Ernst Meister: Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ernst Meister: Gedichte

Meister-Gedichte

JETZT

Jetzt.
Jetzt ist lange her.
Jetzt:
September −
nachmittags.

Geruch
warmer Asche.
So, als ob ich,
heute verbrannt,
selber die Asche wär.

Bin ich da?
Bin ich’s nicht?
Tellerrund
und von Äpfeln,
von Birnen schwer
ist das Licht.

Bin.
Bin mit den Blumen da.
Wimpern der Sonnen,
Kerne
in ihrem Pupillenkreis:
Augen,
meinen Augen ganz nah.

Bin nicht mehr?

Des Menschen Tag:
Im bronzenen Dunkel
ein Blitz.

Jetzt:
Ein September,
nachmittags.
JETZT
ist lange her.

 

 

Geleitwort

Ernst Meister publizierte zu Lebzeiten mehr als 20 Gedichtbände und hinterließ neben Hörspielen und Prosa auch ein umfangreiches bildnerisches Erbe. Als 1990 an die Nordrhein-Westfalen-Stiftung die Bitte herangetragen wurde, die weitgehend unbearbeiteten und unerforschten Manuskripte Ernst Meisters aus dessen Nachlaß zu erwerben, haben wir darin eine Chance gesehen: dieses wertvolle Kulturgut eines der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Durch die Aufbewahrung der Originalhandschriften im Westfälischen Literaturarchiv verbleibt das Werk des Literaten nun in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen. Dabei wird es zugleich erstmals für die Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit nutzbar. Neben dem schriftstellerischen Werk gehören zu dem von der NRW-Stiftung erworbenen Nachlaß Meisters auch ein umfangreicher Briefwechsel mit namhaften Künstler- und Schriftstellerkollegen, zahlreiche Arbeitshefte mit Entwürfen und Vorstudien für Gedichte, umfangreiche Arbeiten aus dem bildnerischen Nachlaß, die einen Überblick über Meisters Schaffen geben, und eine Bibliothek mit zahlreichen Büchern, die zum großen Teil mit handschriftlichen Anmerkungen versehen sind. Dieses Material bot erstmals die Möglichkeit, eine fundierte Biographie des Künstlers zu erstellen und sein umfangreiches lyrisches Werk zu edieren. Mit der nun vorliegenden textkritischen und kommentierten Werkausgabe wird der Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten, die Künstlerpersönlichkeit Ernst Meister und seine Werke in ihrer Komplexität zu erfassen und kennenzulernen. Es war ein langer und mitunter auch beschwerlicher Weg, bis die Arbeiten an dieser Edition abgeschlossen werden konnten. Daß dieses ehrgeizige Vorhaben zum 100. Geburtstag von Ernst Meister zu einem schönen Abschluß gekommen ist, freut die NRW-Stiftung, die im Jahr dieser Veröffentlichung 25 Jahre alt wird. Unser Dank gilt allen, die dieses Projekt über Jahre begleitet haben, insbesondere Herrn Prof. Axel Gellhaus und seinen Mitarbeitern von der Ernst-Meister-Arbeitsstelle, die mit Nachdruck und großem Einsatz die Bearbeitung des Nachlasses von Ernst Meister in hervorragender und erfolgreicher Weise vorangetrieben haben.

Jochen Borchert
Präsident der Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege

Editorisches Nachwort

Konzept und Entstehung der EMA

Die hier in fünf Bänden vorgelegte textkritische und kommentierte Ernst Meister-Werkausgabe (EMA) präsentiert vollständig die zu Lebzeiten veröffentlichte Lyrik Ernst Meisters; sie umfaßt die Publikationen aus den Jahren 1932-1979 und somit den Kernbereich des Œuvres. Ausgenommen bleiben vorerst die im Selbstverlag gedruckten und die nachgelassenen Gedichte sowie die Arbeiten in anderen literarischen Gattungen (Prosa, Hörspiele und dramatische Versuche). Diese sollen zu einem späteren Zeitpunkt vorgelegt werden.
Die Existenz der Ausgabe verdankt sich vorrangig dem Engagement der NRW-Stiftung (Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, Düsseldorf), die nicht nur den literarischen Nachlaß erworben, sondern durch Finanzierung von Personal- und Sachmitteln auch dessen wissenschaftliche Erschließung und öffentliche Nutzung ermöglicht hat. In ihrem Auftrag wurde im Jahre 2000 am Aachener Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte (RWTH Aachen, University) eine Arbeitsstelle eingerichtet, deren Aufgabe es war, den umfangreichen Nachlaß Ernst Meisters zunächst archivarisch zu erschließen (Entzifferung, Ordnung, Siglierung) und dann sukzessive eine Edition vorzubereiten, die, wissenschaftlichen Anforderungen genügend, eine breitere Rezeption des Lyrikers Ernst Meister ermöglichen sollte. Den ersten Teil dieser Arbeit haben maßgeblich Stefan Ormanns und Thomas Schneider geleistet. Für die Fertigstellung der Ausgabe haben wir in der Folge von verschiedenen Institutionen Unterstützung erfahren, die am Schluß dieses Nachworts einzeln aufgeführt werden.
In Abstimmung mit Reinhard Meister, dem Inhaber der Urheberrechte, und dem Verleger Thedel v. Wallmoden, Wallstein Verlag, Göttingen, wurde ein Konzept erarbeitet, das über den Typus einer klassischen Studienausgabe hinausgeht; sie enthält einen kritisch revidierten Text, einen textkritischen Apparat und einen ausführlichen Kommentar nebst Register.
Sie bietet darüber hinaus eine lückenlose Dokumentation der Textentstehung in Form vollständiger digitaler Zeugenverzeichnisse. Auf der Homepage der Ernst Meister-Arbeitsstelle steht ein Download mit digitalen Reproduktionen und vollständigen Verzeichnissen sämtlicher Textzeugen zu Verfügung (http:// ema.germlit.rwth-aachen.de). Dieser digitale Teil der Ausgabe bietet die Textzeugen (Hss, Tss, Dss) in Kombination und Verlinkung mit den Zeugenverzeichnissen. Dadurch wird die Ausgabe den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition angenähert und stellt ein Editionsmodell dar, das die Vorzüge einer handlichen Studienausgabe mit dem wissenschaftlichen Anspruch einer textgenetischen Edition zu verbinden sucht.
Die oft als schwer lesbar empfundene Darstellung der Textgenese in Apparaten konnte sich dadurch beschränken. In Apparaten zu den einzelnen Gedichten dargestellt werden nur ausgewählte Zustände („Fassungen“) der Genese, soweit diese signifikant von der Druckversion abweichen und in gewissem Sinne kommentierende Funktion haben.
Das editorische Prinzip „Auswahl auf der Basis vollständiger Materialkenntnis der Herausgeber“ war im Falle Ernst Meisters notwendig vor allem aufgrund des Umfangs des überlieferten genetischen Materials. Ernst Meister hat zu einigen seiner Lyrik-Bände so viele Stadien oder Textzustände hinterlassen, daß z.B. eine vollständige historisch-kritische Edition nur des Bandes Sage vom Ganzen den Satz – ohne Kommentar – einen Umfang von mehr als 600 Seiten ergäbe. [Andreas Lohr: Ernst Meisters Sage vom Ganzen den Satz. Textgenetischer Apparat. Internetausgabe 2004 (= Dissertation RWTH Aachen 2000). Andreas Lohr hat mit dieser Arbeit gezeigt, wie der abgewandelte Variantenapparat der Bonner Celan-Ausgabe auf Meisters Arbeitsweise anzuwenden wäre.]
In ihrem Kommentarteil bietet die Ausgabe zu den einzelnen Gedichtbänden übersichtliche Einführungen mit Darstellungen zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte, aber auch Hinweise auf konzeptionelle und poetologische Zusammenhänge. Der lemmatisierte Stellenkommentar löst vor allem inter- und intratextuelle sowie biographische Bezüge auf und gibt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Hinweise auf weiterführende Forschungsliteratur.
Die Realisation des Konzepts erforderte die Etablierung einer Gruppe von Forschern. In den Jahren 2001/02 wurde ein internationales Team gebildet, dessen Mitglieder mit der Bearbeitung der Bände betraut wurden. Regelmäßige Treffen, meist zweimal jährlich, in Aachen, Metz, Utrecht und Den Haag ermöglichten nicht nur den notwendigen Gedankenaustausch, sondern auch eine intensive Arbeit an bestimmten Problemen. Die Koordination erfolgte von der Aachener Arbeitsstelle aus. Die Bandbearbeiter profitierten von der Einrichtung einer Homepage (http://ema.germlit.rwth-aachen.de/), deren nichtöffentlicher Teil sukzessive um die Module und Datenbanken erweitert wurde, die unmittelbar aus der Erschließung des Nachlasses resultierten: Digitalisate der Textzeugen des lyrischen Nachlasses in hoher Auflösung, Findbuch zum gesamten Nachlaß, vollständiger Text des lyrischen Werks, Gesamtverzeichnis der Bibliothek Meisters, Regesten sämtlicher Briefe, chronikalisch geordnete Bausteine zu einer Biographie, ausgewählte Fotografien aus dem Nachlaß.
Jeweils mehrere Arbeitstreffen, finanziert von den gastgebenden Institutionen, galten der Entzifferung, der Textgenese und ihrer Darstellung und Fragen der Kommentierung.
In den Apparat- und Kommentarteilen werden die jeweiligen Bandbearbeiter namentlich ausgewiesen: Axel Gellhaus (Aachen), Jan Gielkens (Den Haag), Ingrid Grüninger (Stuttgart), Karin Herrmann (Aachen), Stephanie Jordans (Aachen), Ewout van der Knaap (Utrecht), Françoise Lartillot (Metz), Beate Laudenberg (Karlsruhe), Andreas Lohr (Berlin/Bonn), Ton Naaijkens (Utrecht), Eckart Oehlenschläger (Bonn), Stephanie Over, (Aachen), Dierk Rodewald (Berlin), Thomas Schneider (Bonn/Opava), Mareike Schröder (Aachen); Sascha Uhlein (Aachen; Einrichten des elektronischen Teils). Dieter Breuer (Aachen) hat die Edition der Nachlaßgedichte vorbereitet.
Die von den Bandbearbeitern vorgelegten Apparate und Kommentare wurden vom Redaktionsteam in der Aachener Arbeitsstelle redigiert und formal angeglichen: Stephanie Jordans, Andreas Lohr, Dominik Loogen, Eckart Oehlenschläger, Dierk Rodewald und Mareike Schröder.
Parallel zur Edition entstanden nicht nur zwei Monographien zum lyrischen Werk Meisters, sondern auch zwei Publikationen, die aus der Arbeit am Nachlaß hervorgegangen sind und als Ergänzung zum Kommentar der Ausgabe angesehen werden können: ein Materialienband, der übergeordnete Aspekte des Werks beleuchtet, und eine Chronik, die wichtige Dokumente und Bilder zu Leben und Werk präsentiert. [Karin Herrmann: Poetologie des Erinnerns. Ernst Meisters lyrisches Spätwerk. Göttingen: Wallstein 2008; Stephanie Jordans: Die „Wahrheit der Bilder“. Zeit, Raum und Metapher bei Ernst Meister. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009; Ernst Meister – Perspektiven auf Werk, Nachlaß und Textgenese. Ein Materialienbuch. Hrsg. von Karin Herrmann und Stephanie Jordans. Göttingen: Wallstein 2009; Ernst Meister. Eine Chronik. Aus dem Nachlaß erarbeitet von Karin Herrmann und Stephanie Jordans unter Mitarbeit von Dominik Loogen. Göttingen: Wallstein 2011.]
Die Kommentierung der Gedichte Meisters beruht auf dem Textverständnis, das jeder der Bearbeiter durch eigenes intensives Studium der Materialien, der Textgenese, der Inter- und Kontexte zu erwerben hatte. Die notwendig individuellen Anteile an diesem Verstehensprozeß konnten und sollten aus den Darstellungen zur Einführung eines Gedichtbandes und aus den lemmatisierten Kommentaren nicht eliminiert, die unterschiedlichen Akzentuierungen in der Lektüre der Gedichte nicht nivelliert werden. Ohnehin versteht sich der Kommentar als Angebot an den Leser und nicht als Reglementierung der Rezeption. Meisters Gedichte sind (wie diejenigen Paul Celans) von zeitgenössischen Kritikern als „hermetisch“ bezeichnet worden. Die Kommentare können an zahlreichen Stellen zeigen, wie berechtigt die Zurückweisung dieses Etiketts durch den Autor gewesen ist. Auf der anderen Seite weist der Kommentar auch an solchen Stellen Lücken auf, wo sich selbst der mit Meister vertraute Leser eine Verständnishilfe gewünscht hätte; es bleiben also durchaus für die künftige Forschung noch Fragen offen. Die unterschiedliche Dichte der Erläuterungen läßt, den bisherigen Stand der Forschung spiegelnd, Desiderate umso deutlicher hervortreten. An einigen (wenigen) Stellen sind solche Lücken diskrete Aussparungen von biographischen Zusammenhängen, deren Offenlegung Rechte noch lebender Personen verletzt haben würde. Korrespondenzen und persönliche Aufzeichnungen verraten zuweilen mehr, als in einem Kommentar zu publizieren legitim oder opportun ist. Erst mit dem Erlöschen der Rechte wird die restlose Öffnung aller Teile des Nachlasses letzte Einblicke ermöglichen. Eine dramatische Verschiebung im Verständnis der Gedichte ist jedoch durch die intimere Kenntnis biographischer Details nicht oder nur punktuell zu erwarten.

