Federico García Lorca: Zigeuner-Romanzen

Lorca-Zigeuner-Romanzen

ROMANZE VON DER SCHWARZEN PEIN

aaaaaaaaaaaaaaaaaFür José Navarro Pardo

Nach der Morgenröte suchend,
grübeln spitz der Hähne Hacken,
während Soledad Montoya
niedersteigt vom dunklen Berge.
Gelbes Kupfer ist ihr Fleisch,
riecht nach Pferd und riecht nach Schatten,
ihrer Brüste Amboßhörner
die vom Ruß des Rauchs gebeizt,
seufzen runde, dunkle Lieder.
,Soledad, nach wem nur suchst du,
ganz allein, um diese Stunde?‘
,Mag ich suchen, wen ich suche,
sag mir doch, was kümmert’s dich?
Möchte suchen, was ich suche,
meine Freude und mich selbst.‘
,Soledad du meiner Sorgen,
wenn das scheu gewordne Pferd
stürzt am Ende hin zum Meer,
dann verschlingen es die Wellen.‘
,Mußt mich nicht ans Meer erinnern,
denn das schwarze Herzeleid
sprießt aus der Olivenerde
unter dem Geraun der Blätter.‘
,Soledad, welch eine Pein!
Welch erbarmungswürdge Pein!
Weinst, ja weinst Zitronensaft,
von Geschmack, vor Harren sauer!‘
,Welche große Pein! Ich renne
wie im Wahnsinn durch mein Haus,
beide Zöpfe übern Boden,
von der Küche zum Alkoven.
Welche Pein! Ganz zu Gagat
werden Kleider mir und Fleisch.
Meine Hemden, ach!, aus Leinen!
Meine Schenkel, ach! Aus Mohn!‘
,Soledad, wasch deinen Leib
mit der Lerchen klarem Wasser,
und in Frieden laß dein Herz,
laß es, Soledad Montonya!‘

*

Unten singt im Tal der Fluß:
Kräuselsaum aus Laub und Himmel.
Und es kränzt das neue Licht
sich mit Kalabassenblüten.
Pein, o Leiden der Zigeuner!
Reine Pein und immer einsam.
Pein verborgnen, dunklen Rinnens
und schon lang vergangnen Morgens!

Nachwort

Gleißende andalusische Mittagssonne, sengende Hitze, die die Umrisse verwischt und impressionistische Felder entwirft, die von Kalkmauern umgrenzt sind, vor denen sich die grauen Figuren der Feldarbeiter bewegen. In der Nähe eines Bauernhofes ein kleines Wirtshaus. Von draußen ist kein Laut zu hören, drinnen leise Stimmen, ein kurzes Lachen. Im Hintergrund ein junger Mann, der zu seiner Gitarre greift und das Ay! des andalusischen Cante anstimmt. Es vergehen die Minuten, das Essen wird uns gebracht, und plötzlich geht es uns wie eine Erleuchtung auf: Der Tagelöhner singt Verse, die wir schon unzählige Male gelesen haben, aus Lorcas Zigeunerromanzen:

Und ein Pferd, zu Tod verwundet,
klopfte laut an alle Türen.

Die Überraschung ist so groß, daß wir fast glauben, uns getäuscht zu haben. Der Sänger hat eine Pause eingelegt, um einen Schluck zu trinken, dann fährt er in seinem spröden und stolzen Gesang fort:

In den großen Spiegeln schluchzen

und wir nehmen ihm in Gedanken die folgenden Zeilen vorweg:

Tänzerinnen ohne Hüften.

Ohne Zweifel, es ist die Romanze der Guardia Civil:

Doch die Stadt war ohne Furcht
und vervielfacht’ ihre Tore.
Vierzig Guardias Civiles
dringen durch sie ein und plündern.

Jetzt brechen Gesang und Musik schroff ab, und ohne jeden Übergang folgt ein ganz anderer Rhythmus; wir hören ein wohlbekanntes spanisches Volkslied. Wir würden den Sänger gern fragen, ob er weiß, von wem die Romanzenverse stammen, die er eben hier, 80 km von Fuente Grande gesungen hat, wo ihr Autor, Federico García Lorca, 1936 von den Faschisten erschossen wurde. Jedenfalls, denke ich bei mir, hätte es den Dichter tief gefreut, wenn er seine Verse im Gesang des Volkes gehört hätte, während einer Ruhepause nach der harten Arbeit in diesem glühenden Andalusien. Vor kurzem sprach ich mit einem kubanischen Dichter voll Bedauern darüber, daß Lorcas Stimme in unserer Zeit der Tonband- und Filmaufnahmen nicht festgehalten worden war und daß es nach einigen Jahren niemanden mehr geben würde, der sie in seinem Gedächtnis bewahren würde. Aber als, wir jetzt die Verse aus seinen Zigeunerromanzen hörten, begriffen wir, daß seine Stimme im stolzen Gesang seiner Landsleute fortlebte, gegen diejenigen, die ihn ermordeten und gegen das Vergessen.

