verhaftet wurde. Mit dem Namen Ossiannilsson wird zugleich die Erinnerung an den südirischen Volkshelden Ossian wachgerufen.
Am Ende seines Aufenthaltes im Priesterseminar La Ceja reist Cardenal zu den Indios Cunas auf dem San-Blas-Archipel von Panama. Außerdem besucht er Indianerstämme am Amazonas (in Kolumbien, Brasilien und Peru). Davon berichtet er brieflich (unter dem 10. Juli 1965) wiederum an Sergio Mondragón:

Schließlich die Reise an den verträumten Amazonas: mit Eduardo Perilla, der mich begleitete, bevor er die Cunas an der Karibikküste Kolumbiens besuchte (wo sich die Mädchen einen hübschen goldenen Ring in die Nase setzen). Und hier, am Amazonas, stoßen wir auf Amerika und den Menschen Amerikas, das alte Amerika, das für mich das Amerika der Zukunft ist. Wir begegnen Indios, Mythen, Träumen – und Gott: den alten religiösen Offenbarungen, empfangen durch den Menschen dieser Urwälder. In vielen Städten Amerikas lebt man bereits in der nachchristlichen Epoche. Hier, am Amazonas, befindet man sich eher nahe der Schöpfung. Am Beginn der Welt lebten die Leute in einer dunklen Welt ohne Bäume und ohne Sonne, sagen die Yaguas. Sie sagen auch, daß die Yaguas vor langer Zeit an einem hohen Ort lebten, oben im Himmel… Wir waren in den Urwäldern Brasiliens, Perus und Kolumbiens. Hier gehen die drei Länder ineinander über. Ich werde Dir etwas sagen: Ich habe in der Nacht des Amazonas ein mexikanisches Volkslied gehört. Ich habe wild lebende Goldfische gesehen, in plasteüberzogenen Behältern, bestimmt für Chicago und Miami. Amerika ist eins und vereinigt. Wöchentlich fliegt man Affen nach New York ein. Warum reisen die Dichter nicht auch in diesen Flugzeugen, mit der Mühelosigkeit der Affen, nach den Urwäldern unseres Amerikas? Warum gehen wir nicht hin zu den Indios, mit ihnen zu sprechen, damit sie uns Mythen und Träume und Spiritualität und Glauben vermitteln? Vielleicht werden wir dabei etwas Sangbares empfangen.

Und Cardenal empfängt Sangbares. Die intensive Begegnung mit der Geschichte, den Mythen, Träumen und der Spiritualität des alten Amerika schlägt sich nieder in der Arbeit an einem neuen Gedichtzyklus, den er 1969 in León unter dem Titel Homenaje a los indios americanos (deutsch: „Für die Indianer Amerikas“) veröffentlicht. Der Schlüsselsatz zum Verständnis dieser siebzehn Gesänge findet sich in dem eben zitierten Brief an Sergio Mondragón, wonach dem Dichter das alte Amerika zugleich „das Amerika der Zukunft ist“.

Doch die Zeit ist rund sie wiederholt sich
Vergangenheit Gegenwart Zukunft sind eins
Umlaufzeit der Sonne
aaaaaaaaaaaaaaaaaaUmlaufzeit des Mondes
Umlaufbahnen der Planeten
und auch die Geschichte dreht sich
wiederholt sich
Und die Priester
aaaaaaaaaaaaazählen mit kalkulieren
die Umdrehungen
Und alle 260 Jahre (ein Jahr von Jahren)
wiederholt sich die Geschichte. Es wiederholen sich Katune.
Vergangene Katune sind die Katune der Zukunft
Geschichte und Weissagung sind eins.

Daß solche Aussagen mehr als nur Zitate einer vergangeneu Weltsicht für ihn sind, belegt Cardenals Reaktion auf die Frage kubanischer Studenten nach der Absicht in seinen dichterischen Paraphrasen prähispanischer Texte. Seine Antwort lautet:

Um sichere Kenntnis von unserer eigenen ursprünglichen Vergangenheit zu vermitteln, die große Relevanz für Gegenwart und Zukunft unseres Amerikas hat.

Die Linie, die sich bereits bei „Raleigh“ andeutete und mit der Bolivar-Dichtung deutlich hervortrat, findet hier ihre vorläufige Vollendung: die schöpferische Aufarbeitung der eigenen amerikanischen Vergangenheit als Abwehr kultureller Überfremdung und als Orientierungshilfe für eine genuin lateinamerikanische Zukunftsgestaltung. Was A. Dessau im Blick auf den zeitgenössischen lateinamerikanischen Roman vor dem Hintergrund unterschiedlicher weltgeschichtlicher Etappen (von der Steinzeit bis zum Sozialismus) auf dem lateinamerikanischen Kontinent gesagt hat, trifft auch auf das poetische Schaffen Ernesto Cardenals zu: Der Versuch, unter den Bedingungen einer allgemeinen Rückständigkeit die unterschiedlichen kulturellen Elemente in den Dienst des Fortschritts zu stellen, führt zu einer synthetischen Schreibweise, die die verschiedenen Schichten zu einer dialektischen Einheit verdichtet. Cardenals „Exteriorismus“ könnte in diesem Sinne gewertet werden als eine gedichtete Synthese lateinamerikanischer Widersprüche, die aufgedeckt für die Praxis genutzt werden sollen. Das von ihm angestrebte Ziel spricht Cardenal als Kulturminister der Regierung des Nationalen Wiederaufbaus im Jahre 1979 vor Journalisten aus:

Es sah so aus, als hätten wir unter der somozistischen Barbarei keine Kultur. Doch wir hatten sie überall und in starkem Maße. Allerdings lebte sie im Untergrund. Jetzt hat man überall im Lande Kulturhäuser gegründet. Das Volk hat sie spontan gegründet, bevor das erst kürzlich konstituierte Ministerium für Kultur dies organisieren konnte… In allen Landesteilen hört man ständig das Wort ,Kultur‘, Und es gibt viele Menschen, die mir sagen: „Zuvor hat man dieses Wort niemals gehört, und es hatte den Anschein, als ob das Volk nicht einmal die Bedeutung des Wortes ,Kultur‘ kannte… Eine interessante Sache ist das Aufleben der Folklore. Wir glaubten, daß Nicaragua eine ärmliche Folklore hätte. Und urplötzlich taucht sie in allen Gegenden auf: das Volkslied, der Volkstanz, die Volkstrachten; und all dieses ist in hohem Maße durch das Volk hervorgebracht. Das Volk hat seine Identität entdeckt. Man ist jetzt stolz darauf, ein Nicaraguaner zu sein (ein Stolz, den uns unsere Revolution vermittelt hat, und ein Stolz, den wir der Fronte Sandinista verdanken). Es scheint so, als ob wir uns zum ersten Male als Nicaraguaner fühlen, und es scheint nicht nur so: Wir sind zum ersten mal Nicaraguaner.

Ernesto Cardenal geht es darum, daß die lateinamerikanischen Völker, und unter ihnen sein nicaraguanisches Volk, ihre Identität entdecken und in freier Selbstentfaltung ausleben. Dem dient sein dichterisches Schaffen. So beginnt denn auch der erste Gesang der Homenaje a los indios americanos mit den programmatischen Sätzen:

NEU VON KANTULE

aaaaaaaaaaVorbild aller Politiker und Präsidenten
mehr als Kennedy
aaaaaaaaaaaaJa, Vorbild der amerikanischen Präsidenten
aaaaaaaaaaJedes Jahr feiert man seinen Todestag
mit Tänzen auf der Insel Ustupo
Held der Eingeborenenrevolution im Jahre 1925
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaagegen die
waga (Ausländer)
aaaaaaaaaaaaaNach der Revolution
gründete er Schulen in Tigre
aaaaaaaaaaaUstupo, Ailigandi
aaaaaaaaaaaTikalltiki, Tuipile, Playon Chico
und die Lehrer waren Indios.

Er kannte alle alten Bräuche und die heiligen Lieder
Er war kein Freund der wahllos übernommenen Zivilisation
doch auch kein Anhänger der extrem traditionellen Richtung
Von den
waga wollte er nichts anderes als dies:
alles Gute der Zivilisation übernehmen
doch alles Wertvolle der Indios bewahren.

Gegen Ende dieses Gedichts wird derselbe Gedanke noch einmal unterstrichen, indem von Nele de Kantule berichtet wird:

Er kannte die Bräuche der Cunas
aaaaaaaaaaabesser als jeder andere Nele von San Blas
Wir müssen das Gute der Zivilisation annehmen, sagte er,
aaaaaaaaaaadoch ohne die Tradition der Cunas zu vergessen.

Angeregt durch eine Predigt des Benediktinerpriors im Kloster von Cuernavaca über Lukas 16,9 („Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon…“), entsteht das Gedicht „Die ungerechten Reichtümer“:

Und was also die Reichtümer angeht, gerechte oder ungerechte,
die Güter, gut oder schlecht erworben:
aaaaaaaaaaaaaAller Reichtum ist ungerecht.
Jedes Gut
aaaaaaaaschlecht erworben.
Wenn nicht durch dich, so durch andere.
Auch wenn du eine einwandfreie Urkunde vorweisen kannst.
Aber hast du die Farm von ihrem rechtmäßigen Eigentümer erworben?
Und hat dieser sie vom Eigentümer erworben? Usw. Usw.
Dein Papier geht zurück auf ein königliches Papier –
aber gehörte es jemals dem König?
Wurde nicht einmal einer beraubt?
Und das Geld, das du heute legal bekommst
von deinem Kunden, von einer Bank, von der Stadtkasse oder auch vom Schatzamt der USA –
wurde es nicht einmal unrechtmäßig erworben?
Glaubt aber nur ja nicht, daß im vollkommenen kommunistischen Staat
die Gleichnisse Christi je veraltet sein werden
und daß Lukas 16,9 dann überholt ist
aaaaaund daß die Reichtümer nicht mehr
ungerecht sein
und ihr nicht gezwungen sein werdet, sie zu verteilen!

Am Ende dieses Gedichts macht sich – ebenso wie in einigen Psalmnachdichtungen und in seiner gleichzeitig entstehenden poetischen Adaption der Johannes-Apokalypse (einer visionären Beschwörung der möglichen atomaren Selbstvernichtung der Menschheit) – die Tendenz bemerkbar, den Sozialismus beziehungsweise Kommunismus in die Nähe des Kapitalismus beziehungsweise Imperialismus zu rücken. Das dichterische Bekenntnis erscheint in dieser Lebensperiode als eine sich immer bewußter an präkolumbianische amerikanische Kultur anlehnende christliche Position, die sich von dem realen Sozialismus und dem Imperialismus in gleicher Weise abgrenzt. Noch steht Ernesto Cardenal in der Gefahr, aus einem genuin lateinamerikanischen Christentum eine „Dritte Kraft“ neben dem und teilweise gegen den realen Sozialismus abzuleiten. So kann er noch in seiner „Apokalypse“ formulieren:

und der Engel sprach zu mir: diese Häupter die du dort an der Bestie siehst
aaaaadas sind Diktatoren
und jene Hörner das sind Führer von Revolutionen die noch nicht Diktatoren sind
aber sie werden es später sein
und sie werden gegen das Lamm kämpfen
aaaaaund das Lamm wird sie besiegen
Er sprach zu mir: Die Nationen der Welt sind geteilt in 2 Blöcke
aaaaa– Gog und Magog –
doch die 2 Blöcke sind in Wirklichkeit ein Block
(der gegen das Lamm ist)
aaaaaund vom Himmel wird Feuer fallen und sie verschlingen.

Nach seinem ersten Aufenthalt in Kuba im Jahre 1970 bahnt sich an diesem Punkt jedoch eine entscheidende Wende an. Schon im Juni 1972 nimmt Cardenal anläßlich eines Gesprächs mit Anneliese Schwarzer de Ruiz und Hermann Schulz eine deutliche Korrektur vor:

In Wirklichkeit nahm ich früher eine anarchistische Haltung ein. Auch jetzt bin ich noch Anarchist, aber ich glaube, daß eine anarchistische Gesellschaft erst nach einer sozialistischen Gesellschaft möglich ist, wenn der Staat nicht mehr existiert. Doch im Augenblick müssen wir erst durch die Etappe des sozialistischen Staates. Früher habe ich das nicht so gesehen; ich überzeugte mich nach einer Kuba-Reise davon, daß der sozialistische Staat geschaffen werden kann. Kuba hat den Sozialismus in die Praxis umgesetzt und damit bewiesen, daß der Sozialismus die Lösung ist, die dem gesamten Volk zugute kommt.

Mit dieser Neuorientierung werden auch allmählich antisowjetische Ressentiments abgebaut. So antwortet Cardenal 1975 in einem Interview auf Giorgio Ursinis Frage, ob er meine, daß die Sowjetunion heute revolutionär sei:

Ich glaube, in vielfacher Hinsicht ist sie es. Da sie die erste gewesen ist, war die russische Revolution die unvollkommenste. Aber wir sollten auch ihre großen Errungenschaften anerkennen; denn ohne sie wäre keine einzige von den anderen möglich gewesen, und die sowjetischen Arbeiter waren die Avantgarde der Weltrevolution.