Der Nachlaß Ernst Meisters

Eine kurze Übersicht des Nachlasses insgesamt sei an dieser Stelle eingefügt, um zu dokumentieren, aus welchem Quellenfundus die Bandbearbeiter geschöpft haben, welche Materialien zu berücksichtigen waren, um etwa im Kommentar Werkzusammenhänge darstellen zu können. [Die Beschreibung der Nachlaß-Situation beruht auf der Darstellung, die wir in Zusammenarbeit mit dem LWL-Archivamt, Münster, publiziert haben: Axel Gellhaus; Stefan Ormanns; Thomas Schneider: Der Nachlaß Ernst Meisters und das Konzept einer kritischen Studienausgabe. In: Archivpflege in Westfalen und Lippe 56 (April 2002). Hrsg. im Auftrag des Westfälischen Archivamtes und des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, S. 12-18; aktualisiert in: Herrmann/Jordans 2009, S, 109-119.] Die Vernetzung motivischer, gedanklicher und konzeptueller Zusammenhänge zwischen den einzelnen Werkgruppen (Lyrik, Prosa, Hörspiele etc.) dürfte allerdings noch wesentlich enger erscheinen, wenn auch diese Teile des Werks einmal wissenschaftlich ediert und kommentiert vorliegen werden.
Die Nachlaß-Ordnung, so wie sie sich dem Benutzer im Westfälischen Literaturarchiv, Münster, präsentiert, ist das Resultat eines längeren und aufwendigen Sichtungs- und Lektüreprozesses, bei dem die Entzifferung der zum Teil extrem schwer lesbaren Handschrift Ernst Meisters viel Zeit in Anspruch genommen hat. Die einzelnen Blätter mußten entsprechend ihrer systematischen Zuordnung sigliert in Mappen zusammengefaßt und in dieser Form in einem Findbuch katalogisiert werden.
Ein 1991 von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege erworbener erster Teil des Bestands hat einen Umfang von ca. 25.000 Blatt; ein 2001 hinzugekommener zweiter Teil dürfte einen Umfang von ca. 15.000 Blatt haben. Der gesamte schriftliche Nachlaß umfaßt also ungefähr 40.000 Blatt. Berücksichtigt man, daß viele Blätter beidseitig beschrieben sind – in den Werkbüchern und Arbeitsheften ist das die Regel −, so ergibt sich eine Größenordnung von ungefähr 60.000 Seiten.
Stefan Ormanns und Thomas Schneider haben seit Juni 2000 an der Sichtung, Entzifferung, endgültigen Ordnung und Siglierung der Materialien gearbeitet. Der geordnete und erschlossene Bestand wurde seit 2006 dem LWL-Archivamt, Münster, sukzessive übergeben; er steht dort, d.h. im Westfälischen Literaturarchiv, der Forschung und dem interessierten Benutzer zur Verfügung.
Parallel zu diesen Arbeiten wurde die Korrespondenz, soweit sie sich im Nachlaß befindet (s.u.), systematisch ausgewertet und in Form von Regesten dokumentiert (Susanne Vaaßen) und die Bibliothek in einem Bestandsverzeichnis erfaßt, das auch die zahlreichen Marginalien und Gedichtentwürfe berücksichtigt (Stephanie Jordans).
Die Ordnung des Nachlasses erfolgte ähnlich den Prinzipien des „Memorandums für die Ordnung und Katalogisierung von Nachlässen und Autographen im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar“. Angewandt auf die Spezifika des Ernst Meister-Nachlasses ergibt sich eine Anordnung in drei große Abteilungen, deren wichtigste erste noch einmal nach Gattungen unterteilt wurde.

I. Literarisches Œuvre:
− Lyrik
− Hörspiele
− Theaterstücke
− Erzählende Prosa
− Essay
− Werkbücher, Arbeitshefte, Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen
− Studienaufzeichnungen
− Verschiedenes

II. Korrespondenz.

III. Zugehörige Materialien:
Persönliche Dokumente (Ausweise, Zeugnisse, Urkunden, Bescheinigungen, Studienbücher, Soldbücher etc.), eine umfangreiche Sammlung von Rezensionen und Zeitungsausschnitten (Basis für rezeptionsgeschichtliche Forschungen) sowie Manuskripte anderer, Briefe anderer und Dokumente zu anderen.