Der Zigeunerromanzero – er erschien 1928, als Lorca dreißig Jahre alt war, und machte ihn zum berühmtesten Dichter Spaniens – bleibt bis heute eines der wesentlichen Gedichtbücher unseres Jahrhunderts. Als Lorca in seinem heimatlichen Granada an den Romanzen arbeitete, schrieb er in einem Brief an seinen Dichterfreund Jorge Guillén, daß er mit ihnen die Absicht verfolge, „das Zigeuner-Mythologische mit dem gar Gewöhnlichen unserer Tage in Einklang zu bringen … Ich möchte erreichen, daß die Bilder, die ich von den Typen entwerfe, von diesen verstanden werden, daß sie Visionen der Welt sind, daß sie lebendig sind, und ich möchte auf diese Weise die Romanze fest und dauerhaft machen wie einen Stein.“
In diesem Buch der Romanzen – zuvor waren das Libro de Poemas (Gedichtbuch, 1921) und die Canciones (Lieder, 1927) erschienen −, typisch granadinische Dichtungen, in denen sich die traditionellen Formen des Volksliedes mit einer assoziativen Bildsprache verbinden, entfalten sich alle Möglichkeiten der modernen Metapher, ihre Fähigkeit, Sinneseindrücke zu verschmelzen, die Natur zu beleben, Ursache und Wirkung zu vertauschen, Reales zu entgrenzen, Gegenstände und unbeseelte Wesen zu personifizieren, um einen Anreiz auf die Einbildungskraft des Lesers auszuüben. Zum anderen gestattet die Wahl eines spezifischen Bauprinzips, der Rückgriff auf die traditionellste aller spanischen poetischen Formen, auf die Romanze, den Erzählvorgang zu raffen, Ellipsen zu schaffen und den Leser anzuhalten, die im Gedicht entstandenen Lagunen zu füllen. Darüber heißt es in einem Vortrag, den Lorca Anfang der dreißiger Jahre über die Zigeunerromanzen hielt, der aber erst zu Beginn der siebziger Jahre wiedergefunden und publiziert worden war: „Die typische Romanze war immer eine Erzählung, das Erzählerische verlieh ihrer Gestalt ihren Zauber; denn wenn sie lyrisch wurde, ohne das Echo einer Anekdote zu haben, verwandelte sie sich in ein Lied. Ich wollte die erzählerische Romanze mit der lyrischen verschmelzen, ohne daß sie an Qualität verlieren, und das habe ich in einigen Gedichten des Romanzero erreicht, etwa in der Somnambulen Romanze, wo das Anekdotische stark zu spüren ist, wo eine starke dramatisch geladene Atmosphäre vorherrscht und niemand weiß, selbst ich nicht, was geschieht, denn das poetische Geheimnis ist auch für den Dichter ein Geheimnis, der es vermittelt, aber es oft nicht kennt.“
Mit dem Zigeunerromanzero wurde Lorcas lyrisches Werk zum Gemälde einer kollektiven Geschichte. Er entstand am Vorabend der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die zur Ausrufung der zweiten Republik in Spanien führten. Selbst die Zeitform der Ereignisse ist so vereinfacht, daß alles auf die Unmittelbarkeit eines mythologischen Zeitraums reduziert wird. Der Charakter des fait divers und seine Kreislaufstruktur vermitteln allen Themen eine absolute Evidenz und verwandeln sie in Haftpunkte einer zeitlosen Geschichte. Lorca sagte darum im selben Vortrag über seine Romanzen: „Das Buch als Ganzes ist, auch wenn es Zigeunerromanzero heißt, das Gedicht Andalusiens, und ich gebe ihm den Namen der Zigeuner, weil die Zigeuner das Höchste, das Tiefste, das Aristokratischste meines Landes sind, das Repräsentativste in ihrem Sein, in dem die Glut, das Blut und das Alphabet der andalusischen und universellen Wahrheit bewahrt ist.
