Eugen Gottlob Winkler: Dichtungen Gestalten und Probleme Nachlass

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Eugen Gottlob Winkler: Dichtungen Gestalten und Probleme Nachlass

Winkler-Dichtungen Gestalten und Probleme Nachlass

MELANCHOLIA

Bang sitzen wir im Gitter
Und zählen die Dinge auf.
Krone und goldener Knauf
Sinkt vor der letzten Zither.

Wir zählen noch einmal die Frauen
Und Sterne feierlich nach,
Bis der Galgenvogel im Dach
Lang und laut schreit: „Grauen!“

Und die Spieluhr der Welt tickt
Schneller und schneller und hörbar.
Hunderttausend stehn wehrbar
Um den Weltbaum, der knickt.

Und Stund’ um Stund’
Flattert ein schwarzes Band.
Hintenten im traurigen Land
Geht die Sonne zu Grund.

 

 

Nachwort

Die vorliegende Ausgabe der gesammelten dichterischen und kritischen Arbeiten Eugen Gottlob Winklers bedarf nach ihrer Absicht und Anlage einiger Erläuterungen. Sie vereinigt in ihrem umfangreicheren Teil die Hervorbringungen, die ein Jahr nach dem Tode Winklers im Karl Rauch Verlag in zwei Bänden unter dem Titel GESTALTEN UND PROBLEME sowie DICHTERISCHE ARBEITEN 1937 der Öffentlichkeit vorgelegt wurden. Beide Bände sind seit langem vergriffen.
Nunmehr, zwanzig Jahre danach, stellte sich die Frage, ob man nicht gehalten sei, unter den Texten dieser beiden Nachlaßbände eine strengere Auswahl zu treffen. Vor allem die literarkritischen Arbeiten, über deren Gelegenheitscharakter Winkler in seiner sauberen Art zu denken und zu schreiben sich und andere nie hat täuschen wollen, schienen an Bedeutung verloren zu haben. In mehreren Fällen hatte der behandelte Gegenstand im Verlauf dieser beiden ereignisreichen Jahrzehnte einen völlig neuen Aspekt angenommen (man vergegenwärtige sich zum Beispiel nur, daß Winkler sich für den Aufsatz „Ernst Jünger und das Unheil des Denkens“ allein auf dessen Werk bis zur ersten Fassung des Abenteuerlichen Herzens beziehen konnte), so daß der heutige Leser durch die notwendige Verkürzung der dort gebotenen Perspektiven zunächst beirrt werden muß. Andere Arbeiten – das gilt vor allem von den kleineren Artikeln und Besprechungen – haben von der Sache her nur noch sehr geringes Interesse. Wenn die Herausgeber sich dennoch entschlossen haben, den Text der beiden Nachlaßbände vollständig – jedoch mit leichten Verschiebungen in der Reihenfolge der Stücke – zu übernehmen, so bestimmte sie die Erkenntnis, daß für Winkler selbst die geringfügigsten, von außen angetragenen Arbeiten Anlaß zu bedeutsamer Selbstauslegung geworden sind. Winkler konnte schlechterdings nichts tun, was nicht in irgendeiner Form auf sein innerstes Geschick bezogen war, und so vermochte er auch die Zufälligkeiten, die mit jeder Art von „Journalistik“ verbunden sind, sich zunutze zu machen, um wichtige Punkte seiner inneren Landschaft festzulegen. Das Verantwortungsbewußtsein, das er als Schreibender an den Tag legte, erlaubte ihm auch in diesem Felde keine Unverbindlichkeiten. Darum wird es nicht schwerfallen, in allen seinen Äußerungen jeweils die Stelle aufzuspüren, wo erkennend, gestaltend ein Stück Wirklichkeit bewältigt wird.
Wenn darüberhinaus die vorliegende Ausgabe um einen zweiten, nicht unbeträchtlichen Teil in der Mehrzahl noch unveröffentlichter Arbeiten erweitert wurde, so muß dazu von vorneherein festgestellt werden, daß die hier mitgeteilten Stücke, die entweder aus der frühesten Zeit Winklers stammen oder über den fragmentarischen Zustand nicht hinausgelangt sind, nicht nach dem strengen Maßstab, den Winkler selbst an seine Hervorbringungen anlegte, beurteilt sein wollen, sondern in erster Linie der Kenntnis des Menschen Winkler dienen. Dabei geht es nicht um die private Erscheinung, so sehr auch diese durch das Muster seiner paradigmatischen Existenz durchschlägt, sondern um eine verbindliche Art, sich der Wirklichkeit zu stellen und ihr dichtend, deutend bis an die Grenze des menschlich Tragbaren ausgesetzt zu bleiben.
Die in diesem Teil erstmalig wiedergegebenen frühen Gedichte des 18-20jährigen gehören in die Jahre 1930-1932. Sie sind chronologisch aufgeführt, so daß die aus dem Band DICHTERISCHE ARBEITEN übernommenen Gedichte sich zeitlich genau an sie anschließen. Winkler hat diese frühen Gedichte meist, wie sie entstanden, seinen Freunden mitgeteilt, nur einmal im Sommer 1932 vor einem größeren Kreis im Theatermuseum der Universität Köln eine Lesung daraus veranstaltet. Er las seine Verse gewaltsam gegen melodisch, trocken, etwas hastend, fast spitz, die rhythmischen Vorgänge dagegen markierte er mit äußerster Präzision und war besonders darauf bedacht, die freie rhythmische Bewegung gegen das Metrum abzuheben. Winkler hat diese Gedichte später als nicht letztgültig aus seinem Werk ausgeklammert. Mit fortschreitender Erkenntnis vom Wesen der Dichtung forderte er im Gedicht eine immer strengere Verwandlung des Lebensstoffes, und die bekenntnishaften anekdotischen Züge der frühen Gedichte hatten für ihn etwas Peinliches. Wenn die Herausgeber sie nun dennoch, gegen den Willen des Freunds, hier zur Kenntnis bringen, so leitete sie der Gedanke, daß sich der Mensch Winkler in diesen elementareren Formen der Aussage besonders glaubwürdig dartut. Es gibt einen Mythos Winkler – nicht verwunderlich bei der Ungewöhnlichkeit dieses kurzen, steilen Lebenslaufes! – und er hat in den zwei Jahrzehnten, die seit seinem Tod dahingegangen sind, ein zähes Nachleben bewiesen. Doch wenn ein Mythos sich von seiner menschlichen Basis, die ihm der leibhaftige Mensch bietet, allzu weit entfernt, wirkt er zerstörerisch wie jede Lüge. Er bedarf also der Korrektur, die am unwiderleglichsten vom Werk selbst hergenommen wird. Diese Gedichte – verlassene Brandstätten auf dem Zug durch eine unbesternte Ödnis mit unverkennbaren Zügen gnadeloser Selbstopferung – bezeugen zwar die Unaufhaltsamkeit seines Geschicks, zugleich aber, wie menschlich er es aufgenommen hat, immer wieder in Abwehr, um es immer wieder anzuerkennen. Selbst der Hochmut des Dandy weiß um seine kreatürliche Grenze und bangt!

(…)

So kehrte Winkler in die monologische Situation seines Ausgangs zurück. Gedichte wie „Lethe“ und „Winter“ sind ergreifende Arabesken eines aus allen Sicherungen aufgestörten Geistes vor dem Hintergrund einer grenzenlosen Einsamkeit. Bald reicht, in dem Gedränge eines brutalen Existenzkampfes, die Kraft auch nicht mehr zu dieser Gebärde. Es bleibt für das von der sinnlosen Mühe betäubte Bewußtsein nur noch die reine Möglichkeit zum Gedicht. Mit der unausrottbaren Lust, sich selber zu bespähen, keinen der Prozesse, die sich innen abspielen, unbeobachtet zu lassen, verfolgt er den Weg des Geistes bis an die Schwelle des Gedichts, dorthin, wo sich Worte zu Konstellationen zu ordnen anschicken. Dann bricht er ab. Den Bericht über einen solchen Erkundungsgang haben wir in dem hier mitgeteilten und wohl auf den Anfang 1936 zu datierenden Fragment aus einem „Lyrischen Tagebuch“.
Winkler war ein Mensch, der zeitlebens auf Verwirklichungen drang; soweit an ihm lag, ließ er es nie beim „Versprechen“ bewenden. Es gehörte zur Disziplin, die er sich von früh an auferlegte, seine „Möglichkeiten“ von Mal zu Mal strenger in die Bewährung am Wirklichen zu führen. So kann man sich zwischen den Torsen und Trümmern seiner literarischen Hinterlassenschaft nur mit dem Gefühl eines grenzenlosen Unbehagens bewegen. Wer will sich anheischig machen, hier zwischen Beiläufigem und solchen Ansätzen zu unterscheiden, in denen der Keim zu einem gültigen Werk verborgen war? Wollte man gar Deutungen an so schwanke Halte knüpfen, so käme das nur zu leicht einem Verrat gleich. Deutungen! Zwanzig Jahre nach dem Tode Winklers haben die Freunde das Recht und wohl auch den Mut zu Deutungen verloren. Was im Augenblick der tiefen Bestürzung über den jähen Verlust des Freunds ein Akt der Selbsterhaltung gewesen sein mochte, der Versuch, in der gewaltsam hergestellten Distanz die Fassung wiederzugewinnen, womit die innere Ratlosigkeit erst recht zugegeben wurde, wäre jetzt die unwiderrufliche Abkehr vom Menschen, der so ausschaute, wie er, Winkler, ausgeschaut hat, dem wir nicht mehr begegnen, wenn wir den Hofgarten durchqueren – und doch liegt uns noch der Ton seiner Stimme im Ohr, der seltsam aus Lebensüberschwang und Trauer temperierte Klang seiner Stimme, die, wenn sie anstieg, leicht in ein knabenhaft helles Klagen überschlug. Wir werden ihm nicht mehr gegenübersitzen bei Nüssen und Wein unter Herbstbäumen, aber wir fühlen noch den unbarmherzigen Druck seines Blicks, dieses steindurchbohrenden Blicks, auf dessen Frage wir keine Antwort wußten. Es hat ihn nie über den Raum hinausverlangt, dessen Grenzen weiter als eine Schnellzugnacht vom Mittelmeer entfernt gewesen wären, Heimat war ihm nur die virgilische Erde, und zwischen Paris und Agrigent, Köln und Salzburg sind nicht soviel Straßen, daß man nicht hoffen könnte, ihn einzuholen. Vergebliche Hoffnung! Er hatte sich zu Lebzeiten schon an dem Rand einer Wüste angesiedelt, die für ihn die Faszination des Absoluten hatte und in die viele Spuren hinein, aber keine hinausführen. Ist es die Wüste, die uns Albert Camus beschreibt? Winkler war kaum zwei Jahre älter als Camus, und es wollte mir seit langem schon bedeutsam erscheinen, daß Camus mit jenem Essay über die „Wüste“ (LE DÉSERT) begann wenige Monate, nachdem Winkler für immer geendet hatte. Was da „weitergegeben“ wurde, mögen andere, Unbefangenere beurteilen. Welche Unterschiede auch bestehen – Camus hatte von je eine steilere Art, sein Geschick anzugehen und an sich und die Menschen Forderungen zu stellen −, man wird den Bruderlaut in beider Sprache nicht überhören können. Hilft uns der Jüngere, den Freund wiederzufinden? In jenem Essay über die Wüste heißt es:

Selten begreift man, daß kein Mensch je aus Verzweiflung das preisgibt, was sein Leben ausmachte. Die jähen Entschlüsse, die Verzweiflungstaten sind nur ein Tor zu anderen Leben und verraten nur, mit welch bebender Leidenschaft man der Erde anhängt und ihrer Botschaft folgt. Doch es kann geschehen, daß ein Mensch, wenn er zu einer bestimmten Stufe der Hellsicht gelangt ist, plötzlich fühlt, daß sein Herz sich schließt und ohne Aufbegehren und ohne Gedanken an Rache dem, was für ihn bisher sein Leben, will sagen, sein Treiben war, den Rücken kehrt. Wenn Rimbaud am Ende nach Abessinien geht und von da ab keinen einzigen Vers mehr dichtet, so tat er das nicht, weil ihn die Abenteuerlust trieb, noch weil er hochmütig auf das Schreiben verzichtete. Er tat es, ,weil es nicht anders ist‘ und weil man am Ende im wachsten Bewußtsein den Mut hat, wahrzuhaben, was wir alle, jeder auf seine Art, um keinen Preis einsehen wollen. Zwar fühlt man, daß es jetzt an dem wäre, die topographische Bestimmung einer Wüste vorzunehmen. Doch diese Wüste ist nur für jene erfahrbar, die fähig sind, darin zu leben, ohne je ihren Durst getrogen zu haben. Dann und nur dann belebt sich die Wüste mit Quellen des Glücks.

Ob Winkler auf diese Wüste geschaut hat in Erwartung des Glücks? „Glück“ war für ihn eine Vokabel, die in seiner Dichtung einen tödlich süßen Klang hatte, die er aber auf sein eigenes Dasein nicht mehr angewandt wissen mochte. Sicher aber ist, daß er „seinen Durst nie getrogen hat“. Wer will sagen, ob ihm nicht darum, um dieser Treue willen, Quellen in seiner Wüste aufgesprungen sind?

 Walter Warnach, Nachwort

Eugen Gottlob Winkler

Wurde am 1. Mai 1912 in Zürich geboren. Er erlebt seine Kindheit in Wangen bei Stuttgart. Mit 15 Jahren verliert er den Vater; es beginnt die Loslösung von der elterlichen Welt. Der Siebzehnjährige malt im Bedürfnis nach Selbstausdruck in der leidenschaftlichen Formensprache van Gogh’s. Doch immer mehr führt ihn sein Weg dazu, das Dasein dichterisch zu bewältigen. 1930 macht er seine erste Italienreise, zwei weitere und ein Sommer in Sizilien folgen. Er studiert Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte. Von seinen Lehrern übt Karl Voßler großen Einfluß auf ihn aus. Die Vorarbeiten für seine Dissertation über moderne französische Klassikeraufführungen führen ihn im Winter 1931/32 nach Paris. Den Sommer 1932 verbringt er in Köln in einem Freundeskreis von Malern, Bildhauern und Musikern, die folgenden Jahre abwechselnd in München, Stuttgart und Tübingen. Notgedrungen entschließt er sich 1935 zu einer literaturkritischen Tätigkeit, doch nur in der Hoffnung, sich bald für sein künstlerisches Schaffen endgültig frei zu machen. Am 28. Oktober 1936 nimmt er sich das Leben.
Freunde gaben 1937 sein Werk bei Karl Rauch in zwei Bänden heraus. Diese waren bald vergriffen und sind seither auch im Antiquariat nicht mehr aufzuspüren. Zwanzig Jahre nach seinem Tode erscheint Winklers Werk wieder, seit langem erwartet von denen, die um seine Existenz und Bedeutung wissen. Die Ausgabe ist erweitert um einen bedeutsamen Nachlaß.
In diesen äußeren Daten verbirgt sich ein Schicksal von erschütternder Sinnbildlichkeit. Besessen von einem leidenschaftlichen Willen zur Sache, unerbittlich bemüht um die Durchdringung der Wirklichkeit, um die Entlarvung jeder Illusion lebt er dichtend, deutend das Geschick unserer Zeit. Die Schwingung seiner Sprache in Aufsätzen wie jenem über den späten Hölderlin oder einem Gedicht wie „Winter“ verrät die Intensität, in der Dichtung als Dasein durchgetragen wurde.

Verlag Günther Neske Pfullingen, Klappentext, 1956

Als Eugen Gottlob Winkler starb

marschierte meine Generation hinter Wimpeln und Trommeln. Als ihr nach dem Krieg von Kundigen überliefert wurde, welches Schicksal, welche Leistung dieser Name siegelt, waren die Zeugnisse des Frühentschwundenen nicht einmal in den Antiquariaten mehr aufzuspüren.
Daß der Wunsch, sich in seine Hinterlassenschaft zu vertiefen, seine Bücher zu besitzen, über ein Jahrzehnt hinweg in meinen Altersgenossen wach geblieben ist, ja, daß sie heute dringender denn zuvor danach verlangen – worauf beruht es?
Man könnte sich vorstellen, Winklers verborgenes Werk sei als Strahlung vorhanden, in kleinsten geistigen Lichtwellen gewissermaßen, die wir zwar nicht wahrnehmen können, deren Energie sich uns aber in einer feinen Erschütterung mitteilt. Diese unergründbare Wirksamkeit ist nur bei solchen schriftlichen Bekundungen zu finden, deren literarische Vollkommenheit mit geschichtlicher Legitimität zusammenfällt und deren Anspruch nicht erlischt!

Heinz Piontek, Verlag Günther Neske Pfullingen, Klappentext, 1956

Schon zeichnet sich ein neuer Typ des Schrifstellers ab:

der wissende Artist, der geistesmächtige Gaukler und sprachgewaltige Zauberer… ein Phänomen, das in jenem außerordentlichen Mann vorgebildet ist, der zugleich ein excellenter Essayist und ein Prosaiker von hohen Graden war. Ich meine Eugen Gottlob Winkler, jenen meisterlichen Stilisten, der gerade der jungen Literatur heute so sehr fehlt.