I. Das literarische Œuvre

Lyrik
Zweifellos kommt der lyrischen Produktion im literarischen Gesamtœuvre Ernst Meisters die größte Bedeutung zu. Die Materialien zur Lyrik umfassen knapp 11.800 Seiten. Davon entfällt das meiste auf die zu Lebzeiten veröffentlichten Lyrikbände. Knapp 300 Seiten entfallen auf Manuskripte und Typoskripte zu verstreut publizierten Gedichten zu Lebzeiten und ca. 3.800 Seiten auf zu Lebzeiten unveröffentlichte Einzelgedichte und Gedicht-Entwürfe.
Die Gesamtzahl von knapp 11.800 Seiten täuscht in diesem Fall, da es Redundanzen gibt: z.B. spätere, nach Drucken angefertigte Abschriften, Typoskripte mit mehreren Durchschlägen ohne jede Spur weiterer Bearbeitung, Fotokopien bereits vorhandener Abschriften, die mutmaßlich erst posthum gemacht worden sind.
Andererseits findet sich sehr vieles, was editorisch umso reizvoller und diffiziler ist: z.B. Blätter, auf denen sich um ein Gedichttyposkript recto mannigfache weitere handschriftliche Entwürfe ranken, oftmals verso fortgesetzt, in ganz andere Entwürfe mündend, übergehend, abbrechend.
Das relevante lyrische Nachlaßmaterial ist hinsichtlich der einzelnen Bände und Schaffensepochen ungleich verteilt. Zum ersten Gedichtband (Ausstellung, 1932) gibt es keine Textzeugen aus der Entstehungszeit des Bandes. Ähnliches gilt für einige Gedichtbände aus den fünfziger Jahren. Die Überlieferungslage gestaltet sich ab etwa 1960 deutlich ergiebiger und ist vor allem für die Bände Flut und Stein (1962, ca. 1.100 Seiten), Zeichen um Zeichen (1968, knapp 1.000 Seiten), Sage vom Ganzen den Satz (1972, knapp 1.000 Seiten) besonders reich. Dem entspricht der Befund hinsichtlich der unveröffentlichten Einzelgedichte und Gedichtentwürfe mit einer besonderen Materialfülle.
Einen besonders schwierigen Bereich stellt die Lyrik der dreißiger und vierziger Jahre dar, grob gesagt all das, was nach Ausstellung (1932) und vor Unterm schwarzen Schafspelz (1953) entstanden ist. Der Nachlaß umfaßt dazu mehrere hundert Blätter. Ein Bruchteil dieses Materials ist in die sechs Hefte der Mitteilungen für Freunde eingegangen, die Ernst Meister in den Jahren 1946/47 als Privatdrucke in kleinster Auflage herausgegeben hat. Sie werden erst im Zusammenhang der Gedichte aus dem Nachlaß ediert, weil Ernst Meister sie auch in späteren Zusammenstellungen seiner Gedichte nicht mehr berücksichtigt hat.
Eine große Menge von Gedichten, Gedichtentwürfen und lyrischen Splittern ist in den Werkbüchern und Arbeitsheften, in den Briefen und schließlich in vielen Büchern der Meisterschen Bibliothek notiert. Dieses oft besonders schwer zu entziffernde und zuzuordnende Material mußte ebenfalls erfaßt und gehoben d.h. transkribiert werden, um der Edition des lyrischen Œuvres die vollständige Rekonstruktion der Textentstehungsprozesse zu ermöglichen.

(…)

Axel Gellhaus, Stephanie Jordans und Andreas Lohr

Die textkritische und kommentierte Ernst Meister-Ausgabe

enthält sämtliche zu Lebzeiten publizierte Gedichtbände von Ausstellung (1932) bis Wandloser Raum (1979) und verstreut veröffentlichte Lyrik. die fünfbändige Ausgabe bietet einen kritisch revidierten Text auf der Basis der Erstausgaben bzw. -drucke (Bände 1-3), einen Apparat mit Darstellungen ausgewählter Zustände der Textgenese (Band 4) sowie ausführliche Bandeinführungen und lemmatisierte Stellenkommentare zu den einzelnen Gedichten (Band 5)

Auf der Homepage der Ernst Meister-Arbeitsstelle stehen zum Download digitale Reproduktionen und vollständige Verzeichnisse sämtlicher Textzeugen bereit.
Download unter http://ema.germlit.rwth-aachen.de

Wallstein Verlag, Klappentext, 2011

 

Im Weltriss häuslich

− Zum 100. Geburtstag des Dichters Ernst Meister, der seinen Gotteszweifel in Poesie verwandelte. −

Wie aus mythischer Ferne weht dieser hohe Ton heran, diese dunkle Beschwörung metaphysischer Elementarwörter. In philosophischer Eindringlichkeit fragt der Dichter Ernst Meister nach den Verankerungen unserer Existenz. Bereits in seinem allerersten Gedicht, das 1932 sein Debütbuch Ausstellung“ eröffnete, gerät das lyrische Ich vor einen Abgrund aus Angst: „Im Nichts hausen die Fragen. / Im Nichts sind die Pupillen groß.“

Wie viele moderne Lyriker, die in den 1930er Jahren zu schreiben begannen, ist auch die Poesie Meisters aus intensiver Heidegger-Lektüre entstanden. Der „Gedanke an Sein überhaupt“ und die Reflexion über das Verhältnis von Dichten und Denken haben ihn zeitlebens nicht losgelassen. Als Student der Theologie war der am 3. September 1911 geborene Fabrikantensohn aus Hagen in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt und hatte den Gotteszweifel in Poesie transformiert. Kaum zur Sprache gekommen, zog sich der junge Dichter wieder ins Schweigen zurück. Nach seinem Erstling hatte ihm ein Kritiker eine ästhetische Nähe zur Malerei Wassily Kandinskys bescheinigt – ein Umstand, der ihn nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Gefahr bringen konnte. Zwanzig Jahre lang schwieg der Dichter und suchte erst nach dem Krieg wieder den Kontakt mit Karl Löwith, bei dem er 1930 eine Dissertation über Nietzsche begonnen hatte.
Erst Anfang der 1960er Jahre setzte ein bescheidener Ruhm ein, als Dichterkollegen wie Nicolas Born auf die „intensive metaphysische Erregungsspur“ in seinen Gedichten aufmerksam wurden. Der Autor selbst charakterisierte seine existenzialistische Poesie als eine innige Suche nach „Da-Sein“, die „im Weltriss häuslich“ wird mittels Sprache. Auch in seinem Spätwerk, vor allem in den Bänden Sage vom Ganzen den Satz (1972), Zeitspalt (1976) und Wandloser Raum (1979) ist jene „Weltangst“ präsent, die das Subjekt in seinen Fundamenten erschüttert. Als Conditio humana erscheint heilloses Ausgeliefertsein:

Und ich will mich
ans Gehängtsein
gewöhnen:

der Himmel
größte Öse
des Hakens, daran
der Strick mit der Schlinge,
die mich hält
in den Achseln.

Kurz vor seinem Tod am 15. Juni 1979 erreichte Meister die Nachricht, dass man ihm den Büchner-Preis zugesprochen habe. Für sein literarisches Nachleben hat lange Jahre mit Leidenschaft der Aachener Rimbaud Verlag gesorgt. Bei Wallstein ist zum 100. Geburtstag eine akribisch kommentierte Werkausgabe in fünf Bänden erschienen, die nicht nur den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition gerecht wird, sondern auch die Fama vom „weltfernen Hermetiker“ auflöst. In Ernst Meisters Poesie, so wunderbar hat es Born gesagt, findet man „Zeichen für das Noch-Nicht-Totsein, für die Hoffnung und Behauptung, daß Leben sei, Gesang, und sei es auch ein Gesang ohne Grund.“

Michael Braun, Badische Zeitung, 3.9.2011

Ausgezeichnete Edition der Gedichte Ernst Meisters

Ernst Meister (1911–1979) ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist in einem Zuge mit Paul Celan, Günter Eich oder Karl Krolow zu nennen. Er wurde jedoch häufig geringer beachtet und anerkannt. Das hat mehrere Gründe: Meister schloss sich keiner literarischen Gruppierung an und machte nicht durch Vorlesungen und literaturtheoretische Aufsätze auf sich aufmerksam. Außerdem erschienen seine zahlreichen Gedichtbände durchweg in kleineren Verlagen – meist in der Rimbaud-Presse.
Daher ist es äußerst verdienstvoll, dass zum 100. Todestag des Dichters im Göttinger Wallstein Verlag eine fünfbändige Gedichtausgabe mit Kommentar- und Apparatband wieder auf ihn aufmerksam macht und ihn damit einen zentralen Platz in der deutschen Nachkriegslyrik zuweist, der ihm auch gebührt.
Meisters erster Gedichtband Ausstellung war 1932 im Verlag Marburger Flugblätter erschienen und orientierte sich an der modernen Kunst. Daher wurde ihm auch „Kadinsky-Lyrik“ vorgehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der das künstlerische Schaffen unterbrochen hatte, erschienen in kurzen Abständen zahlreiche Gedichtbände wie Unterm schwarzen Schafspelz (1953), Dem Spiegelkabinett gegenüber (1954), Der Südwind sagte zu mir (1955) oder Fermate (1957). In ihnen sprach Meister verschiedene Themen und Motive an wie die biblischen Geschichten oder die Großstadtthematik. Bereits diese frühen Gedichtbänden sind gekennzeichnet durch eine knappe Verssprache und zahlreiche Metaphern.
Die Gedichte der 60er Jahre sind Vermittler von Sprache, Naturwahrnehmung und Wirklichkeit. Meisters Spätwerk, das ein Gipfelpunkt in seinem Schaffen darstellt, umfasste die Gedichtbände Es kam die Nachricht (1970), Sage vom Ganzen den Satz (1972), Im Zeitspalt (1976) und Wandloser Raum (1979). Die Motivik dieser Lyrikbände – beeinflusst von Hölderlin – geht auf Themen wie Tod, Endlichkeit und Sprache zurück.
Ein Wendepunkt im literarischen Schaffen Meisters war die Auszeichnung mit dem Droste-Hülshoff-Preis 1957. Damit trat er aus der engen regionalen Sphäre heraus. Es folgten weitere literarische Ehrungen wie der Große Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen (1963), der Petrarca-Preis (1976 gemeinsam mit Sarah Kirsch) und der Rilke-Preis (1978). 1979 wurde ihm posthum der Georg-Büchner-Preis für sein lyrisches Gesamtwerk verliehen. Seit 1981 stiftet die Stadt Hagen, Meisters Geburts- und Sterbeort, den Ernst-Meister-Preis und anlässlich seines 10. Todestages wurde 1989 die Ernst-Meister-Gesellschaft gegründet.
Meisters umfangreiches lyrisches Werk umfasst mehr als zwanzig zu Lebzeiten publizierte Gedichtbände, die alle in der vorliegenden textkritischen und kommentierten Ausgabe enthalten sind – weiterhin die zu Lebzeiten verstreut publizierten Gedichte (1951-1979). Die ersten drei Bände bieten einen kritisch revidierten Text auf der Basis der Erstausgaben bzw. -drucke.
Der vierte Band beinhaltet den textkritischen Apparat mit der Darstellung ausgewählter Textstufen. Ergänzt wird dieser Band durch einen elektronischen Teil, der auf der Homepage der Ernst-Meister-Arbeitsstelle als Download zur Verfügung steht. Dieser elektronische Teil der Ausgabe bietet zusätzliche Dokumente zur Erleichterung der Benutzung, u.a. ein Benutzerhandbuch und digitale Reproduktionen. Der abschließende fünfte Band ist den Kommentaren zu den einzelnen Gedichten sowie Bandeinführungen vorbehalten.
Herausgegeben von Axel Gellhaus, Stephanie Jordans und Andreas Lohr präsentiert die fünfbändige Ausgabe der Gedichte Ernst Meisters den neuesten Forschungsstand und zeichnet ausführlich die lyrische Produktion des Dichters nach. Alle Bände haben einen Leineneinband, einen Schutzumschlag und sind in einem Schober untergebracht.
Fazit: Die ausgezeichnete Edition ermöglicht es, die Gedichte von Ernst Meister zu entdecken und so einen der wichtigsten deutschen Lyriker der zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kennenzulernen.

