Eugen Roth: Poesiealbum 328

Roth/Feininger-Poesiealbum 328

LETTERITIS

Ganz plötzlich wird es Dir bewußt:
Erkrankt ist Deine Leselust!
Nach welchem Buche du auch faßt,
Keins, das zu Deiner Stimmung paßt!
Du gibst nichts hin – es gibt nichts her:
Bald ists zu leicht, bald ists zu schwer.
Mit leeren Herzen und Verstand
Starrst Du auf Deine Bücherwand:
Die altbewährte, edle Klassik
Ist Dir auf einmal viel zu massig
Und über die moderne Lyrik
Denkst Du schon beinah ehrenrührig.
Der Reißer selbst, in dessen Flut
du sonst gestürzt voll Lesewut,
Wirft heut Dich an sein Ufer, flach;
Dein Drang zur Wissenschaft ist schwach;
Und das gar, was sich nennt Humor,
Kommt Dir gequält und albern vor.
Geduld! Laß ab von aller Letter!
Es wird sich ändern, wie das Wetter:
Schon morgen, unverhofft genesen,
Kannst Du dann lesen, lesen, lesen!

 

 

Stimmen zum Autor

Eugen Roth war wohl der liebevollste Philosoph des Menschenwesens und ein lyrischer Stilist ersten Ranges, den die Literaturgeschichte allerdings unter der Bezeichnung „Humorist“ abbuchte und wenig bedeutsam fand.
Joachim Scholl

Roth stammt aus einer Familie der Pessimisten, Schopenhauer und Busch sind seine Almen. Das Vergnügen aber, mit dem man Roths Protest hört, erschöpft sich nicht in der höchstberechtigten Freude am treffenden Ausdruck und am schlagenden Reim: solange ein Mensch Lust und Muße findet, sich so zu beklagen, solange kann noch nicht alles verloren sein.
Joachim Kaiser

In seinen lyrischen Gedichten deckt nicht ein Mensch, sondern der Mensch Eugen Roth seine Karten auf; einer, der sensibel, leicht verletzlich, illusionslos und schwerlebig ist.
Karl Ude

Roth schuf mit seinen berühmt gewordenen Ein Mensch-Gedichten die originelle Form eines geist- und witzgeladenen Epigramms, die lächelnd unsere Verquer- und Verkehrtheiten, unsere Herzensverhärtungen und Gemütsverengung entlarvt; viele der ins Zentrum unserer Schwächen gezielten Maximen sind zu geflügelten Worten geworden.
Friedrich van Booth

In seinen Dichtungen sind sowohl leuchtende Farben, sinnlicher Duft und Musik zu finden, als auch das Verletzenwollen des Verletzten, das Verbrennenwollen des Gebrannten. Neben dem Sonett zählen das über puren Ulk hinausgehende Schüttelreimgedicht und wegen der heiter-heiklen Reimstellung auch der Limerick zu Roths lyrischen Formen.
Thomas Baack

Poesiealbum 328

Eugen Roth ist heute so aktuell wie 1935, als seine Ein Mensch-Gedichte erstmalig erschienen – inzwischen berühmt und millionenfach verbreitet. Unverändert gehört er wegen seiner humorvollen Kritik menschlicher Schwächen zu den beliebtesten deutschen Dichtern, wie Umfragen, Anthologien und Ranglisten belegen. Diese Auswahl bestätigt anhand von unbekannteren Gedichten seine originelle Reimkunst und seinen Wortwitz, wofür ihn das Publikum so liebt.

MärkischerVerlag, Wilhelmshorst, Klappentext, 2017

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt
Fakten und Vermutungen zum Autor
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