Walter Jens, Verlag Günther Neske Pfullingen, Klappentext, 1956

 

Eugen Gottlob Winkler – Nach zwanzig Jahren

Im vergangenen Herbst waren es zwanzig Jahre her, daß Eugen Gottlob Winkler, vierundzwanzigjährig, freiwillig seinem Leben ein Ende setzte und damit eine Laufbahn, eine Entwicklung gewaltsam beendete, die – für jene Tage damals – etwas Denkwürdiges hatte. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die aus einem Abstand von zwei Jahrzehnten das Andenken eines Mannes feierten, dessen Leben und Sterben als exemplarisch gelten kann, jedenfalls von Anfang an von der Elite einiger Unabhängiger und Isolierter unter dem Nationalsozialismus als exemplarisch empfunden wurde. Ein Jahr nach dem Tode, 1937, legte seinerzeit Karl Rauch in zwei Bänden – Gestalten und Probleme und Dichterische Arbeiten – die literarischen Bemühungen Winklers einem Publikum vor, das sich im allgemeinen anderen Namen, anderen Themen gegenüber sah. Aber einzelne – nicht nur diejenigen, die ihn persönlich gekannt hatten – waren von dem Vermächtnis des jungen Toten betroffen worden. Manche Gleichaltrige erfuhren aus der Hinterlassenschaft Eugen Gottlob Winklers jäh und schmerzlich die eigene – isolierte – Situation. Gleichzeitig begann sich so etwas wie eine Legende um den Verstorbenen zu bilden. Die Jahre vergingen. Die Kriegsereignisse schienen vollends die Erscheinung des jungen, frühvollendeten Dichters zu zerstören. Aber bald nach Kriegsende lag plötzlich ein Band mit Briefen Winklers vor, die vieles von ihm ins Persönliche, Private ergänzten. Es waren höchst bedeutsame Dokumentationen geistiger Existenz in den dreißiger Jahren bei uns. Man sprach wieder von Winkler. Aus Anlaß des zwanzigjährigen Todestages hat es nun der Verleger Günther Neske aus Pfullingen unternommen, nochmals die Arbeiten Winklers zusammenzufassen und herauszugeben. Diese Arbeiten sind vermehrt durch Publikationen aus dem Nachlaß. So wird also heute die literarische „Figur“ Eugen Gottlob Winklers für alle Interessierten sichtbar. Das Fragmentarische, das nicht nur über dem Leben, sondern auch über der Herausgabe seiner Schriften lag, ist damit überwunden. Man kann sich heute ein Bild vom Wesen seiner Dichtung und seiner kritischen Begabung machen. Ist es für den, der von Anfang an Winklers literarische Prätentionen beobachten konnte, Anlaß zur Revision eines Urteils über ein beispielhaftes Talent? Wie sieht sich – solange nach dem Ableben des Autors – dessen Weg, dessen Bedeutung und der Nachruhm an, der unverkennbar ist? Ferner: bringt der Nachlaß wesentliche Ergänzungen oder nuanciert er lediglich das Profil?
Um bei der letzten Frage zu beginnen: man lernt eine Reihe nachgelassener Verse aus den Jahren 1930 bis 1932 kennen, also Gedichte, die nicht der letzten Periode des Winklerschen Schaffens angehören. Man wird mit ein paar Prosafragmenten bekannt gemacht: „Narziß auf dem Lande“ und „Beatrice Cenci“, einer Erzählung „Wunsch im Krähwinkel“ aus dem Jahre 1931, ferner einem „lyrischen Intermezzo für Gesang, Tanz und Pantomimik“, genannt „Die Werbung“, aus dem Proben schon 1937 dargeboten wurden, schließlich noch: einer Variante zu den „Legenden einer Reise“, einem Porträt des Bildhauer-Freundes Josef Jaekel und zwei Prosa-Kleinigkeiten. Die genannten Stücke sind sämtlich entwicklungsgeschichtlich hoch interessant. Man möchte sie selbstverständlich nicht missen. Keins von ihnen trägt jedoch zu mehr als zu einer Nuancierung des Ganzen bei. Am ehesten sind die Gedichte wichtig. Die erste Auswahl kurz nach dem Tode war knapp gefaßt, zu knapp, wie man heute sehen kann. Winklers Lyrik ist innerhalb der Gesamtproduktion von größerer Bedeutung als das zunächst den Anschein hatte. Gewiß ist diese Lyrik von vornherein sehr festgelegt. Sie hat ihre „Muster“, von denen sie nicht abweicht. Und sie hat die Neigung, auf diese Muster gleichsam „einzufrieren“. Das war ohne Zweifel nicht nur Sache der Winklerschen Eigenschft, seines Naturells. Es war Sache der verzweifelten literarischen Situation, die er vorfand, eine Situation, die ihn in die Enge getrieben hat. Manchmal lesen sich diese lyrischen Gebilde heute wie schöne Versteinerungen, nehmen sich aus wie gepreßte Algen. Ihre Stofflichkeit ist irgendwie inkrustiert. Das ist gewiß nicht die schlechteste Weise, den Zeitvergang zu überstehen, dem auch und gerade das dichterische Wort ausgesetzt ist. Winklers Gedichte haben sich ihm nicht unterworfen. Sie haben sich auf sich selber zurückgezogen, auf den Kristall in ihrem Innern:

Heb’, Einsamer im Turm,
Die Muschel an dein Ohr.
Drin murmelt das warme Meer.
Der Gott geht durch ihr Tor.

und:

Heiß’, Einsamer, in Demut
Den Markt, den Freund, das Tier
Von deinem Aussatz fortgehn!
Verschließ des Schoßes Zier!

Derartige Zeilen geben genaue Auskunft. – Winklers Sich-Zurückziehen vor dem Aussatz der Epoche bei einem ungemeinen Wahrnehmungsvermögen hinsichtlich eigenen Ausgesetztseins war nicht ohne dandystische Arroganz. Sie war auch für Winkler Zuflucht, wie sie vor ihm manchem – trügerischen – Schutz geboten hatte.
Die hinterlassene Prosa hat – vielleicht noch betonter als die schon bekannte – die Tendenz zur prägnanten geistigen Formel, zum verborgenen Aphorismus, zur Eleganz der knappen Mitteilung, die wie angegossen ist. Das singspielartige Intermezzo ist reizvoll durch Schwerelosigkeit und den Zauber einer von Moment zu Moment durchgehaltenen Serenität. Es hat etwas Mittelmeerisches, nicht nur von der Szene her.
Das Wiederlesen Winklers nach zwanzig Jahren, nach so vielen geistigen und künstlerischen Zusammenbrüchen, hat etwas zugleich Erfrischendes und Rührendes. Das Rührende liegt darin, daß eine große, doch noch jugendliche Begabung mit Elan, mit Verbissenheit, mit Konsequenz alle Kräfte intellektuellen Lebens aufbietet, um zu bestehen vor einer Umwelt von vollkommener Feindseligkeit und Fremdheit. Winkler setzte mit dem Mute der Verzweiflung auf die Kunst. Er ging immer aufs ganze, noch im kleinsten Aufsatz. Gerade das rechtfertigt übrigens die Edierung solcher kleiner kritischer Arbeiten, die stets Spiegel, Abbilder der bitterernsten Absichten ihres Autors sind: davon zu überzeugen, daß sich im Kunstwerk noch einmal eine Wirklichkeit herstellen lasse, die sonst inmitten eines Paralysierungsprozesses sich befinde. Hier sah Winkler in seinen Jahren seine persönliche Chance. Er identifizierte sein Dasein mit ihr rücksichtslos. Und hierdurch trat die starke Spannung in allem auf, was er schrieb, eine Spannung, die heute noch sehr heftig spürbar ist, mögen gewisse „Ergebnisse“ überholt sein, gewisse Funde fragwürdig. Die Brisanz blieb unverloren. Das Bild des „Methodikers“ Winkler hat auch heute noch Leuchtkraft. Die Prosa Winklers reinigt die von halben Emotionen abgestandene Luft. Er war eine lateinische Natur, dem die „Erkundung der Linie“, die Erkundung eines Lebens von intellektueller clarté war, eine Entscheidung für dieses und kein anderes Leben! Er hatte den Nerv für Kommendes, die verfeinerte Witterung des Melancholikers für das, was nach ihm zu geschehen habe. Wenn er sich mit spanischer Barocklyrik, mit Gongora, auseinandersetzte, traf er damit in die Mitte einer Auseinandersetzung, die auf der iberischen Halbinsel seit der Erneuerung der spanischen Lyrik heftig aufgeflammt war. „Die Insel“, „Legenden einer Reise“ und „Im Gewächshaus“ haben eine durch leidenschaftliche geistige Anstrengung erreichte Subtilität und Unerbittlichkeit der Anschauung, die auch heute noch bei uns ihresgleichen suchen kann. Das alles schließt nicht aus, daß man Eugen Gottlob Winkler heute „historisch“ sehen muß, aus jener Entfernung, in der wahre Dichtung zu Kräften kommt und jede literarische Halbleistung und Fehlleistung unschwer erkannt wird. Winklers Arbeiten haben sich in dem Vierteljahrhundert, das – alles in allem – seit ihrer Konzeption vergangen ist, gekräftigt. Man kann von einer Dichtung nichts besseres feststellen.

Karl Krolow, Akzente, Heft 5, 1957

Eugen Gottlob Winkler

Eine Gedenkstunde war neulich in Stuttgart Eugen Gottlob Winkler gewidmet, dem dritten und tragischsten eines Dreigestirns, das allzu früh erlosch. Ich meine Friedo Lampe, Felix Hartlaub und Eugen Gottlob Winkler. Hier ist nicht der Ort, die Strahlkraft des einen gegen den andern abzuwägen, denn jeder wäre in seiner Art ein Träger unserer heute bodenlos gewordenen Literatur geworden. So hinterließen sie uns alle drei nur gewaltige Fragmente, die auf Großes hoffen ließen. Friedo Lampe, der einsam melancholische Poet, starb 1945 infolge eines Mißverständnisses unter den Kugeln eines russischen Maschinengewehres; Felix Hartlaub, dieser Bruder des „Proteus“, der die Tiefen unserer Existenz ausleuchtete, verschwand 1945 mit dem Wind oder wie man sagt: ist verschollen; Eugen Gottlob Winkler endlich, dieser Transkriptor unserer Zeit, der die verdünnte Wirklichkeit nicht mehr in Substanz umzusetzen vermochte, nahm sich 1936 das Leben. Er ist einer der vielen Gläser, die zu zerbrechlich, zu fein geschliffen, allzu offenliegendes Nervengeflecht sind, um den Büscheln von Pfeilen der sie umgebenden Welt zu widerstehen.
Wir denken an Trakl, Lehmbruck, mit denen eine Welle von Todgestimmten anhub und zuletzt vor zwei Jahren über Winkler, Klaus Mann, Cesare Pavese den jungen, hochbegabten Franz Alexander Gwerder erfaßte. Die Liste ist unendlich groß und sie ist nicht allein durch politische Entwicklungen legitimiert. Nein, wir müssen schon mit Walter Muschg („Die Zerstörung der deutschen Literatur“) fragen, ob wir nicht alle Schuld haben, indem wir dem künstlerisch schaffenden Menschen nicht mehr das Bewußtsein seiner Existenznotwendigkeit geben.

Ich überlege mir manchmal, warum ein Dichter heute nicht mehr sein Schaffen mit einem Broterwerb verbinden kann, und ich finde dann den Grund in den heute so unsäglich schwieriger gewordenen Umständen seines geistigen Daseins, in der völligen Isolierung, in der er heute lebt, nicht mehr getragen von einer sichtbaren Gemeinschaft und in der daraus erfolgenden Stillosigkeit unserer Zeit.

Eine Tagebuchnotiz, die in manchem Kalender der Schriftsteller steht, die sich nicht in die Polypenarme der Zeitung begeben.
Die Brücken vom Dichter zum Publikum sind abgerissen.

Man stelle sich vor, es sei dem Dichter infolge einer leicht begreiflichen Dankbarkeit darum zu tun, daß auch seine Leser von den gesegneten Gefilden einer Landschaft wissen… da er Talent besitzt, gelingt es ihm genau die Gefühle, die ihm die Gegenwart der Landschaft einflößte, zu schildern. Plötzlich stockt er, denn er sieht sich außerstande, seinen Lesern, die Landschaft in ihrer Unvergleichlichkeit darzustellen. Er zieht die eindringlichsten Worte herbei, die findet für jeden die treffendste Bezeichnung. Unter allem, was er findet, ist nichts, das seine Leser hindern könnte, sich nicht jeweils eine andere Landschaft vorzustellen als die gemeinte.

Das ist eine Resignation, die hier einen Vierundzwanzigjährigen befällt. An anderer Stelle muß er sich fragen:

Hat mich nicht die Fähigkeit des Geistes verlassen ? Mich überkommt die Ermattung, die Mutter des Todes…

Das ist keine Schwermut, das ist Müdigkeit eines abgekämpften, einsamen Streiters für die Reinheit der Kunst.
In „Gedichten und Prosafragmenten“ (mit achtzehn Jahren geschrieben), in Tagebüchern und kleinen Prosastücken aus den letzten Jahren versucht Winkler die Dinge „mystisch zu bannen durch das Wort“ (Benn). Das heißt, er will die Phänomene der Wirklichkeit aus ihrer zeitlichen Relation herauslösen und sie einsetzen in die Zeitlosigkeit des Geistes.

Dichtung ist Ueberwindung der Zeit. Es ist ihre Aufgabe, alles, was uns im Zeitlichen ergreift und erschüttert, was uns wert und teuer an ihm wird, und unser zeitliches Dasein selbst aus der Gefährdung durch die Zeit herauszuheben, um es kraft des Geistes im Wort zu bewahren. Deswegen kann sie nur geleistet werden… von Menschen, die ihr Leben innerhalb ihrer Zeit überwinden durch ihr Leben im Geiste.

Eine unmittelbare Anknüpfung an die Forderung Hofmannsthals in seinem Aufsatz „Das Schrifttum als geistiger Raum einer Nation“. Gerade heute, mehr denn je, müssen wir diese Ueberwindung der Zeit rot unterstreichen, denn es ist ein Gegen-die-Zeit-Sein, indem man mit ihr ist, um ihr ein geistiges Profil zu geben. So müssen wir auch den Tod des kaum Fünfundzwanzigjährigen werten als die letzte tragische Konsequenz seiner Berufung.

*

Zu seinem dichterischen Werk gibt uns Eugen Gottlob Winkler selbst den Schlüssel.

Um die Stille zu kosten, muß man im Besitze eines Gehörs sein, das noch empfindlicher ist als ein musikalisches.

Hören wir, ob er dieses Ohr hatte, dieses Glasgebläse, das in der Stille tönt, aber schon beim zartesten Wind auseinanderbricht. In dem Gedicht der „Winter“ hören wir akustisch das Herannahen der kalten Nächte, der Nächte der Einsamkeit.

Lange Gänge durch den Dunst der Stadt
Der chinesischen Mauer entlang. Endlos
An den Steinen, endlos pochend,
Bin ich drinnen? bin ich draußen? Irgendwo
Sind Gärten, Götter, Frauen.

… Die Nacht wird manchmal hell.
Zappelnde Figuren, schwarz und weich,
Heben ein Gelärme an,
Musikanten, Wirte, Huren…
Ich betrüge grinsend meine Qual.

So spricht nur der Wissende, der die Larven der andern, aber vor allem die eigene heruntergerissen hat. Oder an anderer Stelle, wo er die romantisierende Metapher durch die knappe Form wie Kupfer bearbeitet, hämmert zu einem Kelch, den er uns reicht.

Nachtvögel kauern
Auf Bäumen dicht,
Tropfen netzen mein Gesicht –
Augen gerauschter Regenschauer.

Dadurch daß der letzte Reim nicht vollständig ist, wird das Bild noch bizarrer und die dreifache Wiederholung der Diphtonge läßt jeden Hoffnungsschimmer erstarren. Loerkisch intoniert er seine prosodischen Bögen:

Wenn auch Lorbeern: mir dunkelt das lichte
Spiel der Gefieder von eh’.
Im Schatten der kühlen Verzichte
Trennt der Umriß, den ich nochmals errichte,
Sich als Schwermut vom wolkigen Schnee.

(Der Schwan)

Das sind Vorformen der lyrischen Gebilde eines Paul Celan, noch nicht ganz ausgereift, noch Anklänge an Rilke. „Noch kennt das Rund deiner Hände / des Ballspiels Abwurf und Fang“ erinnert an „Nike“. In der Prosa vernehmen wir indes einen ganz eigenen Ton, der melancholisch aber herb, schwingend und doch silbrig klingt, oder wie er selbst sagt ein „lyrischer Zustand ist des Geistes“. Man möchte ergänzen des artistischen, des zwingenden Geistes, der weiß, wie man die Worte in ihrem Klangzauber und ihrer Metaphernverdichtung einander zuordnet. Dazu ein Beispiel aus der schönsten Skizze des jetzt neu herausgekommenen Gesamtwerkes. Aus „Gedenken an Trinakria“:

An den Häuserwänden, wo ein dünner Schatten stand, rieben die Ziegen ihr Fell und kicherten mit dürrer Stimme… und während die Sonne mich mit den Büscheln ihrer brennenden Pfeile bewarf, glaubte ich etwas Festes und Kühles an dem Tempel zu spüren. Wie die Perle auf dem Muskel der Muschel lag er da unten. Panische Stunde… Der anhaltend gleißende Ton, den die Heuschrecken unermüdlich erregten, war längst zum Bestandteil der Stille geworden.

Das ist eine lebendige Prosa, die von innen heraus lebt und nicht des snobistischen Tons einer Pseudoslangsprache bedarf, noch der poetologischen Projektion in einen sterilen, abstrakten Raum. Winklers Sprache ist kristallin, delphinisch, durchstrahlt von der Sensibilität eines apollinisch klaren Kunstverstandes. Sie ist Mondlicht, aber keine Neonbeleuchtung.
Mit welcher Schärfe des Geistes er die „Gestalten und Probleme“ seiner Zeit sah, beweisen die wenigen kritischen Auseinandersetzungen mit George, Proust, Oberst Lawrence, dem späten Hölderlin usw. Seine Kritik an George bewegt sich in den gleichen Bahnen, wie sie schon Ernst Robert Curtius vorbrachte. Er möchte ihn als Dichter und Künder der Form eingesetzt wissen, abgezogen von Kult und Mystifizierung. An den späten Gedichten des von der Umnachtung schon bedrohten Hölderlin legt er dar, wie der Dichter in einem „Reich lebt zwischen Nichtsein und Sein, in einem Schattenbereich, zu wenig für ihn, um noch in einem ungebrochenen Sein zu verweilen, aber wirklich genug, um das Dasein als eine nun nicht mehr hinweisliche, sondern in Sublimatzustand übergegangene Last zu empfinden.“ Auf alle Fälle in einem Reich dichterischer mehr als philosophischer Art, was der heutigen Hölderlinforschung zuweilen entgeht. Trotz seines Strebens nach Entlarvung und Durchdringung der Welt, weiß Winkler als Dichter um den heiligen Bezirks eines Gedichts, der unter Umständen nicht jedem zugänglich ist. Diese literar-kritischen Arbeiten waren nur die Fingerübungen zu seinem eigenen Werk und er führte sie zwar mit der gleichen Präzision im Stilistischen aus, jedoch nur notgedrungen, um freier leben zu können.
Daß sein Gesamtwerk jetzt erschienen ist, ist nicht nur eine Freundestat, sondern sie zeigt endlich der jungen deutschen Literatur, wo sie anknüpfen kann und was schon 1936 geleistet wurde.