VI
Basisgemeinde Solentiname

Nach zweijährigem Noviziat unter den Trappisten in Kentucky, nach weiteren zwei Jahren als Gast in der Benediktinerabtei von Cuernavaca/Mexiko und vierjährigem Theologiestudium in Kolumbien wird Ernesto Cardenal im Alter von vierzig Jahren am 15. August 1965 in der Kapelle des Colegios de la Asunción/Managua durch den Bischof von Juigalpa, Monsignore Barnis, zum Priester geweiht. Im selben Jahr noch reist Cardenal zu Gesprächen mit Thomas Merton in die USA. Von ihm angeregt, gründet er 1966 im Großen See von Nicaragua innerhalb des (aus 38 Inseln bestehenden) Archipels von Solentiname eine spirituelle Gemeinschaft. Der Apostolische Nuntius in Managua erteilt im Namen des Heiligen Stuhls die Genehmigung dafür. Merton, der seinen Freund bei diesem Experiment begleiten möchte, erhält von Rom keine Erlaubnis, sein Kloster zu verlassen, bleibt aber der geistliche Berater der Kommune. Am frühen Morgen des 13. Februar 1966, einem Sonntag, fährt Ernesto Cardenal zusammen mit William Agudelo und Carlos Alberto hinüber nach Mancarrón, der größten Insel des Solentiname-Archipels. Über den Beginn der Gemeinschaft Unserer Lieben Frau von Solentiname berichtet er später:

William und Carlos Alberto waren wie ich im Priesterseminar in Kolumbien gewesen, wollten dann aber doch keine Priester werden. Nun wollten sie mit mir zusammen die Lebensweise in einer Kommune versuchen. Als wir ankamen, war hier nur Urwald und verfilztes Buschwerk… Wir rodeten mit Äxten und Macheten, und langsam öffnete sich uns eine herrliche Aussicht auf den See und die umliegenden Inseln. Ich hatte dieses Grundstück schon einige Zeit vorher mit dem Geld eines Literaturpreises und mit Hilfe von Freunden und Verwandten gekauft. Mit dem Geld konnten wir auch die Hütten bauen. Das erste Gebäude aber war das Fertighaus (aus Holz), in dem wir heute noch wohnen. Es war von einer Firma bei einer Verlosung als Preis ausgesetzt, den aber niemand abholte. Die Firma schenkte es uns. Es wurde mühsam in Einzelteilen von Managua hierhergebracht und zusammengebaut, Eigentlich sollte dieses Haus nur für Besucher sein, weil es uns zu luxuriös war. Wir wollten in genauso einfachen, strohbedeckten Häusern leben wie die Bauern hier. Aber aus Geldmangel konnten wir zu Anfang kein zweites Haus bauen und wohnten so immer gemeinsam mit den Besuchern. Inzwischen ist aber ein weiteres einfaches Holzhäuschen mit Strohdach fertig, so daß wir das Fertighaus für Besucher frei machen können… Als zweites Gebäude entstand das, was wir das ,große Haus‘ nennen, ein großer Gemeinschaftsraum für Zusammenkünfte der Kommune. Dies Haus sollte ein Strohdach bekommen, aber auch hier war es paradox, daß ein so großes Strohdach viel mehr gekostet hätte als ein Wellblechdach. In Solentiname ist gutes Stroh für Dächer knapp… Carlos Alberto blieb nicht lange hier, weil er spürte, daß er zu diesem Leben nicht berufen war. Später ging auch William, um Teresita zu heiraten, weil auch er fand, daß er für das mönchische Leben nicht geschaffen ist. Ich fand seine Idee zu heiraten gut und änderte meinen ursprünglichen Plan, eine nur aus ,Mönchen‘ im traditionellen Sinne bestehende Gemeinschaft zu gründen. Thomas Merton schrieb mir damals, die Idee, auch Ehepaare anzunehmen, könne eine Bereicherung und Belebung des mönchischen Lebens bedeuten. Unser Leben hier ist allerdings auch nicht mönchisch im herkömmlichen Sinne des Wortes. Wir sind dabei, eine neue Lebensform, die zu uns paßt, zu finden, das ist alles… Am Anfang versuchten wir, uns durch Ackerbau zu ernähren. Aber hier ist es fast unmöglich, von dem, was die Erde gibt, zu leben. Es sei denn, auf dem unvorstellbar miserablen Niveau der Bauern dieser Gegend. Wir hätten noch schlechter leben müssen als sie, weil wir körperlich gar nicht in der Lage waren, so hart zu arbeiten.
Solange unser wirtschaftliches System, das die Arbeiter und vor allem die Bauern ausbeutet und systematisch unterentwickelt hält, sich nicht ändert, kann das Leben der Landbewohner nur unmenschlich, fast möchte ich sagen untermenschlich, genannt werden. Zu unserem Leidwesen mußten wir also die Landwirtschaft fast ganz aufgeben. Wir haben uns auf die Herstellung kunstgewerblicher Gegenstände umgestellt und auch die Bauern für diese Arbeit interessiert, um ihnen ein paar zusätzliche Einkünfte neben denen von Reis und Bohnen zu verschaffen. Wenn wir einen besseren Markt in Managua oder im Ausland hätten, könnte diese Arbeit eine wirkliche Hilfe für sie sein.
Aber der Verkauf unserer Produkte wird, seitdem ich anfing, das Kuba-Regime zu verteidigen, immer schwieriger. Die meisten Leute, die uns anfangs noch halfen, zogen sich zurück. Nur noch wenige helfen uns weiter. Auch die Regierung übt einigen Druck in der Richtung aus… Unsere Gemeinschaft, oder besser unsere Kommune – dieser Ausdruck paßt besser zu unserer Gruppe, und so nennen wir uns jetzt auch –, ist sehr klein, aber ich möchte auch nicht, daß sie größer wird. Ich habe überhaupt kein organisatorisches Talent und würde mit den praktischen Aspekten einer größeren Gruppe nicht fertig werden.

Nach der Ermordung des Diktators Anastasio Somoza García (1956) übernimmt das Amt des nicaraguanischen Präsidenten sein Sohn Luis Somoza Debayle. (Während dessen Regierungszeit werden im April 1960 die diplomatischen Beziehungen zum revolutionären Kuba abgebrochen.) Von 1963 ab regiert René Schick Gutiérrez als Marionette der Somozas. In einer wohlorganisierten Wahlfarce vom 5. Februar 1967 gelangt wieder die Familie Somoza in der Person des Anastasio Somoza Debayle direkt an die Macht.
Dieses Ereignis schlägt sich in einem Brief nieder, den Cardenal einige Tage später an Sergio Mondragón schreibt:

Hier kommen schlechte Zeiten, besser gesagt befinden wir uns bereits mittendrin: Der Antritt der Präsidentschaft durch den schlechtesten Somoza im Mai beendet die Periode des ,gewählten‘ Präsidenten (so nennen sie ihn). Es kommen Tage des Blutes. Kurz vor den Wahlen floß bereits reichlich Blut in den Straßen von Managua. Ich weiß nicht, wie lange der Frieden von Solentiname noch dauern wird; denn die Angst unter der Tyrannei wird bis hierher kommen. Ich kann nicht mit gekreuzten Armen verweilen. Wenigstens muß ich reden, was für mich heißt: schreiben: Und ich bin bereits dafür gerüstet, auch für das, was eintreten könnte. Der Fall des Tachito Somoza ist nicht nur möglich, sondern notwendig…

In einem späteren Brief an Mondragón heißt es:

Der heutige Tag ist tragisch für mein Scheiß-Land: An diesem Tage, dem 1. Mai, tritt Tachito Somoza die Präsidentschaft an… Heute habe ich (zusammen mit einigen armen Personen) in Solentiname die Messe zelebriert und dabei das heilige Opfer für den baldigen Sturz dieser Regierung dargebracht.
Es umarmt Dich Dein Bruder in Christo Ernesto Cardenal

Der von Jugend auf engagiert für sein Volk lebende Dichter vermag sich auch als Priester nicht in eine abstrakt-spirituelle Existenz zu flüchten, versteht er sich doch selber als ein „engagierter Mystiker“. Er begreift mehr und mehr den Sinn des „Größren Gebotes“, an dem das „Gesetz und die Propheten hängen“: Gott zu lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Vernunft und zu entdecken, daß das andere Gebot diesem ersten gleich ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was ihn dazu treibt, beschreibt Ernesto Cardenal in dem bereits erwähnten Gespräch (vom Juni 1972) im Blick auf die Entstehung der Solentinamer Gemeinschaft:

Man könnte sagen, daß es sich um eine Flucht aus der kapitalistischen Welt handelt. Wir sind unzufrieden mit dieser Welt, und ich glaube, es ist unser gutes Recht, uns von ihr zurückzuziehen und unser Leben auf andere Weise zu gestalten, auf eine nichtkapitalistische Weise. Man könnte auch sagen: Dies ist eine Flucht vor dem Kapitalismus. Von dieser monströsen Welt muß man sich einfach zurückziehen, von dieser Welt des Konsums, von dieser bourgeoisen Welt.

Das Leben eines Kontemplativen, eines Mönches, war immer eine Flucht vor der Welt. Aber es ist eine Flucht vor einer Welt voller Ungerechtigkeit, um eine bessere Welt vorzubereiten. An dem Tage, an dem es eine gerechte Welt gibt, eine Welt des vollkommenen Kommunismus – das heißt das Reich Gottes auf Erden, was für mich dasselbe ist –, an dem Tage ist es nicht mehr nötig, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Der heilige Chrysostomus sagte, wenn die Städte christlich wären, brauchte man keine Klöster zu bauen. Aber solange diese neue Gesellschaft nicht besteht, glaube ich, haben wir das Recht, uns in kleine Gemeinschaften abzusondern, in Gruppen, die Zeichen des Protestes setzen. Ich meine nicht, daß es sich in unserem Fall um eine Flucht vor dem politischen Kampf handelt, denn wir setzen diesen Kampf ja hier fort. Eigentlich bin ich erst durch das kontemplative Leben zu einem politischen Menschen geworden. Die Meditation, das Sich-Vertiefen ins Mystische, hat mich politisch radikalisiert. In Wirklichkeit bin ich durch das Evangelium zur Revolution gekommen, also nicht durch Karl Marx, sondern durch Christus. Das Evangelium hat mich zum Marxisten gemacht.

Diese verknappte, sehr pointierte Redeweise Cardenals, der selbst in seiner Prosa den Poeten nicht verleugnen kann, verwischt aber doch wohl ein Problem seines Entwicklungsganges. Denn es ist unseres Erachtens nicht exakt, zu sagen, das Evangelium hätte ihn zum Marxisten gemacht. Vielmehr begriff er, dank seines Novizenmeisters, mehr und mehr die Freiheit und Verantwortung zur Gestaltung dieser Erde, in die uns das Evangelium hineinstellt. Diese Erkenntnis läßt Ernesto Cardenal immer mehr antikommunistische Ressentiments abbauen. Um sie ganz abzulegen, bedarf es allerdings noch eines entscheidenden äußeren Anstoßes, der Reise in das revolutionäre Kuba.
Bevor es zu diesem einschneidenden Ereignis kommt, erreicht ihn im November 1968 die Nachricht vom Tode seines väterlichen Freundes, Thomas Merton. Auf einer Südostasien-Reise zum Studium des buddhistischen Mönchtums erliegt Merton in Bangkok einem elektrischen Schlag. Diesen Verlust empfindet Cardenal als den größten Schmerz seines Lebens. Zugleich aber inspiriert ihn der Tod des Freundes zu einem seiner anspruchsvollsten Gedichte, an dem er ein ganzes Jahr arbeitet: „Strophen beim Tode Mertons“.

VII
Politischer Aufbruch

Im Jahre 1957 erlebt Ernesto Cardenal seine Bekehrung durch das Evangelium. Das Jahr 1970 bringt die zweite einschneidende Zäsur in seinem Leben. Er erfährt, daß das Evangelium nur dann Frohe Botschaft ist, wenn es uns zur menschenwürdigen Umgestaltung dieser Erde bewegt.
Um die damalige Atmosphäre im lateinamerikanischen Katholizismus einzuschätzen, muß man wissen, daß vom 24. August bis zum 6. September 1968 im kolumbianischen Medellín die 11. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats stattgefunden hatte. Die Kirchenführer suchten eine Antwort auf die Herausforderung der revolutionären Bewegung in Lateinamerika. Mit ihren Beschlüssen gingen sie weit über das hinaus, was bisher an Aussagen vom katholischen Episkopat gewagt worden war. Trotz ihres Kompromißcharakters enthielten die Schlußdokumente von Medellín eine Reihe klarer antiimperialistischer Formulierungen. So heißt es beispielsweise in dem Wort über den „Frieden“:

Wir möchten unterstreichen, daß die Hauptschuldigen der wirtschaftlichen Abhängigkeit unserer Länder jene Kräfte sind, die, angetrieben von einem hemmungslosen Gewinnstreben, zu einer wirtschaftlichen Diktatur und zum ,internationalen Geldimperialismus‘ führen, den Pius XI. in ,Quadragesimo anno‘ und Paul VI. in ,Populorum progresso‘ verurteilen.
Wir klagen hier den Imperialismus jedweder ideologischer Prägung an, der in Lateinamerika in indirekter Form bis hin zu direkten Interventionen ausgeübt wird.

Und an anderer Stelle:

Der Frieden ist vor allem Werk der Gerechtigkeit. Er setzt voraus und erfordert die Errichtung einer gerechten Ordnung, in der sich die Menschen als Menschen verwirklichen können, in der ihre Würde geachtet wird, ihre legitimen Erwartungen befriedigt werden, ihr Zugang zur Wahrheit anerkannt und ihre persönliche Freiheit garantiert wird. Eine Ordnung, in der die Menschen nicht Objekte, sondern Träger ihrer eigenen Geschichte sein sollen. Dort also, wo es ungerechte Ungleichheiten zwischen Menschen und Nationen gibt, wird gegen den Frieden verstoßen.
Darum ist der Frieden in Lateinamerika nicht das einfache Ausbleiben von Gewalttaten und Blutvergießen. Die von den Machtgruppen ausgeübte Unterdrückung kann den Eindruck vermitteln, Frieden und Ordnung zu erhalten, ist aber in Wirklichkeit ,der dauernde und unvermeidliche Keim der Rebellionen und Kriege‘. Den Frieden erlangt man nur, indem man eine neue Ordnung schafft, die ,eine vollkommenere Gerechtigkeit unter den Menschen herbeiführt‘ In diesem Sinne ist die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, der Schritt von weniger menschlichen zu menschlicheren Lebensbedingungen der neue Name für Frieden.

Der Friede mit Gott ist das tiefste Fundament des inneren Friedens und des sozialen Friedens. Darum wird überall dort, wo dieser soziale Friede nicht existiert, überall dort, wo man ungerechte soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheiten findet, die Friedensgabe des Herrn, mehr noch, der Herr selbst zurückgewiesen.

Nun, im Jahre 1970, wird der katholische Priester und anerkannte Dichter Ernesto Cardenal von der „Casa de las Americas“ nach Havanna eingeladen, um als Mitglied einer Jury bei der Verleihung eines Dichterpreises mitzuwirken. Da die nicaraguanische Regierung jedoch prinzipiell niemandem eine Reise in das Kuba Fidels gestattet, beantragt Cardenal ein Visum für Mexiko und begibt sich von dort aus nach Kuba. Wie sehr ihm daran gelegen ist, geht schon aus einem Brief an Sergio Mondragón vom Februar 1967 hervor:

Sehr interessant, was Du mir über Deine Erfahrungen in den USA und Kuba erzählst. Fernández Retarmar hat mir geschrieben, daß sie eine vatikanische Vermittlung unternommen hätten, damit ich nach Kuba reisen könnte. Ich warte auf das Ergebnis, aber bis jetzt ist nichts. Ich würde sehr gern fahren.

Als Fazit dieses mehrwöchigen Aufenthalts entsteht ein fast vierhundert Seiten starkes Buch: In Kuba. Bericht von einer Reise, das bereits 1972 in Buenos Aires erscheint und in kurzer Zeit zum Bestseller in Lateinamerika wird. Nur seiner Popularität auf dem gesamten Kontinent hat er es zu danken, daß es die Regierung Somoza nicht wagt, Cardenal zu verhaften oder mit Repressalien gegen ihn vorzugehen.