Manfred Orlick, amazon.de, 24.8.2011

„Ich muss die Dinge verstehen von ihrer Vernichtbarkeit her“

− Am 3. September wäre der Dichter Ernst Meister 100 Jahre geworden. −

Ernst Meister gehört zu jenen Autoren, die ein bedeutendes Werk vorgelegt haben, doch nie einem größeren Publikum bekannt wurden. Seine Gedichte galten als „hermetisch“, unverständlich, was einem Autor, wenn er nicht gerade Paul Celan hieß, kaum Leser und Ruhm bescherte.
Erst wenige Jahre vor seinem Tod wurde Meister im Literaturbetrieb registriert. Nicholas Born und Peter Handke sorgten dafür, dass er den Petrarca-Preis bekam. Im Herbst 1979 erhielt er den Büchner-Preis; Meister konnte ihn nicht mehr entgegen nehmen, er starb kurz zuvor. Bald darauf waren Autor und Werk vergessen.

Der Erkennende
ist der Gräber,
die Erkenntnis das



Grab. Der
Gipfel der Ohnmacht
ist unten.

Im Rimbaud Verlag erschienen später Neuausgaben seiner Werke; da der Verlag nicht dafür warb, leider unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am 3. September wäre Meister 100 Jahre geworden. Höchste Zeit, an ihn zu erinnern und noch einmal zu schauen, wie das ist mit der „Hermetik“ seiner Lyrik. Gerade hat Peter Handke bei Suhrkamp eine schöne kleine, bewusst subjektive Auswahl herausgegeben. Sie heißt schlicht Ernst Meister: Gedichte. Und bei Wallstein haben sich der Germanist Axel Gellhaus und seine Mitarbeiter das gesamte lyrische Textgebirge Meisters vorgenommen. Herausgekommen ist eine imposante über 2000-seitige textkritische und kommentierte Ausgabe. Sie macht vor allem den Arbeitsprozess des Autors deutlich und hilft so beim Verständnis der Gedichte. Axel Gellhaus:

Es gibt pro Gedicht 10, 20, manchmal 30 „Zeugen“, Arbeitsstufen, Phasen, in denen man sieht, wie er gestrichen, gekürzt, ergänzt hat, wie sich Texte entwickeln, wie sich seine Sprache entwickelt, wie die Gedichte Form gewinnen. Das fanden wir so spannend, dass wir gesagt haben, da lohnt es sich doch, dieses Material aus dem Nachlass in einer Ausgabe wiederzugeben.

Eine große historisch-kritische Ausgabe, die tatsächlich alle Textzeugen zeigt und kommentiert, wäre viel zu umfangreich und teuer geworden. Schon die jetzige Ausgabe verschlang Unsummen. Also ließen sich die Herausgeber etwas einfallen:

Okay, dann nehmen wir die interessantesten, auch aufschlussreichsten Zeugen in einen Apparatband – und geben dem Leser digital, wenn er es vollständig wissen möchte, die Handschriften dazu. Man kann auf der Homepage der Ernst-Meister-Ausgabe Zugang bekommen zu einem Download und kann die Handschriften auf seinen eigenen Computer herunterladen.

Der Kommentarband schließlich erläutert werkgeschichtliche, intertextuelle und biografische Bezüge. So erhält der Leser einen neuen Zugang zu Meisters Texten, die plötzlich nicht mehr so „hermetisch“ wirken. Etwa das Langgedicht „Der Südwind sagte zu mir“ von 1955. Bislang als surrealistische Groteske gedeutet, weist Gellhaus nach, dass es eine Abrechnung mit dem damaligen Literaturbetrieb ist – in dem weder Kritiker noch die Gruppe 47 gut wegkommen. Meister wurde weder davor noch danach zu deren Tagungen eingeladen.

Er wollte da auch nicht dabei sein. Er wollte seine eigene Rolle spielen, seinen eigenen Ton finden, seine eigene Position. Er wollte nicht in der „Szene“ mitmischen.

Ernst Meister wurde am 3. September 1911 in Hagen-Haspe geboren – dem Ort, an dem er fast sein ganzes Leben verbrachte. Sein erster, experimentierend-suchender Gedichtband erschien 1932; ein Kritiker sprach von „Kandinsky-Lyrik“. Dann kamen die Nazis. Meister war Soldat, wurde mehrfach verwundet. Nach dem Krieg arbeitete er in der Fabrik seines Vaters. Er publizierte Lyrik, Erzählungen und Essays – zunächst in der kleinen bibliophilen Eremitenpresse.

Er galt ja wie Paul Celan als sogenannter hermetischer Lyriker. Das in Verbindung mit einer vielleicht nicht immer glücklichen Verlagspolitik, vielleicht noch in Verbindung mit einem wenig spektakulären Leben, etwas regional, zurückgezogen in Hagen-Haspe, mag dazu beigetragen haben.

Im Gegensatz zu erfolgreichen Kollegen war Meister kein „kritischer“ Autor, er schrieb weder über den Holocaust noch über das Wirtschaftswunder. Er setzte sich vor allem mit seiner Innenwelt auseinander, in dezidiert modernem Gestus, immer knapperen Versen. Wie Pascal sah er das menschliche Leben als kurzes Aufscheinen zwischen dunklen, leeren Ewigkeiten. „Im Zeitspalt“ heißt dann auch sein vorletzter Lyrikband von 1976. Dasselbe Thema umkreist sein letztes Buch, das kurz vor seinem Tod erschien: Wandloser Raum. Meister scheint geradezu besessen gewesen zu sein von dem Gedanken: Der Mensch wird geboren, erhält Geist und Bewusstsein, die Erkenntnis ermöglichen. Freilich durch keinen Gott, keine Metaphysik, sondern den „Fortschritt“ der Evolution, wie er es nennt. Man kommt zu Klarheit über sich und die Welt – und dann, Skandal des Todes, wird einem das mit einem Schlag entrissen. Meister spricht von „kosmischer Preisgegebenheit“, und in einem Gedicht sagt er, hier in einer seltenen Funkaufnahme:

Geist zu sein
oder Staub
es ist dasselbe im All.

Andrerseits kann der Mensch erst durch seine Endlichkeit die Welt und das Leben verstehen. Meister:

Das ist für mich die Basis für alles Begreifen: Ich muss die Dinge verstehen von ihrer Vernichtbarkeit her. Es kommt auf keinen Fall bei mir eine Art von Heilung zustande. Was also hier einzig und allein möglich ist, ist der Gewinn von Klarheit, sonst gar nichts.

Gellhaus:

Der Tod hat ihn beschäftigt, aber als Kontrapunkt, als Hintergrund für die Intensität der Erfahrung von Gegenwart. Der Tod allein ist nie das, was die Spannung in seinen Gedichten ausmacht – sondern immer eine höchst intensiv erfahrene Sinnlichkeit gegenwärtiger Augenblicke. Das Gedicht lebt genau aus dieser Spannung: der Gewissheit des Todes als schwarzem Hintergrund und der fast grell beleuchteten Gegenwart im Vordergrund.

Diese Sinnlichkeit und Gegenwärtigkeit übersieht, wer Meisters Texte als schiere „Gedankenlyrik“ versteht. Kritik und Germanistik taten das bisher – wozu manche Aussagen des Autors beitrugen. Meister:

Ich muss bekennen, dass bei mir Dichten identisch ist mit Denken. Wie diese Einheit zustande kommt, und das heißt richtig zustande kommt, ist wiederum ein Rätsel – inwiefern das Denken seinen Körper im Gedicht erhält…

Dabei sind die Gedichte voll von starken Bildern, konkreten Details, sinnlichen Wahrnehmungen. Gellhaus:

Ein bisschen könnte man das vergleichen, wenn man Literaturgeschichte hinzuziehen darf, mit Hölderlin, der sagt: auf der einen Seite Sterblichkeit, auf der anderen Seite diese Lebhaftigkeit des Augenblickes. Was ist das denn, dass wir das so empfinden, den Sonnenschein und den Vogelflug und die Wolken und den Eindruck einer landschaftlichen Idylle? Was ist das im Verhältnis zur Gewissheit des Todes?