Manfred Schlösser, Die Tat, 5.1.1957

Ans Ende der Linie

Über Eugen Gottlob Winkler (1912–1936)

„Ich sitze hier und bin nichts.“
R.M. Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

„Ich lebe; ich kann nicht ertragen, gelebt zu werden.“
E.G. Winkler, aus einem Brief

Die traurige, allzu bedrückende Geschichte ist schnell erzählt. Eines Nachts im Oktober 1936 wird ein eleganter junger Mann, Student und angehender Schriftsteller, in München auf offener Straße von einem Gestapo-Beamten angehalten und nach den Ausweispapieren gefragt. Was im neuen Ordnungsstaat ein Routinevorgang war, unterm totalen Verdacht so natürlich wie Fahrscheinkontrolle und Unterschriftprobe, geriet dem jungen Mann zum besonderen Schicksal. Er, der notorisch Unpolitische, wußte zumindest, daß er sich in verdächtiger Nachbarschaft aufhielt. Nur besonderer Scharfsinn, Hang zu ironischer Koinzidenz, konnte die Szene dorthin plazieren, die Schritte des Spaziergängers in diese Tabuzone lenken, in die Nähe der beschlagnahmten Villa jenes anderen Unpolitischen: Thomas Mann. Über Nacht waren die Wohnungen der Vertriebenen und Emigranten Staatseigentum geworden. Wachhunde des neuen Staats schützten das nationalsozialistische Diebesgut vor privaten Plünderern. Was hatte der junge Mann auch nachts dort zu suchen? Nach kurzer Befragung und Aufnahme der Personalien entlassen mit dem Gefühl, eine Dornenhecke gestreift zu haben, brach er den Spaziergang ab und zog sich in sein Studierzimmer zurück. Anderntags findet eine Hausangestellte der Wirtin ihn bewußtlos im Bett, auf dem Tisch ein Glas mit den breiigen Resten aufgelöster Tabletten. Das Dienstmädchen wundert sich, bemerkt gleich das Ungewöhnliche, in der Hand des Leblosen den Handspiegel. Bis zuletzt mußte Winkler sich noch betrachtet haben, dann hatten die Schlaftabletten ihre Wirkung getan. Zwei Tage später stirbt er in Gegenwart seiner Mutter in einem Schwabinger Krankenhaus.
Eugen Gottlob Winkler ist 24 Jahre alt, als er in einem Anfall jäher Verfolgungsangst sein Leben beendet. Wie harmlos oder gefährlich die Lage wirklich war, was der zivile Beamte, der ihm den letzten Stoß gab, beabsichtigte, wird man nie erfahren. Sicher ist nur, daß alles im kurzen Leben des Eugen Gottlob Winkler auf diesen Augenblick hintrieb. Bereit zu sterben war er schon lange, es bedurfte nur noch der Aussicht auf einen Schrecken ohne Ende. Untersuchungshaft oder Wehrdienst, Zwangsarbeit oder behördliche Daueraufsicht, die Palette der Maßnahmen im Dritten Reich war durchaus breit.
Man muß den geraden Weg dieses Dichters von seinem Ende her sehen, das Retardieren war seine Grundbewegung, Zwiespalt von Zeiterfahrung und Individualität seine Signatur. Die letzten Stationen hießen unerfüllbare Liebe, Verachtung der neuen Kulturbarbarei, Angst vor der Banalisierung und Verrohung des Lebens, Anfälle von Schwermut, chronische Zweifel an einer Balance von Alltag und Lebensentwurf. Es war die grundsätzliche Fremdheit seines Typus im Zeitalter totaler Mobilmachung, die einen Menschen wie ihn anthropologisch vereinsamen ließ. Gesucht war ein anderer, der Arbeiter, der Ingenieur, der Soldat, und Winkler hatte durchaus den Scharfblick, dies zu erkennen, wie sein großer Essay über die technokratischen Phantasien Ernst Jüngers beweist. Nicht das Erkenne die Lage, ein Mangel an Abwehrkräften, war sein Problem, das sarkastische Aufblitzen, in allen Lebenslagen, beweist es. Vielmehr quälte ihn jederzeit das Uneingelöste, die Idealität eines organischen Lebens unter Gleichgesinnten, der Traum von einer naturnahen, verzauberten Moderne. Es war das Bewußtsein gelungener Augenblicke, das ihn anfällig machte für lange Phasen von Trauer und beinah herrischer Entfremdung. War man nicht eben dabei, die Meister der Autonomie, seine Seelenführer, mitsamt ihren Büchern zu verbannen, unter zünftigem Gelärm? Was halfen dem Romanisten und Graecophilen Winkler seine Reisen in den Süden, wenige Jahre bevor seine Landsleute den Breitengrad mit Jagdfliegern und Panzern, Motorrädern und Geländewagen erkundeten, in wenig kontemplativer Absicht. Gegenden, die Goethe noch mit der Seele gesucht hatte, die Urenkel nahmen sie dröhnend unter den Stiefel. Germanische Landsknechte jenseits der Alpen, in den arkadischen Gefilden, deutsche Uniformen in FrankreIch, seiner zweiten Heimat, preußischer Stechschritt auf den Champs-Élysées, in der geliebten Studienstadt Paris: Winkler hat das alles nicht mehr mit ansehen müssen. Als Kreta der Wehrmacht in die Hände fiel, die Peloponnes ein Landstrich auf deutschen Generalstabskarten wurde, war er schon tot. Während sein Jahrgang sich zwischen dem russischen Eismeer und Hyperions Landschaft Lebensraum eroberte, lag Winkler zu Hause auf einem Friedhof bei Stuttgart und hatte die Unruhen hinter sich, den elenden Scharfsinn des Dichters, die Langeweile und den Ekel des Zeitgenossen, seine spezifische Krankheit zum Tode. Einmal, mit Blick auf Kleist, sprach er vom Leben als einer Geschoßbahn, in jenem Ton fataler Selbsteinsicht, der sich schon früh bei ihm ankündigte.

Merkwürdigerweise war Eugen Gottlob Winkler alles andere als der typische homo suicidalis. Von seiner behüteten Kindheit ist mehr als einmal die Rede, von der Mutter, einer Graubündnerin, die immer für ihn zur Stelle war, passiver Beistand für den begabten Sohn. Der Vater, ein Schwabe, hielt sich als Maschinenbauingenieur oft dienstlich im Ausland auf. Ein Einschnitt war zweifellos sein früher Tod, der den Fünfzehnjährigen vor der Zeit grüblerisch machte. Am 1. Mai 1912 in Zürich geboren, wuchs Winkler vom dritten Lebensjahr an in Wangen bei Stuttgart auf. Über die Familie ist sonst wenig bekannt, nur daß die Eltern ihn und die Schwester mit bestem Willen unterstützten und förderten. Bis zum Abiturabschluß besuchte er das Gymnasium in Stuttgart, im Frühjahr 1930 brach er zum Universitätsstudium auf, zunächst nach München. Zielsicher schrieb er sich in Kunstgeschichte und Romanistik ein, belegte Vorlesungen bei dem bekannten Dante-Forscher Karl Vossler, bei dem er später promovieren sollte. Insgeheim jedoch hegte er Iängst noch ganz andere Pläne. Bevor er sich regelmäßigem Schreiben zuwandte, hatte er sich einige Zeit der Malerei gewidmet. Mehrfach erwähnt wird eine Bleistiftskizze des Siebzehnjährigen, ein Selbstportrait mit dem Tod im Hintergrund. Bis zuletzt hielt er sich immer wieder an Schlüsselbilder, einzelne Gemälde Corots und Giorgiones, van Goghs und Cézannes, in Leonardo sah er den Archetypenlehrer.
Im Sommer 1930 reiste Winkler nach Italien. In Florenz angekommen, frisch beladen mit tausend Eindrücken von den Überresten aus glorreicher Zeit, beschloß er, was sein Leben veränderte: von nun an wollte er Dichter sein. Fortan war Kunst ihm das Unbedingte, zwischen ihr und dem akademischen Parzellenbetrieb lagen Welten. Die Kultur der Renaissance, wie der Historiker Jacob Burckhardt sie noch ausgebreitet hatte, wurde ihm zum lebendigen Traum. Im Herbst 1931 ging er nach Paris und hörte dort ein Semester lang an der Sorbonne Vorlesungen über französische Literatur. Die meiste Zeit brütete er in der Bibliothèque Nationale über Mitschriften für seine anstehende Dissertation zu Klassikeraufführungen an französischen Bühnen. Daneben besuchte er die verschiedenen Gemäldegalerien der Stadt, ging viel ins Theater, im Louvre begeisterte ihn besonders Giorgiones Concert Champêtre. Abends spazierte er auf den Boulevards umher, träumte von einem Leben in Luxus und schaute den eleganten Pariserinnen nach, in der Tasche gerade ausreichend Geld für ein billiges Hotel und eine warme Mahlzeit. Wochen des Studieneifers und der exzessiven Lektüre waren durchwachsen von grauen Stunden der Niedergeschlagenheit, in denen er, nicht zum erster mal, mit einem frühzeitigen Ende liebäugelte. Bald hatte er soviel französische Literatur verschlungen, daß er den Freunden daheim Leselisten verordnen konnte, mit allem was Rang und Namen besaß, von Baudelaire bis Valéry. Doch kaum waren die verschiedenen Œuvres durchquert, überfiel ihn tiefe Melancholie. „Ich komme immer zu spät“, schrieb er in seinem letzten Brief aus Paris, dann war auch dieser Schwächeanfall überstanden, und er kehrte zurück nach Köln, wo ihn ein Freundeskreis aus Künstlern und Philosophiestudenten empfing. Die nihilistische Infektion aber blieb.
Wie verkapselt, wie traumwandlerisch intensiv entlang den politischen Krisen seiner Zeit Winklers Leben verlief, zeigt am deutlichsten das Jahr 1933. Nie war er zuversichtlicher, nie verzagter als in diesem Jahr, da Hitler die Macht ergriff und, für viele unmerklich, der Exodus weiter Künstlerkreise begann. Nach einem kurzen Florenzaufenthalt im Frühjahr legte er im Mai seine Doktorarbeit vor und brach, nach den mündlichen Prüfungen, mit den Mitteln, die zum Druck seiner Dissertation bestimmt waren, zu seiner längsten Italienreise auf. Einen Sommer lang wandelte er in Sizilien auf den Spuren der Antike. Nicht Ruinen zogen ihn an, was er suchte, nahe dem Zeitgeist und doch unzeitgemäß, war der organische Zusammenhang von Landschaft, Baukunst und Überlieferung. Zentrum aller Impressionen, Wahrzeichen seines neuen Formkults, einer Mischung aus Moderne und Mittelmeer, wurde ihm der gewaltige Tempel von Segesta, ein unvollendeter Bau aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v.d.Z. Seinen Säulen und Architraven entnahm er das innere Maß, aus seiner schlichten, notwendigen Architektur gewann er die Regeln, nach denen er künftig zu arbeiten gedachte. Die Briefe aus dieser Zeit, kraftvolle Reiseskizzen, strecken in schneller Bildfolge die Motive und Gedanken vor, die er in den kommenden Jahren in Prosa und Aufsatz variierte.
Doch so gut sein Schreiben von nun an in Schwung kam, die Frage des Unterhalts blieb weiterhin ungeklärt, Nachdem ein kleines Erbe im Laufe der letzten Inflationen aufgebraucht war, stand Winkler mit Abschluß des Studiums mittellos da. Ungesund war ihm das Klima nationaler Erneuerung, das die Gesellschaft in diesen Monaten entzündete. Der neue Ton an den Hochschulen befremdete ihn, verächtlich sah er die Künste sich ideologisch formieren. Mit mehreren Bewerbungsschreiben bemühte er sich vergeblich um eine Lektorenstelle im Ausland, sogar Südamerika wurde vorübergehend ins Auge gefaßt. Da er nur Ablehnungen erhielt, einige der begehrten Auslandsstellen bereits von Emigranten belegt waren, begnügte er sich im Oktober zunächst mit einem weiteren Semester an der Universität Tübingen.
Wenig später wurde ihm dort der 12. November zum Verhängnis. Am Tag der nationalsozialistischen Volksabstimmung, Hitlers letztem Etappensieg, entriß man ihm im Wahllokal seinen Stimmzettel mit der Nein-Stimme. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft hatte ihn wegen angeblicher Beschädigung eines Wahlplakats angezeigt. Zehn Tage blieb Winkler in Untersuchungshaft, Opfer der über Nacht gleichgeschalteten Justiz. Nach Hausdurchsuchung, Anklage wegen Sachbeschädigung und Hauptverhandlung vorm Amtsgericht unternahm er einen ersten mißglückten Selbstmordversuch. Mangels Beweisen freigesprochen, kam er einer Relegation durch die Universitätsleitung zuvor, indem er sich nach Bad Cannstadt in den Haushalt seiner Mutter zurückzog. Infolge des Tübinger Nervenzusammenbruchs und der wiederkehrenden Angstanfälle war er seither mehrmals in ärztlicher Behandlung. Die Diagnose lautete bald auf Depression, es dauerte Monate, bis Winkler die zum Arbeiten so nötige innere Ruhe zurückgewann. In der Zeit seiner langsamen Genesung, unablässig von Zweifeln geplagt, schrieb er seinen ersten größeren Aufsatz, ein Gespräch in der Tradition der Platonischen Dialoge: „Die Erkundung der Linie“. Doch erst im August 1934 kam wieder Bewegung in sein äußeres Leben. Winkler mietete sich mit einem Studienfreund ein Zimmer in München, schrieb erste Zeitschriftenbeiträge und arbeitete hin und wieder als Reiseleiter für ein Münchner Busunternehmen. Nach solchen Fahrten in die Schweiz und nach Südfrankreich regelmäßig zerknirscht, finanziell ungesicherter denn je, nahm er sich vor, an die Universität zurückzukehren und endlich sein Staatsexamen abzulegen. Kurz darauf erreichte seine Verzweiflung den tiefsten Punkt. Wenig bedeutete ihm jetzt noch der frisch erworbene Doktortitel. Bewerbungen an ausländischen Universitäten wurden sämtlich abgelehnt. Zwar schrieb er nun regelmäßig, doch schickten ihm Literatur- und Kunstzeitschriften die ersten Manuskripte zurück. Ein Brief an Romain Rolland, von dem er sich mehr Verständnis als von den arrivierten Wortführern Im neuen Deutschland erhoffte, wurde freundlich, doch unverbindlich beantwortet. Wirkliche Hilfe kam auch von dort, aus dem Kreis der verehrten Franzosen, nicht. Schon sprach er, angeekelt von Eklektizismen und Kompromissen, von der Dauerfolter eines Doppellebens, eines offiziellen als Philologe und eines verborgenen als verkannter Dichter. Was Gottfried Benn später resümieren wird, daß er sein Dichten nur unter perfekter bürgerlicher Tarnung habe betreiben können, Winkler nahm es fast mit denselben Formeln vorweg. Doch was bei dem nervenstärkeren Benn Strategie, Triumph des Werks hinter der Maske, doppelte Persona war, trug bei ihm von Anfang an Züge von Resignation. Seine Briefe wimmelten nun von Bekenntnissen und Geständnissen, keine Seite kam aus ohne das Auf und Ab hochfliegender Pläne und nüchterner Zeugenaussagen gegen sich selbst, manisch und depressiv, immerfort im symptomtreuen Wechsel. Trocken registrierte er den Kitsch nationalsozialistischer Kunst, die Verblödung der Kultur durch künstliche Mystik, um kurz darauf die Freunde hitzköpfig mit einer Auswandererphantasie à la Gauguin zu erschrecken. „Ich möchte nämlich diesem beängstigenden, unsicheren Dahinleben ein Dasein in einem gesunden tropischen Klima unter den Eingeborenen gern vorziehen und halte es für möglich, die letzten Mittel für die Reise aufzubringen, um hierauf mit Fischfang und Früchten ein geldloses Leben zu beginnen.“
Glücklich war er vor allem auf Reisen, unterwegs in Italien, in der Schweiz, bei willkommenen Zugfahrten und Autotouren durch Süddeutschland. Der Schriftsteller, so dekretierte er nach einem Venedigbesuch, sollte beständig auf Achse sein. Seltsam losgelöst von allem hatte er auf einer plötzlichen Reise das herbstliche Venedig erlebt; es war, als hätte die Flucht vor sich selbst ihn gegen Spiegel taumeln lassen. Einmal, seine Lage drohte eben wieder aussichtslos zu werden, führte er seine ewigen Stellungsspielchen ad absurdum mit der Idee einer großflächigen Annonce in der Frankfurter Zeitung:

Junger Dichter wird gezwungen, sich zu erschießen,
da ihm von Oktober ab jegliche Mittel mangeln.
Wo sind die happy few, die ihm zu helfen vermögen?

