Evelyn Schlag: Nach Georg Trakls Gedicht „Einer Vorübergehenden“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Nach Georg Trakls Gedicht „Einer Vorübergehenden“. –

 

 

 

 

GEORG TRAKL

Einer Vorübergehenden

Ich hab’ einst im Vorübergehn
Ein schmerzenreiches Antlitz gesehn,
Das schien mir tief und heimlich verwandt,
So gottgesandt –
Und ging vorüber und entschwand.

Ich hab’ einst im Vorübergehn
Ein schmerzenreiches Antlitz gesehn,
Das hat mich gebannt,
Als hätte ich eine wiedererkannt,
Die träumend ich einst Geliebte genannt
In einem Dasein, das längst entschwand.

 

An Trakl vorübergegangen (Philadelphia)

Auf dem Weg zum Kongress
liegt er auf dem Gehsteig und pennt,
die Wange an den Asphalt geschmiegt
wie an ein frisches Kissen.

Schuhspitzen, Hundeschnauzen,
ein immunkompromittierter Patient,
der dieselben Medikamente braucht
wie ein Bornemysza-Thyssen.

Im Schlaf greift seine Hand sich
schwerelos den goldenen Akkord
auf dem Klavier. Die Finger fest-
gefroren in dem immer alten Lied.

Es sind seine Wimpern, seine Lippen,
seine Zunge, sein Oh Lord.
Um acht der erste Vortrag: Summen
verstärkt nasales Nitrium-Oxid.

Das Sweatshirt ist ihm den Rücken
hochgerutscht. Du siehst
den Streifen graubraune Haut
nach einer Nacht knapp unter Null.

Er ist der Sündenfall, den du
in allen Vortragstiteln liest.
Du willst ihm eine Decke holen
aus deinem Walnut Street Hotel.

Noch im Convention Center legst
du ihm x-mal die Decke um.
Man erforscht hier das Ödem
der Kampfschwimmer in der Marine.

Sogar ein Schaf atmet anders
nach pränatalem Nikotinkonsum.
Die abstracts versprechen vom
Glück eine konkrete Strähne.

Evelyn Schlag, aus Mirko Bonné und Tom Schulz (Hrsg.): TRAKL und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal, Stiftung Lyrik Kabinett, 2014

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