Es war eigentlich nicht geplant, dieses Buch zu schreiben. Vorher hatte ich eher an eine Reportage oder eine Artikelserie gedacht. Ich hatte mir auch vorgestellt, daß ich viel Schlechtes über Kuba zu berichten haben würde. Ich erwartete in Kuba eine Diktatur, Autoritarismus und Despotismus, eben all das, was die Propaganda von Kuba zu berichten weiß. Natürlich hoffte ich auch einiges zu finden, was man positiv bewerten könnte. Aber dann war dieser Besuch von einschneidender Bedeutung für mich, und ich schrieb das Buch. Mir wurde klar, daß der Marxismus die einzige Lösung für Lateinamerika ist. Nicht nur die Tage, die ich in Kuba verbrachte, waren wie eine Erleuchtung für mich, sondern ebenso die Zeit danach, während ich diese Erfahrungen verarbeitete. Dazu beigetragen haben auch neue Bücher, die ich las, Gespräche, die ich mit den Besuchern in Solentiname führte. Und hierher kommen fast nur Revolutionäre, Revolutionäre aus verschiedenen Ländern Europas, aus den USA und Lateinamerika. Durch dies alles wurden ich und auch die anderen Mitglieder der Kommune noch radikaler in unserer politischen Haltung. Das muß auch im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung in Chile, in Peru und mit den Erfahrungen der revolutionären Gruppen anderer Länder Lateinamerikas gesehen werden. Der Wandel, den wir in unseren Anschauungen durchmachten, ist der gleiche Wandel, der sich in ganz Lateinamerika vollzieht, nämlich eine Wendung zur Linken, zur extremen Linken.

Von welch einschneidender Bedeutung das Erlebnis Kuba für Ernesto Cardenal ist und wie sehr er alle nachfolgenden Reisen und Begegnungen in neuem Lichte verarbeitet, wird durch sein Kuba-Buch selber belegt. Seine Abschlußworte zu dem befreundeten Martí-Forscher Cintio Vitier und dessen Ehefrau, der Dichterin Fina García Marruz, auf dem Flughafen von Havanna gibt er wie folgt wieder:

Ich sagte zu Cintio und Fina, diese Reise sei zu kurz gewesen, ich habe diese Revolution nur oberflächlich kennen gelernt. Aber sie sei von einschneidender Bedeutung in meinem Leben gewesen. Es sei nach meiner religiösen Berufung das wichtigste Erlebnis meines Lebens gewesen. Und in gewissem Sinne eine zweite Berufung. Ich habe entdeckt, daß in der heutigen Zeit und in Lateinamerika seinen Glauben leben Revolution machen bedeutet. Es kann keine glaubwürdige Eucharistie geben als nur in einer klassenlosen Gesellschaft. Der Apostel Paulus warf den Christen in Korinth vor, sie lebten in Klassen aufgeteilt, und das sei nicht das Abendmahl des Herrn. Um die Übertreibung der Ungleichheit im Essen zu verhindern, hob die Kirche das brüderliche Liebesmahl auf und setzte das eucharistische Fasten ein. Aber die wirkliche Lösung war die Abschaffung der Klassen. Die Zuteilungskarten machen von neuem die Liebesmahle möglich. Und gleichfalls hatte ich in Kuba gesehen, daß der Sozialismus es möglich macht, das Evangelium mitten in der Gesellschaft zu leben. Früher konnte man das Evangelium nur als Individuum oder aber in den Klöstern leben. Fidel hat uns mit dem Kommunismus versöhnt. Und ich sagte ihnen auch, diese Insel sei wieder das geworden, was sie früher einmal war, denn Pedro Mártier erzählt, für die kubanischen Indios war die Erde genauso gemeinschaftlicher Besitz wie die Sonne, und zwischen ihnen habe es kein meum und tuum, Wurzel aller Übel, gegeben.

Dieser ersten Begegnung mit dem revolutionären Kuba folgt ein Jahr später eine weitere. Sie wird, auch durch ein persönliches Gespräch mit Fidel Castro, zum entscheidenden Anstoß für eine politische Richtungswende seines Denkens. Cardenals Weg ist auch darin exemplarisch für die Mehrheit derjenigen lateinamerikanischen Christen, die – trotz mancherlei Unterschiede – ihren Hauptnenner in der „Theologie der Befreiung“ finden. Für sie alle wird das Verhältnis zum ersten sozialistischen Staat auf dem lateinamerikanischen Kontinent zum „Schibboleth“. Auch der Tatbestand, daß Ernesto Cardenal durch eine christliche Kommune wesentlich mitbestimmt wird, macht sein Handeln und Denken beispielhaft für den Neuaufbruch unter den Christen Lateinamerikas, entscheidend getragen durch die sogenannten Basisgemeinden.
Die Erfahrungen in Kuba, die sich in den folgenden Monaten anschließende Reise durch Costa Rica, Peru und das Chile der Unidad Popular, dazu die Stimulierung durch christlich-revolutionäre Strömungen, die sich in dieser Phase, Ende April 1972, in Santiago de Chile mit der Bewegung „Christen für den Sozialismus“ ihr Zentrum schaffen, das alles führt im Denken des nicaraguanischen Dichters zu einem qualitativen Sprung. Während seines fünfzehntägigen Chile-Aufenthaltes nimmt er die Gelegenheit wahr, um mit mehr als 250 sozialistisch orientierten Priestern Gespräche zu führen. Außerdem wird er von Salvador Allende in der „Moneda“ empfangen.
In Peru, das zu diesem Zeitpunkt unter Juan Velasec Alvarado eine hoffnungsvolle Entwicklung beginnt, unterhält sich der nicaraguanische Journalist Oscar Leonardo Montalván mit Padre Ernesto. Das Interview wird am 7. Mai 1971 in der in Lima erscheinenden Zeitschrift Oigo veröffentlicht. Nach dem Ursprung seines Engagements für den Sozialismus gefragt (was doch überrasche, da er als Glied einer privilegierten Klasse in Nicaragua geboren sei), erwidert Cardenal:

Es entsprang meiner Bekehrung zum Evangelium; denn ich gehörte tatsächlich zu jener Klasse, auf die Sie sich beziehen. Aber das Evangelium ist revolutionär. Das Evangelium steht gegen die Reichen. Indem ich mich zum Evangelium bekehrte, mußte ich revolutionär sein. Das Evangelium sagt, daß der, der zwei Tunikas hat, eine davon dem geben soll, der keine besitzt, und daß der, der zu essen hat, mit dem teilt, der nichts hat. Das ist der Sozialismus. Christus sagt auch, daß der Reiche sich nicht rettet; denn es würde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher gerettet würde. Ich möchte, daß die Reichen gerettet werden. Deshalb müssen sie aufhören, reich zu sein. Ich möchte, daß in Nicaragua weder Reiche noch Arme sind, daß es keine Unterschiede sozialer Klassen gibt, und das ist der Sozialismus.
Es ist so, daß die Reichen ihr Herz an das Geld verloren haben und deshalb Christus nicht nachfolgen können. Man muß aufs Geld verzichten oder auf den Wunsch, Geld zu haben, beziehungsweise auf das Streben nach Geld, weil man von da an mit reinen Augen die Lehre Christi wahrhaft sehen kann. Während jemand dem Gelde zuneigt, kann er Christus nicht nachfolgen. Und genau das ist es, was den Reichen passiert ist. Sie wissen, daß die Lehre, von der ich spreche, die Lehre Christi ist. In ihrem Gewissen sind sie davon überzeugt, daß meine Worte die Worte Gottes sind. Doch können sie nicht anders handeln, weil das Geld von ihnen Besitz ergriffen hat. Ihr Herz ist bei ihren Schätzen. Was ich möchte, ist, daß sie sich von ihren Reichtümern trennen, damit sie das Evangelium wirklich leben können, leben als Brüder der anderen Menschen, sie nicht ausbeuten, nicht von deren Arbeit leben, sondern in brüderlicher Liebe, die allein ein System schaffen kann, in dem es weder Reiche noch Arme gibt, weder Ausbeuter noch Ausgebeutete, weder hohe noch niedere Klassen, keine sozialen Klassen.

Die Antwort auf die Frage, ob er nicht Bedenken hätte, daß seine Äußerungen ihm schaden könnten, läßt uns bis auf die Wurzeln seines christlich-revolutionären Engagements sehen:

Mir können sie nichts tun; denn seit einigen Jahren, seit ich ins Kloster eintrat, habe ich der Welt entsagt, entsagt meinem eigenen Leben. Ich besitze nichts. Ich habe allem entsagt, und nichts kann man mir rauben. Nicht einmal das Leben können sie mir nehmen, weil ich ihm bereits entsagt habe. Wir Christen sollten die Verfolgung wünschen. Christus sagt, daß wir uns freuen sollten, wenn wir verfolgt werden, weil wir eine Belohnung im Himmel empfangen werden. Das Äußerste, was sie mit mir machen können, ist, mich zu töten. Und das ist das höchste Gut, das sie mir geben können. So glaube ich, vollkommen immun zu sein.

Interessant ist nun, daß er noch zu diesem Zeitpunkt auf die Frage danach, ob er Kommunist sei, mit Nein antwortet:

Ich bin kein Kommunist. Der Kommunismus ist marxistisch und deshalb atheistisch, und ein Christ kann nicht Kommunist, kann nicht Marxist sein. Er müßte denn Atheist werden und aufhören, Christ zu sein. Dennoch glaube ich, daß die Christen gemeinsam mit den Kommunisten für die Befreiung Lateinamerikas kämpfen sollten, wenn diese wirkliche Revolutionäre sind… Die Christen sollten mit allen vereinigt sein, die wirkliche Revolutionäre sind. Ich bin mit Padre Camilo Torres einer Meinung, wenn er im Blick auf den Kommunismus sagt: „Die Feinde unserer Feinde sind unsere Freunde. So sollten wir denn all jene als unsere Freunde betrachten, die gegen den Imperialismus und Kapitalismus stehen.

Ähnliche Gedanken finden sich bereits in Cardenals Antworten auf die Fragen von Studenten der Universität Havanna (vom Jahre 1970):

Frage: Glauben Sie, daß es zwischen dem christlichen Glauben und dem Befreiungskampf der lateinamerikanischen Völker Anknüpfungspunkte gibt?

Antwort: Die christlichen Ideen sind die gleichen wie die der Befreiung Lateinamerikas, und eine Gesellschaft, in der man das Evangelium lebt, muß eine sozialistische sein. Der heilige Lukas (Kapitel 3,11) antwortet, als die Leute Johannes den Täufer danach befragen, was sie tun müßten: „Derjenige, der zwei Tunikas hat, soll demjenigen eine geben, der keine hat. Und derjenige, der eine Mahlzeit hat, soll mit dem teilen, der keine hat.“ Diese Forderungen sind unvereinbar mit dem Kapitalismus und identisch mit dem Sozialismus.

Frage: Was denken Sie über Camilo Torres?

Antwort: Ich bewundere ihn sehr und glaube, daß sein Beispiel und Zeugnis den Befreiungskampf Lateinamerikas unter Christen und Marxisten in starkem Maße beeinflussen wird. Gewiß ist er die Person, die am meisten dazu beitragen wird, daß sich die einen mit den anderen zum gemeinsamen Kampf vereinen werden.

Frage: Glauben Sie, daß Marxismus und Christentum zwei völlig entgegengesetzte geistige Strömungen sind?

Antwort: Nein. Ich denke vielmehr, daß sie einige Ziele gemeinsam haben. Das heißt aber nicht, daß sie dasselbe sind. Es gibt einen Unterschied: Die Christen glauben an die Transzendenz und ein Leben nach dem Tode. Die Marxisten nicht. Das heißt jedoch nicht, daß die Ideologien entgegengesetzt sind, auch nicht, daß sie sich bekämpfen müßten. Die Christen haben keinen Grund, Antikommunisten zu sein, wenn die Kommunisten nicht antireligiös sind. Und die Kommunisten haben keinen Grund, Antichristen zu sein, wenn die Christen Revolutionäre sind.

VIII
Bündnispartner der Revolution

In der folgenden Zeit ist Cardenal viel auf Reisen: 1972 Venezuela, Costa Rica und Puerto Rico; 1973 BRD, England und DDR. Er liest aus seinen Gedichten, hält Vorträge, sucht Gespräche auf verschiedenen Ebenen. Nach einem Besuch progressiver christlicher Gruppen in den USA (u.a. Begegnung mit Daniel Berrigan) entsteht im Sommer 197 3 das Gedicht „Reise nach New York“.