Das Buch ist ein Bild Andalusiens mit Zigeunern, Pferden, Erzengeln, Planeten, mit seiner jüdischen Brise, mit seiner romanischen Brise, mit Flüssen, Verbrechen, mit der vulgären Note des Schmugglers und der himmlischen Note der nackten Kinder von Córdoba, die sich über Sankt Raphael lustig machen. Ein Buch, in dem das sichtbare Andalusien kaum zum Ausdruck kommt, sondern wo das erzittert, was man nicht sieht. Es ist antipittoresk, antifolkloristisch, Antiflamenco. Es gibt in ihm nicht eine einzige kurze Weste, keine Torerotracht, keinen flachen Hut noch eine Schellentrommel; in ihm dienen die Figuren einem tausendjährigen Hintergrund, und es gibt nur noch eine große und dunkle Figur, die Pein, die ins Mark der Knochen und in den Saft der Bäume dringt und die nichts mit Melancholie noch mit Sehnsucht noch irgendeinem Kummer oder Seelenschmerz zu tun hat, sondern mehr ein himmlisches als ein erdhaftes Gefühl ist: andalusische Pein ist ein Kampf des verliebten Verstandes mit dem Geheimnis, das ihn umgibt und das er nicht begreifen kann.“
Eine der achtzehn Romanzen hat die schwarze Pein direkt zum Thema, während neun auf den Augenblick konzentriert sind, in dem der Tod naht oder bereits eingetreten ist. In dieser Form beherrscht eine kollektiv oder individuell gelebte Tragödie die Atmosphäre dieses Teils des Buches. Die restlichen acht Romanzen besingen Stufen der Lebensfreude: die Romanzen auf die drei Erzengel – auf die drei Städte, die drei Lebensformen Andalusiens versinnbildlichen: Granada, Córdoba, Sevilla – sind festlich und leicht. Die Kraft des Eros durchdringt in ihrer ganzen Sinnlichkeit Preciosa und der Wind, „eine Zigeunerromanze nach einem von mir erfundenen Mythos“, wie Lorca selbst sie charakterisierte, in der die junge Zigeunerin vor dem Wind, dem „Satyr niedrer Sterne“ fliehen muß, der sie rauben will. Sie ist ebenfalls, eingekleidet in Symbole, die eine vielschichtige Interpretation erlauben, in der Zigeunernonne gegenwärtig. Die Romanze Thamar und Amnón hat ihren Hintergrund in der biblischen Tradition: Lorca erlebte aus eigener Anschauung, wie die Zigeuner und das andalusische Volk die Romanze von Thamar, von Altas Mares singen, wie sie ihre Erotik mit der Gegenwart des Mondes und anderen symbolischen Elementen vermischen, die das tragische Schicksal Amnóns vorausahnen lassen. Wohl eine der bekanntesten Romanzen ist Die untreue Frau geworden, die kühn in ihren Bildern, in der Verschmelzung der Sinneseindrücke ist und genau eine Haltung der Zigeuner trifft.
Die Romanze von der schwarzen Pein stellt auch im Aufbau des Buches, der eine organische Einheit schafft, einen Drehpunkt dar. Sie steht in der Mitte zwischen den Romanzen individueller und kollektiver Tragödien. Lorca kommt immer wieder auf sie zu sprechen: „Die Pein der Soledad Montoya ist die Wurzel des andalusischen Volkes. Es ist kein Gefühl der Angst, denn mit Pein kann man lachen, noch ist es Schmerz, der blind macht, denn niemals ruft sie Tränen hervor; sie ist ein sehnsüchtiges Verlangen ohne Gegenstand, eine heftige Liebe zu Nichts, mit der Sicherheit, daß der Tod (die ewige Sorge Andalusiens) hinter der Tür atmet.“
Lorca war der Auffassung, darin bezieht er sich auf Proust, daß nur die Metapher dem Stil eine Art Ewigkeit verleihen kann. Er sagte einmal, daß er auf die Frage, warum er in der Somnambulen Romanze gerade „tausend Tamburinen aus Kristall“, die den Morgen verletzten, geschrieben habe, antworten würde, daß er sie „in den Händen von Engeln und Bäumen“ gesehen habe. Um gleich darauf hinzuzufügen: „Doch weiter könnte ich dazu nichts sagen.“ Wir, seine Leser, müssen sie zum Klingen bringen, damit unsere Ohren sie wahrnehmen können. Das ist Lorcas Magie.

Carlos Rincón, Nachwort

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor


Federico García Lorca – Porträt, Teil 1/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 2/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 3/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 4/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 5/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 6/7.


Federico García Lorca – Porträt, Teil 7/7.

Naheliegendes:

  1. Federico García Lorca: Die Gedichte
  2. Federico García Lorca: Schwarzer Regenbogen

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