Trauer um den Verlust des Mäzenatentums, Zorn über Selbstentfremdung im Akademiebetrieb, Ressentiments gegen Interesselosigkeit und bloßes Dahinvegetieren… dies sind die Leitmotive in den Briefen der letzten beiden Lebensjahre. Noch mehrmals taucht, ganz ausdrücklich, die fixe Idee linearer Verwirklichung auf, wenn schon nicht vollkommen, so doch möglichst asymptotisch. Langsam jedoch knickte die Linie ab, wurde zur fallenden Geraden. Vor das Verlangen nach einem eigenen Ausgangspunkt schoben sich drohend die Definitionen des Endpunkts. Schließlich lebte er in ununterbrochener Selbstbeobachtung, immer auf der Lauer, das wenige Absolute, das von ihm im Freundeskreis kursierte, abzusichern. Ins Unerträgliche steigerte sich sein Mißtrauen gegen jedes Hindernis auf dem Weg zu der als einziges Lebensziel angenommenen Formvollendung. Einer Freundin, der seine Gedichte als zu intellektuell, zu durchdacht fremd blieben, entgegnete er schneidend seine Verachtung für Gefühlslyrik und stimmungsvolle Reimereien. „Wenn Lyrik in heutiger Zeit überhaupt noch Sinn besitzen soll, so nur, wenn sie durchgehendes und beständiges Weltgefühl darstellt.“
Von jeder Motivation zu akademischen Pflichten abgeschnitten, unzufrieden auch über das Alibi journalistischer Gelegenheitsarbeiten, folgte er dann gegen Jahresende der Einladung eines befreundeten Bankiers an den Starnberger See. Mit dem Winter kehrten die alten Depressionen zurück, bis zuletzt bedrängte ihn das Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Im Februar 1936 lernte er während einer Faschingsveranstaltung in München eine Frau kennen, zu der ihn, durch alle Müdigkeiten hindurch, eine traurige Liebe erfaßte. Mittlerweile waren einige Aufsätze abgedruckt worden, einem kleinen Kreis aufmerksamer Betrachter fiel er sofort als enorme Begabung auf, doch zu spät. So aussichtslos die Liebesbeziehung zu der verheirateten Frau schien, so wellig sah Winkler sich den Anforderungen eines gemeinsamen Lebens gewachsen. Alles blieb nunmehr vage Andeutung, der geplante Roman, die Anstellung beim Feuilleton einer großen Tageszeitung, das Wohnen zu zweit. Kleinere Ausflüge führten ihn noch einmal in die Landschaften Oberbayerns, nach Salzburg, auf die Insel Frauenchiemsee, wo er zum letztenmal in der ihm eignen klaren Erzählprosa Atem schöpfte. Dann geschah jener Vorfall, den er sofort zum Anlaß nahm, sich endgültig aus seinem als Unglück empfundenen Leben zu verabschieden. Am 26. Oktober 1936, wie in Vorahnung aller kommenden Katastrophen, tötete er sich in seiner Münchner Pension mit einer Überdosis des Schlafmittels Veronal.
Eugen Gottlob Winkler, der Frühvollendete, ein Nachfahre Hölderlins, ein schwäbischer Valéry, ein nihilistischer Klassizist: der Zuweisungen, der bewundernden Epitaphe gab es viele seither. So vielversprechend war sein Beginn, daß schon ein Jahr nach seinem Tod ein Leipziger Verlag eine zweibändige Ausgabe seiner Werke unternahm. Ins Wunschbild völkischer Literatur jener Jahre dürfte sie schwerlich gepaßt haben. Nach dem Krieg folgte dann eine Auswahl der Briefe. Vor allem die Jugendfreunde kümmerten sich immer wieder um die posthume Verbreitung seiner erstaunlich früh ausgereiften Arbeiten, Tagebuchnotizen, Briefe und Fragmente. Noch 1992, anläßlich des 80. Geburtstages des Dichters, erschien in einem kleinen süddeutschen Verlag ein Sonderdruck, in dem erstmals eine vollständige Bibliographie sämtliche Schriften nennt.
Wer war jener Autor, der mit zweiundzwanzig, nach beendetem Studium der Romanistik in sein Tagebuch schrieb: „Jeder Dichter hat heute gleichsam von vorn anzufangen, so als sei er der erste Dichter, als sei er der Dichter“? Nur ein zu spät Geborener mehr in Deutschland, wo es seit jeher von Retardierenden wimmelte, wo Schwermut und Todessehnsucht den Musensohn rekrutierten? Oder einer von jenen poetischen Jungunternehmern im Stil der Weimarer Republik, ganz hingegeben an die laufenden Moden, Polittendenzen und das beschleunigte Wort? Winkler war keins von beiden, weder sachlicher Sozioliterat noch spätexpressionistischer Deklamator. Daß er in einen Zwischenraum fiel, war sein besonderes Los, daß er so recht nirgendwo hingehörte, bewies nur, wie sehr er bereits seine eigene Klasse war. Erst mit Kriegsende, mit dem endgültigen Abgang aus jener Welt von gestern, die Stefan Zweig noch beschwor, nahm seine einmalige Position im literarischen Raum jener Jahre Konturen an. Erst dem Rückblick auf das Desaster des Dritten Reichs zeigte sich deutlich, welch seltener Würfelwurf hier zerstreut worden war. Seit den Tagen Hofmannsthals und einer europaweiten Literaturboheme schien die Figur einer intellektuellen Dichtung und poésie pure, zumindest was Deutschland betraf, verschwunden. Zeittypisch war hier, nach dem Fiasko des Expressionismus zwischen den Kriegen, nach Schützengraben- und Großstadtprosa, Klassenkampfdrama und Realismusroman, der lange Waldspaziergang mit Naturlyrik und Heimatnovelle. Über die photographischen Schärfen neusachlicher Urbanität senkten sich langsam die Blut-und-Boden-Nebel der neuen Mythenzeit, in der Rüstung des Völkischen kehrten Idylle und Hymnik zurück. Wer jetzt noch Klarheit wollte, Sprache vor Ihrem plakativen Mißbrauch, absolute und bewußt künstliche Dichtung in formaler Strenge, der fand sich wieder im Abseits, der war per se Romanist, der verschwand anonym hinter abstrakter Moderne und galt im Deutschland der sentimentalen Erneuerung als Phantast. Bedenkt man die Isoliertheit Winklers, das gemeinschaftsfeindliche Ideal seines Schreibens, ist es ein Wunder, daß sich so bald nach dem verschleierten Suizid eine kleine Öffentlichkeit seiner annahm Während die wichtigsten Schriftsteller, ins Ausland vertrieben, für das deutsche Publikum tot waren, seßhafte Dichter wie Benn unter Publikationsverbot standen, untertauchten oder verstummten, konnte, wer Ohren hatte, diesen Paradiesvogel noch einmal singen hören. Es war, für manche Stimmenkenner, zunächst vielleicht nichts als das allzu erlesene Repertoire der Platen und George, Hofmannsthal und Rilke, vorgetragen von einem Jungen, den Symbolismus und apollinischer Wortkult verpflichtet hatten. Doch Hellhörigen fiel auch das Schneidende auf. Durch die Arien blitzte Bitterkeit, Schmerzen machten sich bemerkbar, ein sarkastischer Unterton. Und dies war es, was seine Arbeiten prägen sollte, die gültigen, die er selbst anerkannte, wie auch die Gelegenheitsschriften, an deren Vorläufigkeit er schwer litt. Denn geschliffen mußten sie sein, hierin war er ganz Meisterschüler und empfindlicher Alchimist. Seine Briefe sind voll von Klagen über die eigene Unzulänglichkeit, den Adressaten oft anstrengende Exerzitien kritischen Sachverstands. Und ohne daß er sich dessen gewiß wurde, war dieses frühe Stöhnen vor den Aporien des Formalismus ein erster Schritt über sie hinaus, womöglich in Neuland, das hinter den Zauberformeln und magischen Realismen begann, Langsam und immer sicherer schnitt er, vor allem in seinen Reiseskizzen, in den scharf beobachteten einsiedlerischen Capriccios, erste Segmente aus dieser neuen Landschaft.
Zwei Künstler waren es, die ihm von Anfang an zu den wichtigsten Anregern wurden: der Maler Hans von Marées, antikisierender Naturalist mit Vorlieben für südliche Landschaft, Tierfigur und den naturnahen arbeitenden Menschen, und der Dichter Paul Valéry, Konstrukteur einer Dichtung des reinen Geistes, formstrenger Mythen des Intellekts. An Valéry interessierten ihn die Ansätze zu einer ästhetischen Methodenlehre, genau protokollierte Laborversuche einer Kunstmoderne, die sich in spielerischer Kombinatorik ihrer eigenen Formen- und Zeichenwelt rückversicherte. Winkler begriff mit dem Enthusiasmus des Lehrlings, daß Kunst hier ganz souverän als Erkenntnisprozeß verstanden wurde, als eine Art Grundlagenforschung des autonomen schöpferischen Geistes. Nicht mehr um Mimesis, den getreuen Schatten der Außenwelt, ging es, sondern um Aufbau von innen heraus, Kristallisation, um eine Eigengesetzlichkeit wie in Musik und Architektur.
Hans von Marées, der Maler, vertrat dagegen den anderen Pol, in ihm kamen artistischer Idealismus und handwerkliche Vitalität überein, hier zählte die Persönlichkeit selbst, der Prototyp des Künstlers, wie Winkler herausfand. In seinen Briefen, Nachrichten aus der deutschen Künstlerheimat Italien, Zeugnissen seiner Aufträge und Studien anhand der Alten Meister, begegnete dem jungen Dichter das Vorbild äußerster Beharrlichkeit, mit der ein Lebensplan sich gegen alle Widerstände verwirklichte. So zufällig das Beispiel Marées aus heutiger Sicht erscheint, Winkler erhob diese Briefe an Mäzene und Malerfreunde in den Rang eines Breviers. Ihr glaubensbildender, erzieherischer Einfluß ist überall spürbar. Zurück blieb eine Gewißheit, die ihn früh absonderte, die sein Verhalten auch den besten Freunden nie mehr ganz nachvollziehbar machte. Künstler war er von dem Moment an, da er begriff, daß das Resultat eines Strebenden auch nur Beziehungen hat zu einem abermals Strebenden, wie es in einem der Briefe des Malers hieß.
Die Atelier- und Reiseberichte Marées, die Dialoge, Dichtungen und Arbeitshefte Valérys, sie gaben ihm, was naiv produzierende Schriftstellerei, unmittelbarer lyrischer Anflug ihm immer schuldig blieben. Daß Dichtung, wollte, sie mehr sein als bloßes Gezwitscher, sich ihrer Antriebe und inneren Logiken bewußt werden mußte, lernte er von niemandem besser als aus den Werkstattberichten der bildenden Künstler. Ausgestattet mit einem überschauenden Blick auf das 19. Jahrhundert als einer Epoche von Stilgewißheiten, ließ ihn das Problem seiner Zeit, die Dauerkrise des Abbildlichen, wie zwanzig Jahre zuvor schon Rilke nach einem Ausgangspunkt fahnden. Was bei Rilke die Begegnung mit Cézannes späten Gemälden im Pariser Salon d’Automne bewirkte, das erhoffte sich Winkler vom Studium der Bilder Marées, das verdichtete sich ihm in konzentrierter Lektüre der Schriften Valérys. Hier wie dort sah er den programmatischen Neubeginn, die Verschiebung des Koordinatensystems als den eigentlichen Akt. Vordringlich wird ihm nun selbst das Herausfinden persönlicher Grundelemente, mit denen operierend sich eine Basis gewinnen ließ. Gesucht wurde ein Periodensystem der sprachlichen Elemente, ein strenges Aufbauprinzip, wie in den Disziplinen Chemie und Physik, die soeben im Zeichen des schweren Wasserstoffs und der Polymere die Welt auf den Kopf stellten. Während Röntgenstrahl und Verstärkerröhre in den Privatraum einbrachen, sollte eine reflexive Dichtung zum Innersten der Imaginationswelt vordringen. Wo das Reale unsichtbar wurde, wellenförmig, ein Medium jenseits der unmittelbaren Sinneswahrnehmung, da mußte auch Sprache sich anderer Mittel bedienen.
Noch kurz vor seinem jähen Ende brachte Winkler sich aus Frankreich die neuesten Schriften Valérys mit, die er in Auszügen übersetzte. In den Windstrichen, einer Art Aphorismensammlung aus den berühmten Arbeitsheften, fand er den Kompaß, nach dem sich segeln ließ. Lange schon hatte er sich Valérys Credo Es gibt keine Natur zu eigen gemacht, nun interessierte ihn, wie lyrische Phänomenologie, Introspektion des Schreibprozesses zurückwirkten auf die gesellschaftliche Gegenwart. Wie ließen sich all die artifiziellen Kalküle beglaubigen in einer Zeit, die selbst schon durch eine rasante technische Entwicklung geprägt war? Was blieb kenntlich in den zerstreuten Räumen, unterm Gesetz der Unkenntlichwerdung? Winkler studierte, schloß sich ein, las sich durch sämtliche Logbücher des europäischen Geistes und navigierte doch lange Zeit auf der Stelle. So ziehen sich Spuren der einflußreichen Lebensphilosophie, vitalistische Ausfälle im Geiste von Klages und Spengler durch sein gesamtes Schaffen. Vor Ernst Jünger verharrt er in skeptischer Begeisterung. Durch dessen Zielfernrohr sieht er den Bürger fliehen und heraufkommen den Gemeinschaftsmenschen, das Neue Tier. Wie Jünger preist er die Gewalt der Erfahrung und das Inkommensurable schockhaften Erlebens. Denn immer noch war der nietzscheanische Generalbaß hörbar. Zum Apostel des Widerstands gegen geistlose Technisierung und Sozialbarbarei gewendet, blieb Nietzsche häretisches Vorbild, taugte sein Denken zu jeder Art tragischem Selbstwiderspruch. Vieles was Winkler selbst, über den Zeitgeist hinaus, zu sagen gehabt hätte, blieb so in den Anfängen stecken, der frühe Tod ließ nur vorläufige Markierungen zu.
Was sich schon zeigte, was beinah von Anfang an auch die wenigen Wegbegleiter überzeugte, war das Methodische seines Vorgehens. Unter dünnster Haut lief hier ein Kampf ab, der allem bloß Gefühlsmäßigen, Ungefähren, jederlei Vorurteil über Existenzleid und die sogenannte Intuition des Schöpferischen Paroli zu bieten suchte. Gegen den Rausch sollte es gehen, gegen expressive Platitüden aller Art. Der Architekt in ihm stilisierte sich als entschieden antimusikalisch, der Konstruktivist übertrieb seine Haltung gern in die Pose eines Sprachasketen, der langsam und quälend an seinen Sätzen feilte. Doch was zunächst ganz nach forcierter Klassizität aussah, Formkult des Linearen und Hartgefügten, war der Versuch einer psychischen Befestigung in reißender Zeit. Schon war der Schauplatz, auf dem hier letzte Nihilismen ihren Ausdruck suchten, selbst anachronistisch geworden. Erster Weltkrieg und Weimarer Republik hatten genügt, aus dem metaphysischen Scherbenhaufen der Künste eine Halde zu machen, auf der Naturwissenschaft, Soziologie und Neue Sachlichkeit sich provozierend begegneten. Winkler hatte, ausgehend von Hofmannsthal und der Krise des lyrischen Sprechens, sehr bald das neue Terrain sondiert.

„Ich habe neulich in der Hofmannsthal-Ausgabe… den Brief des Lord Chandos gelesen und fand dort haargenau meine Situation geschildert.“ Die Differenz zeigte sich bald. Wenn auch noch nicht mit dem kalten Blick der Semiotik, so las Winkler den berühmten Brief, das Testament einer Literaturepoche, doch schon aus unaufhörlich wachsender Entfernung. Er mochte sich einreden, daß seine Lage dieselbe war, der Zerfall des poetischen Wortes (wie Pilze im Mund), die Vertreibung aus den metaphorischen Paradiesen hatten andere Folgen für ihn als für die Desillusionierten des Fin de siècle. Denn schon die unmittelbaren Reaktionen, expressive Überdehnung des Ausdrucks, antibürgerliche Verwirrung durch Nonsens und Sprachschocks, Verschärfung der Diktion ins Zynische oder futuristisch Rasante, kamen für ihn nicht mehr in Frage. Eher war seine Bewegung umsichtiger, weniger vatermörderisch, das Wiederaufnehmen einer sinnlich bewußten Beschreibungskunst. Nicht zufällig waren es Genres wie Tagebuch, Brief, Reisebericht, Aufsatz, Dialog, die er am intensivsten erprobte. Aus den Briefen der Maler hatte er gelernt, die Welt mit Maleraugen zu sehen. Noch in der Wahl der Motive (Tempel von Segesta, Park mit exotischen Pflanzen, Pferdeführer, Vogelflug) verriet sich ihr Einfluß. Die Bildbeschreibung trat an die Stelle der Erzählung, das Narrativ verschwand im Springen der Augen von Ding zu Ding, von Motiv zu Motiv. Fast anonym sollte der Betrachter nun sein: das Gegenständliche nicht in subjektiver Willkür mitzureißen, sondern ganz körperhaft, wertungsfrei, stimmungsunabhängig vor Augen zu stellen, wurde erklärte Absicht. Jenes sachliche Sagen, von dem Rilke sprach anläßlich Baudelaires schillernder Nekrophilie in dem Gedicht Ein Aas (Une Charogne), gab auch für WinkIer früh schon den Grundton. Nur so ist sein Kult um die Linie verständlich, sein geometrischer Apsychologismus, der manchen Zeittendenzen nationalsozialistischer Bildhauerei wie unabsichtlich entgegenkam. Denn von der fixen Idee entschiedener Formhygiene bis zu den Wundrändern einer Ästhetik des Lebendigen war noch ein weiter Weg.

Wie sehr sich die Blickwinkel verändert hatten, wie sehr es nach herrschender Ästhetik mittlerweile auf Formstrenge, Kontur, Figuration und trennscharfe Wahrnehmung ankam, zeigt ein Vergleich mit Goethe. Auch dieser hatte auf seiner Italienreise im Jahre 1787 ausführlich den Tempel von Segesta, Winklers Schlüsselwerk griechischer Architektur, beschrieben. Was dem erklärten Klassizisten und Winckelmann-Schüler Goethe im Vorübergehn noch befremdlich schien, die gedrungene Monumentalität des Baus, ist Winkler schon Summe alles Antiken, ein Beweis steingewordener Ordnung, die aus dem Chaos der Mittelmeerwelt herausragt. Es lohnt sich, beider Beschreibungen im Abstand von 150 Jahren gegeneinanderzuhalten. In Goethes trockener Schilderung, die sich sofort den einzelnen Säulen zuwendet, gibt es zwar Einzelteile, aber keinen Tempel. „Der Steinschnitt, der die Teile zusammenfügt, ist einfach, aber schön“, heißt es ganz lapidar. Es kommt kein rechter Gesamteindruck auf, fast kleinlich wird die sonderbare Lage erwähnt, am Ende eines Tales, noch von Klippen umgeben, mit schlechtem Ausblick aufs Meer. Winklers Darstellung ist dagegen vom ersten Ton an feierlich, mehr Anrufung als baugeschichtliche Studie. „Die Umrisse der Giebel, gefaltet zu dem breiten, zweimal göttliche Heiterkeit spendenden Dreieck, formten aus der Luft ein unzerstörbares Dach. Lichtgetroffen trat jede Säule hinter den Schattenstreifen der nächsten, bis die beiden Reihen einander in der lichtgebadeten Ecksäule trafen.“ Das Menschenferne, die Harmonie einer autonomen Ordnung, wie sie sich beim Betrachten einstellt, überwiegen jede Erinnerung an Funktionalität und Bedeutung. Auf Winklers Schauplatz taucht dieser Tempel genauso voraussetzungslos auf wie das Gehäuse eines Nautilus oder ein vollkommenes Stilleben, auf einem Tisch arrangiert. Der Genuß folgt, ganz platonisch, aus der Anschauung des Archetypischen, dem eine Welt der Ideen zugrunde liegt. So sind die Körper, ob Früchte oder Bauwerke, Gebrauchsdinge oder Möbel, erst in dem Raum, den Resonanzen und Echos um sie herum bilden, wirklich sichtbar. Aufgabe der Dichtung ist es, sie als Urbilder, jenseits von Kolorit und zufälliger Erscheinung, hervorzurufen.