Mit Daniel Berrigan im Thomas Merton Center
Daniel (Dan) in Bille-jeans und Sandalen wie ich, sein Haar
wie das Haar eines Straßenjungen nach einem Kampf
und sein Lächeln wie auf den Fotos, als er gefaßt wurde
vom FBI (strahlend zwischen düsteren Polizisten des FBI).
Er hat meine Psalmen im Gefängnis gelesen.
Und auch Jim Forest (Pazifist) ist da, mit einem großen Schnurrbart
aber jünger, als ich dachte. Er schrieb mir einmal.
Er sagte, Merton habe ihm eine Christusfigur geschenkt, die
ich im Trappistenkloster machte.
Er kommt aus Washington, von einem Protestmarsch
vom Watergate-Gebäude bis zum Gerichtsdepartment.
Und Berrigan sitzt auf einem Schreibtisch, das spitze Gesicht
auf einem Knie und das spärliche Haar im Gesicht. Er erholt sich
nur schlecht vom Gefängnis, sagt man mir. Und ein Mädchen:
„Die Foltern, von denen
man annimmt, daß es sie nicht gibt
in den Vereinigten Staaten“.
Dies ist eine Gruppe von Kontemplativen und Widerstandskämpfern, sagte Berrigan.
Vereint eines Nachts in einem Kloster in Harlem
beschlossen sie, dieses Merton Center zu gründen.
Sie befassen sich mit der Mystik verschiedener Religionen
auch der Religion der Indianer.
„Merton litt Qualen im Kloster“, sagt Dan
und wir alle wissen es. Und Jim erinnert uns daran
daß sie ihm verboten, gegen den nuklearen Krieg zu schreiben
weil dies kein mönchisches Thema war.
Dan: „Er sagte mir einmal, er würde nicht wieder Mönch werden
aber weil er es nun einmal sei, wolle er es auch bleiben.“
„Er wollte nach Solentiname gehen, nach seiner Asienreise.
nicht wahr?“ fragt Jim.
Und Dan: „Bist du sicher, daß er nicht dort ist?“
Und wieder Dan:
„Es ist eine schlechte Droge, diese Kontemplation.
Sie meditieren. Ohne auch nur zu denken an den Krieg. Ohne zu denken
an den Krieg. Man kann nicht auf seiten Gottes stehen und neutral bleiben.
Die wirkliche Kontemplation ist der Widerstand. Und die Poesie.
Die Wolken zu betrachten ist Widerstand – entdeckte ich im Gefängnis.“
Ich rate ihm, er solle nach Kuba gehen. Und er: er stehe noch unter Bewährungsfrist.
Ich sage ihm auch: „In Lateinamerika
sind wir dabei, das Christentum mit dem Marxismus zu verschmelzen.“
Und er: „Ich weiß. Hier nicht.
Hier ist es das Christentum und der Buddhismus.
Jim, wir sind schon alle Buddhisten, nicht wahr?“

Das der Sandinistischen Befreiungsfront gewidmete „Nationallied für Nicaragua“, entsteht 1972. Die Zerstörung Managuas durch ein schweres Erdbeben am 23. Dezember 1972 veranlaßt Cardenal, ein „Orakel über Managua“ zu schreiben. Und wie beinahe alle seine Gedichte beziehungsweise Gedichtzyklen sind das „Nationallied“ und das „Orakel“ in ihrer assoziativen, von Zitaten durchsetzten Art voll von lateinamerikanischer, besonders nicaraguanischer Geschichte. Da steht die Sierra Maestra als Wiege der kubanischen Revolution neben dem Vulkan Momotombo, am Managuasee; da finden die Indianerstämme des Ostens und Nordostens von Nicaragua, die Miskito und Sumo, genauso Erwähnung wie das heilige Buch der Maya: Popol Vuh oder die oppositionelle Zeitung La Prensa; da steht Acahualinca sowohl für das Elendsviertel Managuas als auch für den Ort, an dem man Spuren von ersten Menschen in Nicaragua fand, und es wird als bekannt vorausgesetzt, daß man in Managua die Anhöhe des Präsidentenpalastes „La Loma“ (= „Der Hügel“) nennt und der Dichter Leonel Rugama, einer der Führer der FSLN, im Januar 1971 bei einem Feuergefecht mit der Guardia Nacional (deren Oberbefehlshaber Somoza ist) fiel.
Das Somoza-Regime erkennt in der Basisgemeinde von Solentiname einen subversiven Gegner. Deshalb ist es darum bemüht, Sicherheitsagenten auf die Insel zu schleusen. Als einer dieser Agenten durch die Gemeinde Solentiname enttarnt wird, schreibt Ernesto Cardenal am 28. Oktober 1972 einen „Offenen Brief“ an den Chef des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes. Er bringt seine ernste Sorge darüber zum Ausdruck, „daß viele Gläubige bereits mit einer gewissen Furcht zur Messe nach Solentiname kommen“.

Wenn es Sie interessiert, was ich persönlich von der Regierung und dem ganzen gegenwärtigen System halte, so haben Sie es nicht nötig, Geheimagenten nach Solentiname zu schicken. Meine Meinung habe ich mehr als einmal öffentlich in der Presse, im Radio und in den Hörsälen der Universitäten zum Ausdruck gebracht, und meine Bücher werden nicht nur in Nicaragua, sondern auch in anderen Ländern gelesen… Ich würde mich freuen, wenn Sie mir öffentlich und auf die gleiche klare und ehrliche Art antworten würden. Nicht nur um der Solentinamer Bauern, sondern um der ganzen nicaraguanischen Bevölkerung willen. Meine Sorge gilt nicht mir selbst, sondern anderen. Ich persönlich habe keinerlei Furcht: ich habe nichts zu verlieren, weil ich bereits auf alles verzichtet habe. Und der größte Wunsch meines Lebens ist, für die Sache der Unterdrückten sterben zu dürfen, denn die Sache der Armen ist für mich die Sache Christi. Ich habe diesen Brief ohne persönlichen Groll geschrieben; denn kein menschliches Wesen ist mein Feind. Gott segne Sie alle.

Der faschistische, konterrevolutionäre Putsch in Chile (September 1973) treibt den revolutionären Dichter in seiner Entwicklung weiter voran. Aufschlußreich dafür ist ein in der Zeitschrift Ahora in Santo Domingo (am 7. Oktober 1974) erscheinendes Interview. Im Vergleich mit früheren Äußerungen zeigen sich einige neue Akzente. So bringt Ernesto Cardenal vor allem seine Überzeugung darüber zum Ausdruck, „daß die Befreiung Lateinamerikas nicht ohne den Sozialismus erreicht werden kann. Das Gegenteil zu sagen hieße, das Volk zu betrügen“. Auf Chile angesprochen, sagt er:

Was dort geschah, ist eine harte Lektion, die wir Revolutionäre aufmerksam überdenken sollten… Es ist notwendig, daß der Christ ein authentischer Sozialist ist und kein Kapitalist wie die kirchliche Hierarchie. Christus kam auf die Welt, um eine klassenlose Gesellschaft zu errichten, das heißt: die kommunistische Gesellschaft von Marx… Persönlich bin ich nicht bereit, die Waffe zu ergreifen, um die Revolution zu machen. Aber ich unterstütze ganz gewiß diejenigen, die das tun, wie Padre Domingo Laín in Kolumbien. Das ist meine persönliche Haltung. Darüber hinaus bin ich bereit, wenn es nötig ist, mein Leben für die sozialistische Revolution zu geben. Ich bin überzeugt davon, als Priester und Dichter einen großen Beitrag für diese Revolution zu leisten. Doch lege ich besonderen Nachdruck darauf, daß wir dem Volk diese falsche Furcht vor dem Sozialismus nehmen müssen, die ihm durch die Bourgeoisie eingeflößt worden ist… Für mich ist Che Guevara ein Heiliger. Sie werden mir sagen, daß ein Heiliger nicht töten dürfte. Ich aber sage Ihnen, daß es Heilige gegeben hat, die getötet haben, ohne daß sie deshalb aufgehört hätten, Heilige zu sein. Außerdem starb Che deshalb, weil er das Volk Gottes von der Unterdrückung des Kapitalismus befreien wollte. Als Geistlicher darf ich den bewaffneten Kampf nicht unterstützen. Aber der Starrsinn derer, die die Macht festhalten, drängt uns – Christen wie Marxisten – auf diesen Weg.

Befragt nach seiner Einschätzung des II. Vatikanischen Konzils und der II. Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz, meint er:

Das ist ein religiös-politisches Phänomen, das wir bis jetzt noch nicht in seiner vollen Tragweite erfaßt haben. Doch sicher ist, daß es gegenwärtig die Bibel und Marx im Schmelztiegel der Praxis zu einer explosiven Mischung vereinigt. Die kontinentale Bourgeoisie weiß, daß sie dabei ist, einen ihrer traditionellen Hauptstützpfeiler zu verlieren. Die Predigten und Kämpfe von Priestern wie Helder Cámara, Antonio Batista Fragoso, Mendez Arceo oder Ivan Illich formen ein neues Gesicht der Kirche, wobei man auf keinen Fall Padre Camilo Torres vergessen darf, dessen Leben und Opfer es der Kirche ermöglicht hat, sich ihrer historischen Mission bewußt zu werden.

Bei der Frage: „Meinen Sie, daß Sie Marxist sein und weiterhin an Gott glauben können?“ zeigt sich besonders deutlich die gegenüber dem Interview vom Mai 1971 veränderte Position. Cardenal antwortet nun:

Ja, wenn man an einen wahren Gott und an ein authentisches Christentum glaubt und nicht an eine entfremdete Religion. Der Gott der Bibel und Christus sind ein Gott der Befreiung, der vor allem dazu zwingt, die Ketten der Gefangenen zu zerbrechen. Der Apostel Jakobus sagt, daß die wahre Religion vor Gott jene ist, die sich der Hilflosen und Unterdrückten der Erde annimmt. Das bedeutet: authentische Revolution.

Am Ende dann:

Ich möchte denen sagen, die meinen Stand als Priester für unvereinbar mit dem eines Revolutionärs ansehen, daß ich als Priester nicht die Macht erstrebe. Wir progressiven Priester stehen innerhalb der revolutionären Bewegung nicht als politische Partei. Wir dienen lediglich der Revolution dabei, daß sie der triumphalistischen Kirche alle zeitliche Macht entreißt, um so authentischer und christlicher zu sein.

In der Aufzeichnung einer Diskussion mit Studenten einer mittelamerikanischen Universität Mitte der siebziger Jahre stoßen wir auf ähnliche Gedanken. Marxismus und Gottesglaube lassen nach ihm sich vereinen, „unter der Voraussetzung, daß man an den wahren Gott glaubt und nicht an einen Götzen, und unter der Voraussetzung, daß man an ein wahres Christentum glaubt und nicht an eine entfremdete Religion und Opium des Volkes. In Wirklichkeit ist der Gott der Bibel und der Gott Jesu Christi mit den Armen, will er ihre Befreiung. Schon der Name Jesus bedeutet ,Befreier‘. Gott zeigt sich in den Propheten und sagt, daß er keinen Kult will, daß er ihrer Gebete überdrüssig ist und daß er statt dessen von ihnen erwartet, daß sie die Ketten der Gefangenen zerbrechen, daß man die Armen nicht ausbeutet und seinen Bruder liebt. Für den Apostel Jakobus besteht die reine und unbefleckte Religion vor Gott darin, die Bedürfnisse der Witwen und Waisen zu beachten, was auf die Revolution und ein sozialistisches System hinausläuft, und das heißt die Bedürfnisse des Volkes zu beachten. Dies ist die Religion für den Christen.“
In diesen Zusammenhang gehört auch die Äußerung Cardenals in dem Solentinamer Gespräch vom Juni 1972. „Viele Christen fühlen sich abgestoßen vom Gottesverständnis des Marxismus-Leninismus. Wie verstehst du das Verhältnis zwischen dem Gott der Bibel und dem Gottesverständnis des dialektischen Materialismus?“ Ernesto Cardenal antwortet:

Für mich ist der Gott der Bibel auch der Gott des Marxismus-Leninismus. Weil es zwei Klassen des Atheismus gibt und auch zwei Klassen des Materialismus. Der Gott der Bibel ist der Gott, der mit den Menschen eins geworden ist. Es ist der Gott, den wir nur verstehen können durch den Menschen und durch die Liebe zum Menschen. Wir können keinen direkten Kontakt zu ihm haben. Der Apostel Johannes sagt: „Gott, den niemand gesehen hat.“ Und die Aussage, die die atheistischen Marxisten machen, scheint mir der des heiligen Johannes ähnlich zu sein: „Gott, den niemand gesehen hat.“
Der wirkliche Atheismus, die wahrhaftige Verneinung Gottes, das sind für mich die Gesellschaften
Esso und STANDARD OIL; das ist der wirkliche Materialismus, der atheistische Materialismus in dem Sinne, wie wir die Verneinung Gottes verstehen müssen. Die Dow-Company, die ihr Geld mit Napalmbomben verdient, das ist Gottesleugnung.

Die Haltung des „engagierten Mystikers“ überträgt sich vom Gründer der Solentinamer Kommune ganz allmählich auch auf die an den Gottesdiensten teilnehmende bäuerliche Bevölkerung des Archipels. Über die dabei vorherrschende Form, die Tragweite des Evangeliums zu bedenken, hat sich Ernesto Cardenal in seinen Vorbemerkungen zu der zweibändigen Veröffentlichung Das Evangelium der Bauern von Solentiname geäußert. (Der deutsche Titel ist irreführend, weil er den Eindruck vermittelt, als ginge es um ein spezielles Evangelium. Im spanischen Original heißt es einfach: „Das Evangelium in Solentiname“!) Cardenal teilt mit, daß man sich anstelle einer Predigt in der Sonntagsmesse über vorgelesene neutestamentliche Texte unterhält.

Die Auslegung der Bauern ist oft von größerer Tiefe als die vieler Theologen, aber gleichzeitig von genauso großer Einfachheit wie das Evangelium selbst. Das darf uns nicht verwundern, denn das Evangelium, die „gute Nachricht für die Armen“, wurde für sie geschrieben, für Menschen wie sie… Viele dieser Gespräche fanden in der Kirche während der sonntäglichen Messe statt. Andere in einem kleinen strohgedeckten Gebäude gegenüber der Kirche, in dem wir unsere Versammlungen abhalten und oft ein gemeinsames Mittagsmahl nach der Messe einnehmen. In einigen Fällen feierten wir die Messe auch unter freiem Himmel auf einer der Inseln oder in einem Dörfchen auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, zu dem man nur auf einem unserer Tropenflüsse, umgeben von der üppigen Vegetation, gelangt.
Jeden Sonntag werden zuerst Exemplare des
Neuen Testaments verteilt. Das heißt, an die, die lesen können, denn viele unserer Gemeindeglieder sind Analphabeten, vor allem die älteren und diejenigen, die auf weit entfernten Inseln wohnen und nicht regelmäßig zur Schule kommen können.
Einer von denen, die am besten lesen können (für gewöhnlich ein junger Mann oder junges Mädchen), liest die Bibelstelle vor, die wir an dem jeweiligen Sonntag besprechen wollen. Danach besprechen wir einen Vers nach dem anderen

Nicht alle Bewohner dieser Inseln kommen des Sonntags zur Messe. Viele, weil sie kein Boot besitzen. Andere, weil sie bei uns nicht die Heiligenverehrung finden, an die sie gewöhnt sind. Und wieder andere, weil sie von der antikommunistischen Propaganda beeinflußt sind, und vielleicht auch, weil sie Angst haben.
Nicht alle, die zur Messe kommen, beteiligen sich im gleichen Maße an den Gesprächen… auch die, die wenig sprechen, aber auch Wichtiges zu sagen haben, dazu William und Teresita und andere Freunde, die uns besuchten und an unseren Gesprächen teilnahmen, sind die Verfasser dieses Buches.
Das heißt, sein wirklicher Verfasser ist der Geist, der ihnen ihre Worte eingab (die Bauern von Solentiname wissen sehr wohl, daß er es ist, der durch sie spricht), derselbe Geist, der auch die Evangelien inspirierte. Es ist der Heilige Geist, der Geist Gottes, eingegangen in die Gemeinschaft; der Geist, den Oscar den Geist der Vereinigung aller nennen würde und Alejandro den Geist des Dienstes am Nächsten und Elbis den Geist der zukünftigen Gesellschaft und Felipe den Geist des Arbeiterkampfes und Julio den Geist der Gleichheit und der Gütergemeinschaft aller mit allen und Laurenne den Geist der Revolution und Rebecca den Geist der Liebe.