Ernst Meisters Werk ist nicht leicht zugänglich. Man muss sich darauf einlassen, geduldig, mit offenen Augen und Ohren. Dann wird man manches finden, das ihn als gegenwärtigen, großen Autor zeigt. Wie das folgende Gedicht aus seinem letzten Lyrikband. Auch da geht es um den Tod, aber nicht mehr um den Skandal des Todes. Nach einer Montaignelektüre notierte er Verse, in denen das Sterben nur mehr sanftes Hinübergleiten ist, in einen anderen Zustand:

Wie es einer
gedacht hat,
Sterben:


Sich drehn
von der Seite der
Erfahrung auf die
der Leere, un-
geängstet, ein
Wechseln der Wange,



nichts weiter. 
(BS89)

Matthias Kußmann, Deutschlandfunk, 1.9.2011

 

 

Wilde Mähne und expressionistische Verse

− Der Schriftsteller Ernst Meister wurde vor 100 Jahren geboren. −

Ernst Meister war zu Lebzeiten ein Unbekannter der deutschen Nachkriegslyrik. Erst mit der späten Anerkennung durch den Petrarca-Preises 1976 und den Georg Büchner-Preises, der ihm nach seinem Tod 1979 posthum verliehen wurde, wurde sein eminentes Werk deutlich.

In Kückelhausen sind wir geboren, zum Rauchen und zum Saufen auserkoren.

Solchen Klartext liebte der wegen seiner dunkel-verschwiegenen Gedichte berühmte Ernst Meister gelegentlich. Als er einmal auf ein jugendliches autobiografisches Romanfragment zurückblickte, befand er:

Zweihundert Seiten lang rede ich in meinem Roman von mir, ohne dass im romanhaften Sinne etwas geschieht. Sie sind eigentlich nur die Beschreibung meiner Langeweile.

Die Langeweile wird er in der westfälischen Provinz deutlich gespürt haben. Der am 3. September 1911 als Sohn eines Fabrikanten geborene Ernst Meister zog später mit der Familie von Kückelhausen ins Zentrum von Haspe, ein nach Meisters Worten „völlig ruhm- und legendeloses“ Industriestädtchen, und auch das nur ein Ortsteil der nächstgrößeren Stadt Hagen. Früh versuchte Ernst Meister seine Langeweile zu kompensieren – mit wilder Mähne und wilden, expressionistischen Versen.

Wir sind die Welt gewöhnt. Wir haben die Welt lieb wie uns. Würde Welt plötzlich anders, wir weinten. Im Nichts hausen die Fragen. Im Nichts sind die Pupillen groß. Wenn Nichts wäre, o wir schliefen jetzt nicht, und der kommende Traum sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.

Das Gedicht „Monolog des Menschen“ steht in dem 1932 erschienenen Band Ausstellung, mit dem der 21-Jährige debütierte. Ein Kritiker der Vossischen Zeitung sah in dem Buch den „gewiss nicht frivolen Versuch, Lyrik nach einer Jean Paulschen Anweisung ,aus dem Leeren’ zu schöpfen.“ Ernst Meister selbst kommentierte seinen Ansatz so:

Ich ließ, vielleicht schon angesteckt von Rimbaud, ,den Menschen’ einen anderen werden, setzte seine gewachsene Kausalität außer Kraft, ja, schritt gelassen zur Auflösung der Kreatur, entband die Teile vom Ganzen und objektivierte sie, wie es mir beliebte In der Malerei war das ja schließlich auch schon geschehen. Mit entsprechender Einsicht nannte ein Kritiker meine Produktion ,Kandinsky-Lyrik’.

In den 30er-Jahren studierte Meister Philosophie bei Hans-Georg Gadamer in Marburg. Im Dritten Reich publizierte er – außer einigen Prosaskizzen in der Frankfurter Zeitung – nichts. Nach 1945, aus dem Krieg zurück in Haspe, ließ er seine ersten neuen Gedichte als „Mitteilungen für Freunde“ in Privatdrucken erscheinen, bis er sich 1953 mit dem Band Unterm schwarzen Schafspelz wieder an die Öffentlichkeit wandte. Er blieb zunächst – trotz Fürsprecher wie Walter Jens oder Beda Allemann – eine Randfigur in der Nachkriegsliteratur. Zu hermetisch erschien vielen seine Lyrik, in der es immer um die letzten Dinge ging, um das Verschwiegene und Nichterzählbare des Lebens, die Unlösung, das Geheimnis hinter den Erscheinungen.

Erst der Petrarca-Preis 1976 verschaffte ihm Ruhm. Zu diesem Zeitpunkt lag ein umfangreiches Werk vor: mehrere Gedichtbände, Prosaarbeiten und zahlreiche Hörspiele; nebenbei malte Ernst Meister auch. In seinem letzten, 1979 erschienenen Lyrikband Wandloser Raum führt er dann das ganze Wissen beziehungsweise Nichtwissen eines philosophisch hochgebildeten Kopfs vor:

Geist zu sein oder Staub, es ist dasselbe im All. Nichts ist, um an den Rand zu reichen der Leere. Überhaupt / gibt es ihn nicht. Was ist, ist und ist aufgehoben im wandlosen Gefäß des Raumes.

Wie diese in der Verwandtschaft mit Hölderlin oder Paul Celan geschriebene Lyrik entstehe, wurde Ernst Meister einmal gefragt:
Es geschieht in der Tat durch den einfallenden Gedanken. Ich muss bekennen, dass bei mir Dichten identisch ist mit Denken. Wie diese Einheit zustande kommt, ist wiederum ein Rätsel, inwiefern das Denken seinen Körper im Gedicht erhält.

Am 13. Juni 1979 erreichte Ernst Meister die Nachricht, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihn für sein Gesamtwerk mit der höchsten literarischen Auszeichnung in Deutschland ehren wolle, dem Georg-Büchner-Preis. Zwei Tage später starb er an Herzversagen.

Christian Linder, Deutschlandradio, 3.9.2011

Ein Lachen am Meer

− Späte Ernte: Zum 100. Geburtstag des Dichters Ernst Meister. −

Der Dichter Ernst Meister, für Hans Benders Anthologie Widerspiel (1961) um eine knappe poetologische Äußerung gebeten, formulierte: „Wohl dem Autor, der nicht weiß, was Dichten ist, sozusagen schwarz auf weiß (was wiederum nicht heißt, daß er es nicht weiß, so wenig, daß er seine Art Vorschule, Schule, Nachschule schreiben könnte), dafür aber Gedichte schreibt, die gedichtet sind, heute und hier. Also er weiß es? Sein Gedicht verrät, was er weiß. Es fragt dich danach, was du weißt.“ Diese fast kryptische Einlassung hat Züge, die vielleicht eher für die Zeit typisch scheinen, als für den Autor, so das insistente „heute und hier“ und die strenge Anrede an den Leser: Was weißt du? Sie zeigt aber auch in ihrer dialektischen Präzision einen Lyriker von ungewöhnlicher Affinität zum Philosophischen.
Ernst Meister ist – trotz der handlichen Auswahlen von Beda Allemann 1989 und (besonders schön) Harald Hartung 2005 – immer noch so etwas wie der große Unbekannte und unbekannte Große in der deutschsprachigen Dichtung des vergangenen Jahrhunderts, deshalb kurz der äußere Umriß des Lebens: 1911 in Haspe, „einem völlig ruhm- und legendenlosen Gemeinwesen bei Hagen“, als Sohn eines Fabrikanten geboren, ist er ebenda 1979 gestorben. Das verzweigte geisteswissenschaftliche Studium sollte eigentlich zu einer Dissertation bei Karl Löwith über Nietzsche führen. Sein erster Gedichtband Ausstellung erschien 1932; bis zum zweiten sollten einundzwanzig Jahre vergehen.
Zum Titel dieses ersten Bandes, über den viel spekuliert worden ist (gab es einen Einfluß von Mussorgskys Bilder einer Ausstellung?), sagte der Autor später fast spitz: „Er hatte mit Bildlichem nichts zu tun, sondern meinte das zeigen von Existenz.“ Die Strenge dieser Formulierung charakterisiert den Dichter, dessen Lyrik ständig den überaus schwierigen Beweis antrat, dass die Begriffe, die großen Worte, keine leeren sein sollen.
Über den Bruch, den das Dritte Reich (nicht zuletzt durch Löwiths Emigration) mit sich brachte, schrieb Meister später lakonisch: „Ich war wie die Weimarer Verfassung faktisch zu nichts geworden in Gestalt dessen, was der Arzt eine Erschöpfung nennt.“ Er wurde eingezogen und war Soldat in Frankreich, Rußland und Italien, wo er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Das Militär und die väterliche Firma, in die er nach dem Krieg wieder eintrat, erscheinen als die beiden Stockungsmechanismen dieses Abschnitts der Biographie. 1960 schied er aus der Firma aus und wurde freier Schriftsteller; seine Gedichtbände erschienen nun in erstaunlich dichter folge, oft mit Titeln wie Die Formel und die Stätte (1960) oder Zeichen um Zeichen (1969). Auch Im Zeitspalt (1976) ist ein so bildhafter wie existenzieller Titel, der auf die Pascal’sche Zone zwischen der Ewigkeit vor und der Ewigkeit nach dem Leben anspielt.
Einige Jahre vor seinem Tode erlangte Meister eine gewisse Berühmtheit – 1976 erhielt er mit Sarah Kirsch zusammen den Petrarca-Preis, 1977 den Rilke-Preis in Paris, der zu einer Begegnung mit Cioran führte; den Büchner-Preis 1979 musste die Frau des jäh Verstorbenen für ihn entgegennehmen. 1975 hatte er sich der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als neues Mitglied mit dem erstaunlichen Satz vorgestellt: „Wenn mich etwas hartnäckig beschäftigt hat, so ist es der Gedanke an Sein überhaupt.“ Das nun – ein Glücksfall – in einer umfassenden, reich kommentierten Edition vorliegende dichterische Werk Ernst Meisters war der Öffentlichkeit lange wie verborgen. Von der Monumentalität dieses fünfbändigen Wunderwerks sollte sich nun niemand von der Lektüre abschrecken lassen.
Vor allem keiner, dem es plausibel erscheint, „dass bei mir Dichten identisch ist mit Denken“. Paradoxerweise ist aber die Dichtung dieses der Philosophie verschriebenen deutschen Lyrikers der moderne mit ihren sparsamen Bildzeichen von hoher, auratischer Kraft. Meister hat sich ganz dem Versuch verschrieben, die Linie des Dichtens als Denkens zu ziehen. Er spricht über den Tod, das Leben, das Sein, die Zeit, insbesondere über das Nichts. „Im Nichts sind die Pupillen groß“, heißt es im ersten Gedicht seines ersten Gedichtbandes. Es ist dies ein Beispiel für eine Technik, die vielleicht die innerste Signatur dieser Lyrik abgibt: ein sehr hoher Abstraktionsgrad, an den sich intensive Bilder verblüffend binden. In diesen Legierungsmomenten beantwortet sich dann auch die Frage, ob der Dichter weiß, was Dichten ist, und die Frage an den Leser, was er selbst denn wohl weiß, läßt sich schwer umgehen. „In so gewaltiger wie luftiger Schwebe“ siedelt Peter Handke in seiner zum Jubiläum erschienenen Auswahl die Gedichte Ernst Meisters an.
Eines der schönsten findet sich in dem Zyklus „Etüden“ in „Flut und Stein“ 1962 – ein Poem, das sich einer im Œuvre oft wiederkehrenden Topik bedient: der vom Fisch, vom Meer, vom „Toten Dichter auf dem Meeresgrund“. Es formuliert geheimnisvoll bündig dieses Verhältnis zwischen der fremden Poesie und dem allgemein Bekannten:

Am Meer
ein Lachen, sie haben
den Fisch gefangen, der spricht.
Doch er sagt,
was jedermann meint

Die ersten vier Wörter sind typisch für Meister, auch wenn man bei seinen Versen oft angemerkt hat, sie mieden das Metaphorische und meist auch das Bildliche überhaupt. Gerade in dieser etwa ängstlichen Kargheit haben die vorsichtig gesetzten Evokationen von Sinnlichkeit (das Meer, ein Gelächter) eine überaus große Gewalt. An diesem 3. September wäre Ernst Meister hundert Jahre alt geworden.

Joachim Kalka, Süddeutsche Zeitung, 3./4.9.2011

Ernst Meister: Einem Dichter auf der Spur

60.000 Seiten Nachlass, ungeordnet, ein wenig verstaubt in großen Kartons und Mappen, mit handschriftlichen Notizen des Schriftstellers und bildenden Künstlers Ernst Meister übersät – und das in einer Schrift, die nicht leicht zu entziffern ist: „Wir sind noch längst nicht fertig“, sagt Professor Dr. Axel Gellhaus, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte der RWTH Aachen.
Gemeinsam mit Stephanie Jordans und Andreas Lohr ist Gellhaus Herausgeber einer komplett neuen textkritischen und kommentierten Werkausgabe sämtlicher Gedichtbände, die Meister zu Lebzeiten publiziert hat. Ein Team von rund 25 Wissenschaftlern aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland hat in gut zehn Forschungsjahren das Werk Meisters analysiert. In Aachen wurden bei vielfachen Treffen die Ergebnisse diskutiert, gebündelt und verarbeitet – fünf inhaltsreiche Bände dokumentieren das eindrucksvoll.
Am 3. September 1911 wurde Ernst Meister in Hagen-Haspe geboren. Pünktlich zum 100. Geburtstag kann man nun verblüffende Details zur Entstehung so mancher Texte in den Jahren zwischen 1932 und 1979 erfahren. Welche Gedanken, Zeitbezüge und persönlichen Eigenheiten sind eingeflossen? Mit Fachwissen und nahezu kriminalistischem Spürsinn war das Forscherteam dem Dichter auf der Spur.
Geprägt wurde Meister, der zu den bedeutendsten Lyrikern der Nachkriegszeit gehört, unter anderem durch sein in den 50er Jahren begonnenes Theologiestudium, durch die Auseinandersetzung mit den Gedanken eines Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. „Meister liefert uns da wirklich sehr viel Material, er hat offensichtlich kaum eine Notiz weggeworfen, und sogar von den Briefen, die er an andere geschrieben hat, gibt es Durchschläge“, so Gellhaus.

Was bedeutet hermetisch?
Gefördert wurde das Projekt von der NRW-Stiftung, die den literarischen Nachlass erworben und für Personal- und Sachmittel gesorgt hat, damit das Werk wissenschaftlich erschlossen werden konnte und nun auch öffentlich zugänglich ist.
Was Gellhaus gereizt hat: „Wenn von Ernst Meister die Rede ist, wird er immer wieder als ,hermetischer Autor‘ beschrieben“, so der Germanist. „Wir wollten ihn vom Mythos des Hermetikers befreien und dafür sorgen, dass er in seiner Sinnlichkeit zugänglich wird, dass seine Texte, die sich auf sprachlich höchstem Niveau bewegen, transparent und verständlich werden. Er hatte ein so starkes Empfinden für seine Gegenwart, dem kann man in den Texten nachspüren.“
Die Gruppe 47, der zu Meisters Zeit tonangebende Literaten-Kreis, hat den westfälischen Lyriker nie eingeladen. „Kein Wunder, er hat die Gruppe schließlich als lyrischen Affenmarkt bezeichnet und scharf kritisiert“, weiß Gellhaus.
Immer wieder ist in dieser Gesamtausgabe von „Textzeugen“ die Rede, die in einem elektronischen Anhang komplett aufgeführt sind und im Internet nachgelesen werden können. „Vielfach haben wir in Notizbüchern unterschiedliche Textfassungen entdeckt und sind auf Meisters Form des Experimentierens gestoßen, ein intensiver kreativer Vorgang.“
Gellhaus selbst hat diese Prozesse erforscht und ist dabei auf erstaunliche Hintergründe gestoßen – etwa zum schmalen, 1955 erschienenen Band Der Südwind sagte zu mir. Wenn hier in Zeile 102 etwa „Eine Prozession von Krähen“ erscheint, deutet das der Literaturwissenschaftler so: „Die aus schwarzen Büchern singenden Krähen können mit dem Katholizismus in der Literatur, vor allem der Lyrik der 50er Jahre in Verbindung gebracht werden.“
In beharrlichen, oft winzigen Schritten konnte sich das Ernst-Meister-Team einem interessanten Charakter nähern, der es seinen Mitmenschen nicht gerade leicht gemacht hat. Gellhaus: „Ich bin sicher, was Meister selbst als ,Kopfzustände‘ bezeichnet, sind die Signale einer psychischen Störung, Alkoholprobleme und eine beginnende Blindheit kamen hinzu.“
Zudem musste Ehefrau Else Meister, mit der er vier Kinder hatte, vermutlich nicht nur die Liebesbeziehung zur Schriftstellerkollegin Gabriele Wohmann verkraften, sondern einen Ehemann, der exzessive Ausflüge unternahm, und dann doch immer wieder nach Hause kam.
„Sie war es, die alles zusammenhielt, die für das Geld sorgte und ihn quasi geerdet hat“, wie es Gellhaus formuliert. Er und sein Team sind Geheimnisträger, denn viele Informationen, die man im Laufe des Projekts im Nachlass entdeckte, dürfen zurzeit nicht publiziert werden, da die betroffenen Personen noch leben oder Verjährungsfristen nicht abgelaufen sind. Ohnehin mussten die Herausgeber alles, was einfließen sollte, zunächst mit Sohn Reinhard Meister, dem Inhaber der Urheberrechte, und dem Verlag abstimmen.
In seinen Studien kann Gellhaus nachzeichnen, wo Meister noch surreales und expressionistisches Erbe verarbeitet hat und ab wann er zunehmend eine eigene Sprache entwickelte. „Jazz, Malerei und Dichtung, all das klingt in seinen Werken, er durchläuft dabei einen Prozess der Reduktion und neuen Formgebung.“ Verrätselt, häufig dunkel sind Ernst Meisters Visionen. Kein Wunder, er sah die Welt am Abgrund, wusste von den Atombombentests. „Das hat ihn alles beeinflußt“, weiß Gellhaus.
Der Umfang der Ausgabe mit fünf Bänden und 2436 Seiten ist beeindruckend, aber: „Es gibt noch mindestens weitere 1000 Gedichte, die wir bearbeiten könnten“, blickt der Literaturwissenschaftler in die Zukunft.

