Eva Demski: Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Harlem“

Im Kern

Im Kern

– Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Harlem“ aus Ingeborg Bachmann: Werke I. –

 

 

 

 

INGEBORG BACHMANN

Harlem

Von allen Wolken lösen sich die Dauben,
der Regen wird durch jeden Schacht gesiebt,
der Regen springt von allen Feuerleitern
und klimpert auf dem Kasten voll Musik.

Die schwarze Stadt rollt ihre weißen Augen
und geht um jede Ecke aus der Welt.
Die Regenrhythmen unterwandert Schweigen.
Der Regenblues wird abgestellt.

 

Der Regen spielt den Blues

Ein verbotener, unsichtbarer Stadtteil. Die Taxifahrer weigern sich hinzufahren. Harlem: Wer in der Subway einschläft und sich unversehens dort wiederfindet, flieht, so schnell es geht, in die Gegenrichtung. Filme über das schwarze Viertel sind wie Kriegsberichte, von hundert Feinden ist die Rede, Drogen, Gewalt, Arbeitslosigkeit. Wir wissen nichts.
1955 ist der Dichterin Ingeborg Bachmann träumerisch gelungen, was als ausgeschlossen galt und gilt: Sie ist ohne Papiere in die Vereinigten Staaten eingereist. Henry Kissinger, der spätere Außenminister und homme de lettres, war dabei behilflich, denn die berühmte Poetin hatte ihren Paß vergessen. Wie ohne Ausweis, ohne bürgerliche Legitimation unsichtbar und so den Ängstlichkeiten und der Fremdheit gleichsam enthoben, schlendert sie durch das auch damals nicht ungefährliche schwarze Herz New Yorks und schreibt ein achtzeiliges lässiges Liedchen: Nichts ereignet sich.
Es regnet in Harlem, dann hört es wieder auf. Sie lauscht dem Regen nach, und er klingt anders als an anderen Orten. Es ist der Regen, der jene Musik spielt, die man in Harlem erwartet – den Blues. Den ahmt das Gedicht aber gerade nicht nach, sondern es klingt wie ein Kinderlied, eine Kindermelodie wird hörbar, von den acht Zeilen reimen sich nur die sechste und die letzte, und trotzdem scheinen Reime den Rhythmus anzugeben.
In der zweiten Strophe wagt sie ein Bild – „Die schwarze Stadt rollt ihre weißen Augen“ –, das gefährlich nah an das Sarottimohrenklischee gerät, mit dem sie aber ganz souverän spielt. Auch das eine Kindheitserinnerung: Mehr noch als den Schokoladenmohren ruft die Zeile jene Kirchenmohren ins Gedächtnis, die kindergroß an den Eingängen der katholischen Gotteshäuser standen und die weißen Augen hin und her rollten, wenn man ihnen ein Geldstück in die Hand legte.
Ingeborg Bachmann gelingt mit diesem Gedicht etwas Wunderbares: Wie beiläufig trägt sie da eine kleine Normalität, eine freundlich beobachtete und neugierig wahrgenommene Alltäglichkeit vor an einem Ort, dem die auch in den versunkenen fünfziger Jahren kaum zugestanden worden ist. Die blondhaarige und weißhäutige Dichterin, ohne Papiere und offenbar ganz ohne Angst im Land der Befreier und der Sieger, zehn Jahre ist das damals grade her. Harlem bedeutet ihr nicht Mißtrauen, sondern Musik. Nicht die Menschen machen die Musik für sie, sondern der Regen spielt ihr den Blues, es kann also gar nichts passieren.
Es wäre ganz falsch, auf das kleine Liedchen zu viel Bedeutung zu häufen – dennoch: Es ist bedeutsamer und haltbarer als das berühmte Hörspiel vom Guten Gott von Manhattan mit seiner atemlos hochtönenden, bedrängenden und teilweise sehr angestrengten Sprache. Diese legendäre, vom Amerika-Aufenthalt inspirierte Arbeit ist heute kaum mehr zu lesen, Gefühle teilen sich nicht mehr mit, nicht nur, weil die Stadt ein zerstörteres Gesicht hat und die Menschen seither gegen ganz andere Dämonen kämpfen müssen. Der Gute Gott von Manhattan löst keine Sehnsucht nach dem Einst aus.
Dem kleinen Harlem-Gedicht aber gelingt das Kunststück, den Leser mit auf einen Weg durch den Regen zu nehmen, hinein in eine oft beschworene und dennoch fremd gebliebene Musik, den Blues. Die Dichterin läßt den Leser an ihrer Unbekümmertheit teilnehmen, an einer für immer festgehaltenen flüchtigen Minute, in der die Stille in die schwarze Stadt des Unheils eingezogen war. Man weiß, das wird nie wieder sein. Nur in der Poesie.

Eva Demski, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Achtzehnter Band, Insel Verlag, 1995

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