Die weltabgeschieden scheinende Gemeinde von Solentiname ist alles andere als eine apolitische Idylle. Sie wird mit hineingezogen in das revolutionäre Aufbegehren des nicaraguanischen Volkes. Ereignisse wie der Zusammenschluß oppositioneller Parteien und Organisationen Nicaraguas zur Demokratischen Befreiungsfront im Dezember 1974 oder die Entführung von zwölf Politikern des Somoza-Regimes durch FSLN-Kommandos, mit der der Diktator zur Freilassung und Ausreise von mehreren eingekerkerten Patrioten gezwungen wird, gehen nicht spurlos am Großen See von Nicaragua und seinen etwa tausend Inselbewohnern vorüber. Die Basisgemeinde von Solentiname wirkt inspirierend auf manchen Besucher. So veranlassen Gespräche mit der bäuerlichen Bevölkerung und deren Bibel- bzw. Evangeliumkommentare den Volkssänger und Komponisten Carlos Mejía Godoy zur Komposition seiner „Bauernmesse“.
Vor kubanischen Marxisten stellt Cardenal über die Basisgemeinde folgende Überlegungen an:

Beim Frühstück fragen mich einige Marxisten über unsere Kommune in Solentiname aus. Ich erkläre ihnen, daß wir versuchen, ein Leben zu führen, in dem es kein Mein und kein Dein gibt, daß wir freiwillig arm sind, frei von der Gier auf Geld, frei vom Zwang der Konsumgesellschaft. Wir leben in brüderlicher Gemeinschaft, alle arbeiten für die Kommune, alle sind wir gleich. Ich schweige. Mir wird klar, daß etwas, das in der kapitalistischen Welt als außergewöhnlich angesehen wird, in Kuba alltägliche Realität ist. (Vom Gebet kann ich ihnen nicht sprechen, das würden sie vielleicht falsch verstehen, und ich weiß nicht, wie ich Menschen, die nicht an Gott glauben, unsere mystische Vereinigung erklären soll.) Ich fürchte, sie könnten mich fragen, was so eine Kommune in einer sozialistischen Gesellschaft für einen Sinn habe. Denn im Augenblick wüßte ich keine Antwort darauf.
Später dachte ich in Ruhe über diese Frage nach, die diese jungen Marxisten mir hätten stellen können. Ich glaube, in einer perfekten sozialistischen Gesellschaft wäre es nicht nötig, „aus der Welt zu fliehen“, um das Evangelium zu leben. Auf jeden Fall wäre das materielle Leben in so einer Gemeinschaft nicht anders als das Leben aller anderen auch.

Ernesto Cardenal schreibt 1977 in seinem offenen „Brief an das Volk von Nicaragua“, daß es das Evangelium sei, das die Solentinamer Gemeinde politisch am meisten radikalisiere. Doch war dieses ja kein abstrakt verstandenes, sondern ein in die eigene sozialökonomische Situation hinein gelesenes und aus ihr heraus verstandenes Evangelium. So steht Cardenal selber sehr bald in Verbindung mit der FSLN.
Die Sandinistische Befreiungsfront möchte ihn als Priester zu den Guerilleros in die Berge schicken. Diesem Wunsch vermag Cardenal nicht zu entsprechen, da er sich – wiewohl mit den sandinistischen Zielen einverstanden – in keiner Weise am bewaffneten Kampf beteiligen will. Im Januar 1976 erklärt er sich jedoch bereit, im Auftrag der FSLN vor dem Bertrand Russell Tribunal in Rom gegen die Verletzungen der Menschenrechte in Nicaragua auszusagen. Hier nach dem Verhältnis zwischen Christentum und Marxismus befragt, meint er:

Wir glauben nicht, daß Christentum und Marxismus identisch sind; was wir glauben, ist, daß es zwischen beiden keine Konflikte gibt, wie es auch zwischen dem Christentum und der Wissenschaft, sagen wir zum Beispiel der Medizin, keine Konflikte gibt. Das bedeutet ja auch nicht, daß Christentum und Medizin dasselbe sind, will aber wohl heißen, daß einer sehr gut gleichzeitig Arzt und Christ sein kann. So also beurteilen wir den Marxismus im Hinblick auf unseren christlichen Glauben, wir halten ihn nicht für unvereinbar mit unserem Glauben; wir glauben nur nicht, sie seien identisch. Aber wir glauben, daß sie vieles gemeinsam haben, das ja, mehr noch: daß sie sich in nichts widersprechen! Gemein haben sie, daß beide die Verwirklichung einer gerechten, einer perfekten und brüderlichen Gesellschaft anstreben, was wir Christen in der Sprache des Neuen Testamentes das ,Reich Gottes auf Erden‘ nennen und von den Marxisten als ,kommunistische Endgesellschaft‘ bezeichnet wird.
Nun hat die Kirche in der Vergangenheit viel Propaganda gegen den Kommunismus gemacht, sie hat sich dazu hergegeben, ein Instrument des Kapitalismus zu sein, mit dem das Volk in Angst vor dem Kommunismus und der Revolution versetzt wird. Wir glauben, daß unsere Rolle als revolutionäre Christen in Lateinamerika darin besteht, dem Volk diese Angst zu nehmen. Wir glauben, daß wir als Christen die ersten sein müssen, die den Kommunismus verkünden. Das Lebensideal des Evangeliums ist das der kommunistischen Gesellschaft, und nach diesem Ideal haben auch die ersten Christen gelebt, wie es von den Aposteln beschrieben wird; sie hatten alles gemeinsam und lebten wie Brüder, es gab unter ihnen weder Reiche noch Arme. Ich erinnere mich an einen Besuch in einem Kloster, als ich… in Deutschland war, in einem Benediktinerkloster; dort sprach ich über diese Dinge, und die Mönche waren sehr befremdet über das, was ich sagte, sie waren empört darüber, daß ich vom Kommunismus sprach. So sagte ich ihnen, daß ich meinerseits befremdet darüber sei, daß sie befremdet seien, sie, die sie in einem Benediktinerkloster lebten, das sich den Kommunismus doch in seine Ordensregeln geschrieben habe. Und ich erinnerte sie daran, daß in ihren Ordensregeln, den Regeln des heiligen Benediktinus, vom ,schändlichen Laster des privaten Eigentums‘ die Rede ist, und daß sie als Benediktinermönche die ersten sein müßten, die Bedeutung des Sozialismus zu würdigen. Denn der Sozialismus erreichte es, das in eine gesellschaftliche Praxis umzusetzen, was das Ideal aller Mönchsorden ist, das Ideal der ersten Christen war und auch das Ideal des Evangeliums ist – das ist das Ideal des Kommunismus.

Das 1975 im spanischen Salamanca erstmals veröffentlichte Evangelium in Solentiname findet rasch Verbreitung in Lateinamerika. Bereits im März 1976 liegt der erste Band dieser Bibelgespräche in deutscher Übersetzung vor. Doch bald darauf, im Herbst 1977, wird die Siedlung von Solentiname durch die Guardia Nacional zerstört, ihre Bewohner werden verfolgt, verhaftet, getötet. Zu dieser Verfolgung kommt es, weil einige Jugendliche der Gemeinde sich an einem Angriff der Sandinisten auf den Stützpunkt der somozistischen Nationalgarde in San Carlos beteiligen. Ernesto Cardenal gelingt es, im Oktober 1977 nach Costa Rica zu emigrieren. Von dort aus schreibt er seinen offenen „Brief an das Volk von Nicaragua“.
Am 12. November 1977 gibt er seine lange geheimgehaltene Mitgliedschaft in der FSLN öffentlich bekannt. Bis zu dem Sieg über die Somoza-Diktatur und die Konstituierung der Regierung der Nationalen Erneuerung in Managua am 20. Juli 1979 reist er im Auftrag der Sandinistischen Befreiungsfront durch mehrere Länder, um die internationale Solidaritätsbewegung für sein Heimatland zu fördern. So nutzt er unter anderem auch Pressekonferenzen um Rande der III. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats im Januar 1979 in Puebla/Mexico:

Der Papst hat gesagt, die Priester sollten sich nicht in die Politik mischen. Er hat recht. Dies ist keine politische Angelegenheit. Warum? Dies ist einfach unsere Vereinbarung mit Christus, der uns dazu geführt hat, auf der Seite des Volkes zu stehen, in dessen Kampf.

(Ein ähnlicher Gedanke findet sich im „Sendschreiben an José Coronel Urtecho“ – zu dessen 70. Geburtstag:

Man hat Ihnen gesagt, daß ich lediglich von Politik spräche.
Nicht über Politik, sondern über Revolution
was für mich dasselbe ist wie Reich Gottes.

Als Cardenal im Dezember 1979 auf Äußerungen anläßlich seiner Beitrittserklärung zur FSLN angesprochen wird, erläutert er sein Reich-Gottes-Verständnis.

Die Revolution dient dazu, das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Das haben Sie einmal gesagt, Ernesto Cardenal. Und das war damals, als Sie Ihre Mitgliedschaft in der Frente Sandinista erklärt haben (am 12. November 1977). Ist das gleichbedeutend mit dem Sieg des Sozialismus in Nicaragua?

Cardenals Antwort:

Nicht genau. Ich glaube, daß uns der Sozialismus näher ans Reich Gottes heranführt als der Kapitalismus. Reich Gottes auf Erden – das bedeutet: eine gerechte Gesellschaft, eine vollkommene Gesellschaft – ohne Egoismus, in der alle Güter der Erde brüderlich von allen Menschen geteilt werden. Der Sozialismus bringt uns diesem Ideal näher. Und je echter und tiefgreifender die Revolution verläuft, um so näher kommen wir der Errichtung des Gottesreiches auf Erden. Ich würde nicht sagen, daß wir dieses Reich bereits errichtet haben, aber wir haben damit begonnen, es zu errichten. So folgen wir der Lehre Christi, indem wir damit begonnen haben, das Reich Gottes aufzubauen – so wie wir im Vaterunser immer erbeten haben: Dein Reich komme. Und wir binden davon – wie es einer der Apostel nach der Kreuzigung auch getan hat –, daß dieses Reich Gottes jetzt nahe ist.

Es paßt sich folgerichtig in die Entwicklung Ernesto Cardenals ein, daß, als sich die Christliche Friedenskonferenz Mitte April 1978 in Panama-Stadt mit der „Christlichen Bewegung für den Frieden, die Unabhängigkeit und den Fortschritt der Völker“ eine regionale Unterorganisation für Lateinamerika und die Karibik schafft, diese den nicaraguanischen Priester zu einem ihrer drei Ehrenpräsidenten wählt. Im Juni desselben Jahres nimmt Ernesto Cardenal an der V. Allchristlichen Friedensversammlung der Christlichen Friedenskonferenz in Prag teil.

IX
Für eine eigenständige lateinamerikanische Kultur

In den bewegten Jahren, in denen die revolutionäre Entscheidung in Nicaragua heranreift, schreibt Ernesto Cardenal unter anderem seine „Epistel an Monsignore Casaldáliga“. Dazu veranlaßt ihn die öffentliche Kommunismus-Anklage der brasilianischen Bischöfe Dom Pedro Casaldáliga von Sao Felix und Dom Tomas Baldoino von Goias Velho durch ihren antikommunistischen Bischofskollegen von Diamantina (Mato Grosso), Dom Geraldo Proença Sigaud, aus dem Jahre 1977. In dieser „Epistel“ bestimmt Cardenal das Verhälmis zwischen Kommunismus und Christentum mit einer charakteristischen Formulierung:

Für die Kommunisten existiert Gott nicht, sondern die Gerechtigkeit.
Für die Christen existiert Gott nicht ohne die Gerechtigkeit.

Programmatisch für seine Auffassung von der Rolle der Dichtkunst im Prozeß der revolutionären Befreiung ist, was Cardenal in demselben Gedicht kritisch gegenüber literarischen Verirrungen äußert:

Jetzt ist nicht die Zeit von Literaturkritik
noch für surrealistische Gedichte gegen Militärdiktaturen.
Und wozu Metaphern, wenn die Sklaverei keine Metapher ist
und keine Metapher der Tod im Fluß das Mortes
und auch nicht die Todesschwadronen?

Gegen die Inflation und Entwertung der Sprache, die für ihn letztlich die gleichen Ursachen hat wie jede inflationäre Erscheinung, setzt Cardenal – bewußt in der Alltagssprache, seiner Sprache der Dichtung –

die Poesie als Poster
oder als Dokumentarfilm
der als Reportage

Die „großen Barden des 20. Jahrhunderts“ findet er in der Werbung:

diese Keats und Shelleys, das Colgate-Lächeln besingend,
die Kosmische Coca Cola, Funke des Lebens
Die Inflation und Entwertung der Sprache
Partner der monetären Entwertungen, ebenfalls durch sie veranlaßt.
Die Automarke in das Land der Glückseligkeit.
Ihre Investitionen rufen zum Plündern,
füllen die Erde mit leeren Dosen.
Wie irgendein Fluß in Cleveland, der leicht entflammbar
ist auch die Sprache bereits verschmutzt.
„Es scheint so, als hätte er (Johnson) niemals verstanden,
daß Wörter reale Bedeutung haben,
abgesehen von Propagandazwecken“,
schrieb Time, die es begreift und ebenfalls lügt.
Und wenn die Entlaubung in Vietnam
Kontrollprogramm der Ressourcen ist,
ist das zugleich Entlaubung der Sprache.
Und die Sprache verweigert seit langem zu kommunizieren
Raub als lnvestitionen,
Auch gibt es Verbrechen des CIA in der semantischen Ordnung.
Hier in Nicaragua, wie Sie sagten:
Die Sprache von Regierung und Privatunternehmen
gegen die nicaraguanische Volkssprache.

Hier schlägt sich in dichterischer Form nieder, was er bereits vor kubanischen Studenten der Humanistischen Fakultät („stehen Sie weiterhin zu der Meinung, die Poesie könnte die Welt retten?“) sehr viel kürzer ausführte:

Ich glaube, daß das, was die Welt retten kann, die Liebe ist. Doch die Liebe fordert Kommunikation, und die Kommunikation unter den Menschen ist vor allem das Wort. Von hier aus ergibt sich die Notwendigkeit der Poesie. Die Welt muß sich durch das Wort (Poesie) retten, aber indem das Wort Vehikel der Kommunikation der Liebe ist.

Von dieser Position her ist es eine logische Entwicklung beziehungsweise konsequente Entscheidung, wenn sich der Mann, der in der Nachdichtung des 130. (131.) Psalms sagt:

Mein Herz ist nicht hochmütig, Herr.
Ich begehre nicht, Millionär zu sein,
Führer
oder Ministerpräsident.
Ich trachte nicht nach öffentlichen Ämtern
und renne nicht hinter Orden her.
Ich besitze weder Vermögen noch Scheckheft,
doch auch ohne Lebensversicherung
bin ich sicher
wie ein schlafendes Kind in den Armen seiner Mutter…
Vertraue, Israel, dem Herrn
(und nicht den Führern).