Winklers Ideal war die Linie, zeichnerisch als reine Geste der Trennung von Flächen (der Cézannschen plans), architektonisch als geliebte Umrißlinie (durchaus unplastisch als Maskierung des Raumes), biographisch als Determinante, von der links und rechts alles Anekdotische abfiel. Ganz Auge zu werden, ganz feines Gehör und Geruchsorgan, dabei nur eben so mit den Fingern die Dinge zu streifen, eingefügt in die Proportionen der Landschaft, dahin war er nach ersten Zweifeln selbstbewußt unterwegs.
Einer der Wegführer, der wichtigste vielleicht, blieb für ihn Paul Valéry. Vor allem zwei seiner Dialoge, in den Kreisen der Rilke und Kassner heiß diskutiert, führte er immer wieder zur Standortbestimmung an. In der Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci fand er den Diskurs, in Eupalinos oder Der Architekt das Schema, in dem Leben und Tod, Materie und Ausdruck, Zeit, Raum und die einzelnen Genres untereinander in Beziehung standen. In seinem eigenen Dialog Die Erkundung der Linie zog er zum erstenmal die BiIanz seiner Überlegungen zur Malerei. Zwischen den Theoremen von Form und Gestalt und dem Traum vom Abbilden der geliebten Dinge suchte ästhetische Spekulation Halt in den Positionen dreier junger Männer, dreier Bewußtseinstypen und Arten der Anschauung. In der Linie entdeckte er das Grundgesetz aller Differenz: „Die Linie war da und trennte“.
Bekanntlich ist eine Linie die Bahn, die ein bewegter Punkt auf einer Fläche beschreibt. Für Winkler war sie viel mehr, sie war Werkzeug zugleich und Methode, Entscheidung und Anfangsfigur aller Kontemplation. Linearität selbst, als Sonderfall der Kontrapunktik, wurde zum Kennzeichen seiner Arbeiten. Das Problem seiner Dichtung wie der aller einsamen Sprecher war denn auch jenes ostinato einer streng, selbständig geführten Stimme, die sich bewacht, übertönt, kontrapunktisch bevormundet. Doch der Punkt ist nicht Teil der Linie, wie Leonardo bemerkte. Und das Zeitalter des Punktes, lange schon angebrochen, kennt nur noch Individuen, haltlos versprengte Teile, den Pointillismus zerfallen der Biographien, Gesellschaften, philosophischer und theologischer Systeme.
Daß sich ein Leben ohne fortwährende dichterische Produktion nicht lohne, daß schon gelegentliche Einbrüche und Ablenkungen die Ausstrahlung minderten, galt Winkler als ausgemacht und begründete die Härte, mit der er gegen sich zu Gericht zog. Alle Zweifel mündeten regelmäßig in Selbstverdammung und in das Geraune von Todesurteilen gegen das schwache Ich. Die Idee einer persönlichen Amnestie, unter der Wahrnehmung und Werk sich entwickeln konnten, schien ihm undenkbar. Das ununterbrochene Prozessieren, in Briefen und Tagebuchnotizen, sogar in einigen der Gedichte, wurde ihm zur Manie. In den Briefen fällt immer wieder ein charakteristisches Retardieren auf: die Linie will auf keinen Fall Strecke werden. Verfolgt werden Arbeitsängste und Geldsorgen. Meisterhaft eingekreist erweisen Blockaden sich als psychische Aporien. Anfälle gibt es zu jeder Tageszeit, Sommertristessen und Wintermelancholien, zähe Bekenntnisse und kleinlaute Eingeständnisse. Nicht wenige Sätze drehen sich quälend zentralperspektivisch um das Leben… und niemals verschwindet die Idee einer vorgeschriebenen Linie, von der keine Abkehr möglich ist. Jede andere geometrische Form, sei es Kurve oder Spirale, Zick-zack oder Kreis wird von vornherein ausgeschlossen. In der Fixierung auf eine ungeheure formelle und existentielle Strenge wird er selbst zum Konstrukteur jener Enge, die ihn am Ende nur zu erwarten schien. „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“ – Kafkas schwarze Pointe der kleinen Fabel von der zynischen Katze und der ohnmächtigen Maus, in den Ohren der Kompromißlosen klang sie, natürlich, wie reinster Hohn. Weder Kafka noch Winkler konnten den Preis ihres poetischen Eigensinns vor dem persönlichen Dämon heruntertreiben. Weniger Zwangsvorstellung, weniger Triebkontrolle und Feilschen ums Ich hätte sogleich auch weniger literarische Dichte bedeutet, ein Schwinden der Hellsicht, die nur erbarmungsloser Selbstbeobachtung und nur in seltenen Augenblicken gelang. „Mein ganzes Daseinsgefühl nährt sich aus dem Wert, den das irdische Leben, freilich ganz innig und geistig, für mich vorstellt“, behauptet er noch ein Jahr vor seinem Tod.

In seinem großen Hölderlin-Aufsatz, einem frühen Vermächtnis, entwickelt er das Bild einer Brücke zwischen Antike und Christentum, über die lange ein lebhafter Handelsverkehr der Mythen und Anschauungen ging. Einer ihrer Erbauer war Hölderlin, aus den Bögen seiner Gesänge bestand dieses Bauwerk. Er war aber auch der erste, der sie hinter sich ließ oder vielmehr sie hinter sich ins Tal fallen sah. Dieses Abbrechen war sein lange hinausgezögertes Verhängnis. Denn sosehr er sich auch an den sittlichen Ernst der antiken Vorbilder hielt (zu Recht sieht Winkler hierin die pietistische Konstruktion), er blieb Romantiker. Mag sein, daß er glaubte, dem platonischen Lehrplan zu folgen, in Wirklichkeit wurde er zum unfreiwilligen Märtyrer. Anstelle der Wiedererkennung ewiger Ideen aus fernen Zwischenwelten setzte er, zunächst jugendlich überschwenglich, später heroisch forciert, schließlich nur mehr harthörig, die Erweckung der Anschauungen und Ideale von innen heraus. Der Dichter als Herakles, der die antiken Gewichte stemmt und sich verhebt: in den Zeiten der Romantik und der Subjektphilosophie wird aus ihm schließlich jene Schwermutsgestalt, als die Hölderlin seine zweite Lebenshälfte, seelisch ergraut, hinbringt. „Ich bin zum Stoiker ewig verdorben“, hatte er früh erkannt. Genau an diesem Punkt hatten sich auch die Wege getrennt, die er mit seinen Jugendfreunden Hegel und Schelling gemeinsam gegangen war. Winkler erwähnt die früh einsetzende Differenz Hölderlins zu den Philosophen des Idealismus, denen es gegeben war, ohne Verlustgefühle sich aus ihren Entwürfen herauszuhalten Diesseits einer Welt der Vernunftordnung und der Gedankenreinheit lag ihr gewöhnlicher Tag mit Lebensunterhalt, deutscher Kleinstaaterei und intrigantem Hochschulbetrieb. Der Kompromiß, den sie lebten, der ihren Denksystemen erst die nötige Praxisferne verschaffte, blieb Hölderlin versagt. Alle seine Versuche, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen, schlugen fehl. So lebte er hin als ein lebendig Todter, gefesselt an eine Sprache, die sich ihm, immer unberechenbarer, entzog. Berücksichtigt man die besonderen Komponenten von Hölderlins Krankheit, diese einzigartige Mischung aus Schwermut, Phantomschmerz, antikem Pathos und spekulativer Dichte, ist es kein Zufall, daß Winkler sich gerade von ihm und von der späten Lebensphase des Dichters angezogen fühlte. Ohne es je hervorzuheben, wußte er sich ihm in so vielen Punkten verbunden, daß solche Affinität selbst zum Leitfaden der Abhandlung wurde. Mit Spannung verfolgt man, wie er Hölderlin, ausgehend von der produktiven Homburger Zeit, den immer früher abbrechenden Fragmenten, heimlich für eine Moderne vereinnahmt, die er selbst eben erst aus Mallarmé, Valéry und Teilen Georges extrahiert hatte. Hier, in der Dämmerung des lyrischen Weltgeists, in jenem einfältig und spröde gewordenen Reimvers, in der späten Idyllik des angeblich Umnachteten, sah Winkler die ersten Spaltprodukte einer neuen Dichtung entstanden, die ihm zum Index des katastrophisch Neuen wurden. Im Bild der Zersplitterung und Auflösung, wie es die großen Flußhymnen bieten, erkannte er die heraufziehende Autonomie des Lyrischen gegenüber Philosophie und Theologie. Dem späten Hölderlin spaltet sich alles Sagen in größte Allgemeinheit des Irdischen und äußerste Hermetik des Persönlichen, beides gleich fern von jeder semantischen Mitte. Winkler, dem genau dieser Konflikt so sehr vertraut war, daß ihn Hölderlins beklemmender modus vivendi im Tübinger Turm nicht einmal schreckte, schloß beeindruckt für sich und die Wirren seiner eigenen Zeit: „Es dichtete weiter in ihm als ein Es.“

„Eines Tages waren wir dort; wir unterhielten uns über die Schönheit.“ So erinnert sich, in Valérys Eupalinos-Dialog, der tote Phaidros, ein Schatten, an einen Tempel der Artemis, den er zu Lebzeiten bewundert hatte. „Was gibt es Geheinmisvolleres als die Klarheit?“ entgegnet ihm Sokrates, auch er in der Unterwelt angekommen, am Ende. Und einmal fällt, nüchtern im fahlen Licht, die Bemerkung „Ich bin geizig im Träumen“. Weniges umreißt die Situation, in der Winkler sich zeitlebens befand, besser als diese Ausspruch aus einem Totengespräch. Gefangen vom Erlebnis des Schönen, der Klarheit verpflichtet, mißtrauisch gegen den Traum, folgte er einer einsamen Linie. An ihrem Ende war vieles offen geblieben, nur halb geplant, unter anderm ein Aufsatz über Rimbaud und den modernen französischen Roman. Selbst der Bruch war für ihn denkbar geworden, das Schreiben ganz aufzugeben, einen Schlußstrich zu ziehn Unter all die symbolischen Mühen, so wie, achtzehnjährig, Arthur Rimbaud. Nur mehr Erwähnung fand ein Roman ohne Handlung, in dem der Hauptheld eingangs zu Bett gehen sollte. Mag sein, daß Vorarbeiten zu diesem Querschnittroman schon im Gang waren, sie wären nicht die letzte Hoffnung dieses Dichters und vielleicht eine Brücke von Valérys Monsieur Teste zum phänotypischen Ich Gottfried Benns und zu den monadischen Antihelden Samuel Becketts gewesen, wer weiß. Daß eine Stimme wie seine unbedingt fehlte, ergab schon nach Kriegsende eine erste Inventur. Einer der ersten, die nach dem Krieg das geistige Portrait dieses Dichters zeichneten, war der Essayist und spätere Benn-Biograph Hans Egon Holthusen. In einem 1947 erschienenen Aufsatz spricht er von der acherontischen Schwermut Winklers. Literarisch rechnet er ihn zur Gruppe der Kalligraphen, bei denen das Neue wie Eisblumen sich an den alten Ordnungen züchtet. Charakteristisch sei das mitunter Präziöse und Antiquierte der Sprache. Erkennbar als Konzeption ist ihm eine Philosophie der Ungeduld, der Diskontinuität und des Selbstmords, die Winklers Arbeiten unverwechselbar machten. Seine Gedichte hält er hingegen sämtlich für mißglückt. Im Ganzen ergibt sich bei ihm das Bild eines melancholischen Einzelgängers, dessen Besonderes eine gewisse Grazie auf dem Grunde des Nichts sei. Mit Winkler sei die Reihe der repräsentativen Selbstmörder wie Otto Weininger, Walter Carlé oder Alfred Seidel wahrscheinlich abgeschlossen. Zum letztenmaI habe hier europäischer Nihilismus im Angesicht Ideologischer Gorgonen ein Opfer gebracht, durchaus in gefährlicher Nähe zum sacrificium intellectus einiger Denker der Weimarer Zeit. Wohl als Fazit gemeint ist einer der Schlußsätze Holthusens: „Dieser junge Schriftsteller hatte alle Gifte unserer Zeit in der Hand, aber er war mit den Organen seiner Sehnsucht auch den Gegengiften auf der Spur.“
So begann die Vergegenwärtigung Winklers als zaghafter Nachruf. Wie in den privaten Suchanzeigen jener Jahre stellten sich, neben dem tragischen Dichter, nach und nach die Gestalten des Frühvollendeten ein, des lebensmüden Dandy und schlendernden Nihilisten. Der kleine Freundeskreis, der schmale Umfang seines asketischen Werkes, zehn Jahre ununterbrochener Katastrophen seit seinem Tod, nicht zuletzt die Zerstörung der Öffentlichkeit selbst: das alles trug dazu bei, daß Winkler zunächst und für lange Zeit nur von Eingeweihten genannt wurde. Vielversprechend sollte sein Dichten gewesen sein, gleichzeitig habe es aber von Anfang an den Todeskeim in sich getragen, sagten die Überlebenden. Intellektuelles Schuldgefühl lud dem an sich Gescheiterten umstandslos noch das Problem mangelnder Widerstandskraft gegen den herrschenden Wahn der Nazizeit auf. Nur wenige konnten sich vorstellen, was seine engsten Freunde zumindest wissen mußten: Winkler war niemals über Gefahr und Ausmaß der Barbarei im Zweifel. Mit seinen kleinsten Regungen, früher als die meisten der literarischen Prominenz, hatte er, wenn auch unfreiwillig und wie hypnotisiert, die Brutalität hinter dem Frohsinn, den Geist der Abrechnung hinter den Verheißungen hervorgelockt. Alles was ihm, dem politisch Wehrlosen, zustieß, verwies schon auf das kommende größere Unheil. Sein Drang zu verschwinden machte die noch verborgene Vernichtungswut wie im Röntgenbild kenntlich. Seine seelischen Binnenkriege ließen die Rechtlosigkeit des einzelnen unter der Diktatur nur um so greller erscheinen. Die Kälte von Denunziation und Verfolgung schnitt lange vorher schon durch seine Nervenbahnen. Wahrscheinlich war es der immer noch temperierte Klang, der seinen Bitterkeiten den Weltschmerz, den Blasphemien das Kontrafaktische einer ersehnten Geistlichkeit anhing. Übersehen wurde sein dégoût hinter manch spätjugendstiligem Spinnwebnetz, der Sarkasmus, aus dem sich die Sätze mitunter wie gedrechselt schraubten. Sicher, verzweifelten Kriegsheimkehrern und skeptischen Exilanten mochte so Makelloses eher suspekt sein, wenn sie es überhaupt zur Kenntnis nahmen. Auch den Jungen, die in den 50er Jahren das Schreiben bewußt politisierten, war eine Position wie die Winklers kaum hilfreich. In den Entwicklungen beider Deutschlandhälften gab es genug Revisionen literarischer Bestände, doch ging es bei solcherart doppelter Buchführung um ganz andere Interessen. Winkler war ein zu bescheidener Posten. Summarisch schienen ihn die damals heiß debattierten Brecht, Benn oder Jünger allemal zu umfassen. Sein vorsichtiger Erzählstil, die reine apollinische Lehre, die kristallinen Ideenspiele fielen den Reduktionen existentialistischer Prosa, der Ein-Wort-Dichtung und einer Rhetorik von internationalem Gebrauchswert zum Opfer.
Der Ruf eines Orchideenzüchters war schon in Umlauf, bevor Walter Jens 1951 eine erste Auswahl aus dem Gesamtwerk Winklers in Taschenbuchform herausgab. Auch er zeichnet die Beziehungslosigkeit des verspäteten Bohemiens nach, bemüht, kaum irritiert von so schnell sich überlagernden Zeiten, die Formel vom Anachronismus. Vor allem findet Winklers Latinität hohes Lob. Sein Gehorsam gegen den Logos, die zweifache Enthaltsamkeit gegen alles Spekulative und Körperekstatische, erhält jene freundliche Würdigung, in der sich seither jedes Gespräch über den Dichter erschöpft. Man erfährt, daß Winkler ein Mann des Barock war, und kann doch nicht sagen, ob er gerade deshalb so isoliert war. Warum der wissende Artist unter den Jüngeren nur so wenige Leser und gar keine Nacheiferer fand, bleibt ungeklärt. Daß Winklers Schiffbruch in dem Allgemeinen einer Bevölkerung aufging wie ein Tropfen im Meer, interessierte vom rettenden Ufer aus keinen mehr. Waren die Aufgaben für den Roman und die Erzählung nach dem Krieg wirklich so anders und neu? Hatte Winkler nicht mehr zu bieten als ein wenig altmodisch konzentrierte Prosa, ein paar nachgelassene Meßtischblätter für Ingenieure der Deskription? Oder lag er so sehr auf der Linie alles Kommenden, daß seine Fragmente verschwinden mußten in den Entwicklungsreihen, unpersönlich und keines zweiten Blicks wert? Damals wie heute wird vor allem auf die retrospektiven Qualitäten seines Werks verwiesen, auf seine klaren Urteile über die Literatur seiner Zeit, ihre Probleme und Formen, ihre mimetischen Muster, die er so beispielhaft alle noch einmal durchquerte. Die Frage, wieweit dieser Dichter, über Archive hinaus, modern und auf Spätere einflußreich war, blieb da offen, jede monographische Näherung ein Geduldspiel für Germanisten.