Sabine Rother, Aachener Zeitung, 31.8.2011

Der Elementargeist

– Von der Würde einfacher Hände: Ernst Meister wäre jetzt hundert Jahre alt geworden – gleich zwei Verlage nutzen die Gunst der Stunde. –

Am liebsten schrieb er mit schwarzen Filzstiften und blauen Kugelschreibern. Die Metropolen Berlin und Paris hatte er als Student und Besucher, Rom als Soldat gesehen, zu Hause aber war er in der westfälischen Provinz, unter dem erdnahen Wolkenhimmel des Sauerlands, am Ufer der Flüsse Enneppe, Lenne, Bigge, Volme, Ruhr und Agger, wo die Nester Haspe (sein Geburts- und Lebensort), Hestert, Heide, Hennen, Holzen, Geisecke, Möcking, Delle, Brenscheid oder Waldbauer heißen: Ernst Meister. Vor dem Vergessen hat ihn in Deutschland nach seinem Tod 1979 zunächst der Aachener Rimbaud-Verlag bewahrt, und in Frankreich stehen seine Bücher an prominenter Stelle in den Regalen der Pariser Nationalbibliothek, unweit von dort, wo auch Peter Handke sitzt, der jetzt, zur Feier von Meisters hundertstem Geburtstag, ein Auswahlbändchen samt schwungvollem Vorwort für die Bibliothek Suhrkamp zusammengetragen hat. Zugleich präsentiert der Wallstein Verlag die erste historisch-kritische Ausgabe seines lyrischen Werks im edlen Schuber, aus drei Text- und zwei Kommentarbänden bestehend. Gründe genug also, sich einem lyrischen Œuvre zuzuwenden, das hierzulande eigentlich noch keiner so richtig aus dem Dornröschenschlaf zu befreien vermochte, vergleicht man Ernst Meisters Radius mit Namen wie Günter Eich, Johannes Bobrowski oder Peter Huchel.
Dabei zählt der am 3. September 1911 als Spross eines Werkzeugfabrikanten fernab des literarischen Lebens Geborene, wie etwa der Sachse Wulf Kirsten oder der Saarländer Johannes Kühn, zum bodenständigen Kanon einer deutschsprachigen Lyrik im späten 20. Jahrhundert. Auf den Fotos der ersten Petrarca-Preisverleihungen Mitte der siebziger Jahre hat Isolde Ohlbaum ihn neben Christoph Meckel, Michael Krüger und Nicolas Born abgelichtet. Gerade Letzterer hatte Meister in seinen literarischen Anfängen viel zu verdanken, war als junger Korrespondenzpartner zum Weiterschreiben ermutigt worden – Born revanchierte sich später mit Widmungsgedichten für Meister.
Doch auf den Pfaden, die er betreten hat, ist ihm keiner wirklich gefolgt: Wie jeder gute Dichter verfügte Meister über eine eigene, unverwechselbare Sprache, die kaum ernsthaft zu imitieren ist – erratisch und konkret, rätselhaft und klar, aus einem Guss. Weder war Meister ein lyrisch verstiegener Wichtigtuer noch ein prätentiöser Geheimniskrämer. Will man auf eine Formel bringen, worum es ihm wohl am ehesten ging, so müsste es schlicht lauten: um Welterkenntnis. Das klingt als primärer Schreibantrieb nach philosophischem Gemeinplatz. Sicher gab es für Meister auch ganz konkrete, schon sehr frühe Einflüsse, die ihn seit seinem 1932 erschienenen ersten bis zum postumen letzten von insgesamt zwanzig Gedichtbänden auf seiner literarischen Laufbahn begleiteten. Da sind die Stimmen Rimbauds, Nietzsches, Jean Pauls, des „schwarzen“ Surrealismus zu vernehmen:

UND WAS
will diese Sonne
uns, was

springt aus enger Pforte
jener großen Glut?

Ich weiß
nichts Dunkleres
denn das Licht.

Aber auch den deutschen Expressionismus hat er gekannt, mit Klaus Mann in engem Austausch gestanden, sich nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Soldat und Kriegsgefangener in Italien verbrachte, mit den an die Grenze des Verstummens reichenden Schoa-Erfahrungen Paul Celans und Nelly Sachs’ auseinandergesetzt; davon ist seiner Lyrik ein pessimistischer, verzweifelnder Grundton geblieben, ein Ringen mit der Todesverfallenheit des Lebens und unserer Zivilisation:

ES GIBT
im Nirgendblau
ein Spiel, es heißt
Verwesung.

Es hängt
am Winterbaum
ein Blatt, es
dreht und
wendet sich.

Ein Schmetterling
ruht aus
auf Todes
lockerer Wimper.

Doch immer wieder, so zeigt es auch diese letzte Strophe, schlägt das unerbittliche Lavieren am Nullpunkt der Existenz – „selten hat sich ein Dichter in den Tod hineingewagt wie Sie“, schrieb ihm E.M. Cioran 1979 aus Paris – in die Feier des Lebens um. Genau das macht ihn zu einem großen, eigentümlichen Lyriker, seine Gedichte zu Gedankenblitzen, spontanen Erleuchtungen, Regenbögen schlechthin. Seine besten Verse sind von einer schlagartigen Evidenz und Stichhaltigkeit, wie die Fragmente der Vorsokratiker bei all ihrer kryptischen, lapidaren Kürze es sind, und zugleich bleiben sie, ebenso wie diese, ganz der Anschauung des Irdischen verhaftet. Die Wahrnehmung eines konkret vor Augen stehenden Weltausschnitts lässt im Bewusstsein des Dichters eine Erkenntnis reifen, die so zuvor vielleicht gefühlt, aber noch nicht ausgesprochen worden ist:

UNTER GRANITENEM BOGEN
dieses Hoftors sitzend,

schreib ich mit Denkens Kreide
in Septembersonne,

blick auf Holunder,
schwarze Trauben

und weile lange
bei des Flusses Rauschen,

mich wieder wundernd,
daß es Wasser gibt.

Auf diese Weise ist Ernst Meister ein Dichter im emphatischen Sinn: Sprachrohr elementarer Fragen und Antworten – und eines großen, fast kindlichen Staunens. Zur eigentlichen Kunst gehört es ja, aus dem Alltäglichen zu schöpfen und etwas gar nicht Banales daraus zu machen. Ein für Meister tausendmal erlebter Vorgang, der Feierabend im Betrieb – er selbst hatte nach dem Tod des Vaters dessen Firma übernommen –, wird bei ihm zur anrührenden, die Würde einfacher Hände und Gemüter rühmenden Daseinsfeier. Gleichzeitig spiegelt sich in diesem Bild sehr schön sein eigener Begriff von Poesie wider:

Gute Nacht
sagen sie abends um sechs
im Sägewerk.

Und ein Mann geht heute,
grau von sprühendem Holz,
satt die kreischenden Blätter,

nach Haus,

wo sein Kind schreit,
weil es Grimmen hat
und nicht
schlafen kann.

Nicht zu vergessen die Liebe. Als Aufstand gegen den Tod wird die Liebe bei Meister zur existentiellen Dringlichkeit, die mit wenigen, unaufdringlichen Worten alles umreißt, was irgendwie wichtig ist. Die Verse können seiner Frau Else oder der Freundin Irena gewidmet sein, von den Blumen auf dem Balkon sprechen, die zugleich ein Abglanz „aller“ Blumen sind, oder sie richten sich in vertraulicher Apostrophe an ein namenloses Du, das sowohl die oder das Geliebte, als auch Leserin und Leser mitmeint. „Ein Gedicht ist ein Ereignis, das durch sich selbst in der Direktheit seiner Existenz wirken muß“, hat er einmal geschrieben. Man tausche nur das Wort „Gedicht“ durch „Liebe“ aus, dann wird daraus eine Definition radikaler Hingabe. Für jeden, der sich unter dieser Prämisse auf Ernst Meister einlassen will, sind in folgenden Zeilen von fast zen-buddhistischem Witz Anspruch und Versprechen seiner Poesie zusammengefasst:

ENTWIRF EIN WEISSES
Schiff auf einer weißen
Wand und tauf es:
WERFT.

Schau, ein Schiff,
das niemand sieht.
Sag: Es fährt,
sich bauend wie
zerstörend stetig,

auf einer Route
aus dem Augenblick.

Wer will, kann ihm nun gleich mehrfach (wieder)begegnen: ob im kleinen, von Peter Handke besorgten Suhrkamp-Band als Vademecum für unterwegs. Oder fürs Studium in der mit den gesamten Meister-Gedichten aufwartenden Wallstein-Ausgabe, die der Aachener Germanist Axel Gellhaus und seine Mitarbeiter bis in überlieferte Textvarianten und verwendete Schreibgeräte wie die Kugelschreiber und Filzstifte hinein akribisch recherchierten. Egal, wofür man sich entscheidet – diese Augenblicke aus wenigen Worten und einfachen Gesten bereichern den Tag, machen den durch unsere Zerstreuungskultur verstellten Blick aufs Wesentliche wieder frei, auf die vier Elemente und das elementare Rätsel unseres Daseins, dem sich dieser Dichter verschrieben hatte, um am Ende vielleicht dem „Wahren“ um ein paar Silben näher gerückt zu sein:

Wahr ist Atem,
wahr ist Asche,
wahr ist Atem
aus der Asche,
Angst sich höhlend,
Lust sich wölbend,
jetzt, solang das
irdisch währt.

Jan Volker Röhnert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.8.2011

Nur das Wichtige

Leicht zu lesen sind Ernst Meisters Gedichte nicht. Doch wer sich in das Abenteuer stürzt, diese kryptischen Texte zu enträtseln, stößt bald auf sehr interessante philosophische Fragen, die sich aus dem Geist des Existentialismus speisen.
Meister, geboren am 3. September 1911, hörte in seiner Jugend Philosophielektionen bei Karl Löwith sowie Hans-Georg Gadamer und ließ sich von ihnen zum Studium der Werke Heideggers anregen. In dessen Theorien fand er Anstöße zu Versen: „Wenn mich hartnäckig etwas beschäftigt hat, so ist es der Gedanke an Sein überhaupt.“ Deshalb umkreiste er oft den Tod als zentrales Thema:

Geist zu sein
oder Staub, es ist
dasselbe im All.

Nichts ist, um
an den Rand zu reichen
der Leere.

Überhaupt
gibt es ihn nicht.
Was ist, ist

und ist aufgehoben
im wandlosen Gefäß
des Raums.