– wenn sich also dieser Mann der Forderung des Tages nicht verschließt und sich am 20. Juli 1979 als Kulturminister der Regierung der Nationalen Erneuerung in das achtzehnköpfige Ministerkabinett Nicaraguas berufen läßt.
Die Gründe für eine solche Entscheidung sind schon Jahre zuvor durchdacht in seiner „Homenaje a los indios americanos“, in dem Gedicht über den Dichter-König Netzahualcóyotl, der ihm zum Leitbild seiner Wirksamkeit geworden ist:

Und er war Mystiker, Gesetzgeher, Astrologe, Baumeister.
Er schrieb Verse, aber er baute auch Deiche
er sprach über Brücken und neue Lyrik
Probleme des Straßenbaus und Fragen der Melodie.

Andere
führten das Volk zuvor über die Pfade von Hirsch und Kaninchen
Tezozomoc, Maxtla… Die Herzen hatten wie ein Kaktus.
Heute die Künstler, die Dichter: „ein Herz in Gott“
aaaaadie Erschaffer von Wirklichkeiten
die Entdecker des Blumenliedes
aaaaaaaaaaaaaadie einzige Art
aaaaaadie Wahrheit zu sagen auf Erden.
Herrn der sorgfältigen Sprache und des treffenden Ausdrucks die den Macchuales (= Armen, d. Verf.) eine Sprache geben. Meister

der Wissenschaft von tecpillatolli (,genaue Sprache‘)
Die Poesie ist für den Macchual, sagte Netzahualcóyotl.
Ein wahres Sprechen wie das nahuatl des Quetzalcoatl.
In Texcoco erblühte die Tradition der Tolteken
,Nachfolger der alten Lehre‘ (von Quetzalcoatl).
Die Tolteken, das Volk von Weisen, ,die Sänger‘
die ihre alten Städte mit Liedern gründeten
aaaaaaaa„denn man sagt
aaaaaaaaaaaso begannen die Städte
aaaaaaaaaaaes war Musik in ihnen“

Vergleicht man das hier Gesagte mit Ausführungen des Kulturministers des neuen Nicaragua während eines Pressegesprächs am 12. Februar 1980/81 so zeigt sich sehr deutlich, daß Cardenal hier die Renaissance einer eigenständigen lateinamerikanischen Kultur konzipiert:

Wir glauben nicht, daß wir eine billige, minderwertige Kultur für ,die Massen‘ haben sollten. Wir glauben wie Marx, daß es ein Verbrechen ist, dem Volk eine minderwertige Kultur anstelle einer vollkommenen zu bieten… Den Plan unseres Ministeriums für Kultur könnten wir in einem Satz Fidels zusammenfassen, der gesagt hat, daß das Volk nicht nur Konsument der großen Kunstwerke sein dürfte – das wäre schon gut –, sondern auch ihr Produzent.

Im einzelnen erwähnt Cardenal die Gründung von Kulturhäusern in verschiedenen Landesteilen. Volksfeste, Kulturfestivals, Ausstellungen, die Einrichtung eines Nationalen Filminstituts, von nationalen Gedenkstätten und Museen (wie etwa die Geburtshäuser Rubén Daríos und Sandinos in León beziehungsweise Niquinohomo), den Aufbau von Schulen der Tanzkunst, der Musik, des Kunsthandwerks (dessen Produkte im Rahmen des Außenhandels zugleich einen ökonomischen Nutzen für das Land versprechen). Er nennt die kürzlich erfolgte Stiftung eines Preises für lateinamerikanische Poesie, die bereits ein positives Echo auf dem lateinamerikanischen Kontinent ausgelöst hat, und verweist darauf, daß man sich zum erstenmal in der nicaraguanischen Geschichte dessen bewußt ist, daß in diesem Lande drei Kulturen und drei Sprachen beheimatet sind. Der Sport findet in diesem Zusammenhang genauso Erwähnung wie typische Speisen und Getränke des Landes,

die ebenfalls Teil unserer Kultur sind, und wir sollten sie gegenüber der imperialistischen Durchdringung und dem entkultivierenden Wirken der Transnationalen Konzerne den kommenden Generationen erhalten. Das ist Bestandteil unserer nationalen Identität. Gegen die Coca Cola und die Pepsi Cola sollten wir die natürlichen nicaraguanischen Getränke verteidigen, verteidigen auch unsere Süßigkeiten… Die gesamte kulturelle Renaissance und diese Rückeroberung des Unseren ist das Werk unserer Revolution. Die Revolution ist Kultur, und unsere Kultur ist jetzt Revolution. Es gibt keinen Unterschied zwischen Revolution und Kultur. Von seiten unserer Revolution war die Errichtung eines Kulturministeriums von Anfang an ein bedeutender Schritt nach vorn, gibt es doch nur wenige Länder Lateinamerikas, die ein Kulturministerium haben. Das bedeutet, daß unsere Revolution der Poesie, der Musik, der Malerei, der Folklore, dem Sport, dem Film, dem Tanz, dem Gesang die Wichtigkeit ministerieller Ebene zubilligt.

Selbst in der Alphabetisierungskampagne, die vom Bruder des Dichters, Fernando Cardenal, geleitet wird, spielt die Kultur eine wesentliche Rolle. So gehören Volks- und Kinderlieder, Spiele, Reime und Geschichten zu den Lehrmaterialien der 130.000 jugendlichen Alphabetisatoren, die, aus dem Volke stammend, ihm wieder zugänglich gemacht werden sollen. Die Alphabetisatoren haben zugleich den Auftrag, die im Volke noch lebendigen Lieder, Märchen und Legenden zu sammeln. Weiteres Ziel ist auch, die indianische Bevölkerung Nicaraguas in ihren eigenen Indianersprachen Schritt für Schritt zu alphabetisieren.
Wie sehr es Cardenal um ein menschenwürdiges Leben der Völker, insbesondere der Völker Lateinamerikas, geht, wird an den folgenden Äußerungen besonders deutlich:

Das wichtigste für mich ist, Revolutionär zu sein. Als Dichter, der ich gewesen bin, war es meine Pflicht, ein revolutionärer Dichter zu sein; als Priester ist es meine Pflicht, ein revolutionärer Priester zu sein. Als Minister, wie ich es jetzt bin, habe ich meinem Volk zu dienen. Vielleicht werde ich nicht mehr dichten, damit andere das tun, damit sie Lieder, Bilder und Tänze machen. Das ist dieses Opfer wert. Es ist das Volk, das immer fordert und alles verdient.

Aufschlußreich für die von Cardenal vertretene kulturpolitische Linie ist seine Rede auf der Gründungsversammlung der Sandinistischen Vereinigung der Kulturschaffenden (Ende Januar 1980), die hier in Auszügen wiedergegeben werden soll. Zunächst betont Cardenal, daß die neue nicaraguanische Kultur revolutionär sein müßte, denn der kulturelle Kampf diene der Umwandlung der bisherigen Gesellschaft in eine neue, von Ausbeutung freie Gesellschaft.

Denjenigen von uns, die christlich erzogen wurden, hat man erklärt, daß alles Gott untergeordnet werden muß, auch die Kunst muß Gott untergeordnet sein. Aber das authentische Christentum zeigt, daß Gott die Liebe zum Menschen ist. Also müssen wir sagen, daß alles der Liebe zum Menschen untergeordnet werden muß. Die Kunst um der Kunst willen reicht nicht aus; die Kunst muß der Liebe zum Menschen untergeordnet werden, das ist die Revolution.
Und die Kultur im neuen Nicaragua dient dazu, das revolutionäre Bewußtsein zu entwickeln und unserem Volk bei den wirtschaftlichen Veränderungen, die wir gerade durchführen und die alle zum Wohle der großen Mehrheit gemacht werden, beizustehen. Die Kultur muß die Trennung der Arbeit, die Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit überwinden.
Und die Kultur muß
demokratisch sein; denn die große Mehrheit muß Zugang zu ihr haben.

Und schließlich sagen wir, daß unsere Kultur antiimperialistisch sein muß. Der Imperialismus hat die Welt in Ausbeuter und Ausgebeutete eingeteilt. Wir haben unseren Platz in dieser Teilung: Wir müssen als befreites Volk gegen die imperialistische Aggression gemeinsam mit allen übrigen befreiten Völkern oder mit denen, die sich auf dem Weg zur Befreiung befinden, kämpfen. Wir müssen unsere nationalen Wurzeln suchen und die Erfahrungen und Formen der anderen Revolutionen und aller Völker auf dem Weg der Befreiung als eigene aufnehmen. Und das natürlich ohne Chauvinismus. Wir sind uns bewußt, daß wir eine Provinz von Lateinamerika sind. Wir müssen mit unserer nationalen Folklore auch die gesamte lateinamerikanische Folklore befreien, denn alles Volkstümliche aus Lateinamerika ist auch unser Eigentum. Deshalb soll unsere Kultur national und universal sein… Die nicaraguanische Revolution ist nicht nur nicaraguanisch, sie ist lateinamerikanisch und weltweit.

Es müssen zwei Umstände berücksichtigt werden: 1. In Nicaragua wurde die Volkskunst unterdrückt; 2. ihr wurden kolonialisierte Werte der Bourgeoisie aufgezwungen. So haben wir zwei Aufgaben: Wir müssen die Kultur befreien und: wir müssen unsere Kultur reinigen.
Marx hat gesagt, daß die Philosophie keine andere Aufgabe hat, als die Realität zu ändern. Ich glaube, auch die Theologie muß dazu dienen, die Realität zu ändern. Auch die Poesie muß die Realität ändern. Und die Malerei und das Theater und alle künstlerischen, intellektuellen Schöpfungen. Hier in dieser Gegend, auf diesen Straßen, ging Leonel Rugama dort, wo das Café La India liegt, und sagte immer, daß die Revolution dazu dient, die Realität zu ändern. Eben dafür beginnen wir jetzt die neue Kultur des neuen Nicaragua zu schaffen… Unser Volk hat dem kulturellen Völkermord genauso wie dem militärischen Völkermord widerstanden. Und die Revolution ist gekommen, um uns alle zu retten. Ein Freund von mir hat einen militärischen Posten an der Grenze zu Honduras. Er erzählte mir, daß er nach dem Sieg der Revolution einen Schmuggel von Papageien, die aus Nicaragua herausgebracht werden sollten, aufdeckte. Sie sollten in die Vereinigten Staaten gebracht werden, damit sie dort englisch redeten. Es waren 186 Papageien. 47 lagen schon tot in den Käfigen. Man brachte sie an den Ort zurück, von wo man sie nach dem Bericht eines Papageienschmugglers weggeschleppt hatte. Und mein Freund erzählte mir, daß, als sich die Busse den Bergen in der Nähe eines Gebietes, das man Los Llanos nennt, im Norden, näherten, die Papageien anfingen, in ihren Käfigen unruhig zu werden, mit ihren Flügeln zu schlagen, fliehen zu wollen, eben weil sie fühlten, daß sie in ihrer Heimat sind. Als man sie freiließ, entflogen sie alle wie Pfeile in ihre Berge. Ich denke, daß es uns auch so erging. 47 Papageien waren tot… auch wir, die wir am Leben geblieben sind, haben uns unsere Berge zurückgeholt wie diese Papageien, die dazu verdammt waren, in die Vereinigten Staaten zu kommen, um englisch zu reden.
Unsere sofortigen Aufgaben sind: die Schaffung von einer größtmöglichen Anzahl der Volkszentren der Kultur, die Schaffung von Werkstätten, von Bibliotheken, die Organisierung von Festivals, die Vermehrung der Kulturförderer, das Zurückholen von all dem, was unser ist… Auch neue Gewohnheiten in unserem Volk müssen geschaffen werden.
Die Puppenmacher in Masaya mußten ihre Puppen blond und blauäugig herstellen, weil es die Läden so forderten, weil sie so die Menschen haben wollten. Wir haben den Indios von Monimbo und den Kunsthandwerkern von Masaya gesagt, daß sie die Puppen nicht mehr blond und blauäugig machen sollten. Unser Volk ist schlechte Fernsehfilme gewöhnt, und dagegen müssen wir kämpfen, nicht damit, daß wir keine Fernsehfilme mehr machen, sondern indem wir gute, nicaraguanische produzieren. Der künstlerische Geschmack unseres Volkes muß verbessert werden; denn es hat einen schlechten Geschmack in der Plastik und in der Poesie. Dafür können Ausstellungen von Kindermalerei, Jugendmalerei, von professionellen Künstlern, vom Kunsthandwerk, von der Fotografie, von Büchern geschaffen werden. Es müssen Bibliotheken, Volkstheater, solche Treffen, wie wir heute eins durchführen, Schneidereien, Stätten der Kochkunst (was wir auch berücksichtigen müssen) eingerichtet werden. Die Baumzucht, die Verteidigung der Ökologie, die Kinoforen, die Kinoklubs, der Sport, die Organisationen, Meetings, die Agitation müssen organisiert werden.
Alles, was Volkskunst ist, muß gefördert werden. Denn das heißt auch, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beenden. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß die Folklore nicht mehr Objekt des persönlichen Luxus ist. Außerdem gibt es keinen Grund, warum wir es ,Folklore‘ nennen sollten: Das ist Volkskunst.

Es gibt Leute, die behaupten, daß die Gedichte aus den Dichterwerkstätten, die in Barricada veröffentlicht wurden, unnütz und keine gute Dichtung seien. Ich möchte ihnen auf brüderliche Weise mit meiner Autorität, die ich mir durch meine lebenslange Arbeit in der Dichtung erworben habe, sagen, daß sie im Unrecht sind und daß die beste Dichtung gerade dabei ist, sich zu bilden. Und die beste Dichtung aus Nicaragua entsteht gerade und wird die Welt in Erstaunen versetzen.
Es geht um die Enteignung der Kultur. So wie die Regierung das Land der Somoza-Leute, die Betriebe, die Banken, den Außenhandel und die Minen enteignet hat, so wurde auch die Kultur enteignet und an ihre Besitzer, an das Volk, zurückgegeben.

So wie die Genossen Miskitos, die fühlen, daß ihre Kultur für sie Leben oder Tod ist, so werden wir unsere Revolution sichern. Denn unser Volk, daß sich mit seiner Kultur identifiziert, ist ein unbesiegbares Volk, es ist ein Volk, das seine Revolution gegen jegliches imperialistisches Eindringen… unter der heiligen Losung ,Freies Vaterland oder Sterben‘ verteidigen wird.