Durs Grünbein, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.1993

Eugen Gottlob Winkler

Als Eugen Gottlob Winkler, vierundzwanzig Jahre alt, im Oktober 1936 freiwillig in den Tod ging, hatte er nur etwa ein Dutzend Aufsätze über literarische Themen und einige kurze Stücke erzählender Prosa in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Trotzdem war er unter Kennern berühmt und hatte sich in knapp zwei Jahren einer angestrengten schriftstellerischen Tätigkeit einen Namen erworben, der für einen nicht unbeträchtlichen Leserkreis einen prickelnden avantgardistischen Klang hatte und wie ein erregendes Vibrato in der Luft lag, wo man sich um die Erkenntnis der modernen Welt bemühte. Es erschienen Nachrufe und Aufsätze, in denen er als ein Phänomen frühreifer Meisterschaft, als ein Virtuose der erzählerischen und essayistischen Darstellungskunst gepriesen wurde. In jenem ungemein gepflegten, präzisen und oft preziösen oder „kalligraphischen“ Stil, zu dem die „weltanschauliche“ Tyrannis eine breite Schicht deutscher Publizisten indirekt erzogen hatte, wurde Winklers Sprache als das Modernste und Fortgeschrittenste deutscher Prosa bewundert, und sein Thema: der Existenz- und Verzweiflungskampf des menschlichen Geistes mit dem Nichts, als der Ausdruck einer radikalen Wahrheitsliebe und als kühne und unverfälschte Diagnose der wirklichen Situation der Zeit gewürdigt. In einer literarischen Umwelt, wo die eigentlichen formalen und thematischen Probleme der Zeit durch eine ideologische Kulturpolitik verdrängt, durch Propaganda erstickt, durch die Überzüchtung rein stofflicher Interessen am Historischen, Nationalen und „Völkischen“ oder eine verlogene und hinterwäldlerische Idyllik umgangen und verfälscht oder auch durch das schriftstellerische Kunstgewerbe abseitiger Ästheten und Manieristen verschleiert wurden, in einer solchen Umwelt mußten Winklers Schriften mit ihrer thematischen und sprachlichen Stoßkraft alarmierend und faszinierend wirken. Gewiß, es gab Ernst Jünger, es gab einige großartige Gedichte von Weinheber, es gab Theodor Haecker, Rudolf Alexander Schröder und noch zwei oder drei andere, über die sich reden ließ. Es gab die Existenzphilosophie, die neue Theologie und eine Geistes- und Kunstwissenschaft von hohem Rang. Aber dieser junge Mann als Sprecher einer Generation, die man ganz an den politischen Ungeist der Zeit verloren glaubte, war etwas Besonderes. Unter einer Unzahl von Bauerndichtern, SA-Lyrikern, Hamsun- und Stifter-Epigonen wirkte sein Wort wie ein Fanal. Sein brennender Weltschmerz schoß wie eine Stichflamme empor und verzehrte allen ideologischen Wust. Er war, das fühlte jeder Leser, auf einigen Seiten seiner Prosa – nicht in seinen Gedichten, die alle mißglückt sind – durchaus „auf der Höhe der Zeit“, um einen Ausdruck von Ortega y Gasset anzuwenden, er hatte auf der Skala der geistigen Ränge jene Linie erreicht, welche die Masse des Belanglosen scheidet vom Belang- und Bedeutungsvollen, den Bereich einer inferioren Zeitlosigkeit von dem, was echte und eigentliche Zeitgenossenschaft hat im Sinne fruchtbarer Übereinstimmung zwischen der strengen und redlichen Subjektivität eines Autors und den objektiven Konstellationen des Zeitgeistes.
Vieles an der Erscheinung Winklers blieb damals undeutlich oder absichtlich verschleiert. Man sah in ihm vor allem den „rabiaten Einzelgänger“, als den er selbst sich verstanden hat. Wie sehr er trotz der „internationalen“ oder „romanischen“ Eleganz seiner Sprache der deutschen Situation von 1936 verhaftet und nur aus ihr heraus zu begreifen war, wird erst heute erkennbar. Damals war es schon eine politische Pikanterie, ein vorsichtiger Ausdruck intellektuellen Widerstandes, Winklers tiefe Skepsis gegen alles Ideelle und Ideologische zu apostrophieren und zu zeigen, wie schonungslos er die damalige Gegenwart, die doch voller Größe, Hoffnung und Zukunft sein sollte, dem Nichts preisgegeben hatte. Aber wie erheblich in Wahrheit die politischen Hintergründe waren, vor denen seine scheinbar so unpolitische Aussage stand, und daß sein Leben und sein früher Tod von einem gefährlichen politischen Wetterleuchten umwittert waren, das blieb verborgen. Erst heute wird ganz deutlich, wie eng in der damaligen Welt die verschiedenartigsten Phänomene miteinander zusammenhingen, die Kalligraphie mit der Diktatur und der Nihilismus mit dem Ideologismus. Gerade in der zeitgenössischen Bezogenheit auf diese Problematik, in der elektrisch knisternden Aktualität einer zwischen der verlogenen Euphorie der Ideologen und der eigenen Verzweiflung gezüchteten Prosa liegt das Geheimnis von Winklers Ruhm. Auch er gehörte zur Gruppe der Kalligraphen. Das Gepreßte und Kondensierte, wie in der Retorte Gezogene seiner Sprache ist charakteristisch für den Moment 1936. Auch seine Gefahr ist das präzis Preziöse und Künstliche, auch er hat wie so viele andere eine Neigung zu seltenen, kostbaren und antiquierten Konstruktionen, besonders Genitivkonstruktionen, die sehr leicht zu grammatischen Schnitzern und logischen Fehlern verführen, und zwar desto häufiger, je rascher er gegen Ende seines Lebens zu arbeiten sich zwingt.
Im Herbst 1933 widerfuhr ihm, was in einer Zeit, in der die Begriffe Freiheit, Recht und Würde des Menschen nur noch vom Hörensagen bekannt sind, schon zu den stereotypen Zügen einer zeitgenössischen Biographie und als Möglichkeit zu den Gegenständen der täglichen Sorge gehört: er wurde verhaftet. Man hatte ihn beschuldigt, ein Wahlplakat beschädigt und eine Nein-Stimme gegen Hitler abgegeben zu haben. In der Gefängniszelle öffnete er sich die Pulsadern, wurde aber gerettet. Ein erbarmungsloser Schmerz hatte sich seiner bemächtigt. Die Brechung des Rechts und die Beseitigung der persönlichen Freiheit durch die nationalsozialistischen Machthaber peinigten ihn bis zur Unerträglichkeit. Er konnte, wie er sagte, „nicht mehr widerstehen“ und flüchtete sich in eine „Welt des reinen Geistes“.
Obwohl er bekannte, antifaschistisch „bis in die letzten Fasern seines Wesens“ gesinnt zu sein, war es nicht eigentlich das Pathos des politischen Widerstandes, was ihn erfüllte, sondern ein grimmiges Leiden am Dasein überhaupt, das in der Epoche, die mit seiner Lebenszeit zusammenfiel, politische Formen annehmen mußte. Sein Thema war die theoretische Unerträglichkeit des Lebens, der Welt- und Urschmerz einer Seele, die unter dem geheimnisvollen Verhängnis der Melancholie, ohne den Flaum eines kreatürlichen Leichtsinns, die Schutzschicht einer naiven Lebensfreude und Lebensgnade, wie sie den meisten Sterblichen eigen ist, geboren wurde und jene Traumata einer qualvollen Kindheit, die in der Erzählung „Missetat“ geschildert sind, niemals verwinden konnte. Anders als der religiöse Denker hielt Winkler „Schmerz“ und „Geist“ auseinander und sah den Geist des Menschen immer auf der Flucht vor dem Schmerz als dem weißglühenden Kern des Bewußtseins. Er fürchtete das Leiden, die Armut und die Unfreiheit. Sein Idol war „Sicherheit“, seine Sehnsucht ein schmerzfreies Dasein. Gewaltsam verlegte er die konkrete Freiheit in einen imaginären Raum der ökonomischen Unabhängigkeit und einer apolitischen Geistigkeit. Er lechzte nach Schonung, er pries den Reichtum, den Schlaf und den Genuß. Immer wieder in seinen Schriften und zuletzt noch in dem Aufsatz über den späten Hölderlin findet sich vor allem das Motiv einer Glorifizierung des Reichtums, von dem es heißt, er „erzeuge das einzig entsprechende Klima, unter dem der Mensch zu seiner vollen Würde gedeiht“. Würde, Freiheit, Unabhängigkeit: Winkler nahm diese Begriffe so wörtlich und bestand mit einer so unbedingten und undialektischen Leidenschaft auf ihrer Verwirklichung, daß sie ihm aus dem Bereiche des Lebens entrückt wurden in den des Todes. Freiheit verstand er in einem sehr abstrakten und unphilosophischen Sinne als ein absolutes Verfügen über sich selbst. Freiheit war uneingeschränkter Selbstbesitz, und der einzige ganz reine Akt aus solcher Vollmacht war der Selbstmord. Er war die einzige Chance, dem Chaos und der Tortur des Bewußtseins endgültig zu entrinnen, die einzige Form, in der ein echter Nihilismus seinen existentiellen Ernst beweisen konnte. Der Selbstmord war für Winkler mehr als eine Versuchung, der er schließlich erlag, er war für ihn eine Idee, die äußerste, kühnste und frevelhafteste seiner Ideen.
Nach der Tübinger Verhaftung blieben ihm noch drei Jahre. Er verbrachte sie leidend und genießend, anschauend, erkennend und produzierend mit einer außerordentlichen Intensität. Er las, malte und schrieb, reiste in Frankreich, Italien und Dalmatien, suchte immer wieder die lichtüberströmten, konturenscharfen Landschaften des Südens, plante eine Reise in die Südsee. Er legte den größten Wert darauf, viel Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein, arbeitete wie ein Besessener, hatte Erfolg, hatte Frauen und Freunde. Mit unaufhörlicher Produktivität verdrängte er das Nichts, das sein Bewußtsein zu erobern drohte, mit jeder Arbeit schob er seinen Selbstmord wieder um Wochen hinaus. Er war durchaus kein düsterer, ungeselliger und weltfeindlicher Mensch. Sein Aufenthalt auf Erden war voller Figur, Tätigkeit, Ereignis, voller Umgang und menschlicher Verstrickung, und während im Hintergrunde das Verhängnis einer unheilbaren Schwermut waltete, spielten sich an der Rampe seines Lebens häufig Szenen von einer trockenen und graziösen Heiterkeit ab. Seine Seele, neugierig, weltsüchtig, faszinierbar und sinnlich, neigte dazu, sich in vordergründige Euphorien zu flüchten, liebte den Genuß und verschmähte auch die Ausschweifung nicht, die in diesem Zusammenhang als eine abgekürzte und abstrahierende Reaktion auf die pure Qualität einer reizgeladenen äußeren Welt erscheint. Er schätzte die Atmosphäre der Boulevards und saß gerne vor einem Kaffeehaus zwischen Topfpalmen in der Sonne, hatte eine närrische Passion für teure und elegante Koffer, in denen sowohl seine Reiselust als auch das ganz und gar Heimatlose, Unbehauste und Unbürgerliche seiner Existenz sich manifestierte. Sein Anzug war überaus gewählt und in einem höchst persönlichen Geschmack gehalten, der das Bajuwarische mit dem Englischen und dem Wienerisch-Balkanischen verband. Alles in allem hatte er etwas vom Dandy, dem vollkommen einsamen und ästhetischen Menschen im Sinne Baudelaires.
Im Spätsommer 1936 hatte er die „Insel“ geschrieben, ein glänzendes Stück Prosa über einen Aufenthalt auf Frauenchiemsee, der mit einer unvergeßlichen Hieroglyphe des Weltschmerzes schließt: ein alter Mann an einem Grabe stehend und einen selbstgeschriebenen Brief in kleine Fetzen zerreißend. Worte werden von einem Grabstein abgelesen, die den Erzähler „auf das Sterben nahezu neugierig“ machen. Diese letzten Seiten Winklers sind trotz gewisser sprachlicher Manierismen ganz „spät“ und ganz reif und haben den Zauber des Vollendeten. Seine Lebens- und Leistungskurve strebte nach einem für menschliche Gedanken unerkennbaren Gesetz dem Ende zu. Er war damals in einer furchtbaren und großartigen Verfassung. Der spanische Bürgerkrieg tobte in seiner Phantasie und drohte ihre Fassungskraft zu erschöpfen. Er hielt die grauenhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts für inkommensurabel. Am Tage der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland hatte er eine Vision, die ihm die Jahreszahl 1941, in Rauch und Feuer und Blut gehüllt, als die Kennziffer einer ungeheuerlichen Katastrophe offenbarte. Wer ihm entgegenhalten wollte, daß alle Leiden der Menschheit und alle Greuel der Geschichte in den Abgründen der Passion Christi gleichsam versenkt und aufgehoben seien, bekam etwa zu hören: „Ich glaube nur noch an die Fliege an der Wand.“ Als man ihm sagte: „Ihr Prosastil ist ein Beitrag zum Harakiri“, war ein gleichmütiges Kopfnicken die Antwort. In seiner kühnen und abrupten Art, Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu treffen, hatte er die Welt schon hinter sich gelassen, als der letzte Sommer seines Lebens zu Ende ging, und alle Energie und Aktivität seines Geistes auf den eigenen Tod gerichtet. Eines Abends, nachdem er lange im „Joseph in Ägypten“ gelesen hatte, stand er in Gedanken versunken vor der verlassenen Bogenhauser Villa Thomas Manns, als er plötzlich von einem Kriminalbeamten angesprochen und nach seinen Personalien gefragt wurde. Der Mann hatte, wie sich später herausstellen sollte, ganz unpolitische und vergleichsweise harmlose Absichten gehabt, aber Winkler, der sich seit seinen Tübinger Erfahrungen als Gezeichneter fühlte, sah die Furien des politischen Terrors auf sich zukommen und setzte dem Angriff der Angst keinen Widerstand mehr entgegen. Wie eine brennende Lunte trug er sein Motiv nach Hause, bereitete sich einen Tee und verschwand in seinem Zimmer. Als man am nächsten Morgen bei ihm eindrang, lag sein gesunder und kräftiger Körper in verzweifeltem Kampfe gegen eine tödliche Dosis Veronal. Neben seinem Bette fand sich eine leere Tasse und ein Spiegel, mit dem er versucht hatte, das eigene Sterben zu beobachten. Am 28. Oktober, nach einer langen und qualvollen Agonie, war er tot.

Winkler war davon überzeugt, ein voraussetzungsloser Denker zu sein. Alles, was die Menschheit im Laufe der Jahrtausende an Ideen und Glaubenssätzen, philosophischen Systemen und Ideologien ausgebildet hatte, vor allem das, was Theologie und Philosophie über den Bereich des Transzendenten ausgesagt hatten, forderte sein radikales Mißtrauen heraus. Für ihn waren alle Religionen und Philosophien nur Versuche des Menschen, das Chaos zu ordnen und dem Sinnlosen einen Sinn zu unterlegen. Er wollte nicht gelten lassen, daß die Welt im Sinne Heraklits vom Logos durchwaltet, und an ihren unendlich mannigfaltigen Gegebenheiten mögliche Wahrheit objektiv ablesbar ist. Er verschmähte den dicht gewirkten Teppich der Wahrheit, den die Überlieferung uns anbietet, und wollte außerhalb ihrer Muster und Figuren erkennen, was ist. So brachte er es fertig, im Hinblick auf den Obersten Lawrence einen beinah frivol, beinah „ungebildet“ klingenden Satz zu schreiben wie diesen:

So wenig er sich fähig fühlt, es (das Leben) metaphysisch auszuweiten, um von dorther einen Sinn zu erhalten, so wenig wiederholt er den von der Antike und ihren späteren Nachbetern unternommenen Versuch, das Dasein vor Idolen hinzubringen.