Dass zum 100. Geburtstag dieses ungewöhnlichen Poeten jetzt eine Gesamtausgabe seiner Lyrik vorliegt, grenzt an ein Wunder, denn die aus germanistischer Perspektive hieb- und stichfeste Edition ist eigentlich für einen kleinen Verlag wie Wallstein eine Nummer zu groß. Ohne Sponsoren wäre die Publikation kaum realisierbar gewesen. Verblüffenderweise erklärte sich ein halbes Dutzend Geldgeber dazu bereit, das Projekt zu fördern.
Das fünfbändige Opus richtet sich vor allem an Spezialisten und Fans des Künstlers. Wer sich nicht durch den kompletten Ernst Meister kämpfen will, dürfte mit der von Peter Handke eigens für die „Bibliothek Suhrkamp“ besorgten Gedichtauswahl bestens bedient sein. Der Querschnitt durch das Schaffen des „Kandinskys der Lyrik“ bezeugt die Einfühlsamkeit des Herausgebers.
Meister erhielt kurz vor seinem Tode 1979 mit dem Georg-Büchner-Preis den wichtigsten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum. Dass er auch danach ein „verkannter Großer“ blieb, wie Walter Jens konstatierte, hängt nicht zuletzt mit Zeitumständen zusammen. Als er 1932 mit dem Band Ausstellung debütierte, lobte Klaus Mann euphorisch: „Man spürt eben beinahe überall das Wichtige durch: dass alles aus einem rechten und notwendigen Gefühl heraus geschrieben ist.“ Doch schon wenig später geriet Meister bereits wieder in Vergessenheit, denn abgesehen von ein paar kurzen Prosaskizzen veröffentlichte er während der nationalsozialistischen Herrschaft nichts.
Auch nach 1945 dauerte es, ehe er Tritt fasste. Erst 1953 kam sein zweiter Lyrikband Unterm schwarzen Schafspelz heraus. Aber auch dieses Buch, das in der kleinen Düsseldorfer Eremiten-Presse erschien, machte wenig von sich reden. Nur Eingeweihte kannten den Namen des Autors. In den 1970er Jahren sorgte dann Nicolas Born dafür, dass seine Strophen breiteren Kreisen zugänglich wurden.
Meister litt nicht nur unter geringer Popularität, sondern er trug auch privat an einem schweren Los. Sein Vater, der im nordrhein-westfälischen Hagen eine Fabrik besaß, forderte, dass er die Theologenlaufbahn einschlägt. Als er sich weigerte, entzog ihm Meister senior die materielle Unterstützung. Er zwang seinen Filius, als Angestellter in die Familienfirma einzutreten, wo er Bürodienste verrichten und den betriebseigenen Park pflegen musste. Nach dem Tode des Vaters übernahm sein jüngerer Bruder Siegfried die Geschäftsführung. Als Ernst Meister 1960 seinen Urlaub um zwei Wochen überzog, kündigte ihm Siegfried fristlos. Fortan litt Ernst unter drückenden Geldsorgen, die zu psychischer und physischer Instabilität führten. Immer häufiger suchten ihn Erschöpfungszustände und Nervenschwächen heim, die ihn daran hinderten zu arbeiten.
Glückliche Momente bescherte ihm die Liaison mit der deutlich jüngeren Gabriele Wohmann, die jedoch im Streit zerbrach. 1979 starb er an Herzrhythmusstörungen, während man ihm gerade in Verona in Abwesenheit den Petrarca-Preis verlieh.

Ulf Heise, Märkische Allgemeine Zeitung, 3.9.2011

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jürgen Brôcan: „Von Abhang und Abhang gezeugt“
fixpoetry.de, 19.2.2012

Jochen Strobel: „Ein poeta, der philosophiert.“
literaturkritik.de, März 2013

 

Endspiel zu Lebzeiten

Anfang der sechziger Jahre habe ich von Ernst Meister etwas über die Genauigkeit und die Unsicherheit der Sprache gelernt, und, was noch wichtiger war, er hat mir damals klargemacht, daß die Poesie mit meinem Leben zu tun hat und nicht etwa ein entlegener Bereich für irgendeine scheinhafte Kreativität ist.
Es kann mir kaum gelingen, die Wirkungen zu beschreiben, die von Ernst Meisters Gedichten ausgehen, geschweige denn die Gedichte selber. Sie setzen oft erst da an, wo das öffentliche Leben und die öffentliche Sprache bereits aufhören; sie haben kaum etwas zu tun mit den täglichen Signalfunktionen der gesellschaftlichen Sprache, vielmehr sind sie herausgenommen aus dem großen Bereich der Sprachanwendung und sind meditativ im Prinzip. Vielleicht hat ihm das gelegentlich den Vorwurf und das Etikett „Hermetismus“ eingetragen. Solch einen Vorwurf hat selbst der Kulturbetrieb schnell bei der Hand, weil es ja für ausgemacht gilt, daß schon die Fragen nach dem Wie und Warum unserer Anwesenheit auf der Erde Merkmale für Flucht aus der Wirklichkeit sind. Gut, Hermetismus – ich finde diesen Hermetismus wirklich gut, bin froh, daß es ihn gibt, denn er schließt ja Fragen ein, Gedanken, Bilder, Poeme, wie sie früher einmal zur komplexen Menschwerdung gehörten.
Ernst Meisters Gedichte handeln vom Unermeßlichen. Man kann das auch konkret fassen in dem Begriff Universum, und innerhalb dieses Begriffs, wie eng oder unermeßlich wir ihn auch fassen, fühlen und wissen wir unsere Leben schließlich auch ablaufen. Das ist kein Affront gegen das Detail, gegen die Reißzwecke oder die Perlonmasche, vielmehr eine konkrete Erinnerung an „Alles“, das sich im Augenblick unseres Todes in ein Nichts auflöst, dem alle Worte fehlen, nicht einmal fehlen.
Das sind wir ja auch. Wir bestehen auch aus diesen Fragen, Empfindungen und Gedanken, wenn wir uns nur erinnern. So gut Fragen sein mögen wie „was machst du heute abend?“, so gut sind auch andere Fragen, wie Ernst Meister sie in seinen Gedichten stellt. Und so gut sind auch die Schrecken, die einem seine Bilder einjagen, denn in diesen Schrecken erfährt man, daß man verloren, aber nicht allein ist, daß es zwischen uns eine Verständigung geben kann, die das Wie und Warum unserer Anwesenheit auf der Erde betrifft, obgleich nicht löst, die ich wirklich einmal „menschlich“ nennen möchte und mit der verglichen der Verständigungswahn in unserer Öffentlichkeit ein tautologischer Hohn ist, nämlich nichts weiter als Einverständnis und Übereinkunft mit dem Sosein der Welt.
Hier, in den Gedichten Ernst Meisters, wird nämlich der Gedanke lebendig; er betrifft uns, weil er zu einem Gefühl wird und tatsächlich vom Körper erfahren werden kann. Ein Gedicht ist geschrieben und ist fortan da, so sehr, wie es vorher nicht da war, und es behauptet sich gegen ein Alles und ein Nichts. Und wenn es vom Tod ahnt und weiß und erzählt, dann vom Tod bei lebendigem Leib, vom Tod, meine ich, wie er – unsere äußerste Fähigkeit – lebendig antizipiert werden kann.
Warum und wozu etwas da ist und weitergeht, irgendwann wird man solcher Fragen überdrüssig. Von der Realität wird nicht gefordert, daß sie sich erklärt, aber von der Erklärung der Welt, der poetischen Erklärung, wird gefordert, daß sie sich erklärt.
Da ist einer, der lebt und eine Poesie schreibt, einen erregten und gelassenen Monolog, der auch ein Dialog ist mit seinesgleichen, mit unseresgleichen, ohne je mundgerecht zu sein. Das menschliche Bewußtsein erfindet sich immer neue, breitere Skalen, immer neue Daseinsversicherungen, die die Verluste immer dürftiger abdecken. Dagegen ist das Wissen über unser Dasein, die poetische Erkenntnis, verschwindend. In einem Gedicht sagt Ernst Meister, daß der Tod, einbezogen in die poetische Meditation, den Verstand macht und die Zeile, den Vers, ich zitiere wörtlich, „so daß / Lebendiges sich sieht / im Gehen“.
Ich lese ein anderes Gedicht vor:

Tod: wie er sei.
Hohl, höhlenhohl
wär schon ein Bild
von Haus aus des Lebens.

Dies und
sein Ende
vermocht von den Menschen.

Das Gras hat es leichter.
Wir sind nicht wie Gras.

Ein anderes Gedicht, ein deprimierender, aber auch ganz froher Sinnspruch, in dem ich mich gleichzeitig gefangen und geborgen fühle:

Er will sich
im Toten
das Nichts verschweigen.
So ist es
ganz
wirklich.

Nein, das Denken bis an den Rand des Todes, das Denken über den Tod hinaus ist nicht Resignation, es ist etwas ganz anderes, Unermeßliches, eine irgendwie auch heitere Wißbegier, die sich zusieht, wie sie selbst verschwindet. Ein Spiel auch, mit dem Ende, bitte sehr, zu Lebzeiten.
Es wäre viel mehr zu sagen über Ernst Meisters Poesie, und vieles muß dem, der sie liest, nicht mehr gesagt werden; wir könnten danach, nach dem Lesen, uns mehr verstanden haben und ruhig sein, ruhiger.
Jedenfalls, das ist der Satz zum Schluß, wenn einer, Ernst Meister, in seinem Leben in der Sprache eine Sprache findet, dann ist es zu einem Teil sein eigenes Verdienst, und ich finde, er soll dafür gepriesen werden.

Nicolas Born, aus: Petrarca-Preis 1975–1979, Privatdruck des Petrarca-Preises

 

Homepage der Ernst Meister-Arbeitsstelle

Hommage zusammengestellt von Jürgen P. Wallmann

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Im Weltriss häuslich
Badische Zeitung, 3.9.2011

 

Fakten und Vermutungen zum AutorArchiv + KLG
DAS&DGeorg-Büchner-Preis
Porträtgalerie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.