Carl-Jürgen Kaltenborn, Vorwort

Zu den bedeutendsten Vertretern

der gegenwärtigen lateinamerikanischen Dichtung gehört der Nicaraguaner Ernesto Cardenal, dessen Werk ein Gang durch die Geschichte seines Kontinents ist, Erinnerung an das Leid der Völker, aber auch Ermutigung und Zuspruch für die Gequälten, prophetische Mahnung zur Liebe als dem einzigartigen Element der Veränderung. Schon der äußere Werdegang des Dichters stellt ein überzeugendes Bekenntnis zu seinem Volk dar. 1925 als Sohn wohlhabender Eltern geboren, studierte Cardenal zunächst Philosophie und Literaturwissenschaften. Er wurde Mitglied der oppositionellen Jugendbewegung Unidad Nacional de Acción Popular und beteiligte sich 1954 an dem gescheiterten Aufstand gegen das Somoza-Regime. 1957 begann er ein Noviziat in einem Trappistenkloster in Kentucky/USA, an das sich von 1961 bis 1965 das Theologiestudium in Mexiko und Kolumbien anschloß. Nachdem er zum Priester geweiht worden war, gründete Cardenal auf einer Insel des Solentimaner Archipels eine christliche Kommune. Arme, einfache Bauern und Fischer suchen unter dem Zuspruch eines schockierend wörtlich genommenen Evangeliums ihre christliche Identität zu finden, das heißt die Verhältnisse so zu ändern, daß biblischer Geist und Prophetie an ihnen ablesbar werden. Wo Cardenalsche Mystik so schnell in politische Befreiung eingeht und Poesie so geradlinig in revolutionäres Handeln einmündet, muß sein Werk als ungeheure Provokation begriffen werden: So wird die Gemeinde zerstört und verfolgt.
Nach dem Sieg über die Somoza-Diktatur im Jahre 1979 stellte sich der Poet und Priester Cardenal der Regierung der Nationalen Erneuerung Nicaraguas als Kulturminister zur Verfügung, um gemeinsam mit seinen marxistischen Brüdern eine Gesellschaft zu errichten, in der „Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“.
Das vorliegende Buch enthält eine Anthologie mit Auszügen aus Cardenals bekanntesten Prosawerken und Lyriksammlungen (z.B. „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“; „Psalmen“; „Das Buch von der Liebe“; „Für die Indianer von Amerika“; „In Kuba. Bericht von einer Reise“; „Meditation und Widerstand“; „Von der Heiligkeit der Revolution“) sowie aus Aufsätzen, Briefen, Interviews und Reden. Carl-Jürgen Kaltenborn, Dozent für Ökumenik an der Humboldt-Universität in Berlin, führt den Leser in das politisch-theologische Denken und Handeln dieses Sängers der Revolution ein.

Union Verlag Berlin, Klappentext, 1982

 

Hilfe zur Identitätsfindung

Dichter — Priester — Revolutionär. Drei Lebensströme, die zusammenfinden im Herzen von Ernesto Cardenal, Nicaragua, C.A. Und sein Herz schlägt für eins: für die Befreiung der Völker, um die Ungerechtigkeit anzuprangern und das Nahen des Reiches Gottes anzukündigen. Dem Autoren der einfühlsamen, an Fakten reichen und für die so andersartige kulturelle und philosophische Prägung Verständnis schaffenden Einleitung ist, wie mit der Gesamtauswahl der veröffentlichten Lyrik und Prosa Cardenals, ein großer Wurf gelungen. Carl-Jürgen Kaltenborn — selbst Publizist Theologe und christlicher Streiter für Frieden und Gerechtigkeit zeichnet in dem vom Union Verlag Berlin soeben herausgegebenen Werk außerordentlich sachkundig den Lebensweg des bedeutenden lateinamerikanischen Denkers. Dabei ist ein weiterer Vorzug dieser Ausgabe, daß es dem protestantischen Theologen Kaltenborn gelungen ist, die Persönlichkeit Cardenals weder verkürzt noch isoliert von seiner Umwelt darzustellen: die Einmaligkeit Cardenals im Ensemble historischer, ökonomischer, politischer und auch kirchlich-theologischer Zusammenhänge. (Nur so ist m. E. Cardenal auch zu erfassen, und dort lagen auch die Grenzen und Schwächen anderer Veröffentlichungen Cardenals in der DDR.)
Kaltenborn hebt hervor, daß Ernesto Cardenal bewußt im Kontext der Geschichte seines Volkes lebt und in ihr drei Hauptelemente herausfiltert, die er für die Gegenwartsaufgaben kritisch nutzbar machen will: 1. Die prähispanische Kultur; 2. die Auseinandersetzung mit allen Formen kolonialer Unterdrückung und Entfremdung; 3. das Phänomen einer doppelten Kirche; einer, die mit all ihrem Einfluß der Unterdrückung den Weg ebnet; die andere, die sich auf die Seite der Armen und Ausgebeuteten stellt.
Weil in der Kultur das Volk seine eigene Identität entdeckt sieht Cardenal in der schöpferischen Aufarbeitung der eigenen amerikanischen Vergangenheit eine „Abwehr kultureller Überfremdung“ und eine „Orientierungshilfe für eine genuin lateinamerikanische Zukunftsgestaltung“.
In der Auseinandersetzung mit der „Doppelkirche“ und seiner Parteinahme für die „einzige wahrhafte Kirche“ des Volkes geriet Cardenal in die Gefahr, durch die Überbetonung eines spezifischen lateinamerikanischen Christentums eine „Dritte Kraft“ neben dem und teilweise gegen den realen Sozialismus abzuleiten. Zu seiner „zweiten Bekehrung“ gestaltet sich Cardenals Kuba-Aufenthalt. Carl-Jürgen Kaltenborn, Internationaler Sekretär der Christlichen Friedenskonferenz, arbeitet unter verschiedenen Aspekten den tiefen Einschnitt in das Leben, Denken und Dichten Cardenals heraus, den der Besuch der Karibik-Insel bei ihm hervorrief. Cardenal nun:

Ich überzeugte mich davon, daß der sozialistische Staat geschaffen werden kann. Kuba hat den Sozialismus in die Praxis umgesetzt und damit bewiesen, daß der Sozialismus die Lösung ist, die dem gesamten Volk zugute kommt.

Der Autor dieses Buches, der als protestantischer Theologe bereits Seminare an der Humboldt-Universität zu Cardenal gestaltete, hat in einer sehr lebendigen Form auch die Widersprüchlichkeiten, die Entwicklungsphasen, aber auch auf gegensätzliche Positionen aufmerksam gemacht. Das erhöht die Anschaulichkeit der Darlegungen und hilft dem Leser, die Positionsfindung dieser so außergewöhnlichen Persönlichkeit nachzuvollziehen — so auch zu eigenen Positionen gegenüber den aufgeworfenen Problemen findend.
Gewünscht hätte ich mir allerdings eine Auseinandersetzung des Autors mit den Auffassungen Cardenals über den Sinn von christlichen Kommunitäten im Sozialismus. Bruder Ernesto:

Ich glaube, in einer perfekten sozialistischen Gesellschaft wäre es nicht nötig, ,aus der Welt zu fliehen‘, um das Evangelium zu leben. Auf jeden Fall wäre das materielle Leben in so einer Gemeinschaft nicht anders als das Leben aller anderen auch.

Wenn eine christliche Kommunität so etwas wie eine Vorwegnahme des kommenden Reich Gottes ist, so ist es doch nicht gleichzusetzen mit einer perfekten sozialistischen Gesellschaft. Kann eine menschliche Gesellschaft überhaupt „perfekt“ sein; ist eine Gesellschaft tatsächlich eine „große Kommunität“; wie ist es mit der Lösung zwischenmenschlicher Probleme? Hier dürstet man nach Erkenntnishilfen, sind das doch existenzielle Fragen für uns, die wir in einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft leben.
Diese Problemstellung verdeutlicht, daß Cardenals Gedanken nicht nur für den lateinamerikanischen Kontinent Relevanz besitzen, sondern Anstöße geben, die unser Christsein hier und heute betreffen. Das ist auch Anliegen des Autors Carl-Jürgen Kaltenborn. Dieser Eindruck verdichtet sich noch im zweiten Teil. Ging es zunächst um Cardenals poetische Prophetie und politische Passion, so setzt sich Kaltenborn in „Wir sehen aber ein Licht in der Ferne…“ mit den theologischphilosophischen Positionen Cardenals auseinander. Im Mittelpunkt steht dabei die Auferstehung der Völker, die auch dem Buch seinen Titel gab. Kaltenborn konstatiert:

Wann immer Ernesto Cardenal seinen Glauben an die Auferstehung der Toten artikuliert… hat (dies) Konsequenzen im Diesseits und Vorher, konkret: in der revolutionären Praxis.

Und es wird deutlich, daß „Auferstehungsglaube nicht als Alibi für christlich-legitimierte Verantwortungslosigkeit der Welt gegenüber dienen kann“. Im Gegenteil: Für Cardenal stellt sich die Forderung, das Reich Gottes als „einer gerechten Gesellschaft auf Erden, frei von Ausbeutung, in Gütergemeinschaft“ zu verkünden.
Die prophetische Poesie Cardenals ist außergewöhnlich, sein theologisch-philosophisches Denken (Unterscheidung von Glaube und Weltanschauung) regt zur Auseinandersetzung an und trägt zur Selbstfindung des Lesers bei, seine revolutionäre Konsequenz ist für Christen in vielen Ländern beispielhaft. Kaltenborns Einleitung (113 Seiten) folgt dann auf etwa 160 Seiten eine breite Auswahl von Lyrik und Prosa des christlich-revolutionären Künstlers. Und wie der Herausgeber von der ersten Seite an bemüht war, die Komplexität von Umwelt, Leben und Werk Cardenals darzustellen, so endet das Buch mit einem Chronogramm, das sowohl herausragende Daten der lateinamerikanischen Zeitgeschichte, der Biographie Cardenals und die Werkschronologie vereint.
Im Cardenalschen Sinne ist dieses Buch, das dem Andenken von Mauricio Lopez und Augusto Cotto gewidmet ist, ein Stück Kultur. Es hilft dem Volk Gottes seine Identität zu finden — auch uns und heute. Und es führt uns weg vom Egoismus — und sei es auch nur in der Form intellektueller Besserwisserei — und verstärkt das Bewußtsein von der Notwendigkeit des partnerschaftlichen Zusammenwirkens und einer strategischen Allianz mit den Marxisten — zum Wohle unserer Völker.

Kersten Radzimanowski, Neue Zeit, 7.6.1982

 

Ernesto Cardenal: Poet, Terrorist, Priester und Kommunist

Das sind einige der Eigenschaften, die Ernesto Cardenal auszeichnen, den nicaraguanischen Abenteurer, der sich in Kuba mit dem Vaterlandsverräter Fidel Castro traf, um ihn um „Hilfe“ für die „Befreiung“ seines Landes anzugehen, wohinter er als guter Schüler Lenins zynisch die ruchlose und kriminelle Absicht verbirgt, sein Land, an Händen und Füßen gefesselt, der Rute und der Sklaverei des Kommunismus auszuliefern, der gleichen Sklaverei, in der seit zwanzig Jahren das Land des Freiheitskämpfers Martí schmachtet, der einmal sagte: „Das erste Wort der Wahrheit für Kuba.“
Als Dichter wird Cardenal nie den Ruhm seines chilenischen Genossen Pablo Neruda erlangen, da er nicht einmal fähig ist, etwas hervorzubringen, das an die „Zwanzig Liebesgedichte und ein verzweifeltes Lied“ herankommt. Als Terrorist kann er sich dagegen sehr wohl mit einigen seiner Genossen messen, die im Land Rubén Daríos ungestraft einfache und unwissende Bauern hinmordeten, weil sie sie für regierungstreu hielten. Als Priester ist er eine Beleidigung für die heilige Institution, zu der so überragende historische Gestalten gehören wie der Chilene José Cortés de Madariaga, der Salvadorenier Matías Delgado oder der Mexikaner Hidalgo. Er kann sich nicht einmal mit dem Kolumbianer Camilo Torres vergleichen, der wenigstens den Mut hatte, mit dem Gewehr gegen das Zerrbild einer Demokratie zu kämpfen, die Parteidiktatur, die dort nach mexikanischem Vorbild von dem aus Konservativen und Liberalen bestehendem „System“ vertreten wird. Als Kommunist besitzt er eine bewunderungswürdige Ausdauer, in seinem Land das einführen zu wollen, was die totale Verneinung von Vaterland, Familie und Religion bedeutet, der drei Grundpfeiler, auf die sich jede zivilisierte Gesellschaft, darunter bisher auch die nicaraguanische, stützt.
Ernesto Cardenal reiste in einem unseligen Augenblick nach Venezuela, wo er sich natürlich bei mehr als einer Gelegenheit mit den moralisch kastrierten Vertretern des Kommunismus traf. Er verlangte finanzielle Unterstützung für die „Sache“, die er zu vertreten vorgibt. Natürlich beachteten weder die Regierung noch die Kirche diesen Besuch, der von der kommunistischen und kommunistenfreundlichen Presse zum Anlaß genommen wurde, Cardenals „Persönlichkeit“ zu verherrlichen, obwohl er vor allem dazu diente, der Regenbogenpresse, der er seine „leuchtenden philosophischen Gedanken“ mitteilte, Schlagzeilen zu liefern.
Das Pfäffchen versuchte, das edle und würdige Volk der Nicaraguaner mit einer „religiösen Einkehr“ auf der paradiesischen Insel von Solentiname zu täuschen, von wo aus er gegen alles und jeden zu Felde zog.
Jetzt hat er sich der Gruppe der Zwölf angeschlossen, die nach einer Zeit des freiwilligen Exils darum kämpft, an die Macht zu kommen, was schon an sich bedeutet, daß sie das Krebsgeschwür des Kommunismus – ein Synonym für Vaterlandsverrat – in sich trägt.
Es braucht uns nicht zu verwundern, daß die von den Sandinisten benutzten ultramodernen Waffen, von denen bewiesen ist, daß sie von dem Verräter Castro stammen, das Resultat der Verhandlungen Cardenals mit den Vertretern der kubanischen Hierarchie sind, da diese als gute Lakaien nur darauf warten, die Befehle Moskaus auszuführen, das heißt in diesem Fall, die im freien Amerika bereits bestehenden Enklaven zum Vorteil Rußlands weiter auszudehnen.
Dieses Pfäffchen, dessen zersetzende Aktivitäten eine Gefahr für die Stabilität eines jeden Landes bedeuten würden, kann sich nie mit dem brasilianischen Prälaten Helder Cámara vergleichen und noch viel weniger mit der Haltung des chilenischen Kardenals Silva Henríquez, wie auch nicht mit der rein doktrinären des französischen Kardinals Léfèbre. Ihm würde vielmehr eine Zeit „religiöser Exerzitien“ guttun, aber im Gefängnis, wo er über seine Freveltaten nachdenken könnte. Vielleicht würde der Kirche so einer ihrer verlorenen Söhne zurückgegeben und dem Volk ein wirklicher Prediger des Evangeliums, der ihm die Einzige Wahrheit, nämlich die in der Lehre Christi enthaltene, verkündete.
In Wirklichkeit müssen wir uns ihn als eine Art Größenwahnsinnigen vorstellen, als ein Subjekt, das um jeden Preis berühmt sein will, im Inland wie im Ausland. Glücklicherweise wird sein Auftreten, das sowieso blaß und formlos ist, zerfließen wie das Süßwasser der Flüsse im Salzwasser des Meeres zerfließt, und tatsächlich macht die Regierung Nicaraguas den Eindruck, als ob sie seinen Aktivitäten keine besondere Beachtung schenkte. Er besitzt eben weder die Fähigkeiten noch die Persönlichkeit und das Talent eines wirklichen Kämpfers, der sich für ein Ideal, ganz gleich welcher Färbung, einsetzt.
Es ist unglaublich, daß ein Volk wie das nicaraguanische, das lange und harte innere Kämpfe hinter sich hat, sich nun auf „Führer“ von der Sorte dieses Pfäffchens stützen soll, das in jeder Beziehung den Eindruck eines Geistesgestörten oder gefährlichen Paranoikers macht und darum ein gutes Studienobjekt für Psychologen und Psychiater abgeben würde.
Das Volk ist der beste Psychiater.