Genau genommen, setzte auch Winkler etwas voraus, nämlich ein Bild der Welt, das unter dem Basiliskenblick der Schwermut gleichsam geronnen, in ein konfuses Durcheinander anarchischer Einzelheiten zerfallen ist. Er setzte das Axiom voraus, daß die Welt sinnlos sei. Er fixierte sein Thema, das Nichts oder die Sinnlosigkeit, im Stande der eigenen sinnblinden Verzweiflung, in der er, wie Kierkegaard sagen würde, „verzweifelnd nicht er selbst sein“ wollte, und setzte die Prämissen zu einer allgemeinen, philosophisch gemeinten, philosophisch verbindlichen „Verzweiflung“ als gegeben voraus. Er urteilte in einer Situation, wo die Welt im Spiegel der Melancholie ihre Sinnfülle zu verlieren scheint, ohne zu warten, was sie darüber hinaus noch zu sagen hat. Er leugnete, daß die Welt Kontinuität hat, immer wieder als Problem vor Geist und Seele sich aufwirft und unerschöpflich denkbar, deutbar, fühlbar, lebbar bleibt. Er leugnete, daß ihr Reiz-, Sinn- und Wertgehalt grenzenlos, und daß sie weder im Positiven noch im Negativen perfektibel ist. Winkler wollte immer alle Brücken nach vorne abbrechen, wollte immer am Rande des Erkennens sein. Sein tiefstes Unglück war vielleicht seine Ungeduld, die Unfähigkeit zu warten. Seine Konzeption war eine Philosophie der Ungeduld, der Diskontinuität und des Selbstmords. Wie Kirilow in Dostojewskis Dämonen sich selbst tötet, um zu beweisen, daß es keinen Gott gibt, so wollte Winkler durch seinen ideisierten Selbstmord beweisen, daß die Schöpfung ein Chaos ist, und das Nichts wahrer als das Sein, und daß der Mensch erst dann seine Freiheit ganz gewinnt, wenn er souverän sich selbst aufhebt und heimkehrt ins Nichts, also im Grunde dasselbe wie Kirilow.
Einem so konsequenten, so axiomatischen Theoretiker des Nichts könnte man mit Gründen und Beweisen nicht beikommen, es sei denn mit einem einfachen Hinweis auf das Sein selbst, das die Fülle seines Wahrseins im Geiste des Menschen entfaltet. Wo der Gedanke des Nichts den Geist überwältigt, da kann nicht Wahrheit entstehen, denn es spricht alles dafür, daß „Wahrheit“ nicht denkbar ist ohne eine gewisse positive Struktur, nicht ohne ein Ingredienz von Gegebenheit und Seinshaltigkeit, nicht ohne ein Moment der „Fruchtbarkeit“, um Goethe zum Zeugen anzurufen. Alle Wahrheit hat etwas Synthetisches, im strengen Sinne Erbauliches. Wo die Welt sinnlos ist, da ist Wahrheit nicht mehr möglich. Der Denker des Nichts ist ein Attentäter gegen den Begriff der Wahrheit. Er ist Mann an der Grenze oder schon jenseits der Grenze, eine Randfigur am Kosmos des Geistes. Seine Idee entspricht der Chimäre an den Türmen der Kathedrale von Notre Dame, in der der mittelalterliche Geist das dunkle Mysterium von Gnadenwahl und Verwerfung auf eine ebenso robuste wie geniale Weise anschaulich gemacht hat.
In der Tat spielt die Idee der Wahrheit in Winklers Schriften keine Rolle. Er berief sich auf „Erlebnisse“. Was er sah, war ein „vorstadtartiger Wirrwarr von Dingen, deren Oberflächen in Wie und Warum zerschilferten, die schwankten und voller Fragwürdigkeit waren, mit Spalten und unerklärlichen Klüften dazwischen“. Er lebte in einer Epoche, welche die Fassungskraft des Menschen auf eine außerordentliche Probe stellte und seine Seele enormen Druck- und Stoßwirkungen aussetzte. Was Nietzsche in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vorweggenommen hatte, der Protest gegen die alten idealen, vom Begriffe der objektiven Wahrheit beherrschten Ordnungen des Denkens, das Pathos eines Philosophierens vom „Willen“ und vom „Leben“ her, das war vierzig, fünfzig Jahre später, als die alte soziale und politische Ordnung im Trommelfeuer des ersten Weltkrieges zugrunde gegangen war, zum Erlebnis einer Generation, ja beinahe schon wieder zum vulgären Vorurteil geworden. Eine ganze Jugend war vom „antiintellektuellen“ und „antiliberalen“ Affekt ergriffen und protestierte gegen die Herrschaft eines objektiven und rationalen Begriffes von der Wahrheit. „Die Vernunft“, sagt Winkler in seinem Aufsatz über Ernst Jünger, „als die Begleiterin der Erkenntnis, verliert ihre Glaubwürdigkeit zugunsten der Empfindung und des Gefühls. Dieses kann nicht mehr plausibel gemacht werden. Doch wohnt ihm eine Überzeugungskraft inne, die aus der Gewalt der Erfahrung stammt, und vor der jeder Einwand der Vernunft wirkungslos abprallt.“ Es ist das Pathos des Unbedingten, des Schützengrabenkämpfers und Handgranatenwerfers auf zehn Meter Entfernung, das Pathos – unter Umständen – auch des politischen Terroristen, das unterhalb der Ebene der Diskussionsfähigkeit bleibt und alle Brücken humaner Kommunikation abbricht, alle Möglichkeiten gemeinsamer Wahrheitsfindung leugnet: „Zwischen der Verschiedenheit zweier Erfahrungen kann es kein Streitgespräch geben.“ In dieser Lage wird bewußt und ausdrücklich auf Wahrheit verzichtet, denn „der Streit um Irrtum und Wahrheit kann nur in einem Lebensbezirk vonstatten gehen, in dem der denkende Mensch nicht zugleich um Sein oder Nichtsein kämpft“. Darum ist ein „lebendiger Irrtum“ einer „toten Wahrheit“ entschieden vorzuziehen.
Winkler mischt sich hier unter jene Schar moderner Denker, die, alle mehr oder weniger unmittelbar zum Strahlungsbereich der Philosophie Nietzsches gehörend, Geist und Seele, Leben und Vernunft, Bewußtsein und Vitalität auseinandergerissen haben. Er bekennt sich gelegentlich zur Gruppe der Dynamiker, Vitalisten und Antiintellektualisten von Spengler und Klages bis zu den Theoretikern des politischen Aktivismus. Wie bei Klages erscheint der Geist als „Widersacher der Seele“. Aus den Begriffen „Bewußtsein“ und „Vitalität“ wird eine beunruhigende, prickelnde und verführerische Dialektik entwickelt, die darauf hinausläuft, daß eines das andere ausschließen, gleichzeitig aber auch beleuchten und steigern soll, und die, wo sie auf unreife oder primitive Köpfe trifft, wie ein zu scharfer Drink die bedenklichsten geistigen Räusche hervorrufen kann. Jünger selbst, aus dessen Büchern man auf jeder Seite das Glück und die Lust des Denkens herausfühlt, wird kurzerhand auf das „Unglück des Denkens“ festgelegt. Die spiritualen und die epikureischen Züge in der Physiognomie seines Werkes werden übersehen. Seine Diagnosen haben für Winkler einen „unerträglichen Zug von Verzweiflung“. Er erscheint als der absolute Nihilist, der „den Sinn im Sinnlosen selbst“ findet und, in einem tapferen Agnostizismus verharrend, den Schmerz des modernen Daseins auf einen unbekannten Wert bezieht, den erst die Zukunft enthüllen wird. „Man muß also glauben… ohne den Inhalt des Glaubens zu kennen.“
Es geht hier nicht nur um die Spannung von Geist und Leben, sondern immer auch um den Gegensatz von Denken und Glauben. In einem frühen Brief aus Italien spricht er einmal von der „Abstrusität“ des Christentums, und doch ist der gläubige Christ für ihn eine Erscheinung, die „Neid und Sehnsucht“ in ihm erweckt. überall, wo er die Denkfiguren des Unglaubens und die inneren Biographien der für ihn vorbildlichen Existenzen wie Nietzsche, Jünger oder Lawrence entwirft, da zeichnet er gleichzeitig das ihn faszinierende Gegenbild des gläubigen Menschen. Es fällt immer erstaunlich primitiv aus und beweist, daß er für die religiösen Bewegungen und die metaphysischen Aufschwünge der menschlichen Seele kein Auge hatte und für die großen theologischen Gedankengänge der europäischen Geistesgeschichte kein Organ besaß. Der Gläubige ist für ihn ein Mensch, der auf Grund einer rätselhaften Immunität gegen die Schrecken eines sinnlosen Daseins „auch die unerklärlichsten Konstellationen dieser Welt gelassenen Mutes ertrüge, indem er ihr den jenseits gewußten Sinn unterlegt“. Er erlangt Sicherung gegen den ewig drohenden Einbruch des Nichts, „indem er das Leben metaphysisch bezieht. Ihn kann es niemals bestürzen. Auch das Gräßlichste, das ihm geschieht, ist für ihn in eine Ordnung eingebunden, demzufolge er sich noch im Untergang gesichert weiß“.
Winkler sieht das Phänomen einer gläubigen Seele aus weiter Ferne und darum sehr ungenau, gleichwie man vom Lande aus ein Schiff auf hoher See, nur in groben Umrissen erblickt, ohne Einzelheiten zu erkennen. Er sieht nicht, daß der „Glaube“ ein Thema von großartiger Dramatik und Spannweite ist, in dem die Summe der Denkarbeit einer ganzen Kette von Jahrhunderten Platz gefunden hat, er bemerkt nicht, wieviel an Dialektik, an differenziertester Bewußtheit, ja wieviel an Zweifel und Verzweiflung der christliche Glaube im Laufe seiner Geschichte von Paulus und Augustinus bis zu Thomas, Luther, Pascal und Kierkegaard hat bergen und bewältigen können. Winkler meint über Erfahrungen zu verfügen, denen das Christentum nicht mehr gewachsen ist. „Solchem Geschehen“, sagt er polemisch im Hinblick auf den ersten Weltkrieg, „konnte nicht mehr die Bezogenheit auf die Person eines höheren Wesens (das die Summe der Liebe sein sollte) zugedacht werden.“ Und doch zieht die Gestalt des gläubigen Christen, so naiv und undifferenziert er sie auch wiedergibt, als fester Gegenhalt, ja zuletzt als einzig sichere Orientierungsmöglichkeit ihn mit magnetischer Kraft immer wieder an. „Allein die Annahme eines sich offenbarenden Gottes“, so heißt es im Jünger-Aufsatz, „ermöglicht ein Denken, das in seinen letzten und abgetriebensten Auszweigungen und Enden der Einigkeit eines Sinnes begegnet. Ist dieser Uranfang aber verloren, so kann der Sinn, an welche Stelle er nun auch verlegt wird, als unbegründet sogleich dahingestellt werden.“ Schließlich führt er in großzügig vereinfachender Weise die Vielzahl der Denkformen, die das Zeitalter hervorgebracht hat, auf zwei polare Typen zurück und unterscheidet den „christlichen Menschen“ vom „tragischen Menschen, der keine Erlösung kennt, da er der Gnade entbehrt“. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier der Begriff „Gnade“ aus dem Wortschatz der „Gegenseite“ verwendet wird, um die Unseligkeit der eigenen Situation zu begründen, ist ergreifend. Christlicher Denkstil, christliche Haltungen und Kategorien bleiben für Winkler vorbildlich und merkwürdig kanonisch bis zuletzt, und gegen Ende der kurzen, aber sehr gedrängten und ereignisreichen Entwicklung seines Geistes sind der christliche und der tragische Mensch für ihn fast gleichartig geworden. In der Demut ihrer Gebärde als Erkennende und Besitzende, in ihrer ganzen seelischen Physiognomie sind sie einander ähnlich wie Geschwister, nur daß die Sinnfrage sie trennt und die metaphysischen Vorzeichen ihrer Existenz verschieden sind, nur daß dem einen ein feiner Zug unheilbarer Schwermut ins Antlitz gezeichnet ist, den der andere nicht hat. „Nur der Mensch, der zwischen den Grenzen irrt“, schreibt Winkler in seiner Studie über den späten Hölderlin, „ein im Hiesigen eigentlich Heimatloser, vermag sie (die Wirklichkeiten) wahrhaft beim Namen zu nennen. Dem Materialisten bleiben sie unauffällig: – ein Stoff, den er handhabt; dem Idealisten sind sie ein Hindernis, kantig und trübe. Der Demut aber des Gastes, des christlichen wie des bloßen, übergeben sich die Dinge in ihrer Ganzheit als Gastgeschenk.“
Die Schwermut, die gnaden- und hoffnungslose acherontische Schwermut begriff Winkler als sein unabwendbares Geschick. Über sie hat er Sätze gesagt, die auch nach Jahren noch im Ohre haften. „Die Schwermut“, so heißt es in der Arbeit über Hölderlin, „vermag weder Wasser zu schöpfen noch Trauben zu greifen. Und tantalusgleich vermag sie auch nicht zu verenden…“ Das Vergehen der Zeit wird zur Marter: „jener fremdländischen Hinrichtungsart vergleichbar, bei der dem unbeweglich festgebundenen Verurteilten gelinde, anfangs kaum merkliche Tropfen von Wasser auf ein und dieselbe Stelle seines Hauptes fallen, bis er daran stirbt.“ Die einzige Oase in der Wüste dieses Daseins ist der Schlaf, „denn wir werden durch ihn vom Leben erlöst, ohne der Gewalttätigkeit des Todes anheimzufallen“.
In solchen Sätzen hat die Entwicklung, die Nietzsche mit den Worten: „Gott ist tot“ eingeleitet hat, ihren Höhepunkt erreicht. „Im Glauben gelähmt“ und „von Hoffnung entblößt“, empfindet Winkler „die Unordnung als Gesetz“. Leben ist Kampf um „Sicherung“, Kampf des Geistes gegen das Nichts, Ausgrenzung des Nichts durch das Figurenspiel des Geistes. Das Nichts ist wie die weiße Seite Mallarmés, die durch ihre Leere und Reinheit die schöpferische Initiative des Geistes magisch erzwingt. In seinem nach dem Vorbilde des Valéryschen „Eupalinos“ geformten Dialog von der „Erkundung der Linie“ hat Winkler in präziser und anmutiger Sprache eine Art Philosophie oder Mythologie der Linie formuliert, indem er die spielerische Zeichnung einer künstlerischen Hand stellvertretend setzt für menschliches Ordnungschaffen, Denken und Handeln überhaupt: „Ja, höchste Erschaffung, reinste und wirklichste zugleich, an die ich immer denke, wenn ich der Gangart einer Linie folge, die eine viel vermögende Hand veranlaßt hat, und sehe, wie sie das ebene Weiß-sein eines Papiers teilt und das Nichts mit Räumen ausfüllt, darin sich Formen aufhalten, gleichfalls gebildet aus dem Nichts, das aber kraft der Linie sich zu Wirklichem verdichtet.“
In solchen Partien ist Winklers beste und denkwürdigste Idee zu erkennen, das eigentümliche Anliegen, das ihn trotz seiner intellektuellen Unbedachtsamkeiten zu einem unverwechselbaren Autor macht. In allem, was Kontur hat, Grenzen, Konstellation, figürlichen Zusammenhang, erkennt er wohltätige Sicherungen gegen das Chaos oder das Nichts. Der Tempel von Segesta, den er in der Reisebeschreibung „Gedenken an Trinakria“ glänzend und feurig, mit einer an Rilke geschulten, fast exaltierten Dringlichkeit des Schauens, vergegenwärtigt hat, ist für ihn ein kostbares Stück Ordnung und Sinn als Triumph über das Chaos eines kunstlosen Seins: „Dies mochte es einst gewesen sein, was diesen Raum erbaute: das Verlangen nach Ordnung, die Angst vor dem Endlosen.“ Hier, vor diesem Tempel, an den er mit einer merkwürdig frühen Entschlossenheit seine stärksten Erlebniskräfte verpfändet, erkennt Winkler gewisse Prinzipien, die für ihn metaphysischen Charakter haben. In einer Prosa, die beschreibende und reflektive Elemente zu makelloser Einheit vermählt, formuliert er seine Metaphysik des Schönen:

Panische Stunde. Nichts geschah in der sichtbaren Welt. Der anhaltend gleißende Ton, den die Heuschrecken unermüdlich erregten, war längst zum Bestandteil der Stille geworden. Die Falken über dem Tempel waren niedergegangen, verschwunden in den kleinen Höhlen, die das himmlische Wasser in den Kalkstein des Tempels genagt hatte, ohne die Gewalt seiner Formen zu schwächen. Unversehrt gingen die Linien ihrer Bestimmung entgegen. Die Umrisse der Giebel, gefaltet zu dem breiten, zweimal göttliche Heiterkeit spendenden Dreieck, formten aus der Luft ein unzerstörbares Dach. Lichtgetroffen trat jede Säule hinter den Schattenstreifen der nächsten, bis die beiden Reihen einander in der lichtgebadeten Ecksäule trafen.
Ich mußte mich plötzlich an etwas erinnern, das lange zurücklag. In Zuständen von Verwirrung und Bedrücktsein war es mir immer erschienen als etwas Richtiges und Klares, dessen Gegenwart im Geiste mich stets erleichterte und erhob. Es war dies ein alter riesiger Tisch, der in einem weiten Zimmer stand, das ich einmal einen Sommer lang in Florenz bewohnt hatte. Der Boden war mit kühlen roten Fliesen belegt. Durch die geschlossenen Fensterläden drang gedämpft das Licht. Während ich morgens Stadt und Landschaft durchstreifte, pflegte ich nachmittags, während der heißen Stunden, mit Ausschließlichkeit und einem unbeschreiblichen Entzücken Platon zu lesen. Ich bewahrte die Bücher in meinem Gepäck, mit Ausnahme des einen, mit dem ich mich jeweils beschäftigte. Das lag auf dem dunkel geölten, grob gemaserten und abgebrauchten Holz der Tischplatte, immer aufgeschlagen an der Stelle, wo ich gerade las. Einfache Dinge umgaben das Buch, eine strohumflochtene Weinflasche, einige Früchte, Tomaten, Feigen und Pfirsiche, – ein Messer, die Pfeife und ein feucht bedeckter Krug mit Tabak. Eines Tages, ich las im
Phaidros, ergriff mich ein seltsames Gefühl. Mit einer Beschwingtheit, wie ich sie noch niemals erfahren hatte, folgte mein Geist der Entwicklung der Gedanken. Ich geriet an die Stelle, da Plato jene schwierigen dunklen Worte erfindet, mit denen er das übersinnliche, selbst wo es unfaßlich scheint, noch ergreift und mittelbar macht. Da fiel mein Blick ganz zufällig über die Zeilen des Buches hinweg auf das ruhige Rot einer Frucht.
Täglich legte ich diese Dinge, wie ich sie kaufte und brauchte, auf die Platte des Tisches, ohne eine Absicht in ihrer Anordnung zu verfolgen. Nun aber, beschworen von der Magie jener Worte, deren Sinn mir unter dem Einfluß dieser gnädigen Stunde plötzlich wahrnehmbar geworden war wie ein rundes sinnliches Ding, das man betrachtend zwischen den Händen dreht, mußte ich in diesen Gegenständen, die ich höchstens ihrer Dinglichkeit wegen liebte und hinlegte, etwas anderes sehen als sonst. Ich erkannte in ihrer Lage plötzlich das Gesetz einer besonderen Ordnung. Es war nicht die Regelmäßigkeit. Früchte und Gegenstände lagen scheinbar wahllos zerstreut umher. Aber dennoch werde ich nie vergessen, auf welche Art und Weise diese Dinge zueinander lagen. Es war das Schöne. Die Erscheinungen waren plötzlich belanglos geworden nach Zweck und Bedeutung, waren ihrer Stofflichkeit… entkleidet, doch sie wurden, getragen von jener unerschütterlichen Ordnung, die mein Geist in ihnen erkannte, unendlich und wunderbar als Farbe und Form.
Daran dachte ich wieder, als ich die im Stoff des goldenen Steines errichtete Ordnung des Tempels erblickte.

In ganz verschiedenartigen Phänomenen entdeckt Winkler immer wieder dasselbe figürliche Prinzip, sei es die einfache und heitere, jederzeit beliebig herzustellende Form und Regel des Bocciaspiels, das alle Teilnehmer aus dem Chaos des wirklichen Lebens entrückt und in die leichte und sorglose, sportlich bewegte Konstellation des Spieles versetzt, sei es der klare Umriß und die leicht übersehbare Oberfläche der „Insel“, die ihr „Maß in sich selbst“ trägt, „friedlich und grün und unbeschreiblich gesichert“, überragt von einem Turm, von dem es heißt: „er besaß die absolute Höhe seiner Idee. Er war hoch, weil er Turm war“. Er findet es schließlich auch in den bewegten Mustern des arabischen Feldzuges des Obersten Lawrence, der für ihn die „Angelegenheit einer einzelnen Seele“ war, „verzweifelter Versuch, an Stelle der Leere etwas zu setzen“, und der mit all seinen Wechselfällen, Überraschungen und retardierenden Momenten jenseits von Zweck und Ziel die „höhere Vollkommenheit des reinen, sich selbst genügenden Spieles erfüllte“. Was in der „Erkundung der Linie“ die weiße Seite war, das ist hier die arabische Wüste: ein Gleichnis des Nichts und die Umwelt eines voraussetzungslosen Daseins ohne ideelle „Vorwände“ und transzendente Sicherheiten, Spielfeld eines außerordentlichen Geistes, der in einer geschichtlichen Tat sich selbst bestätigt wissen will, ohne an den Sinn dieser Tat zu glauben.
Das Lawrence-Porträt, das Winkler in glühender Bewunderung und dem leidenschaftlichen Gefühl der Wahlverwandtschaft gezeichnet hat, ist wohl die gelungenste unter seinen essayistischen Leistungen: nobel, rassig, erregend und funkelnd von eleganten und gefährlichen Pointen. Lawrence als die vielleicht edelste und großartigste Gestalt aus der internationalen Ritterschaft der großen Abenteurer unseres Jahrhunderts: Asket und Täter, Ethiker und Nihilist, Märtyrer einer höllischen Bewußtheit, sehr hart, sehr männlich, sehr differenziert und ausgestattet mit der Energie und Geduld eines Heiligen. Vielleicht die echteste und eigentliche Verkörperung des Heldischen in unserer Epoche, ein Held nämlich, der schon im Augenblick seines Triumphes hinter sich tritt, „weil nichts sich lohnt zu tun, und nichts wert ist, getan zu werden“, und vor seinem Ruhme zurüdckweicht in die äußerste Anonymität als der Soldat Shaw, Flugzeugwärter der königlich englischen Luftflotte. Dieser Mann, der in den Heeresdienst eintritt „wie der gläubige Mensch in ein Kloster“, setzt all seinen Stolz darein, den neuen Typ eines Schnellbootes für Wasserflugzeuge entwickelt zu haben, und will am Ende selber nur noch „Teil der Maschine“ sein, denn: „Ich bin zu der Überzeugung gekommen“, sagt er, „daß heute nicht das einzelne Genie den Fortschritt bewirkt, sondern die Gemeinschaftsarbeit.“
Wenn in diesem Zusammenhange soziale und politische Motive anklingen („Gemeinschaftsarbeit“, „Dienst an der Maschine“), so ist das immer als eine „Flucht nach vorne“, eine Flucht des kulturmüden, tief skeptischen und eigentlich apolitischen und asozialen Intellekts in die pure Aktivität und bloße Tatsächlichkeit zu verstehen. Diese Motive, wenn sie auch zuweilen als Anspielungen auf gewisse legitime Anliegen des Zeitgeistes, z.B. die Idee des Sozialismus, erscheinen, werden von Winkler gewaltsam übersteigert und auf das Modell eines Menschen angewendet, der die Rangordnung der Werte verleugnet, den Begriff der Wahrheit aufgegeben hat und sich schließlich „der Materie als der einzig unbezweifelbaren Wirklichkeit unterwirft“. Hier fehlt es offenbar an innerem Maß und geistigem Takt: aus der Höhe einer sublimen und differenzierten Problematik stürzt der Gedanke wie ein steuerloses Flugzeug plötzlich steil ab, um in einer ausgemachten Plattheit zu zerschellen. Der Geist gibt sich selbst auf und verrät sich an das Zweifelhafteste, was es gibt, die sogenannte „Materie“. Wo das Bewußtsein von der Realität der Werte geschwunden ist, da droht das Gefühl und der Begriff für die Wirklichkeit überhaupt zu schwinden. Kurz vor seinem Tode stand Winkler einmal vor dem Hause eines wohlhabenden Kleinbürgers im Chiemgau und las von seinem Türschild das Wort „Realitätenbesitzer“ ab. Ungeheuer erheitert und von einer doppelten Ironie getroffen, seufzte er etwas wie: „Wer das von sich sagen könnte!“ oder: „Der Mann hat gut reden!“ und gab sich geschlagen.

Es leuchtet ein, daß in einer Situation, wo das Nichts die Wirklichkeit der Werte zerfressen hat, das Wirklichsein an sich als das sichtbare und greifbare Vorhandensein zum Wert werden muß. Winklers Hunger nach Wirklichkeit, der eine sinn- und werterfüllte „Welt“ nicht wahrhaben will, richtet sich auf die Buchstäblichkeit der „Dinge“, die scharf umrissen auf die Netzhaut seines Malerauges fallen und durch ihre dichte Stofflichkeit den Schrecken der Leere verdrängen. „Bewußtsein“ und „Ding“ sind die Pole seiner Konzeption, „Schwermut“ und „Entzücken“ die rasch wechselnden Pole seines Gefühls. Sein Erkennen ist der Austausch von Spannungen zwischen zwei Extremen, vergleichbar dem Funkenschlag zwischen dem negativen und dem positiven Pol einer elektromagnetischen Anlage. Die ganze Breite der geschaffenen Ordnung, alles, was uns als Gesellschaft, Volk, Kultur, Geschichte usw. gegeben ist, fällt aus. in dieser Konzeption scheint eine allgemeine Tendenz des Zeitgeistes sichtbar zu werden, ein Zug zum extremen und übermäßig gespannten Denken, der die Epoche für nihilistische Philosopheme besonders anfällig macht.
Das Wort „Ding“ hat bei Winkler einen unverkennbar rilkeschen Klang. Deutlich, gelegentlich allzu deutlich ist das Vorbild des mittleren, des „phänomenologischen“ Rilke aus der Zeit des Malte und der Neuen Gedichte, der seinen Stil an Meisterwerken der bildenden Kunst (Rodin, Cézanne) erzogen und eine bis dahin unerhörte Intellektualität des Gefühls und eine einzigartige Präzision und Geschmeidigkeit des Sagens und Beschreibens entwickelt hat: „Indem die Säulen“, so beschreibt Winkler den Tempel von Segesta, „das formlose Lagern der Mauern zerteilten in einzelne entschlossene Übernahmen der Last, blieben die Zwischenräume zurück als gestaltete Freiheit, mühelos siegreich, mit der Stärke einer unüberwindlichen Wand.“
Beispiele wie dieses bedeuten eine sinnvolle Weiterbildung rilkescher Errungenschaften. Winklers Prosa, besonders diejenige seiner Erzählungen und Reiseberichte, ist härter, „gläserner“, gewissermaßen sachlicher, ist zugleich spröder und heftiger als die Diktion des Malte Laurids Brigge. Seine Dinge und Figuren haben nicht das allseelische Medium, nicht die eigentümliche Atmosphäre des rilkeschen „Weltinnenraums“ um sich herum, sie stehen scharf begrenzt unter dem Sturz eines grellen und gottlosen Freilichts, stehen einerseits in der Nähe der mittelmeerischen Visionen Paul Valérys, anderseits aber auch nicht fern von den Bereichen Ernst Jüngers, dem elementaren Leuchten seiner Farben und der Intensität seiner Gifte sowohl als auch den Glas-, Stahl- und Betonkonstruktionen seiner politisch-soziologisch-kulturkritischen Untersuchungen. Winkler verschwendet all sein Gefühl an die isolierte, von Gegenwart glänzende Einzelheit. Auch Menschliches, auch Bruchstücke und Abbreviaturen menschlichen Schicksals werden ihm zur Figur, zur Arabeske, zum „Ding“, so etwa die unvergeßliche Gestalt des Mannes aus Udine und das Mädchen Lydia mit der scharlachfarbenen Blume im Haar aus dem „Bocciaspiel“, oder der alte Mann, der den Brief zerreißt, aus der „Insel“. Die peinlich genaue Beschreibung von Einzelheiten kann auch zur künstlerischen Klippe werden, so etwa wenn Winkler im „Bocciaspiel“ sich seitenlang über die Bewegungen eines welken Blattes auf dem Spielplatz verbreitet und über sein vermutliches Schicksal in der Hosentasche des Apothekers. Das ist Mangel an künstlerischem Takt, ein plötzlicher Absturz aus der gespannten Verhaltenheit phänomenologischer Aufmerksamkeit in die stumpfe Trivialität.
In solchen Fehlern rächt sich die Loslösung der „Dinge“ aus der allumfassenden Ordnung der Schöpfung. Winkler wählt manchmal Adjektive wie „geschöpflich“ oder „kreatürlich“, um das Erlebnis handgreiflicher Substanz, das leuchtende, vollgültige, raumverdrängende Vorhandensein irdischer Erscheinungen zu feiern, zuweilen auch verfällt er auf das Wort „fromm“, um seine inbrünstige Andacht zum Wirklichen zu bezeichnen. Wäre er älter geworden, so hätte er das Manierierte, ja Abgeschmackte dieser Terminologie zweifellos erkannt und abgetan. Damals aber wurde er darin von gewissen modischen Weltverherrlichungstendenzen der zeitgenössischen Literatur bestärkt. Er suggerierte sich „Frömmigkeit“ ohne Gott und „Geschöpflichkeit“ ohne Schöpfer. Aber diese seine Idee einer absoluten Wertbeständigkeit der Dinge ohne den tragenden Grund der Transzendenz ist eine Illusion, und Winkler war ein zu redlicher Denker, um das nicht schließlich doch zu erkennen.
In der Gestalt des spätesten, des siebzigjährigen Hölderlin, dessen äußere Erscheinung eine bekannte Bleistiftzeichnung uns bewahrt hat: „vorgebückt, den Finger weisend erhoben“, – in dieser abseitigen und nicht mehr allgemeingültigen Gestalt, die Winkler der Nation ins Gedächtnis zurückgerufen hat, findet der Vierundzwanzigjährige sein letztes Vorbild. Er preist die äußerste „Einfalt“ dessen, dem es genügt, „die Dinge einfach beim Namen zu nennen“, eine „Zufriedenheit, die im Vorhandenen einen hilfreichen Beistand ahnt“. Die reine Dinglichkeit ist zum Eschaton des Bewußtseins geworden. Der Sinn des menschlichen Daseins, wenn es ihn gibt, ist es, Namen und Bild der irdischen Dinge im Bewußtsein zu bergen und als geprägte Figur mit ins Schattenreich hinabzunehmen, als „Münze, daß Charon mich kennt und nimmt“. So heißt es in dem Gedicht „Das Nachtmahl“, das Winkler als eine Art dichterisches Testament betrachtet hat. Das Bild der Dinge als Münze auf der Zunge des Toten! Damit wird die Heimholung der Dinge in den Tod verheißen und aus allen Voraussetzungen der folgerichtige Schluß gezogen. Der Tod ist oberster Herr und Erlöser der Welt, Richtschnur und Maß aller Dinge.
In diesen letzten mühsamen Versuchen, dem menschlichen Dasein im Angesicht des Todes und auf ihn hin orientiert doch noch einen Sinn zu geben, werden die spärlichen Umrisse eines persönlichen Mythos sichtbar, wie er im Reiche der Dichtung beinah zwangsläufig und regelmäßig dort entsteht, wo die verlorene Religion eine unerträgliche Leere hinterlassen hat. Es ist ein Mythos des Künstlertums, ein Mythos des ästhetischen Vermögens, ein kleines, schattenhaftes Gegenstück zu dem voll erblühten Rühmungs- und Verwandlungsmythos der „Sonette an Orpheus“. Das einzige, was dem Menschen einen existentiellen Gegenhalt gegen die immense Wirklichkeit des Todes verschaffen kann, ist das Wunder der „poésie pure“, die Position des Dichters „an sich“. „Der alternde Platen“, sagt Winkler in einem seiner Aufsätze, „ist der Dichter an sich. Alles verschwand für ihn vor dem einzigen Vorgang, durch welchen der Mensch kraft einer ihm angeborenen Fähigkeit einen Vers macht.“ Winkler, solange er sein Leben gegenüber den Anfechtungen des Nichts behauptet, beruft sich auf diese seine Fähigkeit zu produzieren. Rastlos arbeitend verdrängt er den Tod. Seine Stimme ist bitterer, spröder, schmerzlicher ab die des Dichters der „Sonette an Orpheus“. Ihn scheint in vollem Umfange der Fluch getroffen zu haben, der in einem mythischen Aperçu von Paul Valéry über den aus dem Paradies vertriebenen Menschen verhängt wird: „Zu deiner Strafe sollst du schöne Dinge machen.“
In einem Augenblick furchtbarer innerer Ohnmacht schrieb er die Worte: „Dort aber lebe ich jetzt allein auf dem Feld der Zerstörungen in der gräßlichen Hilflosigkeit: – ich kann nicht mehr.“ Was er dem Fährmann, der ihn über den Acheron setzen sollte, anzubieten hatte, waren einige Seiten schöner Prosa. In einer sinnlos gewordenen Welt, deren politische und soziale Attribute Terror, Knechtschaft und Massenwahn hießen, war das Schöne die letzte Zuflucht des frei geborenen Menschen. Als er endlich rasch und entschlossen und fast wortlos die tödliche Grenze überschritt, da hatte der Rhythmus einiger seiner Sätze im Gedächtnis der Nachwelt eine feine Spur von ergreifender Anmut hinterlassen. Was sie auszeichnet, ist nicht Größe oder Weisheit, sondern Grazie auf dem Grunde des Nichts.

Der Weltschmerz Winklers hat nichts mehr mit Romantik, nichts mehr mit den klassischen idealistischen Antinomien wie Ideal und Leben, Freiheit und Notwendigkeit usw. zu tun, er ist erst möglich nach Nietzsche und Baudelaire, erst in einem Zeitalter der Psychologie, der Anarchie und der Philosophie des Lebens, erst in einem Augenblick, wo das große und schmerzliche Geschick der abendländischen Seele die Kategorien eines kultursicheren Denkens zu sprengen scheint und das Bewußtsein des Denkers sich gegen sich selber wendet. Winkler ist vielleicht der letzte in einer Reihe repräsentativer Selbstmörder, die von Otto Weininger über den Dichter Walter Calé, den Bachforscher Gräser und den jungen Philosophen Alfred Seidel führt, der sich im Jahre 1924 erhängte, nachdem er ein Buch über das Thema: „Bewußtsein als Verhängnis“ abgeschlossen hatte. Winkler folgte ihm zwölf Jahre später mit der Formel vom „Unglück des Denkens“. Für alle diese jungen Männer wurde die allgemeine geistige Aporie des Zeitalters zur subjektiven Existenzfrage mit tödlicher Lösung. Nach Winkler aber und schon während seiner letzten Lebensjahre wurde die Krankheit der europäischen Kultur und die Ausweglosigkeit ihrer Geschichte zur öffentlichen Katastrophe, und das Sterben in den umzirkten Räumen des Terrors, in Konzentrationslagern, Bombenkellern und Kesselschlachten wurde zu einem allgemeinen politischen und militärischen Ereignis und zum Schicksal für viele; Millionen.
Die Gestalt Winklers ist bedeutend und repräsentativ nicht so sehr durch das, was er sagt, als durch das, was er ist und was mit ihm geschieht. Er steht genau im Schnittpunkt der wesentlichsten und verhängnisvollsten Tendenzen seiner Zeit. Der Inbegriff seiner Existenz, die Physiognomie sowohl seines Schicksals als auch seines Werkes erscheint als eine verkürzte Formel der geistes- und seelengeschichtlichen Lage jenes Jahres, in dem der spanische Bürgerkrieg ausbrach. Obwohl er ein Einzelgänger und Außenseiter war, ist seine Problematik eng mit der deutschen Situation dieser Zeit verflochten und ohne die geistige und politische Wetterlage, die damals in unserem Lande herrschte, nicht zu denken. Sein dogmatischer Nihilismus ist eben gegen den Ideologismus der weltanschaulichen Diktatur scharf pointiert. Während gleichzeitig die sogenannte „verlorene Generation“ Amerikas, vertreten vor allem durch Ernest Hemingway, ihren in der Nachkriegszeit der zwanziger Jahre erwachsenen Nihilismus überwindet und angesichts des spanischen Bürgerkrieges unter antifaschistischem Vorzeichen ein neues politisches, soziales und humanitäres Ethos entwickelt, flüchtet sich in Deutschland ein Teil der Jugend in einen neuen, womöglich noch schärferen Nihilismus, um gegen die verhaßte politische Ideologie zu protestieren. Die Situation ist außerordentlich vieldeutig und beziehungsreich, gerade was das Auftreten der militanten politischen „Weltanschauungen“ betrifft. Wenn sie einerseits als die großen geistigen Vereinfachungen, als säkulare Glaubensgemeinschaften oder Ersatzkirchen gewisse Gruppen von Nihilisten, intellektuellen Bankrotteuren oder radikalen Ästheten, besonders aus der älteren Generation, in sich aufnehmen können, um ihnen vorübergehend oder für immer eine geistige Wahlheimat und ein sicheres Fundament für ihr Denken und Handeln zu geben, treiben sie andere Geister durch ihre ideologische Gewalttätigkeit in den Nihilismus hinein oder aber in den christlichen Glauben zurück. Der unversehrte Wahrheitsbegriff des Glaubens aber und aller mit ihm in Zusammenhang stehenden Überlieferung eröffnet uns eine Sicht, in der die nihilistische und die ideologische Formel einander sehr nahe sind. Wenn Winkler sich statt auf objektive Kriterien der Wahrheit auf die „Gewalt der Erfahrung“ beruft, wenn er die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum ersetzt wissen will durch diejenige zwischen „Leben und Tod“, wenn er, Ernst Jünger interpretierend, schließlich behauptet: „Man muß also glauben, ohne den Inhalt des Glaubens zu kennen“, so hat er damit einer geistigen Strömung die Schleusen geöffnet, auf der auch die Schiffe der politischen „Weltanschauung“ fahren können. Gerade diejenigen Geister, mit denen er sich bitter verfeindet fühlte, und die ihn in das äußere Netz der Motive seines Selbstmords hineingejagt haben, kommen ihm auf dem eigenen Weg entgegen. Es ist der Weg, der sowohl zur nihilistischen Bankrotterklärung des Intellekts als auch zum politischen „sacrificium intellectus“ und damit zu Propaganda und Terror führen kann, der Weg, den viele moderne Intellektuelle, darunter Männer mit großen Namen, betreten haben, wenn sie die bittere Unabhängigkeit und Heimatlosigkeit und die skeptische und nervöse Ubiquität ihrer Seele preisgaben, um sich einer „totalen“ politischen Ideologie zur Verfügung zu stellen.
Nur im Vordergrund des Bewußtseins also sind Nihilismus und Ideologismus Gegensätze. Ihr Ursprung ist derselbe, nämlich der Aufruhr des modernen Menschen gegen jenen transzendenz gebundenen Begriff der Wahrheit, den Antike und Christentum unter dem Namen „Logos“ gleichermaßen verehrt haben. Eine ganze Pandorabüchse voll geistigen Unheils war an der Stelle verborgen, wo Winkler zu stehen, sich zu orientieren und zu sterben hatte. Dieser junge Schriftsteller hatte alle Gifte unserer Zeit in der Hand, aber er war mit den Organen seiner Sehnsucht auch den Gegengiften auf der Spur. In seiner Idee vom „bloßen Gast“ ist er der Überwindung seines Unglücks vielleicht am nächsten. So scheint es, als ob der Zeitgeist selbst durch ein tief leidendes und rastlos schaffendes Subjekt sein Thema wie in einer knappen, aber vielsagenden Formel habe aussprechen wollen.

Hans Egon Holthusen, 1947, aus: Hans Mayer Hrsg.: Deutsche Literaturkritik der Gegenwart, Goverts Krüger Stahlberg Verlag, 1971

Wolfram Mauser: Eugen Gottlob Winkler und Paul Valéry 

 

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