Dieses Pamphlet erschien in Somozas Zeitung Novedades, Managua, 19. August 1978.

Herman Courlander Duarte
Deutsch von Anneliese Schwarzer de Ruiz

 

Erinnerung an Cardenal

In der Generation mittelamerikanischer Schriftsteller und Poeten, zu der ich selbst gehöre, ist der Nicaraguaner Ernesto Cardenal für mich der merkwürdigste Mensch. 1945 tauchte er in Mexiko auf. Katholischer Geistlicher, Dichter, Mystiker, Revolutionär: sein Leben und seine Karriere haben ihn weit fortgeführt von jener Zeit, als wir zusammen im Café der Philosophischen Fakultät der Universität von Mexiko hockten und als Cardenal von Politik nichts wissen wollte. Er studierte Literatur, die er hätte lehren können, und interessierte sich für nichts anderes. Und ich sage, er hätte sie lehren können, weil er, wie zwei andere bemerkenswerte Dichter seines Landes, Ernesto Mejía Sánchez und Carlos Martínez Rivas, bei José Coronel Urtecho und Pablo Antonio Cuadra in die Lehre gegangen war, und diese beiden wußten und wissen von der Weltliteratur alles, was man wissen kann. Wir Guatemalteken und Nicaraguaner bildeten bald so etwas wie eine mittelamerikanische Kolonie der Dichter und Schriftsteller innerhalb eines entsprechenden Kreises von Mexikanern, die alle halb verrückt und halb realistisch waren, und alle voller Hoffnung, unter ihnen übrigens der spätere Präsident von Mexiko, Luis Echeverría, bei dem allerdings der Sinn für dir Realität überwog.
Ich habe nicht die Absicht, hier Memoiren unserer damaligen Abenteuer und Erfahrungen zu malen, und so will ich mich jetzt auf die Erinnerung an diesen Mann konzentrieren: dünn, mit dem Gesicht, den Gesten und Bewegungen eines Vogels, eines jener Vögel, die, wenn er schreibt, wie ein Abbild von ihm immer in der Nähe sind. Ein seltener Vogel der Tropen, glitzernd, unruhig, beständig gut aufgelegt und von tiefem, intelligentem Humor, der ihn stets zur enthusiastischen Verteidigung des Schönen und zuinnerst Wertvollen trieb und ihn zugleich streitbar und höhnisch gegen das Elend unseres politischen Lebens machte. (Ihn, der nichts mit Politik zu tun haben mochte.) Ein Vogel, der immer Liebe und Haß singt, kontrapunktisch, wie wir es seit den Liebes- und Haß-Poemen des Pablo Neruda nicht mehr gehört hatten; in jenen großen amerikanischen Gesängen zum Beispiel, in denen das Thema der üppigen, allzu grünen Natur immer gefärbt ist vom Blut der Toten und Gefolterten, wie bei seinem Freund, von dem es heißt:

Luis Gabuardi, mein Klassenkamerad,
den sie lebend verbrannten und der sterbend rief:
Tod dem Somoza!

Zu jener Zeit war Cardenal zwanzig und schrieb Liebesgedichte an sehr schöne und geistvolle Mädchen, mit leuchtenden Namen, die er jedoch so stark idealisierte, daß sie sich womöglich schließlich selbst als rein geistige Geschöpfe empfanden, und dann aus Furcht, als bloße Idee des Dichters plötzlich nicht mehr von dieser Welt zu sein, jenen sonderbaren Mann flohen, der sie als Musen sah und sich kaum traute, sie zu treffen, während er sie doch, wie er selbst in seinen Epigrammen sagt, schon der Vergänglichkeit entriß:

Von diesen Kinos, Claudia, diesen Festen,
den Pferderennen,
wird nichts der Nachwelt bleiben
als die Verse für Claudia von Ernesto Cardenal
(wenn überhaupt)
und Claudias Name, den ich in die Verse schrieb,
und die meiner Rivalen, falls ich bereit bin,
sie vor dem Vergessen zu bewahren, und sie
in meinen Vers einschließe,
um sie zum Gespött zu machen.

Und diese Frauen glauben heute wahrscheinlich, daß sie durch ihre Kinder unsterblich werden, und ahnen nicht, daß sie ewig gegenwärtig nur im Geist desjenigen sind, der ihr Bild durch die Worte jenes mageren und scheuen Mannes schauen kann; jenes Mannes, der, wie Dante vor Beatrice, kaum wagte, den Blick zu ihnen zu erheben, auf daß kein Lächeln ihn niederschmettere:

Ich habe heimlich Flugblätter verteilt,
habe geschrien: Es lebe die Freiheit!, auf offener Straße,
habe den Waffen der Guardia getrotzt,
Ich war beim Aprilaufstand dabei:
doch bleich werd ich, wenn ich an deinem Haus vorübergeh,
und schon dein Blick läßt mich erzittern.

In dem Ambiente, von dem ich zuvor sprach, im Mexiko von Carlos Augusto León, dem venezolanischen Dichter, der schrieb:

Hier rennen die Füllen in rasendem Ritt
und einige finden, sie gehen im Schritt.

– in jener frohlockenden Revolutions-Stimmung, die uns aktiv und lebendig hielt, war Cardenal der einzige, der wie über dem Wasser schwebte und an großen Gedichten feilte, die er heute nicht mehr mag, Gedichte über die amerikanische Welt und die Konquistadoren und über die Notwendigkeit des Aufbruchs:

Ich lade alt jene, die hinter diesen Todesmauern Schutz suchen,
alt jene, die an dieser Grenze um ein Land der Liebe und der Ewigkeiten weinen,
alt jene, die auf verglühten Weibesdünen siechen,
die lade ich zu einer Reise, jenseits der Meeresschwaden,
jenseits des Horizonts, wo sich der Weltensarg endgültig schließt,
unter dem Gewicht eines unhaltbaren Himmels, aus blauen Grabsteinen gebaut,
zu einer Reise weit weg von dieser Erde, dieser Stadt und ihrem Leichentuch.
bevor das letzte Schiff von Staub umzingelt welkt,
denn Aufbruch tut not, Abschied tut not.

Und Gedichte über das fröhliche Lachen junger Mädchen, die in der Poesie wie im wirklichen Leben endlich und unausweichlich anderen zugehörten, so wie die Flüsse, die Vögel und die edlen Hölzer seines Vaterlandes Nicaragua anderen gehörten:

Man sagte mir, du seist verliebt in einen andern,
da ging ich in mein Zimmer
und schrieb den Artikel gegen die Regierung,
für den ich jetzt im Gefängnis bin.

Ja, ich erinnere mich, er hatte einen Gang, als ob er über den Wassern wandelte, und er glaubte an die Musen. Aber er meinte das ernst und wurde sehr böse, weil wir nicht an die Musen glaubten, und ereiferte sich: wie ein Dichter überhaupt schreiben könne, ohne eine Muse, die ihm die Verse diktiere, – so wie das heute der Dichter Robert Graves behauptet, nur daß im Fall von Graves die Muse aus Fleisch und Blut und Ballerina ist und er 57 Jahre älter als sie; die Musen von Cardenal hingegen waren die Musen von ehedem, die der Griechen.
Ich glaubte damals mehr an die Musen der Gewerkschaften, der schwarzroten Fahnen des Streiks, und wir träumten von einer großen Volkserhebung, die, von der Muse des Hungers inspiriert, ein für allemal mit allem aufräumen würde. Glücklicherweise begannen Cardenals Musen, die niemals streikten, ihm dann statt der Klagelieder des verschmähten Liebhabers tiefe und männliche Verse zu diktieren, die Verse eines Dichters, der alle Liebe rasend gibt, die Liebe zu den Frauen, die Liebe zum Vaterland rasend im Zorn, wie in dem Gedicht „Stunde Null“:

Im April wurden sie umgebracht.
Im April des Aufstands war ich bei ihnen
und ich habe gelernt, mit einer Rising-MP umzugehen
und Adolfo Báez Bone ist mein Freund gewesen:
man hat ihn mit Flugzeugen, mit Lastern,
mit Scheinwerfern, mit Tränengasbomben,
mit Radios, mit Hunden, mit Guardias verfolgt;
und ich erinnere mich an die roten Wolken über dem Präsidentenpalast,
blutige Wattebäusche,
und an den roten Mond über dem Präsidentenpalast.
Der Geheimsender sagte, er lebt.
Das Volk glaubte nicht an seinen Tod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(Und er ist nicht tot.)

Oder andere Gedichte, die an Leopardi erinnern, mit dem, wenn ich es recht überlege, Cardenal manches gemeinsam hat, Gemeinsamkeiten, die ihm wahrscheinlich gar nicht bewußt sind.

Leopardi:

Alles ist Friede und Schweigen; jeder ist still geworden
und will sich nicht erinnern, wie’s damals war.
In meiner Kindheit, das sehnliche Warten
auf den Festtag, oder danach, wenn er vorbei war:
wie ich wachlag und im Schmerz
das Kopfkissen drückte und später dann
hörte ich ein Lied auf den Wegen
in der Ferne allmählich ersterben,
und wie heute schnürt’ es mir das Herz.

Und Cardenal:

Wie leere Bierdosen und ausgetretene
Zigarettenkippen sind meine Tage gewesen.
Wie Figuren, die über den Fernsehschirm huschen
und verschwinden, so ging mein Leben vorüber.
Wie Autos, die auf Fernstraßen
vorbeiflitzten, mit Frauengelächter und Radiomusik.
Und die Schönheit verging rasch, wie die Automodelle
und die Schlager aus dem Radio, die aus der Mode kamen.
Und nichts ist von jenen Tagen geblieben, nichts,
außer leeren Blechdosen und kalten Kippen,
das Lachen auf verblichenen Fotos, abgerissene Eintrittskarten
und das Sägemehl, mit dem im Morgengrauen die Bars ausgefegt wurden.

So, an seine Musen glaubend, reifte der Dichter fürs Leben und die Politik und das mehr als wir, die wir nur Literaten, Bürokraten oder Diplomaten wurden, während er nicht mehr nur auf den Wassern, sondern – wie Rubén Darío – auf den Wolken wandelt, aber auch, und das ist das Wundersamste, auf der Erde, denn er kennt das Geheimnis, an das Unmögliche zu glauben, und so wird es für ihn möglich. Manchmal treffe ich ihn an verschiedenen Orten der Welt, und er ist immer noch jener Vogel, ein bärtiger Vogel aber, mit einem großen weißen Whitman-Bart, gehüllt in weißes Tuch, und ich höre, wie die Leute zu ihm kommen und ihn nicht wie sonst einen Schriftsteller um ein Autogramm bitten, sondern um den Segen, denn sie wissen, daß er Priester ist, und sie reden ihn mit Pater an und wollen ihm die Hand küssen, und dann lacht er und erlaubt es nicht, schaut sie aber an, als ob er um Vergebung dafür bittet, daß er die Kraft hat, ihnen zu vergeben.
Und da bleibt mir nichts übrig, als ein wenig zu sinnieren, und dann werde ich, wie jetzt, sentimental und denke an die Kneipen und Kabaretts im Mexiko jener Jahre, als wir das Bier buchstäblich bis zum Erbrechen tranken und mit fremden Frauen tanzten, die bekamen einen Peso für den Tanz und etwas mehr für etwas anderes, während der Dichter, der dabei war, das Leben wahrnahm und heute keinen Vers und keine Zeile schreiben kann, die nicht erfüllt wären vom Leben, ohne Metaphern, ohne Schnörkel, einfach erfüllt vom Leben.

Augusto Monterroso, die horen, Heft 117, 1. Quartal 1980
Deutsch von Dagmar Ploetz

 

Heiner Müller über Ernesto Cardenal in Berlin 1995.

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Birte Männel: Aus Liebe zu seinem Volk wurde er Revolutionär
Neues Deutschland, 19.1.1985

Zum 70. Geburtstag des Autors:

„Uns bleibt die Hoffnung“
Berliner Zeitung, 27.1.1995

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Uwe Wittstock: Ernesto Cardenal 80
Die Welt, 20.1.2005

Hermann Schulz: Wo alle sich kennen. Ernesto Cardenal feierte seinen 80. Geburtstag
nicaraguaportal.de, 10.4.2005

Roman Rhode: Der Heldenpoet Zum 80. Geburtstag von Ernesto Cardenal
Der Tagesspiegel, 20.1.2005

Klaus Blume: Ernesto Cardenal wird 80 Jahre alt
Mitteldeutsche Zeitung, 14.1.2005

Klaus Blume:  Baskenmütze und Bauernhemd
nwzonline.de, 15.1.2005

Beiträge zum 85. Geburtstag des Autors:

epd: „Ich muss optimistisch sein“
sonntagsblatt, 24.1.2010

Erich Hackl: Lehrmeister des Gedichteschreibens
neues deutschland, 20.1.2010

 

 

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Gunnar Decker: Der Traum vom Anders-Leben
neues deutschland, 20.1.2015

kna: Nonkonformist Ernesto Cardenal wird 90
Münchner Kirchenachrichten, 19.1.2015

Peter B. Schumann: Christ und Marxist
Deutschlandfunk, 20.1.2015

Zum 92. Geburtstag des Autors:

Andreas Drouve Interview mit Ernesto Cardenal:Immer verbunden mit meiner Kirche“
domradio.de, 21.1.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

Ernesto Cardenal liest auf dem XV. International Poetry Festival von Medellín 2005.

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